Exponat mit Symbolcharakter

@-Zeichen Wir benutzen es jeden Tag – und nun wird es auch noch in den Rang eines Kunstwerks erhoben: Das New Yorker Museum of Modern Art nimmt das @-Zeichen in seine Sammlung auf

Manche Dinge in unserem Leben sind ja einfach irgendwie da. Sie gehören dazu, ohne dass wir ihnen besondere Beachtung schenken. Wasser zum Beispiel: Hahn auf, Wasser kommt, Hahn zu. Oder Sauerstoff. Einatmen, ins Blut lassen, verbrauchen. Dabei sollten wir doch eigentlich ein bisschen pfleglicher mit diesen Dingen umgehen, sie achten und ehren, eben weil sie einfach da sind und uns das tägliche Leben erleichtern.

In unserer digitalen Welt hat sich still und heimlich noch so eine Selbstverständlichkeit dazugesellt, und auch sie behandeln wir nicht so, wie wir es tun sollten: Das @-Zeichen. Wohl jeder, der regelmäßig einen Computer benutzt, drückt und presst und drangsaliert es. Und das gleich mehrmals am Tag, ganz ohne, dass dem Symbol irgendeine Beachtung zuteil wird. Es nutzt sich langsam auf den Tastaturen dieser Welt ab, verblasst immer mehr. Und doch erscheint es immer wieder brav auf dem Bildschirm, genau da, wo wir wollen. Nur: Wie lange noch? Wie lange können wir noch so verschwenderisch mit der Ressource @ umgehen?

Um ein Zeichen zu setzten, will sich nun das Museum of Modern Art (MoMA) des @-Zeichens annehmen und es zur Kunst erklären. Denn Kunst ist ja bekanntlich schützenswert. Eine kleine Chance für das @, ein kleiner Schritt in die richtige Richtung. Denn was würde passieren, wenn das Zeichen plötzlich einfach nicht mehr da wäre? Inzwischen können wir doch gar nicht mehr ohne, egal ob in E-Mails, auf Twitter oder als Abkürzung in SMS. Wir sind (digital) abhängig.

Einer Legende nach ist das @ schon lange da, viel länger als es Computer- oder Schreibmaschinentastaturen gibt. Im Mittelalter soll es aus der Verschmelzung der lateinischen Buchstaben a und d entstanden sein. Und es hielt sich tapfer als Maßeinheit oder als Sonderzeichen in Gerichtsakten aus dem 16. Jahrhundert. @ trotzte dem täglichen Gebrauch. Im Land des Lächelns wird @ oft „ai ta“ ausgesprochen, was so viel wie „liebe ihn“ bedeutet. Und genau das braucht das @: Liebe und Zuneigung, damit es nicht irgendwann einfach verschwindet und eine Lücke hinterlässt, die wir nicht wieder füllen können.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

14:55 25.03.2010

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 4