David Bebnowski, Nils C. Kumkar
09.08.2012 | 12:00 19

Experten in der Krise

Euro-Debatte In der Mainstream-Wirtschaftswissenschaft ist Streit nicht vorgesehen. Warum er nun trotzdem ausgebrochen ist

Liberale Wirtschaftswissenschaftler und pragmatische Politiker begegnen den Vorschlägen ihrer linken politischen Gegner oft mit einem altbekannten Vorwurf: Zwar teile man die Beschreibung des Problems weitestgehend – die angebotenen Strategien zu seiner Lösung jedoch seien ideologisch verbrämt und ohnehin nicht durchführbar. Mit maliziöser Lässigkeit gelingt es auf diese Weise, Anamnese und Medizin gleichzeitig zu verwerfen. Was nützt die beste Diagnose, wenn ihr keine taugliche Therapie folgt?

Es ist ein ironischer Zug der Euro-Krise, dass momentan ein ganz ähnlicher Vorwurf an Wirtschaftswissenschaftler gerichtet wird. Schwergewichte der Regierungskoalition wie Kanzlerin Merkel, Finanzminister Schäuble und Bundestagspräsident Lammert verkünden, dass die untauglichsten Vorschläge zur Lösung der Krise von Wirtschaftsexperten kommen. Dies ist bemerkenswert. Entstammen die gescholtenen Experten doch einer Disziplin, die sich betont nüchtern gibt, die sich als politisch unabhängig, als pragmatisch und besonders exakt versteht.

Orientierungshilfe

Anlass für die Einschätzung der Politiker ist der letzten Monat in ungewohnt scharfem Ton geführte Streit zwischen deutschen Ökonomen. Gestritten wurde und wird darüber, welche Weichenstellungen aus der Eurokrise hinaus und welche noch tiefer hinein führen könnten. Auf der einen Seite steht die Ökonomengruppe um Walter Krämer und Hans-Werner Sinn, die ein polemisches, scharf an der Grenze zum Nationalismus argumentierendes Manifest verfasst hat. Kurz gesagt dürfe Deutschland keine weiteren Bürgschaften für Krisenstaaten übernehmen, führe dies doch zu falschen Anreizen und im Ernstfall auch riesigen Kosten. Der Gegenaufruf der Gruppe um Peter Bofinger und Michael Burda positioniert sich scheinbar gegensätzlich und befürwortet eine gemeinsame Bankenunion in Verbindung mit einer weiteren politischen Integration Europas. Gerade gemeinsame Bürgschaften sollen dafür sorgen, dass besonders krisengeschüttelte Länder Staatsanleihen ausgeben können, um sich selbstständig zu entschulden. Zu beiden Aufrufen bekennen sich fast 300 Ökonomen – mittlerweile hat die Diskussion das Ausland erreicht.

Die Konfliktlinie in diesem Streit verläuft zwischen zwei durchaus liberalen Positionen. Das überrascht erst einmal: Wie Torben Lütjen in einem Beitrag in der Zeitschrift Indes darlegt, zeigt sich die Disziplin der Wirtschaftswissenschaft in der Regel geschlossener als andere Sozialwissenschaften, weil sie sich bislang gegen die Postmoderne und damit gegen die inhaltliche Auffächerung des Kanons verwehrt. Die Grundannahmen dieser Wissenschaft, etwa das Marktmodell, wurden innerhalb des Faches kaum infrage gestellt. Auf diese Weise verkörperte die Wirtschaftswissenschaft für die Politik – eben anders als die anderen Sozialwissenschaften – auch nach dem Strukturbruch der siebziger Jahre eine hilfreiche, verlässliche Orientierungshilfe.

Allerdings – und dies zeigt der „Ökonomenstreit“ –, mit den klaren Antworten scheint es auch in der Wirtschaftswissenschaft nicht mehr weit her zu sein. Schließlich werden bemerkenswert unterschiedliche Wege zur Rettung der Gemeinschaftswährung, sogar Europas insgesamt, angeboten. Als sei diese Krise noch nicht bedrohlich genug, wissen nun offenbar auch die Ökonomen nicht mehr, wie ihr beizukommen ist.

Offensichtlich ist, dass sich in den unterschiedlichen Papieren vorgeblich nüchterne Analysen mit groben Projektionen zukünftiger Handlungsmuster vermischen. Während Sinn und Krämer die weitere Korrumpierung der europäischen Verträge erwarten, setzt der Gegenaufruf Hoffnungen in die solidarische Vernunft der Partner. Gerade weil beide Gruppen vom Feld der positivistisch verstandenen, liberalen Ökonomie aus argumentieren, kann es für derartige Unterschiede nur eine Erklärung geben – sie sind eben nicht wertfrei, sondern das Ergebnis politischer Prädispositionen.

