Ex oriente lux

Miniaturen In den ersten beiden Bänden der "Trilogie des Umbruchs" des Chemnitzer Schriftstellers Rainer Klis geht es auch um die Erfahrung der plötzlichen Arbeitslosigkeit

Er schreibt es dem Westonkel als Widmung ins erste eigene Buch: Ex oriente lux! Als Revanche für die Weihnachtsgeschenke: mehrere Stückchen Seife, Deo-Spray, vier Schachteln Ernte 23, Wirgley´s Spearmint, eine Dose Ölsardinen und eine Packung Feigen. Eine Widmung, die unterm Weihnachtsbaum einen Dialog auslöst: Der Westonkel schlägt das Buch auf: "Das hast du geschrieben?" - "Ein Dichter, mein Schwiegersohn!", sagt der Schwiegervater. "Verdient nur nix", sagte Tamara. "Aber er hat ja mich, nicht wahr?"

Zu diesem Zeitpunkt ist Tamara noch Rudi Gelders, des Dichters, Ehefrau. Monate später - im deutschen Osten hat sich die friedliche Revolution ereignet - ist sie es schon nicht mehr. Der Chef der westdeutschen Kaufhauskette, die blitzschnell in Karl-Marx-Stadt freigewordenes Terrain besetzte - der Stadt war noch nicht mal die Zeit geblieben, sich in Chemnitz zurück zu benennen -, hatte seine Liebe zu Tamara entdeckt und sie mit fürsorglichen Händen zur Chefin der Sportabteilung empor gehoben. Am Ende bleiben Rudi, abzüglich seiner Unterhaltszahlungen, 50 Deutsche Mark und die unsichere Hoffnung, als Vertreter für Schmierstoffe wieder auf die Beine zu kommen. Der Leser darf die Hoffnung allerdings nicht teilen, denn der vom Dichter zum Vertreter mutierte Rudi Gelder umsorgt in der letzten Szene des Romans zwei Vertreter der Zeugen Jehovas in seiner Wohnküche. Die Rebellion wird abgesagt.


Rainer Klis, Jahrgang 1955, gebürtiger Chemnitzer, greift in seinem vor drei Jahren erschienenen ersten Roman Der Abend des Vertreters kräftig hinein in ostdeutsche Lebenserfahrung. Die eigene Vita bleibt am Rande. Zwar verbindet ihn mit seinem Protagonisten die Lehre zum Maschinenschlosser, aber schon mit 18 findet Klis für sich eine Abzweigung zum Buch. Die ist sehr weitläufig, denn vorerst leitet er den Fuhrpark der Evangelischen Verlagsbuchhandlung in Chemnitz. Zu diesem Zeitpunkt liegen die ersten lyrischen Versuche bereits hinter ihm. Früheste Prosarbeiten gelangen in die Hände von Franz Fühmann, einem Förderer junger Autoren in der DDR, und der spendet Lob, was wiederum beim Verfasser Ehrgeiz weckt. Die Wehrdienstverweigerung hätte ihn beinah von einem Studienplatz am Leipziger Literaturinstitut ausgeschlossen. Das eingereichte Dutzend Seiten mit Kurz- und Kürzestprosa, das von allen drei Prüfern das fürs Leipziger Institut rare Prädikat: "unbedingt immatrikulieren" erhält, drängt politische Zweifel am Bewerber erst einmal ab.

In die DDR-Literatur bricht Klis mit zwei auflagenstarken Miniaturenbänden ein: Aufstand der Leser (1983) und Hinter großen Männern (1986), beide erscheinen im Mitteldeutschen Verlag, wo man eine Lizenzausgabe bei S.Fischer im letzten Moment durch die Anforderung neuer Gutachten (für bereits erschienene Bücher!) zu verhindern weiß. Im Herbst ´89 engagiert er sich beim Neuen Forum, gehört zu den SPD-Gründern in Chemnitz und erwirbt mit der Gunst der Stunde - weniger mit eigenem Geld! - fünf Buchhandlungen in der Chemnitzer Region. Versuche, die am Feierabend eines Buchhändlers entstehenden Miniaturen einem deutschen Großverlag zu offerieren, scheitern - man will Romane. Der Chemnitzer Verlag hält dem Lokalmatador die Stange und druckt 1993 den Miniaturen-Band Rückkehr nach Deutschland. Darin dieser Text:

Der Rabe vor dem Haus
Es lebte ein Mann, vor dessen Haus sich eines Tages ein Rabe niederließ, um ihn, wenn er vor die Tür trat, sofort anzugreifen.
Da gab der Mann es auf, sein Haus zu verlassen. Schließlich bat er seine Freunde, auch dem Raben etwas von dem Brot, das sie ihm brachten, zu geben. Einige Jahre vergingen, in denen der Mann sich quälte, warum er es war, vor dessen Haus sich dieses Tier niedergelassen hatte.
Darüber wurde der Mann zum Dichter und starb. Kurz darauf starb auch der Rabe.

