Der falsche Gegensatz

Europa Wer die Gefahren der "illiberalen Demokratie" bannen will, darf nicht auf den Liberalismus hoffen. Man muss zu den Wurzeln des Politischen zurück, meint Srećko Horvat
Der falsche Gegensatz
Srećko Horvat

Foto: Oliver Abraham

Bereits 2012, da war er gerade einmal zwei Jahre im Amt, erklärte Viktor Orban die Notwendigkeit eines neuen politischen Systems in Europa. „Gott stehe uns bei“, sagte, er, „dass wir anstelle der Demokratie nicht eine neue Art von politischem System erfinden und einführen müssen, um wirtschaftlich zu überleben."

Zwei Jahre später, im Juli 2014, verkündete der ungarische Regierungschef dann den Tod der „liberalen Demokratie“ und die Ankunft einer neuen Staatsform, die er den „illiberalen Staat“ nannte. Dieser Staat werde grundlegende liberale Werte wie die Tolerierung von Minderheiten und Ausländern oder die Meinungsfreiheit verwerfen.

Und noch ein Jahr später, im Mai 2015, ging Orban noch einen Schritt weiter und behauptete ausdrücklich, „diktatorische Länder“ seien „erfolgreicher als demokratische“.

Hallo Diktator!

Die Reaktion auf diese diktatorische Wende in Europa zeigte sich am anschaulichsten auf dem EU-Gipfel, der im vergangenen Jahr im lettischen Riga stattfand. Hier begrüßte der Präsident der Europäischen Kommission, Jean-Claude Juncker Orban scherzend mit einem „Hallo, Diktator!“ und gab ihm einen Klaps auf die Wange. Das Video ist noch immer auf YouTube zu finden, vielleicht wird es eines Tages als als einzigartiges historisches Dokument des Zynismus der europäischen Eliten dienen.

Obwohl spätestens seit 2012, als Orban „einen neuen Typ von politischem System anstelle der Demokratie“ verkündete, klar war, dass Ungarn sich offen in Richtung einer Form von Diktatur oder „illiberaler Demokratie“ bewegt, behandelte das europäische Establishment diese Aussicht als einen Witz.

Zeitraffer.

Im Europa des Jahres 2018 war die Frage nach Diktatur oder „illiberaler Demokratie“ kein Witz mehr. Rechte und populitische Bewegungen wie die AfD in Deutschland oder der Front National (bzw. seit Juni 2018 der Rassemblement Nationale) in Frankreich wollen in den beiden am weitesten entwickelten und politisch bedeutungsvollsten Ländern der EU an die Regierung gelangen. In Österreich und Italien werden Teile der Regierung bereits von rechten und ausländerfeindlichen Kräften gestellt, während die Regierungen in Ungarn und Polen ihre Länder aktiv in „illiberale Demokratien“ verwandeln.

Multikulti is over

Der letzte Beweis dafür, dass die „illiberale Demokratie“ keine Ausnahme mehr darstellt, sondern die Regel ist und nicht so sehr etwas ist, das sich nur in den östlichen und südlichen, sondern auch in den westlichen „Kernländern“ findet, kam schließlich im Juni 2018, als die rechten Innenminister Östereichs, Deutschlands und Italiens in den poetischen Worten des österreichischen Kanzlers Sebastian Kurz eine „Achse der Willigen“ bildeten.

Bei dieser Wortwahl schwingen, beabsichtigt oder nicht, viele dunkle historische Untertöne mit: eine frühere „Achse“ zwischen genau diesen drei Ländern besetzte im Zweiten Weltkrieg weite Teile Europas, mit katastrophalen Folgen für den gesamten Kontinent und seine Bewohner.

Doch was ist die „Achse der Willigen“ ohne Ungarn? Nur einen Monat nach der offiziellen Inauguration der „Achse“, Ende Juli 2018, erklärte Viktor Orban in seiner jährlichen Ansprache an die ethnischen Ungarn im benachbarten Rumänien, dass die Wahlen zum Europäischen Parlament im Mai 2019 einen Wandel in Richtung einer „illiberalen christlichen Demokratie“ in der EU bringen könnten, die die Ära des Multikulturalismus und der Einwanderung beenden würde.