In der Logik der Wirtschaftswissenschaften hat ein solcher Befund kaum Platz. Schließlich unterläuft er deren zentralen Annahmen: die einer unabhängigen und einer exakten Wissenschaft. Es erstaunt darum nicht, dass sich die Forscher nach einem vorübergehenden Moment des Schocks und nach einer Phase heftiger persönlicher Beleidigungen nun in neuer Eintracht verbunden sehen und betonen, wie gering die inhaltlichen Widersprüche zwischen den Positionen doch seien.

Richtig. Letztlich gibt es in der Debatte zwischen allen Beteiligten ja doch eine entscheidende und, ja, politische Übereinkunft: Sie besteht im wirksamen Bekenntnis zu neoklassischen, in letzter Instanz aber anthropologischen Grundannahmen. Der Mensch schrumpft darin zum „homo oeconomicus“: Dieser agiert zwar als rationales und nutzenmaximierendes Individuum, da sich seine modellhaft vereinzelten Handlungen aber zu gesellschaftlichen Gleichgewichten fügen, ist das Ergebnis dennoch zum größtmöglichen Nutzen aller. Würden diese Annahmen angezweifelt, geriete das Theoriegebäude der Mainstream-Ökonomie gehörig ins Wanken. Perdu wäre dann auch der Nimbus des nüchternen Fachmannes und Experten.

Genau so sollte man den Appell im Aufruf der Ökonomengruppe um Peter Bofinger an die Fachkollegen verstehen. In deutlichem Ton wird daran erinnert, dass es Aufgabe der Experten sei, Probleme nüchtern und sachlich zu analysieren, anstatt sich in politischen Ratschlägen zu ergehen. Hierin liegt auch der Grund, warum man, anstatt wirklich über die Inhalte und Lösungswege zu diskutieren, in persönliche Anfeindungen auswich. Das Manöver ist simpel: Der persönliche Vorwurf, ein schlechter Ökonom zu sein, schützt die gemeinsame Theorie der Wirtschaftswissenschaft und damit letztlich auch die Experten vor dem Ansehensverlust.

All dieses Lavieren zeigt jedoch umso deutlicher, dass man die Wirtschaftswissenschaften mit der zentralen Provokation der Postmoderne konfrontieren muss. Für die anderen Sozialwissenschaften fast schon banal lautet sie: Es kann keine gänzlich unabhängige Expertise geben, keine, die nicht sozial und historisch gebunden ist. Nachdem in der Public-Choice-Theorie der Wirtschaftswissenschaften der wohlmeinende Souverän demontiert wurde, gerät so auch der wohlmeinende, allwissende „Experte“ zur Illusion. Und tatsächlich zeigt die Debatte genau das. Wie anders ist zu verstehen, dass die prominentesten deutschen Volkswirtschaftler trotz gleicher Grundrechenarten zu völlig verschiedenen Ergebnissen kommen? Man sollte diesen Befund ernsthaft diskutieren. Konsequenterweise müsste zuerst darüber gesprochen werden, ob die Grundrechenarten überhaupt funktionieren.

Hinterfragungsoptionen

In den Feuilletons werden spätestens seit dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise 2008 alternative Theorien des Ökonomischen – bis hin zum marxistischen Ansatz – wieder diskutiert. Der Mainstream der Wirtschaftswissenschaften verhält sich diesen Herausforderungen gegenüber jedoch denkbar ungerührt und folgt darin dem beschriebenen Muster einer geschlossen argumentierenden Volkswirtschaftslehre.

Aber auch jenseits der Grundprämissen ließen sich die Fragestellungen der Experten aus ihrer eigenen Perspektive hinterfragen, wenn man zumindest versuchte, die habitualisierten Interpretationsschemata zu überwinden. Zum Beispiel wäre es doch interessant zu erfahren, wie die Debatte aussehen würde, wenn in ihrem Mittelpunkt nicht die Verschuldungs- und BIP-Wachstumsraten von Volkswirtschaften stünden, sondern die Reallöhne und deren Entwicklung in den verschiedenen Berufsgruppen der EU. Auch der Wirtschaftsjournalismus ist hier gefragt: Warum diskutiert er den einzigen inhaltlich neuen Aufruf in der Debatte, den Vorschlag des DIW, Reiche zu einmaligen Abgaben zu bewegen, und damit der Krise die Spitze zu nehmen, nur so oberflächlich? Und überhaupt: Welche diabolische Kraft führt dazu, dass man sich Ausstiegsszenarien von Krisenstaaten aus der Eurozone, wie überhaupt grundlegende Veränderungen des Status quo, nur noch als Horrorszenarien vorstellen kann? All diese Fragen ließen sich problemlos auf Grundlage liberaler, wirtschaftlicher Überzeugungen diskutieren. Vermutlich kämen die Ökonomen immer noch zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen. Aber darüber könnte man dann ja politisch streiten.

