Ewig im Einsatz

Porträt Till Rummenhohl kam als Schiffbaustudent zur Crew der Aquarius und rettete im Mittelmeer Tausende Flüchtlinge. An Land wird er die Bilder nicht los
Ewig im Einsatz
„Man fühlt sich erst mal ausgeliefert“

Foto: Hanna Lenz für der Freitag

Steigt ihm der Geruch von Benzin eines Mopeds in die Nase, sind die Bilder wieder da. Von Schlauchbooten. Menschen. Dann hört er die Schreie. All das verfolgt ihn, auch wenn er längst von Bord gegangen ist. Neun Monate sind vergangen, seit Till Rummenhohl das letzte Mal Flüchtlinge auf der Mittelmeerroute zwischen Libyen und Italien gerettet hat. Und nach jeder Mission auf der Aquarius, dem Schiff, das von der Hilfsorganisation SOS Méditerranée und Ärzte ohne Grenzen betrieben wird, holen ihn die Geschehnisse wieder ein.

Anfangs scheint alles normal. Aber dann liegt er zu Hause auf seinem Bett, will nicht rausgehen, seine Freunde nicht sehen. Und vor allem will er in diesen Momenten nicht darüber reden, was er auf offener See erlebt hat. Till Rummenhohl, 26 Jahre alt, lebt in Hamburg und studiert dort Schiffbau-und Meerestechnik. Jetzt sitzt er in Jeans, Hemd und Schnürschuhen in einem Berliner Café. Nach seinem ersten Einsatz auf der Aquarius sei ihm klar gewesen, dass er sein Studium unterbrechen wird. „Ich habe gemerkt, dass ich einfach noch mal da rausmusste“, sagt er. Seine Stimme wird oft brüchig, er macht Pausen beim Erzählen; als müsse er sich sammeln, bevor er weiterreden kann.

In ein paar Stunden beginnt in Berlin das Sommerfest der Hilfsorganisation SOS Méditerranée. Till Rummenhohl wird mit der ehemaligen Chefin von Amnesty Deutschland, Selmin Caliskan, und Schauspieler Robert Stadlober auf der Bühne sitzen und eine Geschichte über Flucht vorlesen, die er an Bord der Aquarius erzählt bekam. An diesem Tag im Juni wird es vor allem auch darum gehen, die Stimmung der Feier nicht von den politischen Geschehnissen bestimmen zu lassen.

Ein Notruf über Funk

Italiens Innenminister Matteo Salvini hat Mitte Juni die Aquarius daran gehindert, in einen italienischen Hafen einzulaufen. Es waren mehr als 600 Flüchtlinge auf dem Schiff. Nach zweitägigem Ausharren auf hoher See konnten sie in Valencia an Land gebracht werden. Dann darf das dänische Containerschiff Alexander Maersk erst nicht ankern. Mehr als 100 Geflüchtete an Bord. Die Lifeline ist sechs Tage auf hoher See, bevor das Rettungsschiff im Hafen von Malta anlegen kann. Und Till Rummenhohl hofft an diesem Samstagmorgen, dass die Rettungen im Mittelmeer weitergehen.

Nach dem Einsatz findet Rummenhohl kaum in den Alltag zurück

Foto: Johannes Moths/SOS Mediterranee

Mitte August 2016. Ein halbes Jahr nachdem die Aquarius in Lampedusa ablegt und den ersten Einsatz fährt, kommt Till Rummenhohl im Hafen von Trapani, im Nordwesten von Sizilien, an. Vor ihm liegt das 77 Meter lange Schiff. Diese Tage, in denen das Schiff mit Benzin betankt und mit neuen Essensvorräten aufgefüllt wird, nutzt die Crew, um sich vorzubereiten. Rummenhohls Team geht immer wieder Rettungen per Video durch; mit Magnetbötchen werden an einer Tafel Situationen nachgestellt und durchgesprochen.

Während der Überfahrt in das Suchgebiet, das 30 Meilen von der libyschen Küste entfernt liegt, werden mit dem Schnellboot Manöver auf offener See gefahren. Schwimmende Säcke sollen Menschen simulieren, und Rummenhohl beschleicht ein seltsames Gefühl. „Man weiß, dass man all das bald wirklich brauchen wird“, sagt er. Vor seinem ersten Einsatz auf der Aquarius hat er noch nie ein Menschenleben gerettet.

Rummenhohl, geboren in Göttingen, stammt aus einer Familie, in der Humanität und Solidarität gelebt werden. Seine Mutter ist Grundschullehrerin und pflegt eine Partnerschaft mit einer Schule in Tansania. Schon früh kommen der Schulleiter oder der Pastor aus einem kleinen Dorf in dem ostafrikanischen Land zu Besuch. Rummenhohls Vater, der Bodenkunde studierte, arbeitet in einem Unternehmen, das Pflegeprodukte für Kranke und Alte vertreibt. Seine Schwester lebte eine Zeit lang in Marokko und Kamerun. Rummenhohl schrieb mit fünfzehn Jahren eine Facharbeit über Bootsflüchtlinge. Im nahe gelegen Steinhuder Meer in Niedersachsen, rund 150 Kilometer von seiner Geburtsstadt entfernt, lernte er Segeln.

