Exodus oder Arbeitsteilung?

Replik zu Wolfgang Müllers Offshoring-Texten im "Freitag" Eine Dramatisierung lähmt die Debatte

Im ersten Teil seiner Betrachtungen zu einem expandierenden Job-Export (Freitag 47/05) in Niedriglohnländer hatte sich Wolfgang Müller mit Konsequenzen des "Offshorings" nicht nur für den deutschen Arbeitsmarkt, sondern auch für das Innovationsvermögen ganzer Branchen und Volkswirtschaften beschäftigt. Er verwies darauf, dass dieser Exodus inzwischen die Kern-Kompetenzen großer Firmen erfasse und dazu führe, auch Forschungs- und Entwicklungskapazitäten auszulagern. In Westeuropa stehe - nicht zuletzt für klassische Bürotätigkeiten - der "Big Bang" noch bevor. Die Gewerkschaften - so der Autor im zweiten Teil seiner Ausführungen (Freitag 49/05) - müssten sich dieser Situation stellen. Bisherige Vorschläge der Arbeitnehmervertreter griffen oft zu kurz: Eine europäische Tarifpolitik allerdings sei schwer vorstellbar, da sich die Einkommen selbst innerhalb der EU absehbar nicht angleichen würden. Auch international geltende Arbeitsnormen schützten eher vor extremer Ausbeutung, als "Offshoring" zu verhindern. Albrecht Müller und Kai Ruhsert warnen mit ihrer Replik in dieser Ausgabe vor Übertreibungen beim Thema Produktionsverlagerung. Nötig sei eine wachstumsfördernde Politik, um Folgen des "Offshorings" auszugleichen.

Seit über zwei Jahren gehört in Deutschland auch die Verlagerung von Arbeitsplätzen qualifizierter Fachkräfte in Niedriglohnländer zum Standardrepertoire großer Unternehmen", meint Wolfgang Müller im Freitag 47/05. Beobachten lässt sich dieser Trend schon viel länger, er erfährt jedoch aus verschiedenen Gründen erst jetzt verstärkt mediale Aufmerksamkeit. Der Automobilzulieferer Bosch etwa betreibt schon seit Anfang der neunziger Jahre ein Entwicklungszentrum in Brasilien - dem Vorbild der internationalisierten Produktion folgend entstehen seit Mitte der neunziger Jahre mehr und mehr grenzüberschreitende Entwicklungsverbünde.

Warum versucht Wolfgang Müller den Eindruck zu erwecken, wir hätten es mit einem völlig neuen Phänomen zu tun? Als Beauftragter der IG Metall für Siemens und die IT-Branche steht er natürlich gerade in jüngster Zeit unter erheblichem Druck durch die sich wiederholenden Drohungen, Arbeitsplätze zu verlagern. Dank der hohen Arbeitslosigkeit verfügen IT-Unternehmen über starke Verhandlungspositionen, die sie gnadenlos ausnutzen. Darin aber - wie Müller das tut - einen "Exodus von Kernkompetenzen der Unternehmen wie Forschung und Entwicklung" erkennen zu wollen, ist übertrieben.

Wie viele Arbeitsplätze jährlich?

Tatsächlich stehen ausnahmslos alle so genannten "Commodities" (also austauschbare Handelswaren) im internationalen Wettbewerb. Dies gilt auch für qualifiziertere Dienstleistungen. Für die betroffenen Beschäftigten stellt dies eine neue, zuweilen bittere Erfahrung dar - allerdings war nicht zu erwarten, dass der Kelch dauerhaft an ihnen vorbei gehen werde. Müllers Warnung vor dem "Big Bang" hilft nicht. Es gilt vielmehr zu erkennen, welche Dienstleistungen von Verlagerungen betroffen sein werden, und was man tun kann, um neue Arbeitsplätze zu schaffen und andere zu halten.

Zunächst verlangen wir wie der Autor, die Subventionen und Steuervorteile pro Verlagerung endlich abzuschaffen. Dann kommt es ganz wesentlich darauf an, den Kapitalstock, die Infrastruktur und andere die Standortqualität beeinflussende Faktoren so produktiv zu halten, dass auch Lohndifferenzen möglich sind. Hier unterscheiden wir uns deutlich von Wolfgang Müller, der meint, die Standortentscheidungen fielen bei vergleichbarer Qualität der verfügbaren Arbeitskräfte in Abhängigkeit vom Lohn. Würde das stimmen, müssten die neuen Bundesländer oder auch Portugal die Betriebe aus Stuttgart und München allesamt abgezogen haben. Heute dürfte unter diesen Umständen niemand mehr hier entwickeln und produzieren, weil die Lohndifferenzen zu Osteuropa, China und Indien gravierend sind.

In diesem Kontext würden wir von Wolfgang Müller gern wissen, wie viele Arbeitsplätze aus seiner Sicht jährlich verlagert werden? Warum nennt er keine Zahlen? Stoiber brachte schon 2003 eine Quote von 600.000 pro Jahr ins Gespräch. Das war zwar vermutlich zehn- bis zwölffach übertrieben, aber immerhin mutig.