David Bebnowski und Nils C. Kumkar sind Mitarbeiter am Institut für Demokratieforschung an der Universität Göttingen

Kommentare (19)

iDog 09.08.2012 | 19:41

Wer die Mainstream-Wirtschaftswissenschaften kennt, weis dass darin nicht mal eine Krise vorgesehen ist !!! Da wunderet es dann nicht , dass sich aus der akuten Situation Streit entwickelt, der aber auch nur mediale Fassade sein kann.

Denn wir dürfen nicht vergessen ... in der Wirtschaft gilt : Das Gescäftsmodell des einen ist die Krise des anderen. ... und der Kapitalismus ist kein soziales System, sonderen das genaue Gegenteil : ein konkurrenzbasiertes Auschlussprinzip. Wer jetzt erst begreift, dass er letzendlich zu den Verlieren dieses Rat Race gehörtoder gehören wird, war zu lange auf dem falschen Dampfer unterwegs. Bei Monopoly gibt es nur einen Gewinner - beim Kapitalismus keinen. Selbst die angeblichen Gewinner müssen in einer hässlichen und brutalen, von ihnen selbst zerstörten Welt unter kaputten Menschen leben ...

Lukasz Szopa 09.08.2012 | 20:53

Als 2008 in Europa die Kapitalismuskrise ankam, nahm ich mir nochmal einige meiner Volkswirtschafts-Bücher aus dem Studium anno 1992-97, um nachzulesen und "nachzuverstehen". Mir stiegen fast die Haare zu Berge, auf wieviel haltlose (ich sage nicht: falsche) Modelle ich stieß, wieviele lose "Annahmen" die als "Konstanten" galten, etc. etc. Die Lektüre glich eher einem literarischen Manifest als einer fundierten (Natur-)Wissenschaft! Dabei meine ich nicht nur das neoklassische Modell, denn fast alle Modelle und Theorien, von Smith über Marx, von Schmupeter, Keynes bis Friedman - alles las sich wie (nicht immer ganz miteinander übereinstimmende) Sagengeschichten... Da ist heutzutage die Meteorologie vielmehr wissenschaftlich fundiert (und in Prognosen zutreffend) als die "Wirtschaftswissenschaften" - die ja des öfteren von "guten/schlechten Aussichten/Stimmungen" reden.

gessner_w 10.08.2012 | 12:58

Herr Szopa, diese Krise ist keine Krise des Kapitalismus. Sie ist eine Krise ausgelöst durch Marktinterventionen, die beim Teilreservesystem der Banken ihren Anfang nimmt. Wenn diese Krise etwas ist, dann eine Krise des staatsverseuchten Kapitalismus, wenn man diesen Halbsozialismus, in dem wir leben, überhaupt als "Kapitalismus" bezeichnen möchte.

Und Ihre Analyse der VWL könnte falscher kaum sein: So wie sie vom Mainstream betrieben wird - und das seit Jahrzehnten - ist diese Wissenschaft gerade eine, die dem falschen Vorbild der Naturwissenschaft folgt und von Mathematikern und Statistikern (gerade Schumpeter und Friedman) betrieben wird. Wo sie da ein literarisches Manifest gesehen haben, ist mir ein Rätsel. Die Ökonomie ist "nur" eine Sozialwissenschaft und eigentlich nicht mal das. Sie ist und kann seriös betrachtet eigentlich nicht mehr sein als eine Art Philosophie des Wirtschaftens, die aufgrund weniger nicht zu hintergehender Quasi-Gesetzlichkeiten über die Folgen wirtschaftlichen Handelns reflektieren kann.

Der Glaube, man könne eine Volkswirtschaft verstehen (und lenken), indem man ein paar Daten erhebt und aus der Empirie Modelle abstrahiert, ist ein kolossal anmaßender Wahn von Sozialingenieuren. Wirtschaft ist eine gigantische Kulturleistung und menschliches Handeln verändert die Wirtschaft jeden Tag. Nicht immer in erheblichem Maße, doch Veränderungen passieren. Und nicht alles, was sich da verändert, kann man in Daten erfassen und falls doch, dann erst, nachdem diese Veränderungen schon eingetreten sind. Hierbei wird eine empirisch arbeitende Wissenschaft aber immer im Hintertreffen sein.

