Experimente kann man nicht lehren

Im Gespräch Klaus Völker, Rektor der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" über das Denken und Sorgen für ein Ensemble

Schröder behandelt die Pisa-Studie, als sei sie nicht für das deutsche Bildungssystem, sondern für den schiefen Turm von Pisa erstellt: man nehme ein paar Stützen, etwa die Ganztagsschulen und die Schieflage hält. Gegen diese ruinöse Bildungspolitik vertritt Prof. Klaus Völker, Rektor der Berliner Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch", in der von ihm verantworteten Ausbildung eine "Erziehung zum ganzen Menschen". Denn aus seiner Sicht kommt dieser Ausbildung heute eine existenzielle Aufgabe zu. Würde sie gesellschaftlich realisiert, hätte sich Rau seine Rüge sparen können, die er der Politik vor kurzem für ihre ›Schmiere‹ (beim Abstimmungsverhalten für das Zuwanderungsgesetz) verpasste. Statt dessen werden die Mittel für die Ausbildung zur Schauspielkunst eingestrichen, obwohl auch laut Nida-Rümelin (in seiner Rede zur Eröffnung der Bad Hersfelder Festspiele) das Theater inzwischen "Daseinsvorsorge" zu leisten hat.



FREITAG: Herr Prof. Völker, Sie sind seit 1993 Rektor der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch. Auf einem Transparent am Eingang steht: "Save our School!" Soll sie geschlossen werden?
KLAUS VÖLKER: Die Schließungsdrohung ist erst mal weg, aber die besondere Qualität der Ausbildung ist gefährdet. Der verantwortliche Senatsbeschluss wurde zwar für die - Ende Juni anstehende - Haushaltsverabschiedung 2002/03 revidiert, aber er beinhaltet, dass bei uns und bei Hanns Eisler 15 Stellen dauerhaft gestrichen sind.

Das Sagen hat der Finanzsenator?
Und der macht einem nichts vor, er sagt nur: Das ist erst der Anfang! Vernunft ist im Sparen sowieso nicht drin. Gespart wird, wo es machbar ist.

Und der Senator für Wissenschaft und Kultur?
Er hat den Senatsbeschluss mitgetragen - und sich dann unserem Protest angeschlossen.

Zwei Seelen, ach, in seiner Brust?
Er hat Verständnis für uns - aber er hält sich an die Koalitionsdisziplin seiner Partei.

Dabei ist die Kultur- und Wissenschaftspolitik in Berlin ein wirtschaftsrelevanter Faktor -
Was der Finanzsenator eher bestreitet. Aber jede gestrichene Stelle bedingt auch einen Steuerzahler weniger. Statt die Profiteure des Berliner Bankenskandals zur Kasse zu bitten, federt man die Verluste mit Steuergeldern ab. Sicher, Entscheidungen darüber, was man sich jetzt noch leisten kann, müssen getroffen werden. Aber es kommt doch darauf an, dass man sich das Richtige leistet. Die Hochschule für Schauspielkunst ist nur ein Klacks innerhalb dieses ganzen Systems, aber es ist doch ein attraktiver Klacks! Unsere Ausbildung ist effizient, wir haben Erfolg, wir sind ja evaluiert worden, alle Zahlen und Daten liegen vor, es müsste nicht schon wieder eine Kommission eingesetzt werden, wie das jetzt beschlossen wurde. Aber wenn es um Peanuts geht, übt das Abgeordnetenhaus Haushaltsdisziplin. Aus meiner Sicht ist das eine Ersatzhandlung, weil die ökonomischen Richtlinien vorgegeben sind und von den Abgeordneten an den großen Brocken nicht im Geringsten gerüttelt werden kann. Aber im Kultur- und Wissenschaftsbereich, da wird ›Sparbewusstsein‹ bewiesen. Und es werden jede Menge Fensterreden gehalten. Castorf und Peymann haben völlig recht: die Künstler werden ständig wie kleine Hampelmänner herbeizitiert, um Rechenschaft abzulegen.

Erfasst die Krise des subventionierten Theaters jetzt auch die Schauspielausbildung?
In die Antwort wären viele Aspekte einzubeziehen, vor allem aber, dass seit dem Ende des Sozialismus der sogenannte Wohlfahrtsstaat wieder zurückgefahren wird. Wie das gemacht wird, das finde ich einesteils sehr fatal ...

Und andernteils?
Völlig richtig.

Inwiefern?
Es ist an der Zeit, dass produktionshemmende "Besitzstände" wegfallen. Als ich am Theater gearbeitet habe -

Sie gehörten zur "revolutionären Generation" der Dramaturgen -
Sie denken an Ernst Wendt, Dieter Sturm, Horst Laube, Wolfgang Wiens ... In den "reichen" Zeiten wurden Probleme mit Geld gelöst. Es wurde viel Geld in Dinge investiert, die nicht der Kunst zugute kamen.