Klis´ Geschichten kürzester Art schließen auf höchst eigene Weise bei Daniil Charms an, drehen und wenden mit äußerster Sprachökonomie die Ausgangslage, bis sie Philosophisches, meist schwarzhumorig verkleidet, hergeben. Man hat das Gefühl, der Jung-Lyriker existiere in seinen Miniaturen fort.


Die fünf Buchhandlungen erweisen sich bald als zu großes Handicap, um sich frei unter freien Schriftstellern zu bewegen. Heute betreibt Klis eine Buchhandlung in seinem jetzigen Wohnort Hohenstein-Ernstthal, rund 20 Kilometer vor Chemnitz. Seit Mitte der neunziger Jahre unternimmt er regelmäßig Reisen zu den Indianern Amerikas und erzählt davon in den Reisebüchern Streifzüge durchs Indianerland (1999) und Im Land der Crow (2002), die beide wiederum im Chemnitzer Verlag erscheinen. Klis erhebt darin gegen seinen Nachbarn Karl May (der wurde 1842 im vorerzgebirgischen Ernstthal - heute Hohenstein-Ernstthal - geboren!) das Kriegsbeil, denn er ist viel zu sehr von der Kultur der Indianer beeindruckt, um anderes als Erlebtes aufzuschreiben. Natürlich lebt er mit den Reisen durch die Wildnis Kanadas, den Pferderitten über die Rocky Mountains, die Black Hills, in die Wüsten Arizonas und das Canyon-Land sein Abenteurertum aus, aber die Berichte davon sind immer auch eine Verbeugung vor den amerikanischen First Nations. In einem Lexikon, das er seinem Band Streifzüge durchs Indianerland anfügt, macht Klis Deutschlands Abenteuerschriftsteller Nummer eins alles andere als Komplimente: Der habe, schreibt er, "das verkitschteste Bild, das je von den Indiandern gezeichnet wurde, verfertigt ... sein Werk ist durchzogen von christlich-schwülstigen Einlassungen und einer nicht zu übersehenden Deutschtümelei".

Liest man nicht nur, wogegen diese Lexikonzeilen sprechen, sondern auch wofür, dann weiß man, dass Klis ein Autor mit sakro-sanktem Realitätssinn ist. So war es nur noch eine Frage der Zeit, wann er mit einem Gegenwartsstoff aufwartete. Vor drei Jahren legte er den Roman Der Abend des Vertreters vor, einen Entwicklungsroman, den man gut und gern als Schelmenroman lesen kann. Er beginnt mit dem Satz: "Du willst ein Mann werden!" und erzählt im Auftaktkapitel von des Vaters kopfschüttelnden Versuchen, seinem Sohn das Schwimmen beizubringen. Für den Sohn ist der Waschraum des städtischen Schwimmbads bereits ein Vorzimmer zur Hölle, in dem außer des Vaters Zorn auf seinen versagenden Sprößling dichter Nebel herrscht. Klis schlägt den biographischen Bogen von dieser Station des achtjährigen Rudi bis zum Besuch der Zeugen Jehovas beim Schmiermittelvertreter Rudi Gelder und nimmt dabei die 89er Ereignisse in die erzählerische Mitte. Überraschend - aber wohl nur so literarisch interessant - wirken sie für den Romanhelden nicht als Treibmittel zum großen Aufbruch, sondern eher als Schmiermittel ins stille Vertreterleben (für Schmierstoffe!).

Der Roman mit 33 Kapiteln auf knapp 160 Seiten ist unübersehbar nach dem Muster seiner Miniaturen geschrieben. Erfasst den Leser ein größerer epischer Wind, setzt der Autor seinen Fluggast bald schon wieder ab. Dabei vermag Klis szenisch einiges auf die Beine zu stellen. Von ihm wird die Welt nicht nur angeschaut, sondern auch erschnüffelt. Man halte sich an die Beschreibungen der Gerüche, die Klis für das Atmosphärische seines Romans aufbietet: Aus den Bodenrosten im Stadtbad streifen Vater und Sohn "ein Geruch von Gebratenem und alter Pisse", der halbwüchsige Rudi hat sein erstes erotisches Abenteuer in einem Goldrutengestrüpp, in dem er mit Schulfreunden eben noch Indianer gespielt hatte, wo es "nach faulem Heu, nach Schutt und heißen Karkassen" riecht, auf der Fahrt zur ersten richtigen Freundin muss er "an den Geruch von Vaters getragenen Hemden und den Rauch seiner filterlosen kubanischen Zigaretten" denken. Gerüche gehen noch so einige Male von den Romanseiten aus, Erzählbeulen mit Nebengeschichten seltener. Es scheint, als veranlasste die an Miniaturen geübte ökonomische Gundveranlagung beim Erzählen zur Kurz-und-knapp-Variante. Dem Text verschafft es Dichte, gewiss, aber auch den Eindruck, dass sich der Erzähler selbst an kurzer Leine führt.