Nationalökonomen, die auf solche Unzulänglichkeiten der VWL im letzten Jahrhundert hingewiesen haben, sind mehr oder minder von ihren dem mathematischen Formalismus anhängenden Fachkollegen verlacht worden. Es sind aber genau diese Wissenschaftler, die auch die Krise 2007 haben kommen sehen. Sie haben dazu weder Formeln gebraucht, noch haben sie irgendwelche Modelle erarbeitet. Das sollte einem zu denken geben.

Lukasz Szopa 10.08.2012 | 16:07

"Die Ökonomie ist "nur" eine Sozialwissenschaft und eigentlich nicht mal das. Sie ist und kann seriös betrachtet eigentlich nicht mehr sein als eine Art Philosophie des Wirtschaftens, die aufgrund weniger nicht zu hintergehender Quasi-Gesetzlichkeiten über die Folgen wirtschaftlichen Handelns reflektieren kann".

Volle Zustimmung. Darum geht es mir auch. Zur Zeit meines Studiums wie auch heute, wo man von Volkswirtschaftlern eine "fertige Lösung" verlangt, wurde von der VWL erwartet, eine Naturwissenschaft zu sein, die beinahe wie Physik klaren Formeln und Gesetzen folgt. Etwa "senkst du den Lohn um 10%, ändert es das Beschäftigungsniveau um so und so viel..." etc. Heute verlangt man ebenfalls "klare Tipps", sei es bezüglich Inflation und Geldmenge, sei es bezüglich der Märkte, etc. etc."

OWLArmin 10.08.2012 | 17:03

Guten Tag,

wenn ich mir all die Diskussionen ansehe die zur Zeit laufen, kann ich mir ein leichtes bis heftiges Magengrummeln nicht ersparen Denn jede Theorie die seit Adam Smith aufgestellt wurde ist innerhalb von 20 - 30 Jahren wieder ad Acta gelegt worden bzw. wurde weiter entwickelt oder angepaßt im Sinne des Erfinders.Seit den Zeiten von Keynes und dessen Einlassungen zum Ende I Weltkrieges und der daraus entstandenen wirtschaftlichen Not bis hin zu Euken und Schrumpeter und der Spiele- theorie konnt bisher kein Theorie den menschlichen Unverstand im Handeln richtig deuten oder erklären können. Für micht hat die Theorie im Handeln und Denken in der Makro und Mikroökonomie eher etwas mit dem Stochern im Nebel zutun. Maslow und Pawlow können wahrscheinlich her das ganze Nichtfunktionieren erklären, als denn Theorien die auf dem Gleichgewicht der Marktmächte aufgebaut sind, ( Gab es nie, wird es auch nie geben),. Jeder Ökonom ist doch mehr oder weniger durch das geprägt was seine Denkschule ausmcht, bzw welcher großen Dogmatik er anhängt. Bloss, Dogmen gehören in die Welt der Theologie und selbst dort sind Dogmen nicht unumstößlich.

chrislow 10.08.2012 | 20:31

Wirtschaft wird in der Öffentlichkeit selbsterfüllend prophezeit. Optimusmus ist hier ein gewisses Zwangsgebot. Der Pässimismus dagegen eine Drohung aus der anderen Richtung.

In diesem Sinne also ist die Warnung vor dem Euro-Aus dann eigendlich verständlich - nämlich keine Prophezeiung mit selbsterfüllung, sondern die Vorhaltung von unangenehmen Konsequenzen. An sich eben nur die Drohung vor Veränderungen - die in der Regel unbeliebt sind. Ob man letztlich derart Konsequent ist, ... aber so läuft das "Spiel"....

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Ehemaliger Nutzer 10.08.2012 | 23:06

Sinn erzählt genau das, was sein Arbeitgeber von ihm fordert und hören will. Dasselbe gilt bei Hüther. Bei Prof. Flassbeck ist das eben ganz anders, weil er keinem nach dem MUnd reden muß.

