Experten im Upcycling: Plädoyer für eine Wurmkiste

Biomüll Kreislaufwirtschaft leicht gemacht: Schon mal über eine „Wurmkiste“ in der Küche oder auf dem Balkon nachgedacht? Klingt schräg, ist aber ökologisch äußerst sinnvoll – und spart nebenbei CO₂
Ausgabe 20/2023
Rasterelektronenmikroskop-Aufnahme von einem Regenwurm
Rasterelektronenmikroskop-Aufnahme von einem Regenwurm

Foto: REM-Aufnahme von Steve Gschmeissner/Science Photo-Library

Vor Kurzem verkündete ich quer durch die Küche auf einer WG-Party: „Ja, ich habe Würmer!“ Anerkennendes Nicken von der Wollsockenfraktion, fassungsloses Stirnrunzeln von anderen Gästen, die sich gerade einen großen Schlag Chili auf den Teller schaufeln wollten. Dass es sich dabei nicht um eine Erkrankung meines Magen-Darm-Trakts handelt, sondern vielmehr um eine liebevolle Koexistenz in meiner Wohnung, deckte ich aus dramaturgischen Gründen erst recht spät auf. Dabei hätten meine Würmer die große Bühne verdient! Sie sind die pflegeleichtesten, eifrigsten und nützlichsten Haustiere, die man sich vorstellen kann. Und sie sind wahre Experten im Upcycling, ganz ohne dafür Applaus zu erwarten.

Meine Kompostwürmer, die zur Gattung der Regenwürmer gehören, leben seit circa vier Jahren in einer selbstgebauten Holzkiste mit Deckel im Schatten auf meinem Balkon. Ich füttere sie regelmäßig mit (fast) allem, was in der Küche so anfällt, sie geben mir im Gegenzug Humus und eine Menge Freude. Da Würmer keine Zähne haben, sind sie darauf angewiesen, dass andere Insekten, Pilze und Bakterien ihnen das Futter mundgerecht zerkleinern, bevor sie es vertilgen.

In so einer Kiste ist also ordentlich was los und alle arbeiten zusammen. Jeder Kompostwurm kann pro Tag etwa die Hälfte seines eigenen Körpergewichts aufnehmen und verdauen. Das mag nach wenig klingen, wenn man an so einen kleinen glitschigen Strich in der Landschaft denkt, aber wenn man dieses Verhältnis auf Menschen anwendet, stockt einem doch der Atem. Außerdem leben in so einer Kiste meist über tausend Würmer mit einem Gewicht von je circa 0,4 Gramm. Das macht dann pro Woche einen Umsatz von ganzen 1,4 Kilogramm Biomasse.

Zu den Leibspeisen gehören hierbei Pflanzenreste sowie rohes Obst und Gemüse. Auch Pappe, Tee und Kaffeesatz sind hoch im Kurs, genauso wie Eierschale für die Kalkzufuhr. Als ich letztens eine verdorbene Cantaloup-Melone in die Wurmkiste legte, kamen Jubelrufe aus allen Ecken (natürlich nicht wirklich – Kompostwürmer sind stumm, was sie erneut zu exzellenten und nachbar*innenfreundlichen Haustieren macht). Wenn die Wurmpopulation gesund ist, geht so eine kleingeschnittene Melone echt erstaunlich schnell weg, das ist ganz faszinierend. Doch aufgepasst: auch wenn die Würmer keine hohen Ansprüche stellen, gibt es ein paar Sachen, die sie nicht vertragen. Dazu zählen Zitrusfrüchte, Fleisch, gekochtes Essen und Getreideprodukte. Also am besten vorher kurz checken, ob das, was man da verfüttern will, auch geeignet ist.

Es riecht gut, wie im Wald

Neben der Freude am Beobachten und einem halb peinlichen Partythema bringen die Würmer wirklich einige Vorteile mit sich: ihr Kot ist ein sehr potenter Dünger, den ich regelmäßig in Blumentöpfen verteile. So kann man einen Kreislauf erzeugen, der dafür sorgt, dass dem Boden immer wieder auf natürliche Weise Nährstoffe zugeführt werden. Gut, könnte man sagen, das passiert ja auch mit dem Biomüll, den man in die Tonne wirft! Und das stimmt im Idealfall auch. Die Berliner Stadtreinigung (BSR) gibt an, aus dem Biogut Dünger und Biogas herzustellen.

Doch hilft mir das, erstens, noch nicht dabei, meine eigenen Pflanzen zu düngen und, zweitens, muss der Müll trotzdem transportiert werden, was wiederum CO₂ ausstößt. Drittens ist die Biotonne zumindest in dem Haus, in dem ich wohne, chronisch überfüllt. Bei vielen meiner Freund*innen gibt es nicht mal solch eine Tonne, weshalb die Biomasse im Restmüll landet, verbrannt wird und dadurch für den Boden verloren ist.

Wer jetzt an die Biotonne im Hinterhof denkt und daran, wie atemberaubend schlecht die riecht, ist sicherlich nach wie vor skeptisch und traut die Entscheidung zur Wurmkiste wahrscheinlich nur den Hardcore-Ökos zu, denen Zero Waste wichtiger ist als ein begehbarer Balkon. Doch so ist das zum Glück nicht! Durch eine permanente Sauerstoffzufuhr und eifrige Mikroorganismen fault nichts und der Humus riecht höchstens nach Waldboden.

Wer keinen Balkon hat, kann sich eine solche Kiste also auch wunderbar in die Wohnung stellen und nebenbei als Bank benutzen. Ich stelle es mir durchaus reizvoll vor, zu wissen, dass einem dann manchmal ein seriöser Mensch, der gerade von seinem Wirtschaftsingenieurstudium erzählt, auf einer Kiste voller Würmer gegenüber sitzt.

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