Sondern der Verwaltung?
Das Theater krankt ebenso wie der Hochschulbereich an ihrer Aufblähung. Da muss wieder mehr Flexibilität und Mobilität rein, dagegen hätte ich überhaupt nichts. Nur - alle Anstrengungen in diese Richtung werden eher bestraft! Am besten ist es, man verhält sich immobil, obwohl das künstlerisch - auch an einer Kunsthochschule - tödlich sein kann. Anfangs stellte ich mir vor, dass ein Teil der festen Stellen hier "mobile Stellen" für Gastprofessuren werden, aber wenn ich das gemacht hätte, wären diese Stellen heute alle weg.

Warum haben Sie die Position des Rektors der "Ernst-Busch-Schule" übernommen?
Mich hat immer - schon am Studententheater, wo ich anfing - das Entwickeln von Autoren und schauspielerischen Persönlichkeiten interessiert. Denken und Sorgen für ein Ensemble, das macht mir Spaß. Talente wollen entdeckt, gefördert und gepflegt werden. Aus nichts wird nichts.
Seit 1985 leiten Sie den "Stückemarkt" der Berliner Festspiele beim Theatertreffen.
Für mich sind das Theater und seine Autoren nicht zu trennen, letztere sollten immer konkret ein Theater und ein bestimmtes Ensemble vor Augen haben.

In Ihren Reden zum jeweils neuen Studienbeginn vertreten Sie das "Altmodische" der Schauspielkunst?
Weil jede Dekonstruktion eine Konstruktion voraussetzt, das heißt: erst dann, wenn etwas da ist, kann ein Regisseur zum Schauspieler sagen - lass alles weg! Sonst verlernt er, was er gelernt hat - das Handwerk des Schauspielers. Es gibt dieses Handwerk, es kann beherrscht werden, ohne dass einem die Phantasie ausgetrieben wird - das wäre ja heller Wahnsinn. Im Gegenteil, die Phantasie erhält eine Gestalt, eine Form, eine Richtung, sie nimmt zu, je mehr man mit ihr arbeitet. Dem Schauspieler wird bei uns kein Korsett verpasst, er erhält keine Fertigrezepte, sondern Ausbildung soll ihn in die Lage versetzen, ohne Netz zu spielen. Die Sicherheit eines Seiltänzers wollen wir den angehenden Schauspielern vermitteln. Jeden Abend muss er neu aufs Seil.

Das große Geheimnis!
Theater hat immer einen utopischen Aspekt und will, wie alle künstlerischen Berufe, ein bisschen unentfremdete Arbeit sein.
Die Ausbildung umfasst Rollenstudium, Ensemblespiel, Sprechtechnik ...
Es ist eine umfassende Ausbildung.

Rollenspiel wird auch in allen Formen des Kommunikationstrainings angeboten, ›Ensemblegeist‹ heißt dann Teambildung, Sprechtechnik Coaching, und so fort ...
Sie werden es kaum glauben, aber wir müssen in diesem Bereich noch viel mehr tun! Die Bildungsdefizite der Heranwachsenden sind beträchtlich, und auch die Pisa-Studie stellte es fest: das Sitzen vor den Computern blockiert die Körper und die Stimmen. Es sind ungeheure Blockaden in den Leuten drin. Sie müssen, damit sich ihre Möglichkeiten wieder voll aktivieren, viel länger und umfassend trainiert werden - das meine ich mit "altmodisch". Haltungen und Situationen durchspielen, den Verkehrsformen der Menschen untereinander neue Geltung verschaffen. Bildung ist auch eine Form von Persönlichkeitsentfaltung. Denn der Mangel wird ja kaum mehr empfunden, auch nicht auf dem Theater, nehmen Sie einen antiken Chor, der Ausdruck der Gesellschaft war, kollektives Training, Bewusstmachung: Wer hat denn zu Versen noch ein Verhältnis? Für jeden ist es attraktiver, wenn er sich allein produziert statt im Gleichmaß mit sechs oder sieben Leuten - aber man muss das mal gemacht haben, das ist etwas anderes, als wenn einer allein vor dem Mikro sitzt und die Verse abliest, was dann als eine ›Erneuerung‹ des Chors verkauft wird!

In Ihren Reden sprechen Sie vom "gesegneten Artistentum" des Schauspielers.
Das ist ein Begriff Max Reinhardts.

Sehen Sie eine Verbindung zwischen diesem Artistentum und dem, was Sie als Autor zum Künstlichen Menschen schrieben - ich meine Ihre grundlegenden Bücher zum Automaten, zur Maschinisierung der Körper?
Praktisch gesprochen, der Schauspieler sollte den menschlichen Organismus kennen, da durch einseitige Bewegungsvorgänge unwahrscheinlich viele Muskeln, die aktiviert werden könnten, nicht abgerufen werden. Darum war ich auch dafür, bei uns die Meyerholdsche Biomechanik in die hier gelehrte Körper-Stimm-Methode und in unser Bewegungstraining einzubeziehen.

