„Europa ist komplex“

Interview „Eisenzeit“ statt Eiszeit! Eremitage-Direktor Michail Piotrowski setzt auf deutsch-russische Verständigung

In wenigen Tagen soll im russischen St. Petersburg eine gemeinsame deutsch-russische Ausstellung eröffnet werden. Eisenzeit – Europa ohne Grenzen – so ihr programmatischer Titel. Fast ein Jahrzehnt lang haben die Petersburger Eremitage, das Moskauer Puschkin-Museum und das Historische Museum in Moskau dieses prestigeträchtige Kooperationsprojekt gemeinsam mit ihren deutschen Partnern von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und dem Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte vorbereitet. Mit dem anspruchsvollen Ziel, die Welten der west- und mitteleuropäischen Kelten und der eurasischen Skythen und Sarmaten in einen Kontext zu bringen, wie er für den europäischen Kontinent vor mehr als 2.000 Jahren prägend und Anstoß zahlreicher dynamischer Folgeentwicklungen war.

Mit dieser Ausstellung feiern archäologische Preziosen ihre Rückkehr ins Licht, die am Ende des Zweiten Weltkrieges von Trophäenbrigaden der Roten Armee aus dem zerstörten Berlin nach Russland abtransportiert worden waren – archäologische Schätze, um deren Besitz Deutschland und Russland bis heute im sogenannten Beutekunst-Streit ringen. Jetzt, nach 75 Jahren, sind in Petersburg viele dieser einstigen Berliner Eisenzeit-Ikonen erstmals wieder zu sehen – ein Beleg dafür, dass gegensätzliche politische Auffassungen beider Länder nicht zwangsläufig zur Lähmung des kulturellen Austauschs zwischen Russland und Deutschland führen müssen. In diesem Sinne wurde das deutsch-russische Ausstellungsformat „Europa ohne Grenzen“ 2007 mit einer ersten Exposition zur Merowingerzeit begründet und 2013 mit einer spektakulären Bronzezeit-Ausstellung fortgesetzt.

Die Eröffnung der aktuellen Eisenzeit-Schau musste Corona-bedingt bereits einmal verschoben werden, jetzt hat der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, seine Teilnahme an der Eröffnungsfeier in St. Petersburg aufgrund der neuen Corona-Zahlen abgesagt. Der Anschlag auf den russischen Oppositionspolitiker Alexej Nawalny und das Tauziehen um Belarus haben die politische Großwetterlage zwischen Berlin und Moskau weiter verdüstert. Von einer neuen Eiszeit ist die Rede. Womöglich mit Auswirkungen auch auf den deutsch-russischen Museumsdialog?

der Freitag: Herr Piotrowski, die anstehende deutsch-russische „Eisenzeit“-Ausstellung hat es nicht leicht. Warum ist Ihnen dieses Gemeinschaftsprojekt, die Zusammenarbeit mit den deutschen Partnern, so wichtig?

Michail Piotrowski: Es besteht ein sehr hohes Maß an gegenseitigem Verständnis und der Wunsch, diese Ausstellung und diese Ausstellungsreihe zu veranstalten. Denn dieses Format „Europa ohne Grenzen“ zeigt, dass die Kulturgemeinschaft in Russland und Deutschland, die Museen in Russland und Deutschland, die schwierigsten Probleme lösen können, denen die Politiker nicht gewachsen sind. Sie ist eine Art Demonstration unserer Zusammenarbeit und eine ganz neue Ebene des wissenschaftlichen Austauschs. Es ist die höchste Ebene des Nachdenkens über die historische und europäische Einheit, darüber, was wirklich wichtig ist – also eine Demonstration unserer gemeinsamen Arbeit als auch eine Demonstration der Tatsache, dass Europa, das jetzt entweder zusammenhält oder auseinanderfällt, immer eine kulturelle Einheit gewesen ist.

Die augenblickliche schwere Krise in den deutsch-russischenBeziehungen bildet für die „Eisenzeit“-Ausstellung einen denkbar schlechten kulturpolitischen Rahmen. 2013, zur Eröffnung der gemeinsamen „Bronzezeit“-Ausstellung, konnten Sie den russischen Staatspräsidenten Wladimir Putin undBundeskanzlerin Angela Merkel begrüßen. Ähnliches wäre doch jetzt auch ohne Corona ganz undenkbar, oder?

Jedes Mal, wenn wir Ausstellungen sowohl in Russland als auch in Deutschland organisierten, gab es Stimmen, die wollten, dass es gar nicht erst passiert, es gab Menschen, die sich sehr darum bemühten, dass weder Putin noch Merkel zu den Ausstellungen kommen sollten. Es waren Stimmen aus der Politik und aus den Medien.

Das heikelste Thema in den russisch-deutschen Beziehungen sind die Folgen des Zweiten Weltkriegs, zu denen auch die Beutekunst gehört. Wir haben hier eine Lösung gefunden – darüber zu reden und es zu zeigen. Und das ist der Sinn dieser Ausstellung. Ihr Zweck besteht nicht darin, dass dort wichtige politische Persönlichkeiten oder russlandfreundliche beziehungsweise -feindliche Journalisten hinkommen.

Zur Person

Michail Piotrowski, 76, ist Historiker mit dem Schwerpunkt arabische Studien. Er hat mehrere Jahre im Jemen gearbeitet und leitet seit 1992 die Eremitage in St. Petersburg, deren Direktor zuvor sein Vater, der Archäologe Boris Piotrowski, war. Michail Piotrowksi ist Professor an der Universität St. Petersburg und leitet die Fakultät für Orientalistik. Im russischen Staatsfernsehen präsentiert er eine Serie mit dem Titel Meine Eremitage

Aber wen erwarten Sie?