Die Frage, die wir uns heute stellen müssen, lautet daher nicht so sehr, wie die Zukunft Europas aussehen wird. Sie lautet: Was, wenn diese Zukunft bereits angebrochen ist? Was, wenn der „illiberale“ Aspekt der Demokratie nicht nur etwas ist, das diejenigen Regime und Regierungschefs charaktersisiert, die offen für den Kampf gegen liberale Werte eintreten, sondern in den westlichen Demokratien selbst zu einer Realität wird?

Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte, mehr oder weniger seit dem elften September 2001, hat der „Ausnahmezustand“ aufgehört, eine Ausnahme zu sein. Nach den Terroranschlägen von Paris im November 2015 erklärte die französische Regierung den „Ausnahmezustand“. Um die Franzosen vor der terroristischen Bedrohung zu schützen, verhängte der Staat eine Reihe von ungerechtfertigten Maßnahmen, die die Bewegungs- und Versammlungsfreiheit einschränkten.

Amnesty International zufolge haben die französischen Behörenden zwischen November 2015 und Mai 2017 die Notstandsbefungnisse zum Erlass von 155 Dekreten zum Verbot von öffentliche Versammlungen benutzt – und das zusätzlich zu den Dutzenden von Demonstrationsverboten, die auf Grundlage des ganz gewöhnlichen französischen Rechts ausgesprochen wurden. Sie verhängten auch 639 Maßnahmen, die einzelnen Personen die Teilnahme an öffentlichen Zusammenkünften untersagte. Davon zielten 574 auf Personen, die gegen den Entwurf zur Reform des Arbeitsrechts protestierten. Medienberichten zufolge verhängten die Behörden Dutzende ähnlicher Maßnahmen, um Menschen nach der zweiten Runde der Präsidentschaftswahlen im Mai 2017 von der Teinahme an Demonstrationen abzuhalten. Mit anderen Worten werden auch friedliche Proteste nicht als Grundrecht sondern als potentielle Bedrohung betrachtet.

Die Ausnahme ist die Regel

Ähnliche Ausnahmezustände waren in jüngster Vergangenheit in verschiedenen europäischen Staaten wie Deutschland, Italien, Spanien, Beligien, dem Vereinigten Königreich und der Türkei in Kraft oder sind es noch immer. Beim G20-Gipfel in Hamburg wurde ein noch nie dagewesener Ausnahmezustand exerziert, in dem im erweiteren Stadtzentrum sogar das Demonstrationsrecht und das Recht, seine ablehnende Haltung zu zeigen (ein demokratisches Grundrecht) außer Kraft gesetzt wurden.

All diese Fälle von Ausnahmezuständen mögen als etwas zeitlich Befristetes erscheinen. Doch die schiere Anzahl von europäischen Ländern, die auf die ein oder andere Weise (von der Terrorismusbekämpfung bis zur Bekämpfung von Flüchtlingen) Ausnahmezustände verhängen, scheinen eine andere Sprache zu sprechen. Die Situation kann eher als die Art von Ausnahmezustand beschrieben werden, wie ihn Carl Schmitt als Recht des Souveräns beschrieben hat, im Namen des „Allgemeinwohls“ gegen die Regeln des Rechtsstaates zu verstoßen. Mit anderen Worten: Um die Verfassung zu schützen, kann die Verfassung ausgesetzt werden. Um die Bürger zu beschützen, werden als erstes ihre Grundrechte wie Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit ausgesetzt.

Das Konzept des Ausahmezustandes ist so eng mit der deutschen Geschichte zwischen den Weltkriegen verbunden, dass es unmöglich ist, Hitlers Aufstieg an die Macht zu verstehen, ohne zu wissen, wie der Artikel 48 der Weimarer Verfassung ge- und missbraucht wurde. Die letzten Jahre der Weimarer Republik fanden im „Ausnahmezustand“ statt. Der italienische Philosoph Giorgio Agamben weist darauf hin, dass Hitlers Aufstieg zur Macht vielleicht nicht so einfach vonstatten gegangen wäre, wenn Deutschland nicht bereits seit drei Jahren von einer Präsidialdiktatur regiert worden wäre und das Parlament funktioniert hätte. Diese Situation wurde von Schmitt mit der Idee gerechtfertigt, der Präsident handle als „Hüter der Verfassung“. Doch das Ende der Weimarer Republik zeigte tatsächlich das Gegenteil: dass, in den Worten Agambens, eine „beschützte Demokratie“ überhaupt keine Demokratie ist. Stattdessen funktioniert das Paradigma der konstituellen Diktatur als „Übergangsphase, die zwangsläufig zu Etablierung eines totalitären Regimes führt“.

