Europa wird zur Religion

Chiffre Kosovo Serbiens Präsident Tadic´ will zur Tagesordnung und EU-Aufnahme übergehen - der zurückgetretene Premier Kostunica und die serbische Gesellschaft noch nicht

Die Anerkennung der Kosovo-Unabhängigkeit durch etliche EU-Staaten hat Belgrad empört und zu teils harschen diplomatischen Protesten veranlasst. Innerhalb der serbischen Gesellschaft lässt der Fall Kosovo, wie sich zeigt, die Regierungskoalition zerbrechen, wenn nicht alle Parteien die nationalen Interessen durch eine EU-Euphorie gewahrt sehen, die mit dem Wort Verklärung nur unzureichend beschrieben ist.

Den USA wie auch der politischen Hauptströmung in der EU bietet ein "Staat Kosovo" ungeahnte Möglichkeiten, sie findet darin ein Experimentierfeld, um neokoloniale Verwaltungen für "gescheiterte Staaten" zu erproben. Die Amerikaner sehen mit der Unabhängigkeit zudem ihr europaweit größtes Militärcamp Bondsteel nahe Urasevac´ gesichert, und sie haben jetzt schon ein leichtes Spiel mit der schwachen, von ihr abhängigen Elite in PrisŠtina, die auf US- und NATO-Truppen angewiesen ist, um zu überleben. Russland fehlen bisher politischer Wille und militärische Macht, um in der Kosovo-Frage den großen Konflikt mit dem Westen zu riskieren. So bleibt auf dem rechtlichen wie diplomatischen Schlachtfeld zunächst eine beschädigte UNO zurück, deren Autoritätsverlust in jenem Moment zu ihren Ende führen kann, wenn die Kosovo-Unabhängigkeit tatsächlich international zum Präzedenzfall wird.

Abgesehen von diesen harten Fakten empfiehlt sich das "Kosovo" in Serbien als Chiffre für höchst unterschiedliche Vorstellungen, verhilft zu nationaler Erinnerungspflege und ist bestens geeignet, soziale Anliegen und ökonomische Nöte in den Hintergrund zu drängen - alles wird national. Der Belgrader Soziologe Todor Kuljic´ ortet eine fundamentale Änderung der serbischen Identität von einer antifaschistischen hin zu einer serbisch-nationalen mit starken religiösen Zügen. Dazu pflegt man eine "selektive Erinnerungskultur", wie sie von den neuen Eliten betrieben wird. Das Kosovo nimmt darin als "Wiege des Serbentums" eine zentrale Stellung ein.

Parallel dazu unterstreichen die serbischen Anti-Nationalen in Gestalt einiger NGOs und der Liberalen auf ihre Art den Paradigmenwechsel. Die radikal pro-westliche Liberaldemokratische Partei (LDP) benützt das Kosovo, um die antifaschistische Tradition Jugoslawiens ein für allemal vergessen zu machen. "Bringen wir die Geschichte mit dem Kosovo zu Ende. Der jugoslawische Auflösungsprozess erhält mit dieser Unabhängigkeit seinen Schlusspunkt", glaubt der zweite Mann der Partei, Zoran Ostojic´ und fügt unmissverständlich hinzu: "Pro-serbische Politik braucht europäische Werte". Man solle nicht wie der zurückgetretene Premier Kostunica mit einem Nein zur kosovarischen Unabhängigkeit ein Faustpfand gegen die EU in der Hand haben wollen, sondern durch die Anerkennung des Kosovo das Ticket nach Brüssel lösen.

Fernes Utopia

"Serbien müsse durch eine rigorose Katharsis, um voranschreiten zu können", analysiert der Kommentator Zoran Cirjakovic´ von der Zeitschrift Nin die Westsicht auf sein Land. "Ich bin dagegen!" Er empfinde eine von außen aufgezwungene Selbstreinigung als Zumutung, die alles auf den Kopf stelle. "Vor der Unabhängigkeit des Kosovo wurden zwei Präsidenten und ein Parteichef von Serbien nach Den Haag ausgeliefert. Niemand hier versteht die doppelten Standards des Westens. Welches Land außer dem unseren unterliegt solchen Anforderungen?"

Entkleidet man einmal die westlichen Statements zur gewünschten Belgrader Politik ihrer Worthülsen, die Attribute wie demokratisch, menschenrechtlich oder reformfreudig verbrauchen, bleibt das blanke Interesse: wirtschaftlich freie Bahn für Investitionen, die Zerschlagung der früheren 7. jugoslawischen Republik, der Volksarmee, mit ihrem selbst bestimmten Antifaschismus. Beides scheint weitgehend gelungen. Was allein fehlt, ist das Plazet der serbischen Gesellschaft. Da freilich hat der Westen seinem Anspruch auf kulturelle Hegemonie mit der Anerkennung des Kosovo schwer geschadet. Die Serben sind enttäuscht, dennoch bleibt "Europa" von Mythen umwoben. Serbien fühlt sich - was sonst? - europäisch, doch von Brüssel verraten. Dieses Dilemma versuchen die nach EU-Diktion als "Demokraten" chiffrierten Kräfte um Präsident Boris Tadic´ aufzulösen, indem sie jede Verbindung zwischen der Brüsseler Kosovo-Politik und der gewünschten Aufnahme Serbiens in die EU leugnen. "Die Kosovo-Entscheidung und die europäische Integration sind voneinander unabhängige Fragen", stellt Jelena Markovic´ als Sprecherin von Tadic´s Demokratischer Partei klipp und klar fest. Und der Historiker Slavenko Terzic´ von der Belgrader Akademie der Wissenschaften erwartet, dass nach dem Abflauen des nationalen Aufruhrs Tadic´ zur Tagesordnung übergehen und verkünden werde: Die Unabhängigkeit in PrisŠtina ist Realität. Sehen wir zu, dass Serbien jetzt in die EU kommt!

