Etwas klemmt

Retrospektive Ula Stöckl wird 80. Das Berliner Arsenal zeigt ihre Filme. Eine kleine Auswahl

Sonnabend, 17 Uhr

1966 Zwei Jahre vor den großen gesellschaftlichen Aufbrüchen stellt die Filmstudentin Ula Stöckl eine Frage, die mehr will, als sie vorgibt: Was machen junge Leute Samstag 17 Uhr in ihrem Land? Stöckl ist in München unterwegs, filmt an der Isar, auf der Leopoldstraße, in Vorstadtgärten und typisch bundesdeutschen Wohnzimmern. Hier klemmt es besonders. Die jungen Leute (Abiturientinnen) blicken scheu, sie sagen Sachen wie: Nachmittagskaffee, Bummeln, vorwiegend Tanzlokale besuchen – „oder ich hab auch mal ein Rendezvous“.

Der Film ist auch eine Chronik der Gesten, Körperhaltungen und Sprechweisen. Stöckl streift unterschiedliche gesellschaftliche Schichten und Stile (Starnberger Perlenkettenträgerinnen, Zünftige in bayerischer Tracht, Kleinbürgerinnen mit Swing), es geht ihr aber mehr um die Geschlechter- als um die Milieustudie. Für Carola, eine toll verhuschte Abiturientin, interessiert sich der Film am meisten. Die Eltern haben Pläne für sie (vor dem Studium die Hauswirtschaftsschule), Carola wehrt sich zaghaft, weicht aus, guckt in die Luft. In der jungen Frau wird vage etwas erkennbar, das mit der Zukunft zu tun hat. Esther Buss

Ula-Stöckl-Werkschau

Am 5. Februar wird die in Ulm geborene Filmemacherin Ula Stöckl 80 Jahre alt. Aus diesem Anlass zeigt das Berliner Arsenal vom 9. bis 14. Februar eine Retrospektive mit 17 Filmen von Stöckl, die seit Mitte der sechziger Jahren entstanden. Ein Großteil der Filme liegt im Bestand der Deutschen Kinemathek – als klassische Kopie, was das Abspielen in den zumeist auf digitale Projektion umgestellten Kinos im Land erschwert. 2015 kam der bislang letzte Film von Stöckl heraus: Die Widerständigen ... also machen wir das weiter, eine beeindruckende Oral History aus dem Umfeld der Weißen Rose, die Stöckl für die verstorbene Freundin Katrin Seybold zu Ende brachte. Matthias Dell

Neun Leben hat die Katze

1968 Die Trennung eines Paares im Bild: zwei Menschen getrennt durch einen Fluss. Das Gemeinsame rinnt davon, was bleibt, ist jeder Einzelne. Es ist Sommer, und Ula Stöckl entwirft in der lichtdurchfluteten Szenerie Münchens eine Ode an die Freiheit. Die Freundin ist zu Besuch in der Stadt und gemeinsam laben sich die Protagonistinnen an der Gesellschaft der anderen, durchstreifen Gärten, verharren in Wohnungen, auf Betten: Müßiggang am Kaffeetisch. Beziehungs- und Liebesmodelle, Arbeitsstrukturen – ganz grundsätzlich werden hier Konventionen infrage gestellt. Ein Leben wird als Entwurf skizziert, als Möglichkeit und Variation.

Ein Leben sind demnach mehrere Leben, und die Lebensweisen frei: „Heute ist heute und morgen ist morgen.“ Die Probe und das melancholische Scheitern eines solchen freien Lebens sind es, die hier von einer dokumentarisch anmutenden Kamera beobachtet werden. Vieles ist dabei Spiel und Provokation als Machtverhandlung zwischen den Geschlechtern und den Frauen selbst. Es sind diese Frauenleben, die der Film an ihre eigene Handlungskraft erinnern will. Vivien Kristin Buchhorn

Erikas Leidenschaften

1976 Zwischen Küche und Badezimmer resümieren zwei Frauen ihre Beziehung, vier Jahre nach der Trennung. Thomas Mauchs aufgeräumte 16mm-Schwarz-Weiß-Bilder arbeiten am Kontrast weiblicher Lebensentwürfe, die einander Tiefe geben und sich im Verlauf einer Nacht reflexiv entfalten. In Härte und Konzentration erinnert Stöckls Versuchsanordnung an Bergman.

Auch in der Souveränität des Tons: Die zwischen Komödie (diverse Haushaltsunfälle, eine klemmende Badezimmertür) und offenem Schlagabtausch wechselnde Dramaturgie betont das Experimentelle der Situation, in der die bürgerliche Privatsphäre zum feindlichen (männlichen) Agenten im weiblichen Selbstbewusstsein wird. Der visuelle Reichtum des Zweipersonenstücks entsteht deshalb gerade durch die eigensinnigen Bewegungen in einer heteronormativen Wohnungsarchitektur, als leidenschaftliche Choreografie der Missverständnisse. Dass hier 60 Minuten Frauen über sich reden, hat einen spürbaren Effekt auf die allgemeingültige Beziehungsmusterstudie, die man damals darin sehen wollte. In zeitgenössischen Texten liest man das böse Wort „bissig“. Jan Künemund

Das alte Lied

1991/92 Der Film ist ein Beleg der Ratlosigkeit. Er ist nicht der Film über das deutsche 1989/90, er ist nur ein Film aus dieser Zeit, der wie die anderen versucht, der historischen Situation eine Geschichte zu erfinden. Etwa durch Fallerslebens Deutschland-Lied, das, in allen drei Strophen gesungen, den Film strukturiert. Die Art und Weise, wie gesungen wird – sprechend, zögernd, stockend, gegen die von sich selbst besoffene Hybris an, die das „Über alles“ spätestens ab 1933 unmöglich gemacht hat –, diese Art und Weise formuliert die Frage, die der Film zu erkunden versucht: Was wird das Deutsche, da es wiedervereint ist?

Eine Antwort findet der Film darauf nicht. Auf der Handlungsebene erzählt er in gewollter Künstlichkeit von einer Familie, die sich in Dresden wiedertrifft. Es geht um Lügen, die aus Anpassung geschehen sind. Interessant macht den Film, was an quasi dokumentarischem Material in ihn reinreicht: die Unfähigkeit, dass West und Ost sich verstehen. Die Stöckl zulässt. Die bis heute dauert. Genauso wie die Faszination für Dresden, das hier elegisch-zart als eine viel offenere Projektionsfläche erscheint als heute. Matthias Dell

06:00 05.02.2018

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