Expedition ins Menschenreich

Aus der Laudatio zum Aachener Friedenspreis Afghanistan im September 2002 und die Zwecklüge, ein Krieg sei beherrschbar

Der Anschlag auf einen Markt in Kabul, die Schüsse auf Präsident Karzai in Kandahar, die Gefechte zwischen Clans im Raum Jalalabad - das alles, geschehen in nur sieben Tagen, rückt ins Bewusstsein, wie die Kriegsfurie in Afghanistan weiter grast.
Während der Verleihung des Aachener Friedenspreises an die amerikanische Kongressabgeordnete Barbara Lee und den deutschen Lehrer Bernhard Nolz ging die Schriftstellerin Daniela Dahn am 3. September in ihrer Laudatio besonders auf die Situation des Landes ein, das als erstes zum Ziel der Anti-Terror-Kampagne nach dem 11. September wurde. Ein Land, in dem sich die Strukturen einer zwanzigjährigen Bürgerkriegszeit längst wieder etabliert haben. Wir dokumentieren diesen Teil der Rede Daniela Dahns leicht gekürzt.

Kriege werden nicht von Völkern gewonnen. Nur von Regierungen. Eine Minderheit verdient dabei soviel, wie die Menge draufzahlt. Das war schon immer so. Warum lassen sich das die Menschen seit mehr als zwei Jahrtausenden gefallen?

Je länger man darüber nachdenkt, je weniger versteht man es. Weil Denken etwas ziemlich Rationales ist, Bekriegen aber etwas ziemlich Irrationales. Ohne die herrschende Paranoia, ohne die Mobilisierung von Hass und Rache, ohne die Lust auf Aggression und Tod, ohne den Missbrauch religiöser Gefühle oder patriotischer Ideen, ohne Unwissen und Desinformation - kurzum ohne Unaufgeklärtheit, wäre soviel Vernichtungswille nicht nachvollziehbar. "Eins (irgendwann) müt doch de Jungfern da oben mal alle sen!", wundert sich ein Mecklenburger Bauer über die anhaltende Zuversicht der Selbstmordattentäter. Alles beginnt mit dem Zweifel. Das war schon in der biblischen Geschichte so.

Doch Aufklärer sind die Minderheit der Minderheit geblieben. Denn in wohlig-taumeliger Verblendung werden Weckrufe als schmerzliche Störung empfunden. Aber Schmerz, das weiß man, ist ein hilfreiches Signal. So ist es mir eine große Freude, zwei solche aufklärerischen Zweifler würdigen zu dürfen: Die kalifornische Kongressabgeordnete Barbara Lee, der im US-Kongress das Abstimmungsergebnis zum Afghanistan-Krieg von 1: 420 zu verdanken ist (s. auch Freitag, 28. 9. 2001) und den Lehrer Bernhard Nolz, der mit seiner engagierten Friedensrede den Schulfrieden gestört hat (s. auch Freitag, 14. 12. 2001). Stein des Anstoßes war in beiden Fällen die ablehnende Antwort auf die Frage, ob ein Krieg gegen Afghanistan eine angemessene Reaktion auf die mörderischen Terroranschläge gegen die Menschen im World Trade Center, im Pentagon und in den entführten Flugzeugen sein könne.

"Ich spreche zu Ihnen schweren Herzens und voller Mitgefühl für die Opfer", hatte Barbara Lee in ihrer bewegenden Rede vor dem Repräsentantenhaus am 14. September 2001 gesagt. Zur Entscheidung stand die Resolution Use-of-force, die Präsident Bush ermächtigen sollte, allein über Art und Umfang des Gegenschlages zu entscheiden. "Ich weiß", sagte Barbara Lee, "dass die Resolution zur Ermächtigung militärischer Gewalt dieses Haus passieren wird ... aber einige von uns müssen auf Zurückhaltung drängen. Es muss einige unter uns geben, die sagen: Lasst uns für einen Moment inne halten und die Folgen unserer Taten bedenken - lasst uns die Konsequenzen genau überlegen ... Wir müssen aufpassen, dass wir nicht in einen endlosen Krieg ohne Ausstiegsszenario oder konkrete Zielvorgaben steuern."

Drei Tage später hat Bernhard Nolz auf einer Kundgebung vor 1.500 Schülern in Siegen ganz ähnlich gesprochen. Er erzählte, was es bedeuten konnte, zu RAF-Zeiten an einer Demonstration teilgenommen zu haben - nämlich als Verfassungsfeind verfolgt zu werden. "Die Zeit der Verdächtigungen und Beschuldigungen, ein Terrorist zu sein, war furchtbar für mich. Ich möchte so etwas nicht wieder erleben. Deshalb wehre ich mich dagegen, dass zur Jagd auf Terroristen geblasen wird. Vielmehr sind Besonnenheit und Mäßigung gefragt, um die Spirale der Gewalt zu stoppen."

