Experten in der Krise

Euro-Debatte In der Mainstream-Wirtschaftswissenschaft ist Streit nicht vorgesehen. Warum er nun trotzdem ausgebrochen ist

Liberale Wirtschaftswissenschaftler und pragmatische Politiker begegnen den Vorschlägen ihrer linken politischen Gegner oft mit einem altbekannten Vorwurf: Zwar teile man die Beschreibung des Problems weitestgehend – die angebotenen Strategien zu seiner Lösung jedoch seien ideologisch verbrämt und ohnehin nicht durchführbar. Mit maliziöser Lässigkeit gelingt es auf diese Weise, Anamnese und Medizin gleichzeitig zu verwerfen. Was nützt die beste Diagnose, wenn ihr keine taugliche Therapie folgt?

Es ist ein ironischer Zug der Euro-Krise, dass momentan ein ganz ähnlicher Vorwurf an Wirtschaftswissenschaftler gerichtet wird. Schwergewichte der Regierungskoalition wie Kanzlerin Merkel, Finanzminister Schäuble und Bundestagspräsident Lammert verkünden, dass die untauglichsten Vorschläge zur Lösung der Krise von Wirtschaftsexperten kommen. Dies ist bemerkenswert. Entstammen die gescholtenen Experten doch einer Disziplin, die sich betont nüchtern gibt, die sich als politisch unabhängig, als pragmatisch und besonders exakt versteht.

Orientierungshilfe

Anlass für die Einschätzung der Politiker ist der letzten Monat in ungewohnt scharfem Ton geführte Streit zwischen deutschen Ökonomen. Gestritten wurde und wird darüber, welche Weichenstellungen aus der Eurokrise hinaus und welche noch tiefer hinein führen könnten. Auf der einen Seite steht die Ökonomengruppe um Walter Krämer und Hans-Werner Sinn, die ein polemisches, scharf an der Grenze zum Nationalismus argumentierendes Manifest verfasst hat. Kurz gesagt dürfe Deutschland keine weiteren Bürgschaften für Krisenstaaten übernehmen, führe dies doch zu falschen Anreizen und im Ernstfall auch riesigen Kosten. Der Gegenaufruf der Gruppe um Peter Bofinger und Michael Burda positioniert sich scheinbar gegensätzlich und befürwortet eine gemeinsame Bankenunion in Verbindung mit einer weiteren politischen Integration Europas. Gerade gemeinsame Bürgschaften sollen dafür sorgen, dass besonders krisengeschüttelte Länder Staatsanleihen ausgeben können, um sich selbstständig zu entschulden. Zu beiden Aufrufen bekennen sich fast 300 Ökonomen – mittlerweile hat die Diskussion das Ausland erreicht.

Die Konfliktlinie in diesem Streit verläuft zwischen zwei durchaus liberalen Positionen. Das überrascht erst einmal: Wie Torben Lütjen in einem Beitrag in der Zeitschrift Indes darlegt, zeigt sich die Disziplin der Wirtschaftswissenschaft in der Regel geschlossener als andere Sozialwissenschaften, weil sie sich bislang gegen die Postmoderne und damit gegen die inhaltliche Auffächerung des Kanons verwehrt. Die Grundannahmen dieser Wissenschaft, etwa das Marktmodell, wurden innerhalb des Faches kaum infrage gestellt. Auf diese Weise verkörperte die Wirtschaftswissenschaft für die Politik – eben anders als die anderen Sozialwissenschaften – auch nach dem Strukturbruch der siebziger Jahre eine hilfreiche, verlässliche Orientierungshilfe.

Allerdings – und dies zeigt der „Ökonomenstreit“ –, mit den klaren Antworten scheint es auch in der Wirtschaftswissenschaft nicht mehr weit her zu sein. Schließlich werden bemerkenswert unterschiedliche Wege zur Rettung der Gemeinschaftswährung, sogar Europas insgesamt, angeboten. Als sei diese Krise noch nicht bedrohlich genug, wissen nun offenbar auch die Ökonomen nicht mehr, wie ihr beizukommen ist.

Offensichtlich ist, dass sich in den unterschiedlichen Papieren vorgeblich nüchterne Analysen mit groben Projektionen zukünftiger Handlungsmuster vermischen. Während Sinn und Krämer die weitere Korrumpierung der europäischen Verträge erwarten, setzt der Gegenaufruf Hoffnungen in die solidarische Vernunft der Partner. Gerade weil beide Gruppen vom Feld der positivistisch verstandenen, liberalen Ökonomie aus argumentieren, kann es für derartige Unterschiede nur eine Erklärung geben – sie sind eben nicht wertfrei, sondern das Ergebnis politischer Prädispositionen.

