Evo Morales regiert wie versprochen

Boliviens neue Freunde Venezolanische Petrodollars, kubanische Ärzte

Es ist kurz vor acht Uhr morgens am Krankenhaus von Oruro, einer kalten Handelsstadt in den bolivianischen Anden. Hinter einer dunklen Wolkenbank ist nach dem Regen der Nacht bisher nur ein schmaler Streifen blauen Himmels zu sehen, darunter das dumpfe Grün der Berge. Obwohl die Ambulanz des Spitals um diese Zeit noch geschlossen bleibt, steht vor der Praxis der kubanischen Augenärztin bereits eine Schlange. An der Tür hängt ein vergilbtes Poster, darauf die Flaggen Kubas und Boliviens, darunter der Name eines Programms, das die Menschen hierher führt: Operación Milagro Cuba - Bolivia.

Einige haben Klappen oder eine schmale Binde vor dem Auge, manche nur einen Lappen von unbestimmbarer Farbe, einige sind schon operiert worden, andere warten auf den Eingriff. Dann kommt die Ärztin, die Leute strömen in einen schmalen Warteraum, es gibt zu wenig Sitzplätze, also wandern einige wieder brav nach draußen, um dort auszuharren, bis sie nachrücken können oder aufgerufen werden. Ich kenne derartige Szenen zur Genüge aus Venezuela, dort sind seit vielen Jahren kubanische Mediziner im Einsatz, in Bolivien hingegen erst seit März 2006.

Als ich die Ärztin während einer Behandlungspause um ein kurzes Interview bitte, lehnt sie ab, ohne weitere Begründung. Weshalb sie so reagiert, liegt auf der Hand: Die Kubaner haben Angst vor negativer Publizität, sie wollen unnötige Aufmerksamkeit vermeiden - ihr Engagement stößt nicht überall in Bolivien auf freudigen Beifall, sondern auf teilweise vehemente Proteste der etablierten Ärzteschaft. Aber warum darüber nicht offen reden? Die Kubaner brauchen sich für das, was sie tun in den "sozialistischen Bruderländern Lateinamerikas" - so heißt es inzwischen in Bolivien -, nicht zu schämen: armen Leuten zu helfen, die ihr Augenlicht zu verlieren drohen, und das auch noch umsonst.

"Ich bin ganz zufrieden mit den Kubanern. Vor kurzem hat mich einer ihrer Ärzte in La Paz operiert, jetzt muss ich noch ein paar Mal zur Kontrolle hier ins Spital von Oruro, dann bin ich fertig", erzählt Alberto Maman, ein 28-jähriger Busfahrer. Er hat einen Verband vor dem rechten Auge, in Kürze darf der abgenommen werden. Ja, natürlich, es gebe hier und da mal ein böses Wort über die Kubaner, doch für ihn sei das nicht zu verstehen. "Früher kostete eine Operation mindestens 1.000 Dollar. Das Geld hätte ich nie in meinem Leben zusammen bekommen. Dank unseres Präsidenten Evo Morales ist eine Behandlung jetzt auch für mich möglich, weil sie der Staat bezahlt."

Fast über Nacht sind die Kubaner zu einem Symbol der neuen Politik geworden, die seit Anfang des Jahres über Bolivien hinweg rollt. Der erste Indígena-Präsident in der Geschichte des Landes scheut keine radikalen Maßnahmen, er regiert so, wie er das mit seinem Wahlprogramm angekündigt hat. Die Nationalisierung der Öl- und Gasindustrie ist eingeleitet, für Reformen in der Landwirtschaft trifft das ebenfalls zu, noch in diesem Jahr soll ein Referendum über eine neue Verfassung entscheiden und die Autonomie der Regionen abschließend geregelt werden.

Evo Morales folgt der Politik des "Sozialismus im 21. Jahrhundert", die den venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez bereits seit 1999 inspiriert und neuerdings zu konzilianten Gesten animiert. Da Venezuela wegen des Rekordpreises für Öl in Petrodollars schwimmt, verteilt der so eloquente wie tatkräftige Caudillo sein Geld in Südamerika und der Karibik vorzugsweise an diejenigen, die es nach seiner Ansicht brauchen, mit Vorliebe aber an die treuen Freunde Bolivien und Kuba.