Wir erwarten niemanden. Wir laden eigentlich selten jemanden zur Ausstellungseröffnung ein. Sie kommen von selbst. Sie kommen, wenn sie glauben, dass so ein Ausstellungsbesuch für sie nützlich ist. Jüngstes Beispiel: Zu unserer Ausstellung mit den österreichischen Museen in Wien und in St. Petersburg kamen sowohl der österreichische Bundespräsident als auch der Premierminister.

Das Format, in das sich die „Eisenzeit“-Ausstellung einordnet, heißt „Europa ohne Grenzen“. Im Moment hat man das Gefühl, es entstehen gerade wieder starke Mauern zwischen Russland und Deutschland, Ost- und Westeuropa. Da klingt das Motto „Europa ohne Grenzen“ ein wenig wie Satire. Finden Sie nicht?

Ich denke, dass der Begriff „Europa ohne Grenzen“ sicherlich von allen Politikern verwendet wird. Wir glauben, dass „Europa ohne Grenzen“ eine sehr wichtige These ist. Wir sprechen oft über Europa von Wladiwostok bis Lissabon. Das ist die Charles-de-Gaulle-Formel, die uns gefällt. Es gibt auch viele unterschiedliche Formeln, wie zum Beispiel die der deutschen Geschichte. Es ist das, was wir nicht gern wiederholen möchten. Es gibt ein vereintes Europa, ein Konzept von Europa, das recht komplex ist. Daher ist es in kultureller, historischer und ideologischer Hinsicht von grundlegender Bedeutung, zu zeigen, dass Europa nicht lediglich eine kleine Vereinigung von Nationalstaaten ist, sondern ein großer kultureller Begriff. Genau darüber reden wir. Und ich denke, es ist immer noch sehr aktuell. Es ist aktuell für alle: für Russland, das sich in der letzten Zeit nicht wirklich zu Europa zählen möchte, aber auch für Europa, das Russland eh nicht gern zu Europa zählt. Unabhängig davon ist Russland ein Teil Europas, und Europa ist Teil eines riesigen eurasischen Kulturkreises. Es gibt also mehrere verschiedene Themen, die gemeinsam diskutiert werden können und sollten. Ich denke, dass die Bezeichnung, die wir vor längerer Zeit kreiert haben, sich eigentlich legitimiert hat. Hier geht es darum, wie man in einem vereinten Europa leben kann, sowohl in der Antike als auch in der modernen Zeit. „Europa ohne Grenzen“ ist es dann, wenn solche Ausstellungen von Wissenschaftlern und Museumsleuten veranstaltet werden, trotz der Schwierigkeiten, denen sie begegnen.

Wenn es mit der Verschärfung in den deutsch-russischen Beziehungen so weitergeht wie derzeit: Wann wäre aus ihrer Sicht ein Ende des deutsch-russischen Museumsdialogs erreicht?

Wir werden dafür sorgen, dass der Museumsdialog nicht endet. Wir haben den Petersburger Dialog, ein wunderbares gemeinnütziges Forum, das sich regelmäßig trifft und auch treffen wird. Wir haben viele gemeinsame Museumspläne, Pläne für eine gemeinsame archäologische Arbeit. Ich glaube, dass wir daran festhalten werden. Insbesondere möchte ich nicht über irgendwelche Verschärfungen der Beziehungen sprechen.

Wir, Russland und Deutschland, haben im letzten Jahrhundert zweimal bis zum Tod miteinander gekämpft. Das nenne ich eine Verschärfung der Beziehungen. Und alles andere sind Prüfungen, bei denen wir sicherstellen müssen, dass wir nicht erneut miteinander kämpfen. Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass es keinen weiteren Krieg gibt. Ich denke, darüber sollten sich alle Gedanken machen.

Lassen Sie uns zum Abschluss noch einmal konkret auf die „Eisenzeit“-Ausstellung schauen: Was sind aus Ihrer Sicht die Highlights?

Einerseits zeigt uns die Ausstellung das Europa der Kelten. Wunderbare keltische Kunst, großartige Fibeln und Schilde. Auf der anderen Seite haben wir die Kunst der Skythen und Sarmaten – das ist der Süden Russlands, der Kaukasus, das sind graeco-skythische Tierbilder, wir sprechen vom skythischen Tier-Stil. In der Ausstellung stellt sich plötzlich heraus, dass es tatsächlich enge Verflechtungen zwischen Ost und West, dass es sogar einen europäischen Tier-Stil gab. Man erkennt, wie diese Kulturen und Nomadenvölker miteinander verbunden sind, wie aus der Vielfalt etwas Gemeinsames und Ähnliches wird. Zum einen vereint diese Ausstellung also eine Vielzahl von Meisterwerken, die im Prinzip bekannt sind. Doch in der Komposition dieser Ausstellung ergibt sich ein neues, ein innovatives Bild.

Info

Eisenzeit. Europa ohne Grenzen Eremitage St. Petersburg, 11. November 2020 bis 28. Februar 2021

Das Gespräch führte Frank Vorpahl. Er ist seit 25 Jahren Spezialist für den deutsch-russischen Museumsdialog im ZDF-Kulturmagazin aspekte

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