Im Frühjahr 2016 sieht Rummenhohl in den sozialen Medien ein Foto von der Aquarius: Endlich fährt jemand mit einem großen Schiff raus, denkt er. Als angehender Schiffbauingenieur will er Zeit auf See verbringen.

Vom Boot ins Auffanglager

Bei dem Versuch, über das zentrale Mittelmeer nach Europa zu gelangen, sind laut UN-Büro in Genf im vergangenen Jahr mehr als 3.000 Geflüchtete ertrunken. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) zählte im Jahr zuvor mehr als 5.000 Tote. Die Dunkelziffer dürfte weitaus höher liegen.

Als 2014 die von Italien eingesetzte Operation „Mare Nostrum“ eingestellt wurde, gründeten sich mehrere zivile Seenotrettungsorganisationen, darunter auch SOS Méditerranée, die seit Einsatzbeginn, im Februar 2016, mehr als 29.000 Menschen das Leben retten konnten. Die Arbeit der Hilfsorganisationen wurde durch Abkommen, wie etwa die Malta-Erklärung, die eine stärkere Zusammenarbeit zwischen EU und libyscher Küstenwache vorsieht, sowie durch den von Italien eingeforderten Verhaltenskodex, erschwert. Hilfsorganisationen berichteten zudem immer wieder von Vorfällen mit bewaffneten Truppen auf hoher See. In den vergangenen Wochen wurde mehreren Rettungsschiffen die Einfahrt in italienische Häfen entweder ganz verwehrt oder erst nach langem Ausharren auf hoher See erlaubt.

Auf dem EU-Sondergipfel in Brüssel wurde im Asylstreit bekannt, dass für Bootsflüchtlinge geschlossene Aufnahmelager in der EU eingerichtet werden sollen. Geht es nach dem Willen der EU-Staaten, sollen zugleich auch Sammellager in nordafrikanischen Staaten entstehen. Für Hilfsorganisationen könnte das bedeuten, Bootsflüchtlinge nach einer Rettung nicht wie bisher nach Europa, sondern in solche Auffanglager bringen zu müssen.

In Deutschland ist gerade ein Jahr zu Ende gegangen, in dem die Flüchtlingskrise alles bestimmte. Rummenhohl hat in einer Flüchtlingsunterkunft gegenüber seiner Universität Integrationskurse und Deutschunterricht veranstaltet. Er will jetzt beides vereinen: humanitäre Arbeit und die Erfahrungen auf einem großen Schiff.

Am Morgen des 18. August kommt die Aquarius nach zweitägiger Überfahrt in der Rettungszone, östlich von Tripolis, an. „Am Anfang kann man sich das nicht vorstellen, wenn man durch das Fernglas guckt. Man hat so ein Schlauch- oder Holzboot ja noch nie gesehen.“ Über Funk kommt ein Notruf von der italienischen maritimen Seenotrettungsleitstelle mit einer Angabe der ungefähren Position der Boote. Wenige Tage später beginnt Till Rummenhohls erster Rettungseinsatz.

Babys, vernarbte Hände

Mit dem Fernglas sucht das Team in den Wellen nach einem kleinen weißen Punkt. Als sich die Aquarius dem Boot annähert, wird Rummenhohl erstmals bewusst, was 120 Menschen auf einem solch kleinen Fleck eigentlich bedeuten. „Man steht da, und zum Glück gibt es die anderen an Bord, die das vorher schon einmal gemacht haben – weil man sich der Situation in dem Moment so ausgeliefert fühlt.“ Die meisten im zwölfköpfigen Rettungsteam sind Seeleute oder Rettungsschwimmer.

Während zwei Crewmitglieder auf einem der Schnellboote, beladen mit Rettungswesten, an das Boot heranfahren, hört Rummenhohl an Deck lauter Stimmen durch das Funkgerät. Er hört, wie jemand aus der Crew den Geflüchteten erklärt, dass sie gekommen sind, um alle zu retten, aber dass es Zeit brauchen wird. Die Rettungshelfer müssen bei der Bergung dafür sorgen, dass keine Panik ausbricht, sonst kann das Boot kippen. Nach und nach kommen die Informationen; ob jemand gerade verletzt ist, im Sterben liegt oder schon tot ist.

Bei einer Rettung sitzt jeder Handgriff, jeder Ablauf kann routiniert abgerufen werden. Hilflos fühlt sich Rummenhohl in den Momenten, in denen er nicht mehr funktionieren muss. Er sagt, er sei an Bord der Aquarius gegangen, weil er es nicht aushalte, dass Menschen an Grenzen sterben. Es fällt ihm schwer, nicht mehr auf dem Schiff zu sein, bei der Crew.

