Evolutionärer Wettstreit

EMANUEL LASKER ALS PHILOSOPH Abgesehen von Schach-Enthusiasten und vielleicht Mathematikern ist Emanuel Lasker (1868-1941) kaum jemandem mehr ein Begriff. Was ihn auszeichnete, ...

Abgesehen von Schach-Enthusiasten und vielleicht Mathematikern ist Emanuel Lasker (1868-1941) kaum jemandem mehr ein Begriff. Was ihn auszeichnete, war eine enorme Vielseitigkeit: 1900 promovierte er, zu diesem Zeitpunkt bereits innerhalb von zehn Jahren zum Schachweltmeister aufgestiegen, in Mathematik. Den Weltmeistertitel verteidigte er, bislang eine unerreichte Leistung, 27 Jahre lang bis 1921. Seine philosophische Karriere begann Lasker mit einer Reihe von Schriften, in denen sich seine am Schach entwickelten Denkmodelle niederschlugen. 1907 erscheint "Kampf", 1919 "Die Philosophie des Unvollendbar". Daneben reüssierte der Schwager Else Lasker-Schülers zusammen mit seinem Bruder Berthold als Dramatiker. Als aufmerksamer Zeitbeobachter und politisch denkender Mensch - auch in dieser Rolle wurde Lasker publizistisch tätig - erkannte er den heraufziehenden Nationalsozialismus und emigrierte 1933 über die Schweiz und die Niederlande in die Sowjetunion. Doch als der dortige Förderer des Schachs, Nicolai Krylenko, den Säuberungen Stalins zum Opfer fiel, kehrte Lasker von einer Reise nach New York nicht mehr zurück. Dort starb er 1941.

Als Lasker seine erste philosophische Schrift Kampf beziehungsweise Struggle 1907 erscheinen ließ, lag seine wissenschaftliche Laufbahn als Mathematiker bereits hinter ihm. Trotz zahlreicher prominent erschienener Fachaufsätze und der Promotion bei dem angesehenen Erlanger Mathematiker Max Noether waren Laskers Aussichten, als Jude eine Professur im Deutschen Kaiserreich zu erhalten, denkbar gering. Nachdem er sich 1903 vergebens an der New Yorker Columbia-Universität beworben hatte, entschied Lasker, dass er keine Zukunft in der Mathematik habe, und stellte seine Publikationen auf diesem Gebiet weitgehend ein. Stattdessen konzentrierte er sich auf die Herausgabe einer eigenen Zeitschrift, Lasker's Chess Magazine, und wandte sich philosophischen Veröffentlichungen zu, von denen er sich zwar keine akademische Position, wohl aber bleibenden Ruhm erhoffte.

In seinem philosophischen Erstlingswerk beschäftigte sich Lasker mit jenem Gebiet, von dem er am meisten verstand: dem Schachspiel. Die Philosophie des Schachs hatte in den vergangenen Jahrzehnten nur geringe Fortschritte gemacht. Zumeist handelte es sich um allzu abstrakte Erörterungen, die den Eigenheiten des Schachspiels nicht gerecht wurden.

Immerhin konnte Lasker auf eigene Überlegungen aus seiner 1895 publizierten Schrift Common sense in Chess zurückgreifen. Ausgehend von der konkreten Einzelsituation, bietet sie gleichsam eine Phänomenologie des Schachspiels. Nachdrücklich verteidigt Lasker dessen Komplexität gegen reduktionistische Erklärungsmuster mathematischer Provenienz und wendet sich gegen das Dogma vom besten Zug. Schach sei ein Gleichgewichtsspiel, das in begrenztem Maße die Entwicklung eines individuellen Stils gestatte. Stets komme es aber primär auf planvolles Handeln an, wenn der Mensch auf die wechselnden Situationen in einer Schachpartie sinnvoll reagieren wolle.

Prinzipien erfolgreichen Handelns

In seiner Schrift Kampf fragt Lasker nach den generellen Prinzipien für erfolgreiches Handeln. Er geht von der Prämisse aus, dass Leben Kampf sei, und hält es für die oberste Aufgabe der Philosophie, die Gesetze dieses Kampfes zu bestimmen. An ihnen habe sich der ideale Kämpfer, in seiner Terminologie der "Macheeide", zu orientieren. Diesem fehlt es gänzlich an Wahlfreiheit, denn er steht "unter dem Gebote der höchsten Zweckmässigkeit" und darf qua definitionem keine Gelegenheit, Vorteile zu erlangen, auslassen. Viele Regeln, die Lasker für den Macheeiden aufstellt, sind unmittelbar durch das Schachspiel inspiriert. So erinnert der Rat, jede Parade "mit der allergeringsten Anstrengung, die noch genügt", auszuführen, an die oberste Maxime erfolgreicher Verteidigung im Schach. Lasker formuliert drei Grundsätze, denen er allgemeine Bedeutung zumisst. Das "Prinzip der Arbeit" zielt auf ein Höchstmaß an Effizienz. Ihm verwandt ist das "Prinzip der Sparsamkeit", dem alle menschliche Erkenntnis genügen müsse. "Simplex sigillum veri", das einfache Kennzeichen der Wahrheit, so lautet Laskers Grundsatz. Sein Geltungsbereich beschränkt sich nicht auf die Welt der Naturgesetze, sondern reicht in den Bereich der Ästhetik hinein. Jeder Mangel an Ökonomie zerstöre das innere Gleichmaß eines Kunstwerks, das sich um "Deutlichkeit, scharfe Charakterisierung und Verständlichkeit" bemüht. Schließlich wird das "Prinzip der Logik und Gerechtigkeit" formuliert, womit Lasker darauf rekurriert, dass jede Übertreibung bereits den Keim des Untergangs in sich birgt.