In diesem Licht betrachtet erscheint das jüngst neu erwachte Interesse an der Zeit der Weimarer Republik vielleicht weniger zufällig. Nehmen Sie den Erfolg der beliebten Serie Babylon Berlin, die auf Volker Kutschers Polizei-Thriller über die Dekadenz und den Verfall der späten Weimarer Republik und Deutschlands Abrutschen in den Nazismus beruht. Es kann eine direkte Verbindung zwischen Kokain-Dealern, Pornographen, Nationalisten, dem Organisierten Verbrechen, Straßenkämpfen zwischen Polizei und Arbeitern auf der einen und dem Ausnahmezustand und dem Aufstieg des Nazismus auf dere anderen Seite hergestellt werden. Und wenn wir in die Zukunft zurückkehren: Was, wenn die zwanziger Jahre eine bessere Parallele zu unseren eigenen Zeiten darstellen als die Dreißiger, die heute häufig als Warnung vor künftigen Entwicklungen herangezogen werden? Was, wenn der Ausnahmezustand, der in den letzten Jahren von Weimar verhängt wurde, eine entscheidende Lektion für unsere Zukunft in sich trägt?

Um zu verstehen, wie liberale Demokratien sich in illiberale verwandeln können, wie eine demokratische Ordnung in einen Ausnahmezustand mit verheerenden Folgen wie Diktatur und Konzentrationslager übergehen kann, genügt es nicht, die gewöhnlichen rhetorischen Gynmastikübungen zu praktizieren, die illiberale Demokratien als etwas darstellen, das der „offenen Gesellschaft“ entgegensteht, die nach dem „Ende der Geschichte“ erreicht werden sollte. Wir leben nach dem Ende der Geschichte.

Als Fareed Zakaria vor zwanzig Jahren in Foreign Affairs einen Essay mit dem Titel The Rise of Illiberal Democracy veröffentlichte, behauptete er, dass die westliche liberale Demokratie sich möglicherweise nicht als Ziel des demokratischen Weges erweisen könnte, sondern lediglich als eine von vielen möglichen Ausfahrten.

Nicht auf den „Weltgeist zu Pferde“ setzen!

Was Zakaria und andere liberale Kritiker der „illiberalen Demokratie“ allerdings nicht taten – und noch immer nicht tun – ist die Möglichkeit zu bedenken, dass die illiberale Demokratie der liberalen sehr viel näher stehen könnte, ja die Kehrseite derselben Medaillie, der „Demokratie“ nämlich sein könnte. Was, wenn die Wahl zwischen liberaler und illiberaler Demokratie in Wahrheit gar keine ist und nur eine Scheinalternative darstellt? Was, wenn es sich nicht um Gegenteile handelt, sondern die beiden sich stattdessen gegenseitig verstärken?

Oder, um es in Begriffen zu formulieren, die heute Konjunktur haben: Was, wenn der Aufstieg der heutigen „illiberalen Demokratien“ rund um den Globus – von Orban bis Trump, von Salvini bis Kurz – stark von der Unfähigkeit des (neo)liberalen Establishments abhängt, den Finanzcrash von 2007/8 so zu bewältigen, so wie die liberalen Eliten des vorangegangenen Jahrhunderts nicht verstanden, dass ihre Reaktion auf die Finanzkrise von 1929 den illiberalen Kräften, dem Nazismus und Faschismus geholfen hat, an die Macht zu kommen? Oder um es einfacher zu formulieren: Was, wenn in derselben Weise wie die (neo)liberale Hillary Clinton keine Antwort auf den „illiberalen“ Donald Trump war, die aktuelle Antwort auf Europas Krise der (liberalen) Demokratie nicht dieselbe ist wie die alte (neo)liberale Antwort, die gegenwärtig von Emmanuel Macron repräsentiert wird, der von deutschen Philosophen wie Jürgen Habermas und Peter Sloterdijk als „Weltgeist zu Pferde“ bezeichnet wird (wie Hegel Napoleon nannte)?

Um zu verstehen, dass die „illiberale Demokratie“ der Demokratie bereits in ihrem Ursprung eingeschrieben ist und dass ein Wechsel von einer „illiberalen Demokratie“ hin zum Ausnahmezustand oder sogar zum Bürgerkrieg bereits dem Konzept von Demokratie inhärent ist, müssen wir in die Anntike und zum Attischen Modell zurückgehen.

