Euro-Aktion

linksbündig Vom Dissens zum Konsens und wieder zurück

Differance schreibt Jacques Derrida mit einem a anstelle des orthographisch gebotenen e´s, um sichtbar zu machen, dass es beim Unterscheiden mehr um den Prozess als um das Resultat geht. Nicht der manifeste Unterschied, der sich einstellt, ist das Entscheidende, sondern der stets sich weiterschiebende Vorgang des Erfahrens von reich verästelten Unterschieden. Insofern verflüchtigt sich jeder mögliche Konsens, also zur Übereinstimmung gebrachte Differenzen, immer schon in actu. Er wäre das ungesund zum Stillstand Gebrachte dessen, was nicht anders denkbar ist denn als Prozess.

Habermas gilt dagegen als der Theoretiker des Konsenses. Und doch ist es gerade nicht der Konsens, der im Mittelpunkt seines theoretischen Schaffens steht, sondern die Warnung vor systematisch verzerrten, in ihrer Rationalität missbrauchten Diskursen; Zwang ist allgegenwärtig, mit der Aufgabe der sprachlichen Vermittlung aber begäbe man sich der kleinen Chance der Verständigung, die in der Sprache, meint Habermas, als Möglichkeit angelegt sei. Ansonsten ist er erwiesenermaßen ein Feind des Kompromisses, bekannt als Polemiker und - wie alle Intellektuellen - ein Praktiker des Dissenses, darin seinen dissens-orientierten Kollegen um keinen Deut unterlegen: Die Bühne der Auseinandersetzung ist der Meinungsstreit.

In der Politik ist das anders. Hier geht es um die oft Geduld heischende Suche nach Konsens und Kompromissen, um Balancen der Formulierung, um diplomatische Drahtseilakte, die nur um der "Integration" des Wahlvolks willen ihren Ausdruck in Redeschlachten findet. Weil Schröder im Sinne des internationalen Konsenses "überzogen" (nämlich ohne UNO-Vorbehalt) den Krieg abgelehnt hat (das war das Zugeständnis an den innenpolitischen Konsens), handelte er sich nicht nur die bekannten Folgen im Verhältnis mit Amerika ein, sondern auch den handfesten Krach mit seinem Außenminister, der als Meister des austarierten Wortes schon früh als "großes politisches Talent" (Helmut Kohl) geschätzt wurde. Und man mag von den Kratzfüßen der Schranze Merkel am Hofe Bush halten, was man will - für den PH-Wert der internationalen Beziehungen waren sie womöglich notwendig, und wären somit als Reparaturleistung am zerbrochenen Konsens auszulegen.

So gesehen erscheinen die Äußerungen Rumsfelds in anderem Licht, in denen er offen zynisch behauptete, der Kriegsgrund, die Massenvernichtungswaffen, sei arglistigerweise vom Irak selbst vor Kriegsbeginn vernichtet worden. Dass einer auf dem Parkett der Weltpolitik das Gebot des Konsenses trockenen Auges umgehen kann, ist das Beunruhigende daran.

Anders die Rolle der Intellektuellen. Beiträge, wie sie am letzten Wochenende in den großen Tageszeitungen Europas erschienen sind (es schrieben außer Habermas und Derrida noch Muschg, Rorty, Savater, Eco und Vattimo) bemessen sich nicht am Neuen oder Sachhaltigen, das sie in eine laufende Debatte tragen, sondern geben einem schlaufenreichen Mäandern der Identitätsbildung Ausdruck, wie besonders der Text von Gianni Vattimo zeigt, der nebenstehend dokumentiert ist. Ihre Rolle ist es, öffentlich zu warnen, und es wäre Hybris, würden sie den Politikern auf deren Bühne Konkurrenz machen wollen, wie es ein Kommentator im Tagesspiegel gefordert hat. In solchen Debatten geht es gewöhnlich darum, anzuregen: kraftvoll und streitbar an Prinzipien zu erinnern und dadurch aus der Erstarrung zu holen, was auf politischer Ebene eigentlich längst fraglos, beziehungsweise hier längst Gegenstand der europäischen (eigentlich internationalen) Grundüberzeugung geworden sein müsste.

Dass Derrida im gemeinsamen Artikel mit Habermas die "maßgeblichen Prämissen und Perspektiven" und insbesondere den "Aufruf zu einer abermaligen Bestätigung und effektiven Veränderung des internationalen Rechts und seiner Institutionen" seines Widersachers ausdrücklich teilt; dass sich der Meinungsstreit als Konsens präsentiert, war sogleich das eigentlich Verstörende dieser Aktion und stellte die Frage nach der Legitimation und dem Grund für einen solchen Konsens. Die Ausnahme ergibt sich aus dem Anlass, sicher. Möglich aber wird er allein und vor allem dadurch, was vorher die Lebenszeiten bestimmte: erbitterte Auseinandersetzungen, stetes Ringen um Abgrenzung, fortlaufende Erprobung gegensätzlicher Thesen - kurz gesagt: es war der jahrelange Dissens, der jetzt möglich gemacht hat, auf etwas so Tiefgreifendes, das schief läuft, im Konsens zu reagieren.

00:00 06.06.2003

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