Bei Wolfgang Müller heißt es unter anderem: "Siemens hat - ganz im Trend - ein konzernweites Programm verabschiedet: Dazu gehört ein globales Fertigungskonzept, das massive Produktionsverlagerungen in Niedriglohnländer - Beispiel Handy-Fertigung nach Ungarn oder Siemens VDO Würzburg in die Tschechische Republik - beinhaltet ...". Tatsache ist: Die Handyfertigung von Siemens wurde verkauft statt verlagert; und über Siemens VDO in Würzburg stand im Handelsblatt am 10. Juni 2005 zu lesen: "Mit dem Papier ist der Standort Würzburg endgültig gesichert. Siemens VDO hatte erwogen, große Teile der Produktion nach Tschechien zu verlagern. Ende April hatte der Konzern dann eingelenkt und das Weiterbestehen des Standorts zugesagt."

Das neue Bedienkonzept von BMW

Es ist wenig überzeugend, aus Einzelfällen auf einen allgemeinen Trend zu schließen, demzufolge Entwicklungsabteilungen zwangsläufig in Billiglohnländer verlagert würden. Eine zufällig zusammengestellte Liste von Gegenbeispielen mag dies verdeutlichen: General Electric errichtete ein neues Forschungszentrum in Deutschland, und zwar am Hochlohnstandort München. Der besagte Automobilzulieferer Siemens VDO legte 2005 (!) den Grundstein für ein neues Entwicklungszentrum in Regensburg - genauso wie Stihl (Motorsägen) zwei Jahre zuvor in Waiblingen-Neustadt. Im selben Jahr errichtete Bosch in Abstatt eine neues Entwicklungszentrum für Kraftfahrzeugtechnik. Die für den europäischen Markt bestimmten Produkte der John Deere Landtechnik werden in Mannheim entwickelt und so weiter. Würden wertschöpfende Tätigkeiten in einem solchen Ausmaß verlagert, wie Müller suggeriert, hätten die aktuellen Exporterfolge mit einem Leistungsbilanzüberschuss von 120 Milliarden Euro nicht erzielt werden können.

Auf einen weiteren, wenig erhellenden Abschnitt des Artikels muss eingegangen werden. Der Autor argumentiert: "In der deutschen Autoindustrie hat indes ein Umdenken eingesetzt, weil die ins Ausland delegierten Randkompetenzen von gestern plötzlich als die Kernkompetenzen von morgen begriffen werden. So haben mehrere Produzenten wieder eigene Elektronikabteilungen aufgebaut, weil ihnen sonst das Know How für das Auto der Zukunft fehlen könnte."

Doch die Automobilhersteller tun dies nicht, um Standardaufgaben (beispielsweise die Programmierung einer Motorsteuerung gemäß vorgegebenen Zündzeitpunkt-Kennfeldern) in Zukunft wieder selbst zu erledigen. Solche einfachen Aufgaben bleiben ausgelagert. Vielmehr wollen sie genügend Know How im eigenen Haus behalten, um Trends beeinflussen zu können, die eine hochgradig interdisziplinäre Ausrichtung der Geschäftsprozesse erfordern. Im Hinblick auf die "Mechatronic" etwa (der Verbindung von Mechanik und Elektronik) möchten sie nicht auf die Angebote von Zulieferern angewiesen sein; ein Beispiel dafür ist das neue Bedienkonzept von BMW, das einen zentralen, runden Knopf für alle wesentlichen Komfort-Funktionen wie Klima, Radio und Navigation vorsieht. Solche Entwicklungen erfordern die Zusammenarbeit vieler Abteilungen (etwa auch der Ergonomie) und führen zu einem im Wettbewerb unterscheidbaren Endprodukt. Einen derart komplexen Prozess kann man nur schwer verlagern, und darum bleiben diese Aufgaben im Stammhaus.

Den Handel mit Commodities (inklusive der Auslagerung entsprechender Dienstleistungen; hier spricht man von "Outsourcing") kann man grundsätzlich nicht verhindern. Mit seinem Gegenstück - dem "Insourcing" - ist dort zu rechnen, wo es nötig ist, um neue Produkte zu entwickeln. Wir werden uns an beides gewöhnen müssen.

Das Thema könnte mit weniger Angststarre diskutiert werden, wenn eine expansivere Geld- und Fiskalpolitik das Wachstum stärken und so für mehr Jobs sorgen würde. Dann bliebe nämlich so manche Verlagerungsdrohung aus, mit der wir uns heute herum zu schlagen haben. Dass der Freitag-Autor Wolfgang Müller mitten in dieser Auseinandersetzung steht und unmittelbarer Zeuge menschlicher Bedrängnis ist, entschuldigt viel von seinen etwas vergröbernden Feststellungen. Selbstverständlich führen Verlagerungen im konkreten Fall zu Problemen. Diese wird man aber nicht lösen, wenn man übertreibt und den Trend zur internationalen Arbeitsteilung auch im Entwicklungsbereich zum unabwendbaren Exodus erklärt.

Müller scheint tatsächlich zu glauben, dass die fünf Millionen Arbeitslosen hauptsächlich der Globalisierung geschuldet sind. Die Verantwortung der deutschen Wirtschaftspolitik für einen dahin siechenden Binnenmarkt und damit auch für den größten Teil der Arbeitslosigkeit scheint er nicht zu sehen. Die von ihm betriebene Dramatisierung lähmt.

Albrecht Müller war 1973-1982 Leiter der Planungsabteilung im Kanzleramt und ist Autor des Buches Die Reformlüge, das 2005 aktualisiert als Taschenbuch bei Knaur erschienen ist / Kai Ruhsert ist in einem mittelständischen Softwarehaus als Ingenieur tätig.


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00:00 16.12.2005

Ausgabe 38/2020

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