Exil im Licht

Retrospektive Eric Isenburger ist ein kommender Star, bis die Nazis ihn und seine Frau Jula zur Flucht zwingen. Gegen das Dunkel der Zeit setzt er die Lebendigkeit seiner Bilder

Die Figuren wirken wie Geister. Zarte, leuchtende Linien geben ihnen Kontur. Wie Foto-Negative erscheinen die Gemälde. Eine Frau, der Oberkörper entblößt, liegt da und liest. Eine Tänzerin hält die Arme hinter dem Rücken verschränkt. Der Kunstkritiker und Verleger Paul Westheim thront in einem Sessel, die Augen zusammengekniffen, mit runder Nickelbrille. Eric Isenburger, der diese Bilder zu Beginn der 1930er malte, hat die Leinwand dafür zunächst in bunten Farben grundiert. Waren sie getrocknet, dann übermalte er sie mit Schwarz. Teile dieser Farbe nahm er jedoch gleich wieder ab – mit einem Schwamm oder der Rückseite eines Pinsels. Seine Figuren, seine Landschaften kratzte er aus den Bildern heraus. Isenburgers Gemälde wirken dynamisch, fiebrig und düster. Während er sie anfertigte, hörte er in seinem Atelier Jazz, von Cab Calloway oder Duke Ellington.

Die Kritiker waren begeistert: Mit den Gemälden, für die er die Kratztechnik verwendete, habe der junge Künstler, Jahrgang 1902, seinen Stil gefunden. Als „dunkel, dramatisch, sehr deutsch“ wurde sein Werk gefeiert. Doch ihr Lob konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass Isenburgers kurze Karriere bereits so gut wie vorbei war. Aus seiner Heimat, der Metropole Berlin, wo Marlene Dietrich und Josef von Sternberg den Künstler gerade erst um Porträts gebeten hatten, musste Isenburger mit seiner Frau, der aus Polen stammenden, fünf Jahre jüngeren Ausdruckstänzerin Jula, fliehen – weil sie Juden waren.

Eine Ausstellung in der Galerie von Wolfgang Gurlitt, einem Cousin von Hildebrand Gurlitt, der für das in Linz geplante Führermuseum später die Kunstwerke zusammentragen sollte, hatte den Künstler kurz zuvor auf einen Schlag bekannt gemacht. Seine Bilder hingen dort auch noch, als Adolf Hitler Ende Januar 1933 Reichskanzler wurde. Aus dem kurzen Ruhm war vehemente Ablehnung geworden, in der NS-Publikation Der Deutsche Student war ein rüder Verriss der Schau erschienen. Geschrieben hatte ihn ausgerechnet ein Künstler, den Isenburger selbst seinem Galeristen empfohlen hatte. Gewarnt von Gurlitt flüchtete das Paar mit dem Zug nach Paris. Ein paar Tage später erschien ein Nazi-Trupp in der Galerie und beschlagnahmte einen Teil der Werke.

Ein symbiotisches Paar

Von Frankfurt nach New York heißt die Ausstellung, die im Frankfurter Museum Giersch von dieser Flucht, von den durch den Lauf der Geschichte beschädigten Künstlerkarrieren von Eric und Jula Isenburger erzählt. Ab März wird sie in Solingen im Zentrum für verfolgte Künste zu sehen sein, ab Juni im Kunstmuseum Bayreuth. Dass die Schau zuerst in Frankfurt gezeigt wird, hat seinen Grund: Eric Isenburger war in der Stadt am Main geboren und aufgewachsen. Und dort lernte er 1925 auch Jula Elenbogen kennen, die er zwei Jahre später heiraten sollte.

In Wien, wo das Paar zunächst lebte, begann Jula Isenburger eine vielversprechende Karriere als Tänzerin. Sie lernte bei der legendären Choreografin Gertrud Kraus, es folgten Engagements in Berlin und Paris, unter dem Künstlernamen Jula Géris tanzte sie zur Musik von Béla Bartók, Paul Hindemith oder George Gershwin. Die Frankfurter Ausstellung zeigt auch, wie gut sich das Künstlerpaar ergänzte: Jula Isenburger war es, die ihrem Mann die Aufträge der Theater und Tanzgruppen besorgte. Die Tanzenden, für die er Auftragswerke schuf, bildeten auch die Motive seiner freien Arbeiten.

