Ewig wartend

Essay Was bedeutet Heimat in Zeiten der Globalisierung? Sprache und Alltag, sagt ein Israeli, der in Deutschland ein zweites Zuhause fand

Dass ich in Deutschland eine zusätzliche Heimat gefunden habe – wie kann das sein? Obwohl mein Englisch eigentlich besser ist, fühlt es sich selbstverständlich für mich an, den ersten in einer fremden Sprache verfassten Zeitungskommentar auf Deutsch zu schreiben. Deutschland ist ein Teil von mir geworden. Während der letzten sechs Jahre habe ich drei Jahre im deutschsprachigen Raum verbracht: ein Jahr in Wien, eines in Freiburg und ein weiteres in Berlin. Ganz selbstverständlich haben mich meine ersten Schritte in einen türkischen Supermarkt geführt oder in die Oper; im Frühling habe ich Spargel gekauft und mit einem großen Lachen eine Fahrkarte nach Frankreich. Das ging tatsächlich einfach so, ohne Checkpoints wie bei uns in Israel.

Heimat ist heute: Sprache und Alltag statt Zugehörigkeit zu einer Nationalkultur. In Zeiten der Globalisierung ist man dort heimisch, glaube ich, wo man seine gewohnten Vorlieben pflegen kann.

Letzten Winter hatte ich zudem eine Beziehung in Berlin. Damals lebte ich in einem Teil Neuköllns, in dem besonders viele Zuwanderer leben, während mein deutscher Freund in Schöneberg wohnte, einem Bezirk der Mittelklasse. Gerade dort wurde ich mit der Installation von Renata Stih und Frieder Schnock konfrontiert, auf der ich Sätze wie „Hier dürfen Juden nicht einkaufen“ lesen musste. Obwohl sich diese Installation bei den meisten meiner Freunde und Kollegen, auch jenen aus Israel, großer Beliebtheit erfreute, hatte ich persönlich eine eher negative Meinung dazu.

So ein Projekt konnte nur in einem de facto „judenfreien“ Ort, also in Deutschland nach dem Holocaust, realisiert werden, in dem man von Juden lediglich als Symbol sprechen darf oder kann. Der Jude ist in diesem Fall ein Opfer, aber auch privilegiert, ein „privilegiertes Opfer“ sozusagen. „Der Jude“ ist also keine Person, die tatsächlich einen Platz in diesem Land hat, die Teil des sozialen Handlungsraumes ist. „Der Jude“ ist kein Mensch, der Verantwortung für seine Taten übernehmen muss, im Gegensatz zu meinem Verständnis einer „globalisierten“ Heimat und ganz im Gegensatz zum realen Alltag der zahlreichen Juden, die heute in Deutschland leben.

Imperativ oder Projektion

Homi Bhabha, der aus Indien stammende bedeutende Theoretiker des Postkolonialismus, hat einmal von pädagogischen Imperativen gesprochen, mit denen der Staat seine Bürger anleitet. Dazu gehören die Nationalhymne, die Legislative, der Staatsapparat et cetera. Durch das alltägliche Leben kommt es jedoch zu Brüchen zwischen diesen Imperativen. Es funktioniert doch nicht alles so glatt. In der Regel stellen wir uns Begriffe wie „Adenauer“, „Brandenburger Tor“ oder „Volkswagen“ als transparente, einfach gegebene beziehungsweise vorgefasste Imperative vor, bis wir auf einen deutschen Bürger türkischer Herkunft stoßen, der mit diesen Begriffen ganz spontan und problemlos umzugehen versucht und sie damit brüchig macht. „Der Jude“, mit dem das Denkmal in Schöneberg arbeitet, ist ebenso „transparent“, nicht mehr als eine einfache Konstruktion ohne Widersprüche, einfach nur ein pädagogischer Imperativ. Oder eine Projektion.

Es gibt verschiedene Arten von Selektion. Manchmal kommen sie von außen, wie beispielsweise die rassische Selektion der Nazis zwischen Deutschen und Juden. Hier und da, vielleicht sogar noch häufiger, findet Selektion im Inneren statt, also bereit- und freiwillig. In ihr warten wir auf eine Erlaubnis, auf den Eintritt in ein Gelobtes Land, das all unseren Wünschen gerecht werden soll.

Franz Kafka hat das sehr richtig wahrgenommen. Er hat viel über Amerika geschrieben oder über eine undefinierte Heimat irgendwo im Süden, wie zum Beispiel in Das Schloß. Das größte Maß an Erwartung findet sich vielleicht in seiner Erzählung Vor dem Gesetz. In dieser Kurzgeschichte wartet ein Mann vom Land, bis der Torhüter ihm Einlass gewährt, um durch das Tor des Gesetzes treten zu dürfen. Er wartet dort sein ganzes Leben, bis er sehr alt geworden ist. Erst ganz am Ende, kurz vor seinem Tod, fragt er den Hüter des Tores, warum er der Einzige sei, der nach dem Gesetz verlange. Seine Antwort: Er sei der Einzige, der dafür geeignet sei, durch dieses Tor zu treten, das jetzt aber geschlossen werden würde.

Omri Ben-Yehuda ist Doktorand am DAAD-Zentrum für Deutschlandstudien der Hebräischen Universität Jerusalem und schreibt regelmäßig in Haaretz

Nun gibt es in Deutschland, vor allem in Berlin, viele Warteschlangen, in denen Menschen sich tagtäglich anstellen. Mit einer Erlaubnis, am Ende wirklich durch- oder hineingelassen zu werden, ist das nicht automatisch verbunden. In diesen Warteschlangen geht es in Wirklichkeit nur um das eine, um Selektion. Nur um ihretwillen stellen sich die Menschen an, nicht wegen eines Zieles oder einer Erlaubnis, sondern um selektiert zu werden. Die Teilnahme drängt das Ziel in den Hintergrund. Allerdings fehlt in Berlin jene Stille, wie bei Kafka; es gibt ja überall Leute, die mit einem warten. Die Stille und die Angst sind hier anders anwesend.

