Exodus der Musterschüler

Bildungshunger Die Kinder vietnamesischer Vertrags­arbeiter gelten als Vorbilder der Integration. Doch viele von ihnen wandern aus

Sie machen häufig Abitur und gehören zu den Klassenbesten. Ihre Eltern haben meist nur eine einfache Ausbildung, oft Sprachprobleme, stehen 14 Stunden am Tag im Gemüseladen. Und doch gelten die Kinder der vietnamesischen DDR-Vertragsarbeiter als Musterschüler der Integration, beweisen, was Bildungsehrgeiz vermag. Aber ist es wirklich so gut bestellt um die Integration der zweiten Generation der Vertragsarbeiter aus Fernost? Könnte es nicht sein, dass der Bildungshunger ihrer hier geborenen Kinder einen ganz anderen Grund hat als dauerhafte Integration in die bundesrepublikanische Gesellschaft?

Studien zur beruflichen Zukunft gibt es für die Nachkommen der Vertragsarbeiter nicht. In der DDR durften diese keine Kinder bekommen. Die ältesten Vertreter der im vereinten Deutschland geborenen zweiten Generation sind heute meist erst 20 Jahre alt. Doch es gibt Indizien, dass viele vietnamesische Jugendliche ihre Zukunft nicht etwa hier, sondern in der boomenden vietnamesischen Wirtschaft sehen.

Dietrich Lederer ist Geschäftsführer des Kulturvereins in Lichtenberg, dem Berliner Bezirk, in dem die meisten der rund 13.000 Vietnamesen der Hauptstadt wohnen. Ihm fällt schon lange auf, dass die zweite Generation sich auf bestimmte Studiengänge konzentriert – Wirtschaft, Medizin, Pharmazie, Informatik und Ingenieurberufe. Das sind Fächer, deren Absolventen in Vietnam gebraucht werden. Die Bundesrepublik sucht dagegen dringend Lehrer, Sozialarbeiter und Polizisten mit Migrationshintergrund. Doch unter vietnamesischen Schülern finden sich keine Bewerber.

Tamara Hentschel vom Verein „Reistrommel“ in Berliner Bezirk Marzahn sagt: „Die Berufswahl der vietnamesischen Abiturienten wird meist von den Eltern vorgenommen. Einige richten sich nach dem Arbeitsmarkt in Vietnam, einige nach dem Arbeitsmarkt in Deutschland, und wieder andere nach ganz irrationalen Kriterien.“

Rente in Vietnam

Hien Nguyen studiert im dritten Semester Betriebswirtschaft. Ihr Wunschfach war das nicht: „Ich wollte Psychologin werden.“ Aber das haben die Eltern nicht akzeptiert. „Ich soll mich nicht mit Verrückten abgeben. Außerdem sei der Beruf in Vietnam nichts wert.“ Die 20-Jährige weiß, was von ihr erwartet wird: Mit dem Hochschulabschluss soll sie sich in Vietnam einen Job suchen und heiraten, natürlich einen Mann aus einer reichen Hanoier Familie. Denn mit einem deutschen Diplom ist sie am Roten Fluss eine gute Partie. Später soll sie ihre Eltern nachholen, die in Deutschland einen Laden betreiben. „Sie haben einfach den Wunsch“, sagt die Studentin, „ihre Rente in Vietnam zu verbringen.“

Das wollen viele ehemalige Vertragsarbeiter – und das hat mit der schlechten hiesigen Willkommenskultur zu tun. Nach der Wende bekamen sie stets nur befristetes Aufenthaltsrecht. Die Folge: Die erste Generation sah Deutschland als Land an, in dem man vorübergehend Geld verdiente, nicht als Heimat. Von ihren Einkommen bauten sich die Migranten in Vietnam Häuser, für ihre Eltern und „die Zeit danach“. Diese Einstellung geben viele an ihre Kinder weiter.

Schon Anfang 2009 hat das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung in einer Studie zu der meist hoch gebildeten zweiten Generation der Zuwanderer aus Fernost festgestellt: „Ein Teil dieser Personen wird also eines Tages in die Heimat zurückkehren wollen.“ Die meisten davon sind Vietnamesen, die Einbürgerungsquote ist im Vergleich zu gut Qualifizierten aus anderen Regionen außerordentlich gering.

Frappierend ist die Selbstverständlichkeit, mit der manche jugendliche Vietnamesen die Erwartung ihrer Eltern übernehmen, später gemeinsam in deren Heimat zu leben. Ein Interviewband der Schauspielerin Elli Fritze, die im Rahmen eines Theaterworkshops mit jungen Berliner Vietnamesen gesprochen hat, belegt dies. Die 13-jährige Anh zum Beispiel begründet ihren Wunsch, Ärztin zu werden, so: „Ja, also meine Mutter findet es besser, wenn ich hier zur Schule gehe und auch hier studiere. Sie findet es besser, wenn ich in Vietnam arbeiten werde. Deshalb lerne ich auch Vietnamesisch. Wenn man hier studiert hat, dann nehmen sie einen. Sie finden ja Deutschland ganz schön und toll.“ Andere Jugendlich zerbrechen an der Erwartung der Eltern: Sie sollen zu Hause nicht Deutsch sprechen, Sozialkontakte außerhalb der Schule werden ihnen verwehrt.

Werbung um Rückkehrer

Die Regierung in Hanoi wirbt übrigens ganz offen um die Rückkehr qualifizierter vietnamesischer Auswanderer und ihrer Kinder. Sie sollen helfen, das boomende Land voranzubringen. Vietnam lässt sich das einiges kosten. So ging etwa Kanal VTV4 auf Sendung, der eigens für die 3,5 Millionen Auslandsvietnamesen konzipiert ist und an ihre patriotischen Gefühle appelliert. Die Botschaft unterstützt zwecks Stärkung der Heimatbindung auch vietnamesische Vereine. Die sehen vietnamesische Sprachkurse für hier geborene Kinder als eine ihrer wichtigsten Aufgaben an, weil das die Kommunikation mit den schlecht Deutsch sprechenden Eltern verbessert. Deutschkurse muss man dort hingegen mit der Lupe suchen. Im Sommer organisierten die Diplomaten aus Hanoi mit Unterstützung von Sponsoren aus Vietnam ein Fußballturnier vietnamesischer Mannschaften aus deutschen Städten. „Deutscher Meister“ wurde Magdeburg. Integration sähe anders aus.

Vietnam, auf dem Weg von Entwicklungs- zum Schwellenland, hat jedes Recht der Welt, im Ausland um die besten Köpfe zu werben – insbesondere um Menschen mit vietnamesischen Wurzeln. Problematisch wird das nur, wenn der Bundesrepublik, in der viel über Fachkräftemangel geklagt wird, die „Musterschüler“ der Integration keine besonderen Bemühungen wert sind.

In Berlin-Lichtenberg gab es einmal ein Projekt für vietnamesische Grundschüler. Sozialpädagogen trafen sich mit ihnen jeden Samstag und in den Ferien und erkundeten ihre alltägliche Umgebung, gaben ihnen das Gefühl, ein Teil des Bezirks zu sein. Man besuchte gemeinsam den Tierpark und feierte Fasching, während die Eltern im Laden arbeiteten. Vor wenigen Monaten wurde das Projekt eingestellt – die Kinder waren dem Grundschulalter entwachsen. Ohne solche Projekte werden ostdeutsche Kommunen eines Tages feststellen müssen, dass die jungen Vietnamesen, die einmal die Leistungsträger in den Schulen waren, ausgewandert sind.

Marina Mai ist freie Journalistin in Berlin

11:00 30.10.2010

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sozenschiss | Community
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