Präsident Bilbao ruft zum "Aktionstag" gegen die Kubaner

Er erkaufe sich damit politischen Einfluss, werfen ihm seine Kritiker vor, er sei einfach solidarisch mit den Brudervölkern in der Region, hofieren ihn seine Anhänger. Auf jeden Fall lässt sich nicht übersehen, dass die Bolivarische Republik Venezuela einiges unternimmt, um etwas anzustoßen, was es bisher für den Subkontinent noch nie gab: eine politische Allianz der Linken, der sich auch Länder wie Brasilien, Chile, Uruguay und Argentinien (in denen es momentan ebenfalls tendenziell linke Präsidenten gibt) annähern könnten - deren harten Kern jedoch Venezuela, Kuba und Bolivien bilden. Dies quittieren die traditionellen Eliten mit Missfallen, Widerstand und Boykott, sie können bei solcherart kontinentaler Perestroika nur an Macht, Geld und Einfluss verlieren.

Das gilt auch in Bolivien, wo die Ärzte zur vergleichbar kleinen urbanen Oberschicht gehören. Ihre Standesvertreter sind denn auch mit kategorischer Härte und harschen Worten gegen die Hilfsdienste der Kubaner. David Sapiencia Bilbao, Präsident des Ärztekollegs von Oruro, hat gar zu einem "Aktionstag" gegen die Kubaner aufgerufen, wie er auch in anderen Gegenden Boliviens veranstaltet wird. "Wissen Sie, wie viel die Kubaner verdienen? Sie bekommen pro Tag 250 Bolivianos (25 Euro - die Red.) Das sind 7.500 Bolivianos pro Monat - ein bolivianischer Arzt erhält nur etwa 3.200, und davon muss er auch noch Steuern zahlen, was den Kubanern erspart bleibt! Die bekommen sogar die Wohnung umsonst!" Bilbao ist sichtlich erregt, für ihn sind die Kubaner "sowieso illegal", weil sie nie ihre Fähigkeiten nachweisen müssten. "Keiner hat jemals nach ihrer Qualifikation gefragt". Was ihn am meisten ärgere, sei der Umstand, dass die Kubaner den bolivianischen Medizinern die Arbeitsplätze wegnähmen. "Wir haben in Bolivien 11.000 arbeitende und noch einmal 11.000 arbeitslose Ärzte. Wozu brauchen wie die Kubaner?" Dass seine Ärzte nicht auf dem Land oder den abgelegenen Orten des Hochlandes arbeiten wollten, wie es die Regierung darstellt, ist für Bilbao nichts als Verleumdung. "Das Einzige, was Morales mit dem Hereinholen der Kubaner erreicht - Castro kann dadurch seine Probleme in Kuba lösen. Für ihn bedeutet jeder Mund, den er nicht mehr zu füttern braucht, eine Sorge weniger!"

Einige Tage später in Cochabamba, der drittgrößten Stadt Boliviens. Im Gebäude des zentralen Unterrichtsrates ist ein kleiner Raum an seiner Stirnseite mit einem riesigen Banner drapiert, auf dem zu lesen ist: "Mision Robinson Internacional - Yo Si Puedo!" (Das internationale Programm Robinson - Ja, ich kann es), die offizielle Formel des Alphabetisierungsprogramms, das von Kubanern und Venezolanern in Bolivien angeboten wird. Die Kubaner, die ihre Unterrichtsmethoden während der vergangenen Jahrzehnte schon an vielen Orten der Dritten Welt, von Nicaragua bis Angola, getestet haben, waren unmittelbar vor dieser Kampagne damit in Venezuela erfolgreich, das sich mittlerweile zum "Land ohne Analphabeten" ausgerufen hat - nun also sollen mehr als eine Million Bolivianer in den kommenden zwei Jahren Lesen und Schreiben lernen.

Präsident Chávez tauscht Diesel gegen Soja aus Bolivien

Alvaro Zuleta, der Koordinator des Programms für das Departement Cochabamba mit Brille und Zopf, strotzt vor Energie und zaubert eine Statistik nach der anderen hervor: "Seit die ersten Lehrer im März eintrafen, haben wir im gesamten Land 996 Menschen alphabetisiert, davon 136 hier in Cochabamba. Insgesamt verzeichnen die Kurse im Moment 34.000 Teilnehmer. Und das, obwohl es uns an allem fehlt! Siehst du diese Computer? Die sind geliehen, auch die Büromöbel. Auf ein Telefon müssen wir ebenfalls verzichten. Wir haben eigentlich fast nichts, aber wir meckern nicht. Wir arbeiten, und das zählt."