Ich habe mich über mich selbst gewundert, als ich zu einem Freund sagte, ich ginge nicht ins Berghain. Ich sei schließlich Jude, ich fände es komisch, dass ein Jude sich hier wieder in eine Reihe stellen muss, um ausselektiert zu werden. Auf diese Art habe ich erklärt, warum ich kein Symbol bin, kein pädagogischer Begriff. Und dennoch begreife ich mich selbst in dieser Situation als ein derart essenzialistisches Symbol und gar nicht als lebendiger Mensch. Aber warum eigentlich?

Deutschland ist nicht das einzige schreckliche Land in der Welt. Es gibt noch andere. Israel, mein eigenes Land, das von Flüchtlingen und Immigranten allein aufgebaut wurde, ist eines davon. Das ist leicht zu begreifen für jeden, der ein bisschen Sensibilität hat und andere Perspektiven einnehmen kann. Nicht viele aber wissen von Israels Missetaten in der Vergangenheit, als dieser Staat jung und, sagen wir, naiv war. In den 50er Jahren brauchte Israel neue Menschen, um die jüdische Mehrheit im Land zu sichern. In den Jahren nach der Shoah waren alle sehr tief in einen rassistischen Diskurs versunken. Wiederum handelte es sich um einen Konflikt zwischen Juden und Nicht-Juden. Der von europäischen Juden gegründete und im Grunde europäisch orientierte Staat war gezwungen, neues jüdisches „Menschenmaterial“ in Nordafrika zu finden. Doch der Staat wollte nicht alle.

Als ich noch einmal darüber nachdachte, warum ich so über die Menschenschlangen im Berghain geantwortet habe, habe ich verstanden, dass ich von meinem eigenen Trauma spreche, das von Generation zu Generation in meiner Familie weitergegeben wird. Vor drei Jahren veröffentlichte ich einen langen Artikel im Feuilleton von Haaretz mit dem Titel: „Alle wussten, wussten, ohne zu wissen, um die selektive Einwanderung aus Marokko.“ Der Artikel handelte von einem verdrängten Thema, nämlich der Selektion kranker und behinderter Juden marokkanischer Herkunft, die in dieser Zeit nicht nach Israel immigrieren durften. Es kam sogar vor, dass Kinder und Jungendliche von ihren Eltern getrennt wurden. Einer jener Jugendlichen war mein Großvater Abraham, der wiederum seinen Großvater Benjamin in Marokko zurücklassen musste. Interessant ist aber, dass damals alle davon wussten: der große Dichter Nathan Alterman schrieb zahlreiche kritische Gedichte darüber. Ähnlich war es im Falle der Nakba, des Traumas des palästinensischen Volkes von 1948; auch hier wusste die Öffentlichkeit sofort davon. Erst im Laufe der Zeit wurde über diese Ereignisse zunehmend geschwiegen.

Literatur und Theologie

Und so begann ich zu verstehen, dass „Identity Politics“ und Performance mehr miteinander zu tun haben könnten. Diese Geste des Wartenden, der hofft, der zu hoffen verlangt und hofft zu verlangen, hat mich (in meinem Fall nur theoretisch) in die klassische verletzende Situation des Juden versetzt. Und so wurde das pädagogische Symbol ein Teil meiner eigenen Performance. Statt eines Bruches oder eines Kontrasts wurden die beiden vereint.

Wer in einer Schlange steht, wird irgendwie Jude. Der Erzähler in Imre Kertészs Roman eines Schicksallosen sagt, dass er nichts von der Bedeutung des Judeseins wusste, erst als man, so erinnere ich es ein wenig frei, zu marschieren beginnt. Das Dasein eines Juden oder eines Flüchtlings, der nach einer Erlaubnis verlangt, nach „ja“ oder „nein“, könnte jeden von uns treffen.

Es hat auch sehr viel mit jüdischer Literatur und Theologie zu tun, wie bei Franz Rosenzweig, der einmal sagte, der „jüdische Mensch“ sei der „ewig Wartende“, der „das Übergebliebene von ihm, am Ufer stehen bleibt“. Dieser Zustand kommt am besten in einem Gedicht der Lyrikerin Rachel (Bluwstein) zum Ausdruck. In einem ihrer Texte, in dem es um die biblische Figur Mose geht und das zu den bekanntesten Zitaten der neuhebräischen Literatur zählt, schreibt sie: „Das Herz horcht; die Ohren horchen / Kommt er? Wird er kommen? / In jeder Erwartung / Liegt Neboskummer.“ Von dem Berg Nebo aus sah Moses einst das Gelobte Land, ohne es aber jemals betreten zu dürfen.

Saul Friedländer sagte, Hitler kannte keine Juden, nur „den Juden“. Vielleicht ist Hitlers Jude meinem gar nicht so unähnlich: Statt des geldsüchtigen Kommunisten ist er heute einfach jemand, der wartend um Gehör bittet. Man kann auch nicht verneinen, dass Elias Khoury ganz recht hatte, als er die Palästinenser „die neuen Juden“ nannte. Vielleicht kann sich gerade in Deutschland, meiner globalisierten Heimat sozusagen, eine erste Welle des Widerstands gegen jede Art, und zwar absolut jede, von Selektion unter Menschen bilden.

06:00 19.01.2015
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