Heiner Flassbeck: Wie die Regierung Merkel die Eurokrise verschärft Die derzeitige Politik der Troika und der Bundesregierung könne die Krise nur verschärfen, so Heiner Flassbeck. Haushaltkonsolidierung durch Ausgabenkürzung habe in einer Rezession noch nie funktioniert. Zentrale Ursache der Eurokrise seien nicht die Haushaltsdefizite einzelner Länder, sondern die Handelsungleichgewichte in der Eurozone. Während einige südeuropäische Länder zu viel ausgegeben hätten, habe Deutschland seit Ende der neunziger Jahre durch aggressive Lohn- und Ausgabensenkung seine Preise gesenkt und damit Exportüberschüsse erwirtschaftet, andere Länder seien dadurch in eine höhere Verschuldung geraten. Da es in der Währungsunion keine Möglichkeiten zur Auf- oder Abwertung gibt, um diese Ungleichgewichte auszugleichen, sei die Krise auf diese Weise vorprogrammiert gewesen. Notwendig sei ein grundlegender Politikwechsel, um die Ursachen der Krise zu bekämpfen. Dazu gehören ein Ende der Spardiktate und Lohnkürzungen, eine Abkehr von der Standortkonkurrenz in der Eurozone, die Schließung der Finanzcasinos und eine gerechtere Steuerpolitik. Die Sendung gliedert sich in fünf Teile: Sparen in der Rezession ist unmöglich / Kürzungen verschärfen EurokriseMerkel-Regierung verweigert alle Möglichkeiten zur Eurorettung / Keine InflationsgefahrDas globale Finanzcasino ist weiter geöffnet / Trennbankensystem nötigKürzungspolitik fördert neuen Nationalismen / Besteuerung von hohen Einkommen und VermögenRede von Heiner Flassbeck am 1.8. in Mainz: Was in Deutschland nicht gesagt werden darf

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Ehemaliger Nutzer 10.08.2012 | 23:25

Sinn erzählt genau das, was sein Arbeitgeber von ihm fordert und hören will. Dasselbe gilt bei Hüther. Bei Prof. Flassbeck ist das eben ganz anders, weil er keinem nach dem MUnd reden muß.

Heiner Flassbeck: Wie die Regierung Merkel die Eurokrise verschärft Die derzeitige Politik der Troika und der Bundesregierung könne die Krise nur verschärfen, so Heiner Flassbeck. Haushaltkonsolidierung durch Ausgabenkürzung habe in einer Rezession noch nie funktioniert. Zentrale Ursache der Eurokrise seien nicht die Haushaltsdefizite einzelner Länder, sondern die Handelsungleichgewichte in der Eurozone. Während einige südeuropäische Länder zu viel ausgegeben hätten, habe Deutschland seit Ende der neunziger Jahre durch aggressive Lohn- und Ausgabensenkung seine Preise gesenkt und damit Exportüberschüsse erwirtschaftet, andere Länder seien dadurch in eine höhere Verschuldung geraten. Da es in der Währungsunion keine Möglichkeiten zur Auf- oder Abwertung gibt, um diese Ungleichgewichte auszugleichen, sei die Krise auf diese Weise vorprogrammiert gewesen. Notwendig sei ein grundlegender Politikwechsel, um die Ursachen der Krise zu bekämpfen. Dazu gehören ein Ende der Spardiktate und Lohnkürzungen, eine Abkehr von der Standortkonkurrenz in der Eurozone, die Schließung der Finanzcasinos und eine gerechtere Steuerpolitik. Die Sendung gliedert sich in fünf Teile: Sparen in der Rezession ist unmöglich / Kürzungen verschärfen EurokriseMerkel-Regierung verweigert alle Möglichkeiten zur Eurorettung / Keine InflationsgefahrDas globale Finanzcasino ist weiter geöffnet / Trennbankensystem nötigKürzungspolitik fördert neuen Nationalismen / Besteuerung von hohen Einkommen und VermögenRede von Heiner Flassbeck am 1.8. in Mainz: Was in Deutschland nicht gesagt werden darf

gessner_w 11.08.2012 | 11:57

Herrn Prof. Dr. Flassbecks Lösungsvorschläge sind nicht gangbar, eigentlich will er politisch verursachte Probleme mit noch mehr (und diesmal viel viel besserer, weil ganz ganz anderer) Politik lösen. Wenn ein Haus in Flammen steht, kann aber die Lösung nicht sein, mit Benzin löschen zu wollen. Politik - zu viel davon in zu sensiblen Bereichen - ist die Ursache, nicht Lösung der Krise.

Im Grunde sagt Flassbeck, dass Deutschland vergleichsweise zu wettbewerbsfähig - an sich schon ein Witz - ist und will europaweite "Harmonisierungen" bzw. Nivellierungen. Das ist eine Form des ökonomischen Egalitarismus, die man mit "Sozialismus" auch etwas griffiger benennen könnte. (Auch wenn die Produktionsmittel de facto im Privateigentum bleiben, würde letztlich der Staat über Eingriffe in die Preise den freien Markt beschneiden und regulieren. Solche Entwicklungen gab es schon einmal während der Zeit des Nationalsozialismus.) Wo Sozialismen verschiedener Art hinführen, braucht man nach einem ganzen Jahrhundert menschenverachtenden Anschauungsunterrichts nicht mehr gesondert darzulegen. Und es ist verachtend den Griechen, Spaniern oder wem auch immer "deutsche Regeln" des Wirtschaftens auferlegen zu wollen, genau so wie es Deutschen oder Finnen gegenüber verachtend ist, dass sie (neben ihrer eigenen) auch noch für die Misswirtschaft anderer Völker aufkommen sollen.

