Explosive Schätze

Glanz und Elend der Filmgeschichte Ein Besuch in Belgrads Kinemathek in Kostunjak

Alexandar Sasa Erdeljanovic sitzt neben einem Stapel alter Bücher. Lieder über Tito ist der Titel des obersten - "Geschenk von der jugoslawischen Botschaft in London", bemerkt er mit einem trockenen Lächeln, das allerdings nur halb so ironisch gemeint ist, wie es wirkt. Schließlich leitet Erdeljanovic ein Filmarchiv, und da findet man in jedem Stapel etwas Verwertbares, etwas, das sich lohnt, für diese und nachfolgende Generationen aufzuheben.

Einen Raum weiter steht eine Originalkamera der Gebrüder Lumière aus dem Jahre 1896, an der Wand hängt das aufwendig gedruckte Plakat eines italienischen Films, das mit einer kühnen Mischung aus Zirkusmalerei und klassizistischen Anleihen zur Jahrhundertwende die Zuschauer in die Kinos locken sollte. Das jugoslawische Filmarchiv gehört mit seiner Sammlung von rund 90.000 Filmkopien und über 200.000 Filmplakaten und Standfotos zu den größten Filmarchiven der Welt. Gegründet wurde es 1949, als der Filmliebhaber Tito den Wert der "siebten Kunst" für den Aufbau des Sozialismus entdeckte und die bis dahin in seinem Land nur rudimentär vorhandene Filmindustrie aufbaute.

Seitdem befinden sich die Filmbunker und Verwaltungsgebäude etwa 20 Kilometer außerhalb von Belgrad im Wald von Kostunjak, auf dem Gelände der legendären Avala-Filmstudios. Dort wurde 1947 mit Slavica das in Jugoslawien lange Zeit dominierende Genre pathetischer Partisanenfilme begründet, später drehten Regisseure der serbischen "Schwarzen Welle" wie Dusan Makavejev und Purisa Djordjevic ihre bitteren Kommentare auf die offizielle Ideologie von "Einheit und Brüderlichkeit" ab.

Heute dümpeln die Filmstudios vor sich hin; das Engagement eines italienischen Investors versickerte im Sand, die meisten Hallen stehen leer. Leben ist lediglich am Ende der kleinen Werkstraße, wo ein Mitarbeiter vor einer Baracke steht und an zwei Schneidetischen Nitratfilme aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts umrollt. Ab und zu muss das historische Material an die Luft, damit die Filmbahnen nicht zusammenkleben. Um die 7.000 Filmkopien aus dem hochexplosiven Material lagern in den feuersicheren Filmbunkern. Kürzlich fand zum dritten Mal ein "Nitratfilmfestival" mit internationaler Beteiligung statt. Das der Kinemathek angeschlossene Kino in der Belgrader Innenstadt bietet seinem Publikum einmal im Monat mit dem "Tag des Nitratfilms" einen ganz besonderen Nervenkitzel - ein Placebo-Effekt freilich, denn die Vorführgeräte sind mit entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen ausgerüstet.

Durch die Maschinen rauschen die Glanzlichter und Niederungen der Filmgeschichte: die sowjetischen Avantgardefilme von Grigori Kosinzew und Leonid Trauberg, Hitchcocks 39 Stufen, der deutsche expressionistische Film aus den zwanziger Jahren. Die Produktionen der deutschen UFA waren im Zwischenkriegs-Jugoslawien sehr populär, und mit einigen Kopien, die nach dem Zweiten Weltkrieg in der jugoslawischen Kinemathek strandeten, konnte inzwischen deutschen Filmarchiven geholfen werden, etwa bei der Beschaffung von Robert Wienes surrealem Klassiker Orlacs Hände. Erdeljanovic lässt erneut seinen Sarkasmus erkennen, wenn er vom deutschen Film schwärmt: "Ich selber war nie in Deutschland. Mein Großvater schon, er kam in einem Konzentrationslager bei Dresden ums Leben."