Die Ausstellung ist die erste umfassende Retrospektive des Künstlers, der 1994 in New York verstarb, sie könnte der Ausgangspunkt einer Wiederentdeckung sein. Denn Isenburger, der auch auf der Flucht durch Europa und später im amerikanischen Exil weiter malte und zeichnete, blieb zeit seines Lebens ein von der Kunstgeschichte weitgehend Vergessener – obwohl seine Arbeiten sogar vom renommierten Museum of Modern Art (MoMA) gesammelt wurden.

Dicht an dicht hängen Isenburgers Werke in den Kabinetten des Museums: Viele Porträts, die meisten von ihnen zeigen Jula; Landschaftsbilder, die in Spanien, Italien oder Südfrankreich entstanden sind; feinstrichige, reduzierte Zeichnungen von Mithäftlingen in den Internierungslagern in Les Milles und Saint-Nicolas; Stillleben, die an Cézanne erinnern. Der bewegendste Raum der Schau zeigt Plakate, Skizzen für Kostüme und Bühnenbilder im Stil der Expressionisten, die Isenburger für die Auftritte seiner Frau oder die Wilnaer Truppe, ein von Juden betriebenes Wandertheater der Zwischenkriegszeit, angefertigt hatte, daneben hängen Szenen aus dem Nachtleben. Die Figuren erschuf Isenburger mit schnellem Strich auf Papier, die Plakate zeugen von seiner Kunstfertigkeit als Grafiker, in allem steckt eine ungeheure Lebendigkeit, steckt Begeisterung für die Bewegungen, die Musik, das Neue.

Vor allem aber malte Isenburger seine Frau. Ein frühes Porträt zeigt sie nachdenklich, die Arme schützend um den Körper geschlungen, in kräftigen Farben. Als Tanzende erscheint sie selbstbewusst, der Kopf ist zur Seite geworfen, die Mimik ausdrucksstark. Ein Doppelporträt zeigt das symbiotische Paar: Auf Julas Körper erkennt man den umgekehrten Kopf von Eric. Ein Bild aus den 1980ern, noch immer sichtbar von den französischen Spätimpressionisten geprägt, zeigt Jula mit ergrautem Haar. In sich gekehrt, ruhig erscheint sie in einem geschwungenen Sessel, der Rock ist leuchtend rot.

Was Eric Isenburger als Künstler nie interessierte, waren Politik und Zeitgeschehen. Es gibt in seinen Bildern keine Hinweise auf die andauernden Fluchtbewegungen des Paares, keine Verweise auf die Nazi-Diktatur, keine Auseinandersetzung mit den Kriegsverbrechen. Selbst die Zeichnungen, die er als Internierter in den südfranzösischen Lagern von seinen Mitgefangenen anfertigte, sind klassisch-schlichte Porträts. Die Zeitgeschichte, die seinem und Julas Leben so übel mitgespielt hatte, fand keinen Einlass in sein Werk. Es wirkt beinahe so, als wollte er dem Unheil mit seiner Kunst trotzen. Oft erscheint sie wie ein Gegenentwurf zur bitteren Wirklichkeit, wie eine aus der Vergangenheit erinnerte Utopie. Mit der Schönheit der Malerei gegen das Elend der Zeit.

Auf abenteuerliche Weisen gelang Jula und Eric Isenburger die Flucht aus den Lagern, eine Zeitlang versteckte sich das Paar in Nizza. Im Frühjahr 1941 erhielten die beiden endlich ihr Visum für die Vereinigten Staaten. Auch Alfred Hamilton Barr Jr., der damalige MoMA-Direktor, hatte sich für das Paar eingesetzt. Über Spanien und Lissabon glückte den Isenburgers auch diese letzte Flucht, die sie und eine versiegelte Kiste mit Kunstwerken auf ein Schiff nach New York brachte. An Bord zeichnete der Künstler schon wieder Porträts der Mitreisenden. Die erste Mahlzeit auf amerikanischem Boden nahm das Paar am 3. Juni 1941 auf Ellis Island zu sich: „Knackwürstchen und Sauerkraut“.

Info

Von Frankfurt nach New York – Eric und Jula Isenburger Museum Giersch, Frankfurt am Main, bis 11. Februar 2018

06:00 21.01.2018

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