Was Flassbeck - wie viele andere Ökonomen und Politiker - einfach nicht verstehen (oder sie verstehen es und beraten wider besseres Wissen, was unredlich und zynisch wäre): Man kann bestimmte Dinge eben nicht beliebig politisch gestalten. Löhne zum Beispiel. Oder auch Zinsen. Wer diese Marktpreise (Löhne sind nichts anderes als Preise für Arbeit und Zinsen die Preise für Geld) politisch zu manipulieren können glaubt, pervertiert die Marktwirtschaft und beschwört mit der Politik von heute die Krisen von morgen herauf.

Man sollte vorsichtig werden, wenn Ökonomen (oder Politiker) den Wettbewerb abschaffen wollen oder meinen, "Wettbewerb ja, aber...". Politisch bevormundeter Wettbewerb ist keiner. Wir sehen doch, wohin es führt, wenn Geld- und Währungswettbewerb abgeschafft sind und eine "einheitliche Geldpolitik" Probleme lösen soll. Sie kann sie zeitlich verschieben, doch lösen kann sie sie nicht.

Eines muss man Flassbeck aber lassen: Er geriert sich geschickt als Künder einer vermeintlich "sozial gerechten" Lösung, als Einzelkämpfer mit einer unbequemen Meinung. Im Grunde kleidet doch nur alte, im Grunde längst überholte und dazu noch gefährliche Rezepte in neuen Worte. Untragbar, der Mann.

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Ehemaliger Nutzer 11.08.2012 | 22:14

@GESSNER_W,

ich habe von Flassbeck Bücher gelesen und Reden gehört, von Sozialismus war hier nie die Rede. Ich bin der Meinung, dass Sie die Ausführungen von Flassbeck überhaupt nicht kennen. Was dieser Mann beschreibt, ist ein Weg aus der Krise. Und eines sollten Sie begreifen, eine Markwirtschaft besteht schon lange nicht mehr. Natürlich kann man Löhne beeinflussen! in diesem Staat werden sie doch permanet vom Staat befohlen, nach unten gedrückt. Wenn das so ist, kann man sie auch vom Staat befohlen anheben. Es kann und darf nicht sein, dass dasselbe Produkt in einer Währungsunion (wir sind noch keine) z.B. in der BRD 100 Euro kostet und in Griechenland 135 Euro. Tatsache ist, dass gerade die BRD die Euro-Kriterien permanet verletzt, die sie von anderen Ländern aber fordert.

Jeder Ökonom lernt schon im ersten Semester, was er nicht machen darf und genau dagegen verstoßen z.B. Sinn und Hüther.

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Ehemaliger Nutzer 12.08.2012 | 01:24

Doof nur, dass es bei dem Brandbrief nicht um Wirtschaftssysteme oder Ideologien geht. Da könnt ihr noch so oft euren Lieblingsfinanzschwadronierer messianisieren, im wesentlichen haben die Industriellen Ihre Waren gegen eine Forderung an eine Bank mit fragwürdiger Zukunft getauscht. Die Industrielobby schafft es offensichtlich diese horrende Summe auf den Steuerzahler umzulegen, weshalb der Wirtschaftswissenschaftler im öffentlichen Dienst demnächst arbeitslos wird. Schafft man im Kommunismus sicher auch, sowas!

gessner_w 12.08.2012 | 15:24

Matto:

"ich habe von Flassbeck Bücher gelesen und Reden gehört, von Sozialismus war hier nie die Rede."

Natürlich redet er nicht davon. Das tut kaum jemand von denjenigen, die stets und ständig den Staat am Werke sehen wollen.