Zuleta zufolge dauert ein Standardkurs zur Alphabetisierung sieben Wochen, aber das sei natürlich von Person zu Person unterschiedlich. Auf jeden Fall habe die UNESCO geprüft, wie man in Bolivien verfahre, und sei mit der Methodik zufrieden. Neben ihm sitzt Dalia Hernandez Vasconcelos, eine Kubanerin, die - bevor sie nach Bolivien ging - schon Lehrerin in Angola war. "Wer zu den Kursen kommt, ist neugierig und will etwas begreifen. Es beeindruckt mich, wenn alte Leute innerhalb von ein paar Monaten Lesen und Schreiben lernen."

Ob die Anwesenheit der Kubaner in Bolivien auf Kritik und Abwehr stoße, will ich wissen. Sie habe in dieser Hinsicht bisher nichts beobachtet oder erlebt. "Keiner hat sich mir gegenüber direkt feindselig verhalten, aber ich kümmere mich sowieso nicht um Politik. Ich bin hier, um den Leuten etwas zu geben, was sie zum Leben brauchen."

Die Ärzte und das Alphabetisierungsprogramm sind die am deutlichsten sichtbaren Formen der Hilfe, die Venezuela und Kuba leisten. Aber es geschieht auch vieles, ohne für Aufsehen zu sorgen und über alle Maßen spektakulär zu sein. So erhalten inzwischen in Havanna und Caracas mehrere tausend Bolivianer gratis die Möglichkeit zum Studium der Medizin, des internationalen Rechts oder der Journalistik. Außerdem hilft Venezuela bei der so genannten Cedulación der indigenen Bevölkerung Boliviens - eine Art Registratur, bei der die Betreffenden erstmals einen Identitätsnachweis bekommen, da sie bisher bei den Behörden überhaupt nicht vorkamen. Meistens sind es arme Bolivianer, die wegen der fehlenden Identitätskarte auch von Wahlen ausgeschlossen blieben. Wer ein solches Dokument plötzlich besitzt, macht vor allem eine Erfahrung: das Leben wird um einiges leichter.

Es sind diese scheinbar kleinen, oft ins Alltägliche weisenden Veränderungen, an denen abzulesen ist, wie sich das Land zu wandeln beginnt. Als es für Bolivien im Mai plötzlich unerwartet schwierig wurde, Soja an Kolumbien zu verkaufen, weil die Regierung in Bogotá ein Handelsabkommen mit den USA unterschrieben und sich dadurch Soja sehr viel billiger aus Nordamerika verschafft hatte, sprang Venezuela ein und lieferte billigen Diesel im Austausch gegen Soja aus Bolivien. Hugo Chávez, ein erklärter Gegner bilateraler Freihandelsabkommen, brauchte nicht lange, um sich zu entscheiden. Seit geraumer Zeit führt er - nicht ohne Erfolg - den lateinamerikanischen Widerstand gegen die von den USA gewollte Freihandelszone ALCA und präsentiert mit der Alternativa Bolivariana para las Americas (ALBA) ein Gegenmodell, das an Zuspruch gewinnt.

Wohin die Allianz zwischen Kuba, Venezuela und Bolivien führen wird, ist völlig offen. Manche Beobachter fürchten, dass Evo Morales mit Chávez und Castro zwar auf kurzer Sicht Freunde gewonnen hat, dies aber Partner abschrecken könnte, auf die sein Land angewiesen bleibt. Immerhin empfängt Bolivien seit Jahren eine nicht unbeträchtliche Entwicklungshilfe aus den USA, Japan und der EU.

Dem armen Teil der Bevölkerung ist das Gebot der Diplomatie, Vorsicht und Fingerspitzengefühl walten zu lassen, freilich ziemlich egal. "Durch die Stipendien, die Venezuela anbietet, kann ich dort hoffentlich bald Medizin studieren", meint Karen Carillo Lopez (19), während sie die Liste mit den angebotenen Fachrichtungen an der Tür des Unterrichtsrates von Cochabamba durchsieht. "Venezuela wird das Studium bezahlen - und das fünf Jahre lang. Ohne dieses Angebot wäre für mich eine solche Ausbildung unmöglich."


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00:00 11.08.2006

Ausgabe 43/2021

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