Exotismus austreiben

Minderheit Das Iranische Filmfest in München richtete den Blick auf die bislang kaum bekannten Afro-Iraner
Milena Fee Hassenkamp | Ausgabe 29/2017

Alles, nur nicht Teheran! Mit dem Schwerpunkt „Afro-Iran“ will das iranische Filmfest in München weg von der Bildungselite des Nordens, die den iranischen Film aus westlicher Sicht dominiert. Weg von den ewigen Themen Freiheit und Gleichberechtigung. Das gelingt zumindest räumlich: zwei Doku-Fiktionen schildern das Leben einer Minderheit in der Golfregion, andere spielen an der irakischen Grenze oder auf den Gasfeldern des Südens, ein Sportdrama erzählt die Geschichte eines schwarzen Basketballprofis in Iran. Sie zeigen, dass andere Ethnien in Iran nicht diskriminiert werden, beschränken sich dabei aber dennoch auf das Exotische der afro-iranischen Kultur.

Experimentell schildert die Doku-Fiktion Janbal die Traditionen der Geisterbeschwörung auf der Insel Hormus. Die Protagonisten des Films von den Künstlern Mina Bozorgmehr und Hadi Kamali Moghadam sind besessen: „Du wirst noch aussehen, wie der, der du warst, aber sie werden deinen Geist verändert haben“, erklärt ein alter Mann. Er spricht von den Luft- und Geistwesen, den Bad, Zar, Pari und Djinn, als die sie im Glauben der Inselbewohner der iranischen Provinz Hormozgan am Persischen Golf bekannt sind.

In Traumsequenzen zwischen Videokunst und Performance Art erzählt Janbal vor diesem Hintergrund die Liebe zwischen dem Künstler Musa und einem Luftwesen. Die Inselbewohner werden durch ihre Aussagen zu Zeugen, die Beweise für die Existenz der Geister anführen. So sagt ein junger Mann: „40 Jahre haben Musa und Janbal sich geliebt“, andere schildern Szenen einer Hochzeit.

Wer filmt wen?

Die Mythen und Zeremonien, die sich diesen Geistern widmen, bilden den Mittelpunkt von Archipelago. Die beiden italienischen Anthropologen Camilla Insom und Giulio Squillacciotti versuchen darin, den Synkretismus der Inseln des Persischen Golfs von einem scheinbar objektiven Standpunkt her zu ergründen. Die Kamera verharrt statisch und hält eine sichere Distanz zu ihren Protagonisten, die im Feiern ihrer ekstatischen Zar-Zeremonien als Ausstellungsstücke erscheinen. Mit Tüchern über dem Körper tanzen sie minutenlang zu den Rhythmen der Trommeln, die den Geist, der von ihnen Besitz ergriffen hat, besänftigen sollen. Über die Hierarchie der Geister, die ähnlich wie Menschen ein Familienleben haben, erfährt man so einiges.

Was das Leben der Afro-Iraner jenseits des Kultischen ausmacht, bleibt allerdings verborgen. Der Blick auf die Traditionen der schwarzen Iraner, der Nachkommen von Schiffssklaven und Händlern, die sich vor rund 400 Jahren in der Region ansiedelten, schafft es deshalb nicht, die Fremdheit zu durchbrechen, die er ausstellt.

Janbal und Archipelago wenden sich einer ethnischen Minderheit zu, deren Existenz selbst vielen Iranern unbekannt ist und deren Geschichte erst seit wenigen Jahren zaghaft aufgearbeitet wird. Wie viele Afro-Iraner auf den Inseln des Persischen Golfs leben, ist nicht bekannt, weil Iran dazu keine Zahlen erhebt. Mit der kolonialen Geschichte des ethnologischen Films im Rücken wäre es daher eine Herausforderung, einen ersten Blick auf das Leben der Afro-Iraner nicht auf Exotismus zu begrenzen.

Dem Fotografen Mahdi Ehsaei gelingt das in seiner Arbeit, die parallel zu Cinema Iran in München zu sehen ist. Sein Buch Afro-Iran zeigt eine Gruppe von Menschen, die zwar den Süden des Landes kaum verlassen hat, aber ihre eigene Kultur und Tradition mit der persischen mischt und von dieser vorurteilsfrei aufgenommen wird.

Diskriminierung, so zeigt sich auch in Archipelago, findet an anderer Stelle statt. Das Leben und Wirken der Geister, so erfährt der Zuschauer im Film, folgt einer bestimmten Hierarchie: „Muslimische Zare sind gut“, erklärt ein Afro-Iraner, „nicht-muslimische Zare sind böse.“

In der multiethnischen Gesellschaft Irans ist die Herabsetzung anderer Ethnien weniger ein Problem als die Frage von „richtigem“ Glauben und Ideologie. Das wird auch in dem Sport-Drama The Iran Job von Till Schauder deutlich, in der ein schwarzer US-Basketballprofi nach dem Ende seiner Karriere in den Staaten ein Angebot aus Iran akzeptiert. Weniger interessiert in Iran seine Hautfarbe als seine ideologische Herkunft.

Die Geschichte des afro-iranischen Films, falls sie nun beginnen sollte, könnte also einen anderen Lauf nehmen als die des Black Cinema in den USA, das sich in einer rassistischen Gesellschaft entfaltet hat. Vor diesem Hintergrund zeigt sich wieder, wie politisch das Filmemachen an sich ist: Der Wunsch der (in diesem Fall italienischen und iranischen) Regisseure von Archipelago und Janbal, von einer Außenperspektive „unsichtbare“ Menschen sichtbar zu machen, ist ein Anfang. Ein nächster Schritt könnte sein, den Blick der Afro-Iraner auf ihre eigene Kultur zu emanzipieren von den Vorstellungen von außen. Vielleicht ist es für diesen Wunsch bei den wenigen Filmen noch zu früh. Die entscheidende Frage stellt sich aber jetzt schon: Wer hat die Kamera in der Hand?

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