Obwohl Sie in Ihren Reden die "biologische Grammatik" des genetischen Codes unter Berufung auf Chargaff kritisieren?
Diese "Grammatik" ist mit der Meyerholdschen Biomechanik nicht identisch. Sie steht jedoch unter Verdacht, weil zeitgleich mit ihr in Amerika der Taylorismus am Werk gewesen ist, der die Maschinisierung und Austauschbarkeit des Menschen produzierte. Aber auch Brecht ...

Dessen international bekannter Biograph, Chronist und Kommentator Sie sind.
Auch Brecht war sich nicht zu schade dafür, jede Neuigkeit auf wissenschaftlichem Gebiet für seine Arbeit nutzbar zu machen. In Mann ist Mann hat er den Taylorismus durchgespielt, was ja nichts schaden kann, sofern man seinen Kopf dabei nicht abgibt. Ich habe Brecht immer als einen unheimlichen Anreger und vielfältigen Künstler gesehen. Dasselbe gilt für Boris Vian, der dennoch seinen Ingenieursberuf nie aufgegeben hat.

Sie haben ihn ebenso wie Alfred Jarry, Raymond Roussel und andere aus dem Französischen übersetzt.
Leider ist Vian schon 1959 gestorben, doch sein Motto blieb das meine, es heißt: Du musst immer an das denken, woran die anderen nicht denken.

Warnen Sie darum die Studienanfänger in Ihren Reden vor Workshops, die in die Kunst des 21. Jahrhunderts ›einführen‹?
Nichts ist so tot geritten wie der Begriff des Experiments oder der Innovation. Doch an einer Ausbildungsstätte kommt man mit der Angst, man bleibe hinter der Zeit zurück, nicht weiter. Hier muss man erst einmal den Boden der Tradition abgehen, da im künstlerischen Bereich das Verhältnis des Meisters zum Schüler sehr wichtig ist. Der Meister braucht die Schüler und umgekehrt, auch sie können etwas von ihm übernehmen, denn mit Meisterlichem meine ich ja nur, dass da einer die schützende Hand über den Zukünftigen hält. Sicher, wenn einer total gefesselt und gehemmt ist und nichts mehr produzieren kann, dann muss er ausbrechen und neue Dinge machen. Aber um Ballast abzuwerfen.

Muss er erst mal welchen haben?
Alles Eingespielte muss wieder in Gefahr gebracht werden, Experimente kann man nicht lehren, man muss sie machen. Nur nicht aus der hohlen Hand. In diesem Sinn bin ich der Letzte, der nicht für Experimente aufgeschlossen ist. Eine Methode muss man erst einmal grundlegend beherrschen. Ein globalisiertes und vernetztes Studium zum Einsammeln von "credit-points", wie das dem Ansinnen der Politiker entspricht, hat damit nichts zu tun: etwa ein Semester in Rom, dann die Ernst-Busch-Schule in Berlin, dann ein Strassberg-Workshop in New York, dann London und Paris, wo das Diplom gemacht wird.

Sie gehen vom kontinuierlichen Entwickeln der Ensemblefähigkeit des Schauspielers am Ort der Ausbildung aus?
Wir wollen die Studierenden handwerklich so ausrüsten, dass sie den verschiedensten Angriffen seitens der verschiedensten Regisseure auf ihre Persönlichkeit, ihr Selbstbewusstsein, gewachsen sind; gleichzeitig sollen sie über Ausdrucksvermögen durch die Funktionstüchtigkeiten ihres Körpers verfügen - das ist das Ziel unserer künstlerischen Ausbildung.
Sie ist als "Erziehung zum ganzen Menschen" angelegt - ist das nicht idealistisch?
Dagegen habe ich nichts, wenn jemand dann eine Haltung hat, mit der er alles, was ihm abverlangt wird, geben kann, mit der er aber auch an bestimmten Punkten - vielleicht - sagen kann: den Scheiß mach ich jetzt nicht mit.

Theater als Widerstand?
Die Giehse sagte immer: man kann alles machen, aber das Interesse muss da sein. Das Interesse an der Welt, an meiner Präsenz auf der Bühne, am Zuschauer - nicht, um ihm zu sagen, wo es lang geht, das ist Schwachsinn. Nein, um ihm zu sagen, dass es auf mich ankommt! Wie furchtbar es auch ist, und wie viel Niederlagen ich auch einstecken muss - aber irgendwo kann ich nicht alles mit mir machen lassen.

Das Gespräch führte Gerburg Treusch-Dieter
00:00 28.06.2002

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