Das allerdings nicht, um zu sehen, wie eine Blaupause der Demokratie aussehen sollte. Ganz im Gegenteil sollten wir zur Attischen Demokratie als dem Ursprung des Problems zurückgehen.

Athen ist die Wurzel allen Übels

In seinem bahnbrechenden Werk, das seit 2017 auf Englisch unter dem Titel Isonomia and the Origins of Philosophy vorliegt, zeigt der japanische Philosoph Kojin Karatani auf überzeugende Weise, dass die Attische Demokratie als Modell uns niemals erlauben wird, die Probleme zu lösen, mit denen die moderne Demokratie es zu tun hat. Da sie eine Fusion aus Liberalismus und Demokratie darstellt, ist sie nicht in der Lage, den grundlegenden Widerspruch zwischen Gleichheit und Freiheit aufzuheben. Strebt sie nach Freiheit, steigt die Ungleichheit. Strebt sie nach Gleichheit, wird die Freiheit beschnitten. Die liberale Demokratie ist nicht in der Lage, über diesen Widerspruch hinauszukommen. In diesem Sinne ist es Karatani zufolge von größerer Bedeutung, in Athen den Prototyp des Problems zu erkennen, anstatt sich auf die Attische Demokratie als ersehntes Modell der Demokratie im 21. Jahrhundert zu beziehen.

Während die Attische Demokratie versuchte, die Gleichheit unter den Menschen über die Umverteilung des Reichtums zu vergrößern, blieb sie gleichzeitig in der Homogenität ihrer Mitglieder verwurzelt. Nicht nur, dass sie Heterogenität ausschloss – vielmehr wurde sie verwirklicht, indem man sich auf die interne Ausbeutung (von Sklaven und im Land lebenden Ausländern, den sogenannten Metöken) und externe Ausbeutung (die Kolonisierung und Unterwerfung anderer poleis) verließ. Mit anderen Worten war die Attische Demokratie bereits untrennbar mit der Art von Nationalismus verbunden, die an Benedict Andersons berühmtes Konzept der modernen Nation als einer “imagined community”, einer „imaginierten Gemeinschaft“ erinnert.

Anstelle der Attischen Demokratie, und hierin liegt Karatanis wesentlicher Beitrag nicht allein zur Kritik der liberalen Demokratie, sondern auch der traditionellen Philosophiegeschichte (die er auf den Kopf stellt), sollten wir zur ionischen isonomia (ἰσονομία: “Gleichheit politischer Rechte, vom Griechischen isos, “gleich” und nomos, “Gesetz”) zurückgehen, zur Philosphie der sogenannten Vorsokratiker. Die werden häufig noch immer als diejenigen abgetan, die sich lediglich mit „Naturphilosophie“ beschäftigen und nicht ernsthaft über ethische und politische Fragen nachdachten. Das begann der traditionellen Philosophiegeschichte zufolge erst mit Sokrates.

Dies, schreibt Karatani, sei ein Fehler. Der Ursprung der griechischen politischen Philosophie – und mit ihr der Demokratie – müsse stattdessen vielmehr von Ionien aus betrachtet werden. Sokrates sei auch nebenbei gesagt nicht der erste, der sich mit ethischen Fragen beschäftgte. Sein Denken müsse eher als "Übergang“ von der vorsokratischen zur attischen Philosophie betrachtet werden und verdanke viele seiner Ideen und Werte den ionischen Philosophen. Sokrates sei vielmehr „der letzte“ gewesen, „der versuchte, das ionische politische Denken wiederzubeleben.“

Von Ionien lernen

Aber warum war, fragt Karatani, das politische System Ioniens (die isonomia) gleicher und freier als in der Attischen Demokratie? Zunächst einmal legten die Ionier keinen großen Wert auf Verbindungen zu ihrem Ursprungsort. Das führte zu einer Kultur, die anders als das Mutterland frei war von tiefer Verbundenheit mit den Traditionen der Stammesgesellschaft. Die Städte Ioniens waren von Kolonisten geprägt, die nicht die Tradition der Clans und Stämme mit sich brachten. Die Siedler waren von den Fesseln und Einschränkungen der Verwandtschaft befreit. In der polis von Ionien herrschte eine nomadische Existenz, die der Stammesgesellschaft vorausgegangen war und die nun die Form des Außenhandels und der Produktion annahm. Aber das beschränkte sich nicht auf den Austausch von Waren, sondern auch auf den von Erfahrungen und Kultur in einem Raum, den man am besten den Mittelmeerraum nennt: Thales etwa, der als der erste Philosoph gilt, arbeitete zum Beispiel als Bauingenieur in Ägypten. Viele andere Philosphen der vorsokratischen Ära waren entweder von Asien oder Afrika beeinflusst.

