Eurovision

Linksbündig Das Unbehagen an der Osterweiterung zeigt sich an überraschender Stelle

Ein durchschnittlicher Zeitungsartikel besteht aus einer anziehenden Überschrift und dem folgenden Dreischritt aus Behauptung, Begründung, Expertenmeinung. Ein ausnehmend schlichtes Exemplar dieser Gattung war am Montag auf der Titelseite der Bild-Zeitung zu bewundern. Unter der Überschrift "Mieser Schummel beim Grand Prix" fand sich die Behauptung "Millionen deutsche TV-Zuschauer empört", dann die Begründung "Ost-Europäer schieben sich die Punkte zu" und endlich die Expertenmeinung im O-Ton: "Schlagerstar Nicole: Deutschland sollte aussteigen!".

Natürlich ist an den Vorwürfen nichts dran. Dass die Serbin Marija Serifovic am Samstagabend den Eurovision Song Contest (ESC) gewonnen hat, lag nicht an den vielen Punkten, die sie aus Osteuropa erhielt, sondern gleichermaßen an der Gunst Westeuropas. Wenigstens der Medienjournalist und Bildblogger Stefan Niggemeier hat nachgerechnet und die Mär von der Verschwörung der Anderen gegen die Unsrigen widerlegt. Weder wird also der Eurovision Song Contest "balkanisiert" noch hat der "Ostblock" sich verbündet - auch weil der Balkan und der Ostblock, wie sie hier reminisziert werden, schlichtweg nicht mehr existieren. Zumindest nicht in der Realität. In den Köpfen sieht es offenbar anders aus: Wie schon im vergangenen Jahr ist es wieder jene Euphorie für den internationalen Wettbewerbs-Event, in der sich das Nationale als Pop wohlig zu räkeln beginnt. Während die Fußball-WM wenigstens noch eine Reihung namens "54, 74, 90" zuließ, bleibt einem in diesem Fall 1982, als Nicole mit Ein bisschen Frieden den Sieg nach Deutschland brachte.

Das bisschen Frieden währte nicht allzu lange, denn offensichtlich hat die Bildzeitung ein Fass aufgemacht, in dem es schon länger gärte. Die FAZ nämlich gedachte ebenfalls der guten alten Zeiten. "Auch damals gab es keinen Wettbewerb ohne den Vorwurf von Seilschaften etwa der skandinavischen Länder oder Nachbarn, die einander Punkte zuschanzten. Doch das sind Ehrenhändel, verglichen mit der diesjährigen, hemmungslosen Kumpanei der ehemaligen Ostblockländer. Sie schenkten einander so ungeniert Stimmen, als gäbe es sonst keine Teilnehmer - was man nicht einmal mehr Skandal nennen mag. Denn ob Blockdenken oder Populismus die Rangfolge in einem faden musikalischen Pudding entscheiden, bleibt bedeutungslos. Der Grand Prix hat sich zu Tode erweitert." Wenn das keine politische wie chauvinistische Adresse in Richtung Sonnenaufgang ist.

Flankiert bei diesem Eintreten gegen die Osterweiterung wird Deutschland von der Schweiz, die es kaum verwindet, dass ihr DJ Bobo mit seiner Mystik-Hopserei bereits in der Vorrunde ausschied. "Die ›Ostblock-Allianz‹ lässt uns Westeuropäern keine Chance - trotz Kohäsionsmilliarde", hieß es auf der Webseite des Boulevardblatts Blick. Kein Zufall, dass das Politische hier das Kulturelle einbegreift und EU und ESC plötzlich durcheinander gehen. Die Parallele besteht natürlich: Die fünf größten Geldgeber der EU sind Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Spanien, die vier größten des ESC nur Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Spanien, weil Italien längst nicht mehr daran teilnimmt. Seit 1996 sind diese Länder in der Endrunde gesetzt, um die Wiederholung eines ehrenrührigen Debakels - damals schaffte es der deutsche Beitrag nicht einmal durch die Vorauswahl - in Zukunft zu verhindern. Noch mehr Vorteile kann man niemandem einräumen, ohne es dreist auszustellen. Dachte man bis jetzt zumindest. Denn nun ist plötzlich die Rede von einem nach Ost und West getrennten Halbfinale; als wollte nicht nur das Satire-Magazin Titanic, sondern der ganze Westen die Mauer wieder aufbauen (nur musikalischer Art natürlich!).

Aber warum denn so schüchtern? Warum nicht gleich die Bestimmung, dass Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Spanien im Wechsel den ersten Platz belegen? Dann käme das Motto "Wer zahlt, schafft an" wenigstens unverhohlen daher und nicht im Gewand der Kultur, das ohnehin schon schäbig dreinschaut, gerade weil manch einer die Sache so herrlich ernst nimmt, wenn er sie der eigenen Ideologie verpflichtet. Wer die Demokratie nicht verträgt, der sollte eben besser schweigen, so lange sie herrscht. Und in diese wunderbaren Stille hinein Nicole ertönen lassen und ihrer schlauen Mahnung lauschen: "Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund!"


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00:00 18.05.2007

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