Herr Flassbeck vertritt keynesianische Standpunkte. Und Keynes hat massive Staatsinterventionen in den Wirtschaftsprozess gefordert. Deswegen lieben ihn Politiker und viele Ökonomen, die gerne Politikberatung machen. Keynes hat Politikern Argumente mit dem Anstrich "Wissenschaft" dafür geliefert, fröhlich Geld auszugeben und kaum etwas tun Politiker lieber. Diese Theorie der Staatsinterventionen ist gefährlich, denn sie führt in der Praxis in den Sozialismus. Denn Keynes hat zwar auch gefordert, die Staatsschulden wieder zurückzuzahlen, wenn die Wirtschaft wieder boomt, das hat aber quasi noch kein Politiker gemacht. So funktioniert Politik eben nicht; Politiker tun, was ihrer Wiederwahl nutzt und das ist meistens nicht das, was langfristig ökonomisch (und auch sozial) notwendig wäre. Zumal Keynes wohl eines nicht gesehen hat: Machtvolle Eingriffe in die Wirtschaft haben mehrere Effkte: Es wird zwar vielleicht eine Rezession verhindert, aber es werden auch die Preise verzerrt und damit die Struktur der volkswirtschaftlichen Produktion. Es fließt Kapital in eigentlich unrentable Bereiche, die aber aufgrund der Manipulationen rentabel erscheinen. Die Politik kann die wirtschaftlichen Gesetze aber nicht ewig überlisten. Wenn der Punkt kommt, an dem sich herausstellt, dass die Investitionen unrentabel sind, werden diese Projekte beendet und es beginnt eine Krise, die eigentlich eine Anpassung der Marktkräfte an die realen Gegebenheiten ist. Da diese Anpassung aber soziale Probleme bedingt, wird zu deren Linderung WIEDER mit Staateingriffen hantiert wird - das Spiel beginnt von vorn, es wird aber nichts wesentlich besser; die Anpassung wird wieder verhindert.

"Ich bin der Meinung, dass Sie die Ausführungen von Flassbeck überhaupt nicht kennen."

Von ihm sind einige Dutzend Vorträge online. Seinen Standpunkt legt er dort mehrfach dar. Ich meine zumindest zu überblicken, was er fordert und auf welche Ansätze er sich dabei beruft.

"Was dieser Mann beschreibt, ist ein Weg aus der Krise."

Definitiv nicht.

"Und eines sollten Sie begreifen, eine Markwirtschaft besteht schon lange nicht mehr."

Eben, das ist das Kernproblem. Es ist eben nicht richtig, zu behaupten:

"Natürlich kann man Löhne beeinflussen!"

Das kann man eben nicht (jedenfalls nicht politisch) und wenn man es macht, dann endet das langfristig im Desaster.

"in diesem Staat werden sie doch permanet vom Staat befohlen, nach unten gedrückt. Wenn das so ist, kann man sie auch vom Staat befohlen anheben."

Der Staat sollte sich aus der Lohndiskussion heraushalten. Sie sehen ja, wo die Befehle hinführen. Sind beispielsweise die staatlich befohlenen Löhne staatlich zu hoch, gibt es Arbeitslosigkeit, die über höhere Steuern oder Inflation bezahlt werden muss. Der Staat oder irgendeine andere zentrale Institution kann einfach nicht wissen, wo die "richtigen" Löhne für bestimmte Tätigkeiten liegen. Diese Preisfindung muss am Markt stattfinden. Und es kann auch nicht sein, dass politisch einflussreiche Großkonzerne oder Gewerkschaften ihre Interessen in solchen Fragen kraft politischer Maßnahmen durchsetzen.

"Es kann und darf nicht sein, dass dasselbe Produkt in einer Währungsunion (wir sind noch keine) z.B. in der BRD 100 Euro kostet und in Griechenland 135 Euro."

Warum darf das nicht so sein? Wenn das Produkt in Deutschland hergestellt wird und nach Griechenland transportiert werden muss, kommt der Transport im Preis hinzu. Selbes Produkt, anderer Preis.

"Tatsache ist, dass gerade die BRD die Euro-Kriterien permanet verletzt, die sie von anderen Ländern aber fordert."

Ja, das macht es umso schwieriger, den anderen Vorschriften zu machen. Umso eher sollte man den Euro Geschichte werden lassen, denn er führt nur zu Streit. Jeder zeigt auf die Fehler des anderen, während die Zeit für Lösungen verstreicht.

"Jeder Ökonom lernt schon im ersten Semester, was er nicht machen darf und genau dagegen verstoßen z.B. Sinn und Hüther."

Ökonomen lernen - neben vielen richtigen und wichtigen Dingen - eine Menge Unfug. Zum Beispiel, dass eine Institution wie die Zentralbank die Geldmenge steuern kann und sollte und dass diese zentralplanerische Institution mit einer Marktwirtschaft kompatibel ist. Oder dass sich eine Gesellschaft aus der Rezession konsumieren kann und sollte.

"[...] Geißler (kein Ökonom) verlangt sogar ein neues Wirtschaftssystem."