Anders als die ionische isonomia baute die griechische polis auf gesellschaftlichen Schichten auf, die sich vom Haushalt (oikos) zum Klan (genos) zur Bruderschaft oder Verwandtschaft (phratry) bis hin zum Stamm (phylai) erstreckten. Athen war keine Stammesgesellschaft mehr, doch die Stammestraditionen waren immer noch lebending und intakt. Selbst mit der Transformation der Menschen in einen demos führte dies nicht zur Bildung der Art von polis, die auf einem autonomen Gesellschaftsvertrag zwischen Individuen basierte. Im Gegenteil war selbst im Zeitalter des Perikles, das häufig als der Zenit Athens angesehen wird, die Bürgerschaft durch Verwandtschaft determiniert und Ausländer (Menschen aus anderen poleis) waren ausgeschlossen.

Anstatt einfach nur der polis anzugehören, betrachteten die Ionier sich selbst als Angehörige der cosmpolis. Und es ist genau diese Art von politischer Philosophie, die bereits bei den vorsokratischen ionischen Philosophen gefunden werden kann. Zum Beispiel kann bereits für Demokrit Ethik nicht aus dem Inneren der polis kommen, sondern nur aus der cosmopolis.

In bester historisch-materialistischer Manier stellt Karatani fest, dass die direkte Demokratie Athens unmittelbar abhängig von der Beherrschung und Plünderng der anderen poleis gewesen sei. Diese imperalistische Expansion stellte die Grundlage der Attischen Demokratie dar und war eng mit der Sklaverei verbunden. Zur gleichen Zeit war die Zivilgesellschaft von einem tiefen Klassenkonflikt zerrissen, denn der Großteil der Bürger war arm.

„Demokratie in Athen“, sagt Karatani, „bedeutete die Machtübernahme durch die Mehrheit und die Umverteilung des Reichtums durch Besteuerung des Adels und der wohlhabendsten Mitglieder. Wie zu erwarten, traf dies auf Widerstand seitens des Adels und der Elite. Diese Art von Konflikt erlaubt keine Lösung, denn er versucht das Problem durch Umverteilung des Reichtums zu lösen, ohne die Ursache der Lücke zwischen Reich und Arm in der Zivilgesellschaft und die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen sie entstehen konnte, zu thematisieren. Was den Anschein erweckt, dieser interne Klassenantagonismus würde gelöst, ist die imperialistische Politik, die eine Quelle des Reichtums in der Ausbeutung fremder Länder sucht.“

Am Anfang war der Bürgerkrieg

Aus diesem Grund war die Demokratie in ihrem Ursprung selbst durch stasis (Bürgerkrieg) gekennzeichnet, einem zunehmenden Kampf zwischen oligarchischen und demokratischen Fraktionen, der während der Jahre des Peleponnesischen Krieges eine besonders virulente Form annahm. In seiner Geschichte des Peleponnesischen Krieges beschreibt Thukydides detailliert die Erfahrung der stasis in the griechischen poleis, zum Beispiel 411 vor unserere Zeitrechung in Athen oder 427 in Corcyria. Sie war durch Angst und Verwirrung charakterisiert, bloßes Überleben und Gewalt, doch auch durch Misstrauen und Verzweiflung, die zu weiterer Auflösung jeder Form von Solidarität unter den Menschen führten. Kurzgesagt reduzierte sich der demos zwangsläufig auf selbstfokussierte und isolierte Individuen. Das, was Thukydides beschreibt, kennen wir heute unter den Begriffen „Fake News“: „die gewöhnliche Bedeutung von Wörtern in ihrem Verhältnis zu den Dingen wurde nach Gutdünken verändert“ und „Populismus“: „die Verbindung des Blutes war schwächer als die Verbindung der Partei, denn der Parteigänger war eher dazu bereit, etwas zu wagen, ohne Einwände zu erheben; denn solche Vereinigungen werden nicht in Übereinstimmung mit den geltenden Gesetzen zum Wohle der Allgemeinheit eingegangen, sondern dienen der egoistischen Selbstverherrlichung, die den herrschenden Gesetzten entgegensteht“.