In der Logik der Wirtschaftswissenschaften hat ein solcher Befund kaum Platz. Schließlich unterläuft er deren zentralen Annahmen: die einer unabhängigen und einer exakten Wissenschaft. Es erstaunt darum nicht, dass sich die Forscher nach einem vorübergehenden Moment des Schocks und nach einer Phase heftiger persönlicher Beleidigungen nun in neuer Eintracht verbunden sehen und betonen, wie gering die inhaltlichen Widersprüche zwischen den Positionen doch seien.

Richtig. Letztlich gibt es in der Debatte zwischen allen Beteiligten ja doch eine entscheidende und, ja, politische Übereinkunft: Sie besteht im wirksamen Bekenntnis zu neoklassischen, in letzter Instanz aber anthropologischen Grundannahmen. Der Mensch schrumpft darin zum „homo oeconomicus“: Dieser agiert zwar als rationales und nutzenmaximierendes Individuum, da sich seine modellhaft vereinzelten Handlungen aber zu gesellschaftlichen Gleichgewichten fügen, ist das Ergebnis dennoch zum größtmöglichen Nutzen aller. Würden diese Annahmen angezweifelt, geriete das Theoriegebäude der Mainstream-Ökonomie gehörig ins Wanken. Perdu wäre dann auch der Nimbus des nüchternen Fachmannes und Experten.

Genau so sollte man den Appell im Aufruf der Ökonomengruppe um Peter Bofinger an die Fachkollegen verstehen. In deutlichem Ton wird daran erinnert, dass es Aufgabe der Experten sei, Probleme nüchtern und sachlich zu analysieren, anstatt sich in politischen Ratschlägen zu ergehen. Hierin liegt auch der Grund, warum man, anstatt wirklich über die Inhalte und Lösungswege zu diskutieren, in persönliche Anfeindungen auswich. Das Manöver ist simpel: Der persönliche Vorwurf, ein schlechter Ökonom zu sein, schützt die gemeinsame Theorie der Wirtschaftswissenschaft und damit letztlich auch die Experten vor dem Ansehensverlust.

All dieses Lavieren zeigt jedoch umso deutlicher, dass man die Wirtschaftswissenschaften mit der zentralen Provokation der Postmoderne konfrontieren muss. Für die anderen Sozialwissenschaften fast schon banal lautet sie: Es kann keine gänzlich unabhängige Expertise geben, keine, die nicht sozial und historisch gebunden ist. Nachdem in der Public-Choice-Theorie der Wirtschaftswissenschaften der wohlmeinende Souverän demontiert wurde, gerät so auch der wohlmeinende, allwissende „Experte“ zur Illusion. Und tatsächlich zeigt die Debatte genau das. Wie anders ist zu verstehen, dass die prominentesten deutschen Volkswirtschaftler trotz gleicher Grundrechenarten zu völlig verschiedenen Ergebnissen kommen? Man sollte diesen Befund ernsthaft diskutieren. Konsequenterweise müsste zuerst darüber gesprochen werden, ob die Grundrechenarten überhaupt funktionieren.

Hinterfragungsoptionen

In den Feuilletons werden spätestens seit dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise 2008 alternative Theorien des Ökonomischen – bis hin zum marxistischen Ansatz – wieder diskutiert. Der Mainstream der Wirtschaftswissenschaften verhält sich diesen Herausforderungen gegenüber jedoch denkbar ungerührt und folgt darin dem beschriebenen Muster einer geschlossen argumentierenden Volkswirtschaftslehre.

Aber auch jenseits der Grundprämissen ließen sich die Fragestellungen der Experten aus ihrer eigenen Perspektive hinterfragen, wenn man zumindest versuchte, die habitualisierten Interpretationsschemata zu überwinden. Zum Beispiel wäre es doch interessant zu erfahren, wie die Debatte aussehen würde, wenn in ihrem Mittelpunkt nicht die Verschuldungs- und BIP-Wachstumsraten von Volkswirtschaften stünden, sondern die Reallöhne und deren Entwicklung in den verschiedenen Berufsgruppen der EU. Auch der Wirtschaftsjournalismus ist hier gefragt: Warum diskutiert er den einzigen inhaltlich neuen Aufruf in der Debatte, den Vorschlag des DIW, Reiche zu einmaligen Abgaben zu bewegen, und damit der Krise die Spitze zu nehmen, nur so oberflächlich? Und überhaupt: Welche diabolische Kraft führt dazu, dass man sich Ausstiegsszenarien von Krisenstaaten aus der Eurozone, wie überhaupt grundlegende Veränderungen des Status quo, nur noch als Horrorszenarien vorstellen kann? All diese Fragen ließen sich problemlos auf Grundlage liberaler, wirtschaftlicher Überzeugungen diskutieren. Vermutlich kämen die Ökonomen immer noch zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen. Aber darüber könnte man dann ja politisch streiten.

David Bebnowski und Nils C. Kumkar sind Mitarbeiter am Institut für Demokratieforschung an der Universität Göttingen

12:00 09.08.2012

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