Als im August 2016 die ersten Geretteten auf der Aquarius ankommen, steht er an der Leiter am Deck. Da ist ein Baby, das man ihm hochreicht. Eine vernarbte Hand, die sich ihm entgegenstreckt, eine hochschwangere Frau, die die Leiter nicht hochkommt. „Man ist am Ende, weil man erst danach realisiert wie schlimm das eigentlich alles ist“, sagt Rummenhohl. In den Momenten nach der Rettung ist er völlig erschöpft. Einerseits fühlt er sich glücklich wie nie, er hat Menschen in Sicherheit gebracht. Andererseits wird ihm erst dann bewusst, was die Geflüchteten auf dem Boot durchgemacht haben. Zwei Schichten an Deck sind nach der Rettung für die Crew verpflichtend. Rummenhohl bleibt länger, er hört sich fast alle Geschichten an, die da erzählt werden. Viele der Geflüchteten, die aus Nigeria, Ghana oder Bangladesch nach Libyen gegangen sind, um in Europa nach einem besseren Leben zu suchen, berichten von Folter, Vergewaltigung und Misshandlungen in den Lagern an der libyschen Küste.

Später am Nachmittag, bei der Feier der Hilfsorganisation in Berlin-Schöneberg, steht Rummenhohl am Bühnenrand und hört die Berichte anderer Rettungshelfer. „Ich muss immer aufpassen, dass es mich nicht zu sehr packt“, sagt er leise, bevor er selbst auf die Bühne tritt. In der Hand hält er den Text über den Geflüchteten Mohammed, einen jungen Nigerianer, der in Italien lebt. Er begleitet ihn, schreibt ihm Handynachrichten. Es ist schon eine Weile her, dass er das letzte Mal von Mohammed gehört hat.

Rummenhohl war ein halbes Jahr lang auf der Aquarius. Drei Missionen, jeweils maximal neun Wochen. Es ist die längste Zeit, die man als Rettungshelfer an Bord sein darf, danach ist eine sechswöchige Pause für alle in der Crew verpflichtend. Bei jeder Einfahrt in den Hafen kann man sich psychologisch betreuen lassen, auch jetzt kann Rummenhohl immer einen Psychologen anrufen, der das Projekt und die Umstände der zivilen Seenotrettung kennt. Er weiß, dass er über das Erlebte reden muss. Immer wieder spricht er mit Freunden und seiner Familie über die Erfahrungen auf dem Schiff; aber auch mit der Crew, mit der er an Bord war. Es sind die Einzigen, denen er sich nicht erklären muss.

Als er von seinem letzten Einsatz im September vergangenen Jahres zurückkehrt, findet er kaum in seinen Alltag zurück. Till Rummenhohl rettete während dieser Mission 6.000 Menschen das Leben. Es ist die Zeit, als die libysche Küstenwache in internationalen Gewässern zunehmend aktiv wird. Gleichzeitig fordern die italienischen Behörden die Unterzeichnung eines Verhaltenskodex und werfen den zivilen Seenotrettungsorganisationen vor, mit Schleppern zusammenzuarbeiten. Ein Boot der deutschen Seenotrettungsorganisation „Jugend Rettet“ wird in Beschlag genommen, als die Unterzeichnung verweigert wird. Die Situation im zentralen Mittelmeer wird immer unübersichtlicher.

Rummenhohl macht in dieser Zeit oft Frühschicht an Bord. Er steht um fünf Uhr morgens auf der Kommandobrücke und versucht, nahende Boote auszumachen. Er hört in die Dunkelheit hinein, nach Schreien oder Motorgeräuschen. Dann tauchen acht Boote auf. Er rennt, um das Team zu alarmieren. Dann sind es fünfzehn Boote. Als die Rettung beginnt, sind es dreißig. Rummenhohl rettet jetzt 36 Stunden hintereinander. An Bord ist er erschöpft, nicht nur körperlich. Auf seinen Missionen sieht er Tote. Bei einem der Einsätze fährt er an ein Boot heran, in dem 21 tote Körper liegen. Es sind alles Frauen.

In Rummenhohls Umfeld in Deutschland fragen sie sich, wieso er immer wieder dort rausfährt. Einige sagen ihm, dass ihn die Geschichten der Geflüchteten und das dort Erlebte kaputtmachen, zu sehr belasten. Die Eltern unterstützen ihren Sohn, sie sind stolz. Auch Rummenhohls Mutter glaubt, es müsse Tage geben, an denen er das Thema aus dem Kopf kriegt. Der Sohn redet dann von dem „unfassbaren Glücksgefühl“, anderen Menschen das Leben zu retten. „Das, was ich tatsächlich da draußen mache, das zweifle ich in keiner Weise an.“ Er sitzt im Vorstand von SOS Méditerranée, er erzählt in Schulklassen, Universitäten, Vereinen und auf seinem Blog von den Erfahrungen auf dem Mittelmeer. Es ist seine Form der Verarbeitung.

Die Odyssee scheint zu Ende. An Land geht sie für die Geflüchteten wieder von vorne los. Till Rummenhohl weiß um die Realität, die sie erwartet. Auch das muss er aushalten.

06:00 16.07.2018

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