Um jeden Preis EU-Europa Liebkind sein zu wollen, kommt ideologisch teuer. "Demokratie" und "Europa" würden zu nicht weiter hinterfragten Phrasen, meint Slavenko Terzic´: "Europa wird zur Religion". Analytisch lasse sich eine solche Gottesfürchtigkeit nicht halten, ist auch der Soziologe Todor Kuljic´ überzeugt: "Das damit transportierte Wertesystem kreist nicht um den Begriff ›Kapitalismus‹ als einem unpopulären Terminus, sondern um die Worte ›Transition‹, ›Demokratie‹ und ›Europa‹. Letzteres wird zum neuen Paradies, einem Utopia sowohl in politischer, ökonomischer, sozialer, kultureller und intellektueller Hinsicht."

Eine Mehrheit der Serben hält offenbar wenig von dieser Verklärung. Man sei zwar, wie Nin-Kommentator Zoran Cirjakovic´ treffend bemerkt, der "Überproduktion an Geschichte" überdrüssig, die das System MilosŠevic´ geprägt habe, doch genauso "skeptisch gegenüber der Europäischen Union".

Das Verhältnis zu Brüssel dürfte der Referenzpunkt für Belgrader Politik in den nächsten Jahren sein. Der Sieg von Boris Tadic´ bei der Präsidentenwahl Anfang 2008 hat in dieser Hinsicht nichts geklärt. Hält man sich an die Redner auf der Kosovo-Großkundgebung vom 21. Februar, dann sind die Euroskeptiker auf dem Vormarsch, und Tadic´ hat im Januar nicht mehr als einen Pyrrhus-Sieg errungen. Sollte es nach der Demission der Regierung Kostunica demnächst Neuwahlen geben, könnte sich dieser Eindruck bestätigen.

Kultureller Rassismus

Für den Journalsiten Zoran Cirjakovic´ tut sich mit dem eurozentrischen Weltbild einer kleinen post-kommunistischen Klasse ein Kluft zur serbischen Mehrheitsbevölkerung auf. "Liberale Fundamentalisten verstehen die Komplexität der serbischen Gesellschaft nicht." Bezahlt von der Soros-Stiftung oder ähnlichen Instituten lerne eine neue Elite einen vollständig unpassenden Begriff von Zivilisation und zivilisatorischer Errungenschaft als individuelle Befreiung. "Alles wird schwarz-weiß gesehen, die Liberalen selbst stellen sich als links dar, gehören aber zu den größten Unterstützern von NATO und Marktwirtschaft."

Ihre Bibel - so Cirjakovic´ - sei Hannah Arendt. "Die dort postulierte Trennung von Öffentlichkeit und Privatheit wird zur Grundlage ihrer Vision, ohne zu verstehen, dass gerade in unserer Gesellschaft beide einander bedingen." Als Träger dieser zivilisatorischen Mission macht der Nin-Kolumnist Söhne und Töchter der alten kommunistischen Elite aus. Ihr Hass auf die einfachen Menschen sei nichts anderes als "kultureller Rassismus", auch wenn es oft reine Fremdheit sei, mit der west-orientierte Liberale dem Volk begegneten. Man solle sich nur an den unter MilosŠevic´ zur Blüte gekommenen Turbo-Folk halten, mit dem die Sängerin Ceca zur meistgehörten Künstlerin in Serbien wurde. "Turbo-Folk war eine Erfindung der MilosŠevic´-Ära mit gleichzeitig befreiender und eskapistischer Wirkung wie arabeske Lieder in der Türkei. Natürlich gefällt der orientalische Sound den serbischen Nationalen nicht", sagt Cirjakovic´, "und die Liberalen hassen an ihm das Volkstümliche - sie verachten es." Doch komme in dieser Musik exakt jene west-östliche Mischung zum Ausdruck, die Serbien geopolitisch spalte und doch kulturell einen könne.

Wie weit weg von "Europa" wir uns in Belgrad befinden, wird nach dem Gespräch mit Zoran Cirjakovic´ klar, als der Autor seinen serbischen Kollegen - ohne nachzudenken - auf ein Wiedersehen in Wien anspricht. Der Nin-Kommentator winkt ab: Soviel Demütigung, in der Schlange vor der österreichischen Botschaft wegen eines Visums kann er nicht ertragen, nur um 500 Kilometer die Donau aufwärts fahren zu können.

Von Hannes Hofbauer ist zuletzt erschienen: EU-Osterweiterung. Historische Basis - ökonomische Triebkräfte - soziale Folgen. Wien 2007

Vojislav Kostunica (63) regierte von Oktober 2000 bis März 2003 als Präsident der Bundesrepublik Jugoslawien und war bis zum vergangenen Wochenende serbischer Premier. 2000 war er als Kandidat der aus 18 Parteien gebildeten Wahlallianz Demokratische Opposition Serbiens (DOS) für die Präsidentenwahl am 24. September 2000 nominiert. Er kam auf 48,2 Prozent und sollte in einer Stichwahl gegen Amtsinhaber MilosŠevic´ antreten, was DOS als Wahlbetrug betrachtete. Der Konflikt mündete in Massenproteste, die am 5. Oktober 2000 zum Zusammenbruch des MilosŠevic´-Regimes führten. Mitte 2001 kam es zum Bruch im DOS-Bündnis, weil Kostunica den damaligen Premier Djindic´ beschuldigte, mit kriminellen Elementen zu kooperieren. Differenzen gab es auch wegen der Auslieferung MilosŠevic´s und anderer serbischer Politiker an das Haager Tribunal.

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