EURO PAH!

BERLINER ABENDE Den Sonntagabend habe ich auf dem Teppich verbracht. Und von dort aus unter die Betten geguckt. Im Kinderzimmer ist immer das Übliche unter dem Bett. ...

Den Sonntagabend habe ich auf dem Teppich verbracht. Und von dort aus unter die Betten geguckt. Im Kinderzimmer ist immer das Übliche unter dem Bett. Essensreste, Bonbonpapier, Puppenarme, Legosteine, Staub. So ein Kinderbett ist wie ein Schiff auf Hoher See, da fällt was über die Reling und ist auf Nimmerwiedersehen im Meer verschwunden. Unter der Wasseroberfläche warten die Haie, deshalb kann man als Kind auch bei Strafe des Gefressenwerdens nicht unter dem Bett aufräumen.

Ich war auf der Suche nach Kleingeld. Die Sparkasse hatte durchsichtige Plastebeutel ausgegeben, auf denen man die Münzen für den Euroumtausch sammeln sollte. In den Taschen der Jacken und Mäntel brauchte ich nicht zu gucken. Die hatte ich schon vor einer Woche geplündert, weil das Geld für den Weihnachtseinkauf nicht reichte.

Bisher hatte mich die Euroumstellung herzlich wenig interessiert. Geld hält sich bei mir sowieso nicht, egal wie es heißt. Und eine Währungsreform mehr oder weniger wirft einen nicht aus den Latschen. Ich dachte an die armen Bundesbürger, die ihr ganzes Selbstbewusstsein aus dem Gewicht der Münzen in ihrem Portemonnaie bezogen hatten oder an die seltsamen DDR-Bürger, die am 1. Juli 1990, 0 Uhr angefangen hatten zu weinen vor Freude. Ein paar von ihnen hatte ich mir bei Kuttners Videoschnipselabend an der Volksbühne angeschaut. Die Frauen hielten etwas verschämt Wunderkerzen hoch. Sie hatten diese abscheulichen Dauerwellen auf dem Kopf. Die älteren Männer trugen Schnauzbärte und zogen im besoffenen Zustand halbwüchsige Kinder unter "D-Mark, D-Mark"-Gesängen mit in den Abgrund.

Der Videoabend war drei Tage vor der Ausgabe der Starterkits gewesen, die bei der Sparkasse schon um 11 Uhr morgens alle waren. Bei Kuttner hatte ich das Wort Starterkit zum ersten Mal gehört. Das war an mir vorbeigegangen, ich hatte wohl mehr auf Wörter wie Tora Bora geachtet.

Kuttners Videoschnipselvorträge sind so eine Art monatliche Abenduniversität, vorgetragen in völlig unverfälschtem ostberliner Dialekt - oder wie Kuttner es selbst beschreibt: "Ick quatsche endlos und dann kommt der Videoausschnitt." Tausend junge Leute quetschen sich völlig freiwillig in die Volksbühne, bezahlen für zwei Doppelstunden 12 DM Studiengebühr und lassen sich zutexten, ohne die Geduld zu verlieren. Sie geben die Garderobe nicht ab und trinken Bier aus Plastebechern, die sie manchmal aus Versehen umkippen und über die unter dem Sitz verstauten Mäntel schütten. Die letzten beiden Male hatte Kuttner den Krieg auf seine Weise erklärt, in dem er die Bilder der Kriegserklärer fein säuberlich auseinandergenommen und wieder neu zusammengesetzt hatte, bis der Krieg ganz anders aussah als im Fernsehen.

Diesmal war der Euro dran. Aber auch nicht wirklich. Kuttner hat ja die Gabe, mit Habermas´ D-Mark-Patriotismus anzufangen und am Ende ist er, ohne dass man als Zuschauer genau sagen könnte, wann der dialektische Umschwung kam, bei den Plankennziffern der Neuen Ökonomischen Politik der sozialistischen Planung und Leitung angelangt, die wiederum über viele historische Umwege dazu führten, dass ein Funktionär sich eine Kugel in den Kopf schoss und 16 DEFA-Filme nebst Heiner Müller verboten wurden, der neben Sebastian Haffner und Joseph Beuys ein Mensch ist, der nicht zu ersetzen sei. Eigentlich ist das nicht gerade das Thema, das junge Leute kurz vor der Euroumstellung sonderlich interessiert, aber man kann bei Videoabenden Plastebierbecher umkippen hören, so aufmerksam hören die jungen Menschen zu, falls sie sich nicht halb totlachen, wenn abgehalfterte DDR-Offiziere im Kulturhaus von Strausberg zusammen mit einem Liedermacher und halbtrockenem Rotkäppchensekt die DDR-Mark singend verabschieden. Kuttner erklärte den Zusammenhang zwischen zuwenig Taschengeld in den sechziger Jahren und Banküberfällen in den siebziger Jahren, was eindrucksvoll von einem Kriminalpsychologen unterstrichen wurde, der mit traurigen Augen in die Kamera schaute und bedauerte, dass die 250 Bankräuber, deren Überfälle er untersucht hatte, sich so schrecklich schlecht vorbereitet hatten. Dann zerpflückte er noch genüsslich den bösen Charakter der Westberliner Brüder und Schwestern, die wegen der Erhöhung des Mindestumtauschsatzes ihre Mütter im Osten nicht mehr besuchen wollten, ließ uns mit Lothar de Maizière leiden, der von einem arroganten Westjournalisten am Tag der Währungsunion gefragt wurde, ob er denn schon neues Geld am Automaten gezogen habe und behauptete, Helmut Kohl wäre der letzte erfolgreiche DDR-Politiker gewesen. Warum die Bundesbürger, die immer so sehr viel Wert auf ihre schicke Währung gelegt haben, nicht mit Hungerstreiks, Barrikaden und brennenden Sparkassenautos auf die Wegnahme ihrer Identität reagiert haben, konnte Kuttner an diesem Abend nicht beantworten. Aber die Frage hatte auch niemand gestellt.

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00:00 04.01.2002

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