Freilich machte es Lasker seinen Lesern nicht immer leicht. Insbesondere in seinen frühen Schriften entschied er sich häufig für eine eigenwillig aus dem Altgriechischen hergeleitete Terminologie. Da ist von "Ionten" und "Straten" die Rede, und wird eine zweckmäßige Kampfesführung als "eumachisch" tituliert. Gelegentlich lässt sich auch das umgekehrte Phänomen feststellen, dass sachliche Gegensätze zu nichtssagenden Allgemeinplätzen eingeebnet werden. Dabei trägt Lasker zumeist der Impuls, seine "Philosophie des gesunden Menschenverstands" in leicht fassbarer Form darzustellen, um ihre Anhängerschar zu vermehren.

Laskers philosophische Ausführungen sind von einem starken Ethos getragen. Der Mensch ist zur Wahrheitssuche und kritischen Prüfung der eigenen Gedanken verpflichtet, wenn er sein Leben schöpferisch gestalten will. In der apodiktischen Sprache drückt sich das Vertrauen in jenen geordneten Erkenntnisgang aus, der für die Wissenschaft im späten 19. Jahrhundert konstitutiv war. Gleichzeitig finden sich zahlreiche gravitätische Formulierungen, die eher an akademische Festtagsreden als an sachliche Argumentation erinnern. Mit steifen Würdeformeln wird die Bedeutung der eigenen Erkenntnisse unterstrichen und ihre Verallgemeinerungsfähigkeit behauptet. Wie manch anderer Außenseiter lehnte sich Lasker sprachlich an jene Welt an, in die er gern Aufnahme gefunden hätte.

Laskers Philosophie ist ein ehrgeiziger Versuch, die Reichweite strategischen Denkens auszuloten. Selbst das naturwissenschaftliche Experiment versteht er als ein Ringen mit einem unbekannten Gegner. Der Erfinder habe die "Widerstände zu überwinden, die in der Sache selbst liegen". Sein Widerpart "ist die Schwierigkeit des Problems, ist die gestellte Aufgabe, ist, bildlich gesprochen, die Natur". Und da die Natur stets nach denselben Regeln spiele, glaubt Lasker, dass seine am Schachspiel gewonnenen Überlegungen zur Eigenart strategischen Denkens auch für den Wissenschaftler fruchtbar seien.

Das Spiel als Überlebenswaffe

Laskers Vorstellungen von Optimierung nehmen moderne spieltheoretische Konzepte vorweg. Er war davon überzeugt, dass auch der Zufall den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit unterworfen sei, und hielt es deshalb für erwiesen, dass nur objektive Spieler auf die Dauer erfolgreich sein können. Insbesondere warnt er vor kurzschlüssigen Psychologisierungen. Sein nüchterner Rat für den Kartenspieler lautet: "Beobachte nach Statistik, urteile nach Wahrscheinlichkeit und vertraue der Stärke deiner Hand." Bei Brettspielen gelte es, vor allem die objektiven Merkmale einer Stellung zu erkennen. Wie in der Wissenschaft empfiehlt Lasker ein Vorgehen in kleinen Schritten, damit die Denkoperationen stets nachvollziehbar bleiben. Mittelfristig werde eine methodische Denkschulung auch evolutionär nachweisbare Folgen haben: "Im Körper eines Menschen wird dann die eigenartige Fähigkeit hausen, in schachlicher Hinsicht das absolut Zweckmäßige zu tun. Und zwar so wie der Vogel sein Nest baut."

Ebenso wie die Menschheitsgeschichte offenbare die Naturgeschichte eine beständige Verbesserung der Überlebenswaffen. Zufälligkeiten verlieren in dieser linearen Perspektive ihre Bedeutung, und es droht eine Überhöhung des faktischen Erfolgs, die für Rechtsgründe blind ist. Beinahe alle Erörterungen Laskers lassen sich freilich auch als Beitrag zur Philosophie des Schachspiels lesen. Dies nimmt seinen biologischen Optimierungsstrategien einen Teil ihrer Schärfe; denn der prinzipielle Charakter des Schachs als einem Gleichgewichtsspiel stand für Lasker außer Frage. Der evolutionäre Wettstreit, der ihn primär interessierte, fand in einem ebenso überschaubaren wie pazifierten Rahmen statt.