Mit ihrer Haltung jenseits des Mainstreams bedingungslosen Mitmachens haben Barbara Lee und Bernhard Nolz heftige Kontroversen ausgelöst. Aber Angriffe sind bekanntlich kein Beweis dafür, dass man etwas falsch gemacht hat. Nur dafür, einen empfindlichen Nerv getroffen zu haben. Haben sich die Befürchtungen der beiden bestätigt? Ist nach einem Jahr "alles nur noch schlimmer"?

Die alten, brutalen Kombattanten, die wahren Herrscher ...

Nachdem viele bezweifeln, ob das Hauptkriegsziel, nämlich die Zerschlagung des al-Qaida-Netzes, erreicht ist und jeder weiß, dass das Hauptpropagandaziel, nämlich die Festnahme von Osama Bin Laden und Taleban-Führer Mohammed Omar, misslungen ist, wird der Krieg in Afghanistan im Nachhinein gern als humanitäre Intervention gerechtfertigt. Damit lassen sich angesichts des erlösenden Endes der Schreckensherrschaft der Taleban gerade auch friedvolle Menschen beschwichtigen.

Aber Krieg ist immer Versagen von Politik. Wie viel ist von Politikern zu halten, die das Recht, Musik zu hören und Mädchen in die Schule zu schicken, nur herbeibomben können? Besonders seit man weiß, dass sie die Kultur- und Frauenfeinde durch jahrelange Unterstützung erst zu all den grauenvollen Menschenrechtsverletzungen ermutigt haben? In den achtziger Jahren wurden an der Universität von Nebraska im Auftrag der CIA Schulbücher verfasst, die afghanische Flüchtlingskinder zur nächsten Generation fanatischer Kämpfer erziehen halfen. In der größten verdeckten Operation ihrer Geschichte rekrutierte und finanzierte die CIA fast 100.000 radikale Mudschahedin aus umliegenden islamischen Ländern für den amerikanischen Stellvertreterkrieg gegen die Sowjetunion. Die Rechnung ging auf, aber den unumschränkten Zugriff auf Gas und Öl der Region wollten die Gotteskrieger nicht garantieren. Waren die Taleban - einst eine marginale Sekte - gegen die von der UNO in den Jahren 1999 und 2000 verhängten - inkonsequenten - Sanktionen nicht auch deshalb so resistent, weil die konkurrierenden Interessen der Großmächte eine konsequente internationale Koalition gegen den fundamentalistischen Terror blockierten? Gegen die Verheerungen fast von einem Vierteljahrhundert Krieg und Verbrechen gab es keine einfache Lösung. Wer aber statt Besinnung, Demut und Menschlichkeit Krieg bevorzugt, muss sich am Ergebnis messen lassen.

Sich ein realistisches Bild über den heutigen Alltag in Afghanistan zu machen, ist schwer. Das hiesige Fernsehen sendet fast täglich eine in entlegensten Regionen stattfindende Expedition ins Tierreich, eine "Expedition ins Menschenreich" Afghanistan ist meines Wissens von den Sendern schon lange nicht mehr finanziert worden. Sammelt man die in den Medien verstreuten Berichte, verfolgt Einschätzungen von NGOs und Aussagen von Augenzeugen, rundet sich ein erschütterndes Bild: Nach dem Sturz der totalitären Taleban haben sich die Strukturen der Bürgerkriegszeit wieder etabliert. Außerhalb Kabuls sind die Warlords, die alten, brutalen Kombattanten, die wahren Herrscher, die dem zwischen allen Stühlen sitzenden Präsidenten Hamid Karzai oft feindlich gegenüber stehen. Denn der Krieg ist ja nicht zu Ende.

Zwar beginnt die Ausgangssperre in Kabul inzwischen erst um 23 Uhr, aber schon zwei Stunden vorher sind die Straßen leer. Die großzügig mit amerikanischen Handys ausgestatteten Warlords missbrauchen die US-Forces für ihre eigenen Rivalitäten. Sie rufen bei den Militärs an und behaupten, al-Qaida-Leute seien in diesem oder jenem Dorf, und schon werden Unschuldige bombardiert. Oft folgt dann ein Trupp US-Soldaten, besessen von der Idee, endlich Terroristenführer dingfest zu machen.

Im Dorf Hajibirgit wurden im Mai bei einem solchen Überfall die als Sympathisanten verdächtigten Bewohner misshandelt, die Frauen gefesselt und Granaten in die Häuser geworfen, in denen man verschanzte Kämpfer vermutete. Dabei starben die dreijährige Zarguna und der 85-jährige Bauer Haji Birgit Khan, weitere Bewohner wurden verletzt. Alle Männer wurden in Handschellen und mit verbundenen Augen abtransportiert. Als sie Tage später nach schikanösen Verhören, die nichts ergaben, zurückkehrten, fanden sie ihre Häuser von Banditen geplündert und zerstört, die Familien in die Berge gejagt. Die im Geisterdorf gefundenen Granaten der Amerikaner trugen den Prägestempel der Hamburger Firma Nico-Pyrotechnik und das Herstellungsdatum März 2002.