Zeitraffer.

Könnten wir Thukydides Beschreibung der stasis nicht gebrauchen, um unsere gegenwärtige politische Situation zu verstehen, von „Fake News“ bis zum Trumpismus? Was, wenn es exakt diese stasis des Thukydides ist, die eine bestimmende Eigenschaft unserer eigenen liberalen Demokratien darstellt, die sich in „illiberale Demokratien“ verwandelt haben? Man könnte sagen, dass sogar Thukydides selbst den Peloponnesischen Krieg als einen Bürgerkrieg zwischen den Griechen betrachtete, das heißt, einen Krieg im Inneren. Was, wenn wir in gleicher Weise die gegenwärtige Ausbreitung „illiberaler Demokratien“ rund um den Globus nicht als Feind von „außen“ verstehen müssen, sondern als Feind im Inneren der „liberalen Demokratie“ selbst?

Für den italiensichen Philosophen Giorgio Agamben muss die stasis in dem Verhältnis zwischen dem oikos, der Familie oder dem Haushalt, und der polis, der Stadt, verortet werden. Es handelt sich dabei nicht einfach nur um ein Verhältnis zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen, sondern vielmehr um die Politisierung des oikos und die „Ökonomisierung“ der polis. Der oikos wird durch die stasis politisiert und in die polis integriert. Politik muss daher, sagt Agamben, als ein Kraftfeld verstanden werden, dessen Extreme der oikos und die polis darstellen. Zwischen ihnen markiert der Bürgerkrieg die Schwelle, über die das Unpolitische politisiert und das Politische ökonomisiert wird.

Klasse gegen Klasse

“Die Attische Demokratie ist vielleicht der Ort“, sagt Agamben in seiner Erforschung der Ursprünge der stasis, “wo diese Spannung für einen Augenblick ein prekäres Gleichgewicht findet. Im Laufe der darauffolgenden politischen Geschichte des Westens wird die Tendenz, die Stadt zu entpolitisieren, indem sie in einen Haushalt oder eine Familie verwandelt wird, die von Blutsbeziehungen oder auf Grundlage rein ökonomischer Tätigkeiten regiert wird, sich mit anderen, spiegelbildlich entgegengesetzter Phasen abwechseln, in denen alles Unpolitische mobilisiert und politisiert werden muss. In Übereinstimmung mit der Vorherrschaft der ein oder anderen Tendenz werden sich auch die Funktion, Situation und Form des Bürgerkrieges verändern.”

Mit anderen Worten: Was, wenn der gegenwärtige Aufstieg der „illiberalen Demokratie“, der die Welt in einen Haushalt oder eine Familie transformiert, „regiert durch Blutsbeziehungen oder rein ökonomische Tätigkeiten“, nicht nur eine Abweichung der „liberalen Demokratie“ darstellt, sondern das Ergebnis ungelöster Widersprüche, die innerhalb der Demokratie selbst gegenwärtig sind?

Sinn und Zweck dieser kurzen Prolegomena zu einer Kritik der „illiberalen Demokratie“ ist Folgendes: Wenn wir nicht in der Lage sind, uns mit der Tatsache zu konfrontieren, dass die moderne liberale Demokratie sowohl auf interner als auch auf externer Ausbeutung und Exklusion basiert, die in sich selbst ein schon seit langem bestehender Klassenkampf ist („Es herrscht Klassenkampf“, sagte Mr Buffet, „aber es ist meine Klasse, die Klasse der Reichen, die diesen Kampf führt und ihn gewinnt), dann sind wir dazu verurteilt, in einer Welt der „illiberalen Demokratie“ zu leben, die sich nun schnell in eine Welt der stasis verkehrt, mit verheerenden Folgen für die gesamte Menschheit – und den Planeten selbst.

Der einzige Weg, um einem wahren demokratischen Egalitarismus nahezukommen, dem, was die ionischen Philosophen isonomia nannte, besteht darin, den falschen Gegensatz zwischen „liberaler“ und „illiberaler“ Demokratie zu überwinden.

Srećko Horvat ist Philosoph, Autor und Mitbegründer der Bewegung DiEM25. Er hat diesen Beitrag anlässlich der Präsentation des von Georg Diez herausgegebenen Buches Die Erde ist gewaltig schön, doch sicher ist sie nicht (Hanser 2018) am Münchner Residenztheater verfasst

Übersetzung: Holger Hutt

10:11 23.01.2019

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