Man durfte gespannt sein, wie sehr sie sich im zweiten Roman Nacht der Kavaliere entspannte. Klis verlässt hier seine Figuren aus Der Abend des Vertreters, unternimmt einen kleinen zeitlichen Sprung in die späten neunziger Jahre, aber bleibt sich doch in vielem treu. Die Absicht, eine Trilogie des Umbruchs zu schreiben, wird an seinem Blick auf den Osten Deutschlands und die Nachwendejahre deutlich. War Rudi Gelder bereits einer, der kaum das Zeug dazu besaß, seinen persönlichen Nutzen aus der deutschen Vereinigung zu ziehen, so wiederholt sich dies bei Freia Friedrich, der Protagonistin in Nacht der Kavaliere. Den Roman eröffnet die schmerzliche Nachricht, dass Freia Friedrich, 44-jährige Schauspielerin an einem kleinen Theater, ihre Beschäftigung verloren hat. Ähnlich Rudi Gelder weiß auch Freia Friedrich ihre Niederlage mit Stolz und Würde zu nehmen. Der Arbeitslosigkeit folgt nicht der Sturz in die Depression. Im Gegenteil: Plötzlich eröffnen sich für die Protagonistin neue Aussichten und Einblicke, besonders in die Männerwelt. Vier Bewerber sind es, die gleich Planeten den Fixstern Freia umkreisen: Herbert, verheiratet und mit wenig Neigung seine Ehe zu beenden, die er vor der Geliebten in nächtlichen Bettgesprächen schon längst als gescheitert abgeschrieben hat; Rüdiger, ein skurriler Uhrmacher mit der größten Liebes- und Balzfähigkeit von allen und der faszinierenden Gabe zur Prophetie; Harry, der Verflossene, der wegen des Verdachts auf Seitensprung seiner Frau die Ehe zwar beendet, aber nicht mit Freia abgeschlossen hat; und Theo, der Regisseur und Vater der mit Freia gemeinsamen Tochter, der sich nicht mit dem Ende seiner Verführungskraft abfinden kann. Diese glorreichen Vier eröffnen Freia eine Wahl, die sie am Theater zwischen Proben und Premieren weder wahr- noch angenommen hätte.

Klis erzählt aus der Figur einer Frau heraus vom Alltag in einer Provinzstadt, wo man sich im rechten und unrechten Moment übern Weg laufen kann. Dass Freia am Ende keinen der vier Bewerber wählt, sondern ein ganz anderes Abenteuer eingeht, sei hier nur angedeutet, um dem Leser die Pointe nicht ungefragt aufzulösen. Die Schlüsse seiner Romane sind bei Klis ein besonderes Vergnügen. Mag der Beginn des Romans nach einer Dialogszene und den Entreés der Personage auch etwas spröde sein, bald entwickelt sich ein regelrechter Lesesog. Je mehr die Hauptperson aus ihrer Rolle einer Kleinstadt-Berühmtheit fällt und die plötzliche Arbeitslosigkeit sie lehrt, zu nichts mehr verpflichtet zu sein, je rasanter und ausgelassener dreht sich der Reigen. Mit schlitzohrigem Humor treibt es der Autor wild und übermütig mit seinen Figuren: Freia lässt er in ein Leben zurückfinden, das sie nicht nur in der Wahl der Männer selbst bestimmt. Auf dieser inneren Linie des Erzählens ist das Ende des Romans so folgerichtig wie überraschend - immer noch voller Würde, aber für den einen oder anderen Leser mit weniger Anstand.

Die Erfahrung der Arbeitslosigkeit, die über den deutschen Osten eingebrochen ist, macht Klis als Erzähler weder zum Rächer noch zum Sozialarbeiter. Er gibt ihr literarisch den Rang, den sie in der Lebenserfahrung fast jeder Familie zwischen Arkona und Zittau - genauso wie zwischen Flensburg und Passau - mittlerweile hat und sucht dabei paradoxerweise nicht nach den Gründen des Versagens, sondern nach Gelegenheiten. Darin mag man Klis´ Widmungsspruch "Ex oriente lux" nicht missverstehen, genauso wie den Namen seiner Protagonistin Freia nicht, der sich auch ohne "a" denken lässt. - Der dritte Roman in dieser Trilogie des Umbruchs ist noch ohne Erscheinungsjahr angekündigt - eine Fortführung, die die Frage stellt: Wohin fortführen?

Bücher von Rainer Klis:

Weil Gott Amerikaner ist. Geschichten aus Sibirien und Afrika. Chemnitzer Verlag, Chemnitz 2004, 11 EUR

Mann ohne Pferd. Chemnitzer Verlag, Chemnitz 2004, 176 S., 9, 50 EUR

Nacht der Kavaliere. Roman. Faber, Leipzig 2003, 140 S., 18 EUR

Im Land der Crow. Chemnitzer Verlag, Chemnitz 2002, 191 S., 15 EUR

Der Abend des Vertreters. Faber, Leipzig 2001, 156 S., 6 EUR

Streifzüge durchs Indianerland, Chemnitzer Verlag, Chemnitz 2000, 266 S., 15, 20 EUR

Rauchzeichen. Brevier zur Havanna. Chemnitzer Verlag, Chemnitz 1998, 64 S.,
2, 50 EUR


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00:00 03.09.2004

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