Es bedarf keines neuen "Systems", sondern einer brauchbaren Ordnung. Wie die aussehen kann, ist lange bekannt. Aber die ganze Theorie nützt keinen Pfifflerling, wenn Verträge missachtet werden und bei jedem Problem der Staat eingreifen soll und am Ende der Steuerzahler in die Pflicht genommen wird.

Brefcourte:

Volle Zustimmung.

zelotti 12.08.2012 | 20:11

"Auf der einen Seite steht die Ökonomengruppe um Walter Krämer und Hans-Werner Sinn, die ein polemisches, scharf an der Grenze zum Nationalismus argumentierendes Manifest verfasst hat."

Quatsch. Im übrigen sind sich alle einig. Die Frage ist ja nur wie man was durchsetzen kann, was technisch machbar ist. Da gibt es die Leute, die den ESM als Alternative sehen und jene die ihn als Teil des Problems sehen. Die seltsamen anklagenden Ansichten, die in den Schuldnerstaaten so populär sind, teilt aber keiner von ihnen, z.B. die Schuld dem dt. Handelsüberschuss zu geben usw. Es gibt nur die Wahl zwischen Pest und Cholera, wenn man dagegen ist, hat man schon mal Recht.

bertamberg 19.08.2012 | 17:38

Zeigt sich an diesem Expertenstreit nicht, dass der Begriffsapparat der Sozialwissenschaften, vorallem der Ökonomie hinfällig ist und in Frage gestellt werden muss?

Es gibt faktische und wünschenswerte Obergrenzen des Konsums, dies wird jedoch als Tabuthema gemieden, ebenso wie der Umstand, dass es Untergrenzen gibt, die mit einem menschenwürdigen Existenz unvereinbar sind. Dadurch zeigt sich, dass Menschen mit (betriebs-)wirtschaftlicher Orientierung blind und taub gegenüber Problemen von abhängig Beschäftigten sind, die aus der Struktur globalen industriellen Produktion und Erwerbsarbeit entstehen.

Die Unsichtbaren Deutschen 27.08.2012 | 01:59

Sie haben eine einseitige Auffassung von Staatsinterventionen, die Sie als Sozialismus verleumden.

Es gibt einen großen Unterschied zwischen Makro- und Mikroökonomie. In der Mikroökonomie gibt es eine labor-orientierte experimentelle Wirtschaftsforschung. In der Makroökonometrie gibt es nur Ökonometrie und natürliche Experimente mit denen man nichts mit Sicherheit beweisen kann.

Der Markt existiert nicht, sonndern Märkte sind in ein Ökosystem aus Rechten, Institutionen, Normen und geographischen Gegebenheiten eingebunden.

Die Opposition Markt vs. Staat gibt es in der ausschließenden Form nicht. Der Staat hat ein außerordentlichen Einfluß auf die Märkte.

Die jeweilige Rechtssprechung zu Betriebsrenten kann den Arbeitsmarkt stark beeinflussen, wenn z.B. Betriebsrenten Ansprüche nicht mit zu einem anderen Arbeitgeber mit genommen werden kann. Eine solche Regelung schränkt die Mitarbeiterfluktuation ein und motiviert Firmen in betriebliche Weiterbildung zu investieren, weil sie die Belegschaft an die "Scholle" gelegt haben. Die Expansion des Niedriglohnsektors ist ohne Politik nicht denkbar.

In der Makroökonomie hat man sehr stark vereinfachte Vorstellungen von Märkten, die man für die Politik nicht gebrauchen kann. Eine echte ingenieurmässige Herangehensweise an Märkten findet man nur in der Disziplin des Market Design und Mechanism Design .

Geographische Ansätze zur Erklärung des makroökonomischen Geschehens, die man in der Wirtschaftsgeographie oder Geopolitik findet werden einfach ignoriert. Keines der Wachstumstheorien ist imstande die Industrialisierung zu erklären. Die Politikwissenschaft erklärt die Industrialisierung nicht. Die marktfundamentalistische Makroökonomie erklärt die Industrialisierung nicht.

Nehmen wir z.B. China im 15.Jahrhundert. Es ist alles vorhanden für eine moderne kapitalistische Wirtschaft: ein bürokratischer Staat, große Städte, Papiergeld, Märkte und fortgeschrittene Maschinen und Produktionsmethoden. Dennoch findet der industrielle Produktivitätssprung durch die Zutaten Staat und Markt nicht in China statt.

Mit der heutigen Makroökonomie und der Theorie öffentlicher Verwaltung hätten wir im 15 Jahrhundert den Verlauf der Wirtschaftsgeschichte anders prognostiziert.

China wäre das Gravitationszentrum der Weltwirtschaft und das europäische Kolonialzeitalter hätte es nie gegeben.