Ein Karzai-Soldat versucht, das amerikanische Verhalten zu erklären: "Wenn wir in ein Dorf kommen und sehen einen Bauern mit einem Bart, dann sehen wir einen afghanischen Bauern mit einem Bart. Wenn Amerikaner in ein Dorf kommen und sehen einen Bauern mit einem Bart, dann sehen sie Osama bin Laden."

Auch wie dieser Krieg geführt wird, ist ein einziger Verstoß gegen geltendes Völkerrecht: Immer wieder kommt es vor, dass amerikanische Piloten auf dem Rückflug von Einsätzen wahllos Bomben abwerfen, um leichter landen zu können. Ob der Kajakai-Staudamm oder das Krankenhaus in Kandahar, Moscheen oder Rot-Kreuz-Unterkünfte, Büros für Minenräumer oder ein Lebensmittellager für 55.000 Menschen - all das ist bombardiert worden. Die um Tora Bora zur Explosion gebrachten Benzinbomben haben im Umkreis von Kilometern jedes Lebewesen durch Verbrennung der Atemluft erstickt und Waldbrände entfacht, die lange nicht unter Kontrolle waren.

Ob die Gefahr einer radioaktiven Verseuchung durch abgereichertes Uran in Munition besteht, wurde bisher nicht untersucht. Ärzte beschreiben Sterbesymptome, die dafür sprechen. Die flächendeckend verstreuten, noch nicht explodierten Cluster-Bomben, lassen - zusammen mit den Landminen früherer Kriege - jede Feldarbeit für die Bauern noch auf unabsehbare Zeit zum Himmelfahrtskommando werden.

Die erste Frauenministerin Sima Samar wurde abgesetzt ...

Die Zwecklüge, Krieg sei beherrschbar, wird durch die zivilen Todesopfer immer wieder ad absurdum geführt. Inzwischen geht man von 5.000 aus. Die Verkrüppelten und Traumatisierten bleiben ungezählt. Alles bettelarme Menschen, die oft nicht einmal wussten, was am 11. September überhaupt passiert war. Die meisten Männer und fast alle Frauen sind Analphabeten. Millionen Menschen hungern und frieren in Höhlen und Ruinen. Strom gibt es gelegentlich in den privilegierten Stadtvierteln Kabuls, wo auch alle vier Tage für zwei Stunden Wasser fließt. Kaum beschädigte Häuser werden zu überhöhten Preisen an ausländische Geschäftsleute und Hilfsorganisationen vermietet. Dabei beschränkt sich der Wiederaufbau vorerst auf einige Prestigeobjekte. Die im Januar auf der "Geberkonferenz" in Tokio zugesagte Gabe von fünf Milliarden Dollar liegt auf Eis.

Natürlich sind die ersten Wiederbelebungsversuche von Demokratie ermutigend. Aber die meisten Afghanen erfahren nichts davon. Sie können nicht lesen. Und das "friendly fire" der Amerikaner hat die beiden Kabuler Übertragungsstationen für Radio und Fernsehen zerstört. "Ich habe keine Möglichkeit, mit meinem Volk zu kommunizieren", räumt Karzai gegenüber der BBC resigniert ein.

Um so erfreulicher, dass Mädchen nun wieder zur Schule und Frauen zur Arbeit gehen dürfen. Aber die meisten können davon keinen Gebrauch machen. Viele Eltern können sich nicht einmal das Passfoto zur Schulregistrierung ihrer Kinder leisten. "Wir haben jetzt die Freiheit zu betteln", hört man verbittert. Eine Vertreterin des Hilfswerks terre des hommes hat beobachtet, dass 95 Prozent der Frauen in Kabul ihre Quartiere weiterhin nicht verlassen. Selbst wenn ihre Männer es ihnen erlaubten, fehlt das Geld für Busse oder Dreirad-Taxen. Damit sind sie auch von den Resten medizinischer Versorgung ausgeschlossen. Afghanistan hat nach wie vor die höchste Kinder- und Müttersterblichkeit der Welt.

Vor ausländischen Kameras wurden medienwirksam die Burghas abgelegt, aber im wirklichen Leben wagen besonders die jüngeren Frauen auf der Straße aus Angst vor Säuregüssen ins Gesicht, vor Vergewaltigung und Prügel, die ungeschriebene Vorschrift des Vollschleiers nicht zu durchbrechen. Selbst bei 40 Grad im Schatten hängen sie sich immer noch die demütigenden Säcke um. Einen Pass bekommen Frauen weiterhin nur, wenn ein männlicher Verwandter mit auf die Reise geht. Die erste Frauenministerin Sima Samar wurde abgesetzt, nachdem sie es gewagt hatte, das Tabuthema Geburtenkontrolle anzusprechen.

Die Akzeptanz westlicher Werte lässt sich eben schlecht herbeibomben. War es zwangsläufig, dass diejenigen, die dies rechtzeitig vorausgesagt haben, soviel Anfeindung auf sich zogen?

00:00 13.09.2002

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