Nachdem die deutsche Wehrmacht 1941 über Jugoslawien herfiel, folgten die Propagandaeinheiten. Als sie ein paar Jahre später wieder aus dem Land vertrieben wurden, hinterliessen sie in den Kinos eine Unzahl von Wochenschauen und Propagandafilmen. Heute kann das jugoslawische Filmarchiv auf ein inhaltlich umfangreiches Panoptikum von propagandistischen Dokumentar- und Spielfilmen verweisen - von den ersten auf serbischem Gebiet entstandenen Aufnahmen, die Angehörige der Königsdynastie der Karadjordjevic glorifizieren, über die faschistischen Pamphlete, die in den Quisling-Staaten von deutschen Gnaden in Kroatien und Serbien vertrieben wurden, bis zu den im Stil des sozialistischen Realismus entstandenen Produktionen der Tito-Zeit, die zunächst der Sowjetunion und wenig später dem eigenen Weg zum Sozialismus huldigten. Sogar Dokumentationen aus Nordkorea lagern in den Kellern von Kostunjak.

Eine Sammlung, die wertvolle Rückschlüsse über die Vergleichbarkeit beziehungsweise Unvergleichbarkeit filmischer Propaganda in den unterschiedlichen totalitären Systemen zuließe - wenn da nicht der größte Teil des betreffenden Filmmaterials ungesichtet wäre. Die 22 Mitarbeiter der jugoslawischen Kinemathek sind gerade noch in der Lage, aktuelle Anfragen zu bearbeiten und den technischen Stand zu sichern. Die Katalogisierung aller Filmkopien wird noch einige Jahre in Anspruch nehmen, vorher ist an eine wissenschaftliche Auswertung kaum zu denken. Immerhin konnten in den letzten Jahren einige Rechercheaufträge nach Filmmaterial über die Balkankriege 1912-13 und den Zweiten Weltkrieg bearbeitet werden.

Seit 1999 stauen sich auf den Gängen des Verwaltungstrakts weitere Hunderte von Filmkopien. Während der NATO-Bombardements im Kosovo-Krieg wurde auch ein Fundament eines Filmbunkers getroffen, der sich in der Nähe eines Schießübungsplatzes der Jugoslawischen Armee befand. Durch den so entstandenen Riss drang das Wasser eines nachfolgenden Regengusses in das Gebäude ein. Immerhin konnten die meisten Filmkopien gerettet werden - für die damals zerstörten Filmdosen gab es später Ersatz aus dem Westen: Frankreich, das sich vor kurzem auch zu einer finanziellen Unterstützung bereiterklärte, spendierte einige tausend Filmdosen, und auch aus Belgien kamen Behälter zur Lagerung der Filmkopien.

Die Belgrader Sammlung dürfte auch für Freunde jüngerer Spielfilme interessant sein. Während in Westeuropa Filmkopien nach dem Lizenzablauf oftmals vernichtet werden und somit für immer aus dem kollektiven Gedächtnis zu verschwinden drohen, ist in Jugoslawien seit Jahrzehnten ein Gesetz in Kraft, das den Filmverleihern vorschreibt, mindestens eine Kopie jedes Films ins Archiv zu geben. Das betrifft auch ausländische Produktionen. Gerade kommerzielle Unterhaltungsfilme, denen puristische Filmkritiker einen künstlerischen Wert oftmals erst nach mehreren Jahren zubilligen, werden so der Nachwelt erhalten. Auf der Suche nach Filmen wie David Cronenbergs surreal-realistischem Horrorschocker Die Fliege, von dem in Deutschland keine Kopie mehr existiert, könnten Betreiber westeuropäischer Filmmuseen vielleicht in Serbien eher fündig werden als im eigenen Land. Doch vorher wird es darum gehen, den Betrieb der Institution insgesamt aufrecht zu erhalten. Auf über 500.000 Euro wird der Finanzbedarf geschätzt, der nötig wäre, um die Arbeitsfähigkeit der Kinemathek internationalen Standards anzugleichen. Angesichts der historischen Bedeutung der Sammlung sucht man inzwischen sogar bei der UNESCO um Hilfe nach.

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00:00 27.09.2002

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