Unerschütterlicher Wissenschaftsglaube

Laskers innovative Ideen waren in seinen umfangreichen Monographien gut versteckt, und so ist es kaum verwunderlich, dass man seine apodiktischen Aussagen mit dem eigentlichen Gehalt seiner Philosophie verwechselte. Dies trifft insbesondere für die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg zu. Laskers ungebrochenes Bekenntnis zur Gültigkeit universaler Werte und zum wissenschaftlichen Fortschritt wirkte in einer Ära grassierender Zeit- und Kulturkritik naiv und antiquiert. Mit Walter Benjamin oder Gershom Scholem kritisierten seine Philosophie gerade jene jungen jüdischen Intellektuellen, die als einflussreiche Neuerer etwas zu ihrer Verbreitung hätten beitragen können.

Ein Musterbeispiel für die herrschende Reserve ist Siegfried Kracauers Bericht über einen Vortrag Laskers im April 1922, der sich mit dem "Übersinnlichen" beschäftigte. Der Leser der Frankfurter Zeitung erfährt wenig über Laskers Gedankenführung, die Kracauer nicht recht diskutabel erscheint. Vielmehr wird Lasker als Symptom für die moderne Wissenschaftsverzweiflung vorgestellt, welche die dialektische Kehrseite des langgehegten Wissenschaftsglaubens sei. Kracauer moniert Laskers ehemaligen Erkenntnisoptimismus, der in der Verwechslung von Schach und Wissenschaft begründet liege. Letztlich habe ihn die Verzweiflung über die Komplexität der Welt zu einem mystischen Gottesbegriff geführt: "Nun aber, innerhalb des ›mystischen‹ Bereichs, und fern von den gewohnten Denkgrundlagen, verlässt den Denker die Besinnung, und er ›beweist‹ etwa, von einem Taumel befallen, das Dasein Gottes oder die Unsterblichkeit in ganz unschlüssiger Weise."

Dies war keine sensible Charakterisierung der Laskerschen Philosophie und beruhte zudem auf unzutreffenden Grundlagen. Lasker war sich darüber im klaren, dass die Vielschichtigkeit und Schwierigkeit wissenschaftlicher Probleme nicht mit Hilfe schachlicher Analogien dargestellt oder gar gelöst werden könne. Bereits 1895 lehnte er es ab, das Schachspiel als Kunst oder Wissenschaft zu bezeichnen, und betonte dessen kompetitiven Grundzug. Doch tut man Lasker schwerlich unrecht, wenn man festhält, dass er die explanatorische Kraft des Schachspiels gelegentlich überschätzt hat. Wirklich gravierend ist allerdings, dass Kracauer Lasker nur ganz schematisch wahrgenommen zu haben scheint. Denn er unterstellte ihm eine religiöse Erschütterung, die mit Laskers vielfach bezeugtem Vertrauen in den Wissenschaftsfortschritt und eine gerechte Weltordnung unvereinbar war.

Die Gründe für die Verkennung und Ignorierung der Laskerschen Philosophie erweisen sich bei näherem Hinsehen als ihrerseits historisch vermittelt. Seine polemische Ablehnung ontologischer Phantastereien trug ihm in einer Ära der metaphysischen Spekulationen keine Sympathien ein. Während Denker wie Max Scheler oder Martin Heidegger die Unergründlichkeit des Daseins in den Vordergrund rückten, beharrte Lasker auf dem Wissenschaftscharakter der Philosophie. Die Bemühungen zur "Wiederverzauberung der Welt", die in der Weimarer Republik in Blüte standen, beurteile er als gleichermaßen philosophisch unseriös wie politisch bedenklich.

Laskers Plädoyer für die Ideen des amerikanischen Pragmatismus stieß in Deutschland auf taube Ohren. Selbst der mächtige Idealist Rudolf Eucken, der 1908 den Nobelpreis für Literatur erhalten hatte, versuchte vergebens, seinem Darmstädter Schüler Julius Goldstein einen philosophischen Lehrstuhl zu verschaffen. Auf wieviel mehr Vorbehalte musste Lasker rechnen, der als Schachweltmeister unter dem Stigma des akademischen Außenseiters litt?

Aus heutiger Perspektive sollte es möglich sein, die originellen Gedanken Laskers zu erkennen und angemessen zu würdigen. Hierfür ist es freilich notwendig, seine Texte gegen den Strich zu lesen und seine Philosophie von ihren überzogenen Geltungsabsichten zu befreien. Undogmatisch studiert, enthalten seine philosophischen Bücher überraschende Einblicke in die Eigenart strategischen Denkens. Und sie zeigen, wie viele Einsichten sich am Schachspiel gewinnen lassen. Eine Philosophie des Schachs, die ihren Namen verdient, wird die Denkanstrengungen Laskers nicht ignorieren können.

Ulrich Sieg ist Historiker in Marburg. Es handelt sich um eine stark gekürzte Fassung seines Vortrags in Potsdam, der zusammen mit den übrigen Tagungsbeiträgen demnächst vom Moses-Mendelsohn-Zentrum publiziert werden wird. Ulrich Sieg ist mit Michael Dreyer Herausgeber des Bandes "Emanuel Lasker. Schach, Philosophie, Wissenschaft", der soeben im Philo-Verlag Berlin erschienen ist und aus dem die hier abgebildeten Illustrationen entnommen sind.

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