Exquisit und delikat

DDR-Literatur Über das Leben in der DDR und ihr Nachleben sind dieses Jahr viele Bücher erschienen. Wir haben die 15 wichtigsten herausgesucht

„Wir sind das Volk! Haben wir die Macht?“ Dieses leicht abgewandelte Banner der Leipziger Montagsdemonstrationen prangt gleich auf dem Titelbild eines ungewöhnlichen Buchs zum Jubiläum des Mauerfalls. Der Zeichner PM Hoffmann und der Texter Bernd Lindner haben eine Graphic Novel aus den Ereignissen gemacht, die für den 17-jährigen Daniel zum „Herbst der Entscheidung“ werden. In dokumentarischem Schwarzweiß, mit Originaltexten und Zeichnungen voller Atmosphäre überzeugt der Band mit stimmigen Charakteren.

Vom Versuch, so zu leben, als gäbe es keine Überwachung und keinen Verrat durch Freunde, schreibt Marianne Birthler in Halbes Land. Ganzes Land. Ganzes Leben. Die Nachfolgerin Joachim Gaucks an der Spitze der Stasi-Unterlagenbehörde erzählt warmherzig und genau vom Alltag in der DDR, von den durchaus unterschiedlichen Demokratiegruppen, von der Kirche als Schutzraum, der Politisierung des Lebens. Die Ausspähung verurteilt sie im Allgemeinen scharf, über ihre eigene berichtet sie erstaunlich gelassen.

Für Birthlers Nachfolger in der Stasi-Unterlagenbehörde, Roland Jahn, geht es nicht einfach nur ums Leben, sondern gleich ums Überleben in der DDR. Er will zum Erzählen der Vergangenheit ermuntern, es selbst tun, doziert aber erst einmal über Diktatur und Menschenrechte und stellt immer wieder die großen Fragen nach Widerstand und Anpassung. Obwohl Jahn betont, nicht werten zu wollen, tut er genau das, vermischt mit Rechthaberei und moralischem Zeigefinger.

Grau ist zwar der Titel des Bands von Sergej Lochthofen, doch der Journalist erzählt lebendig und anschaulich von seinem Leben in der DDR. Im sowjetischen Lager Workuta geboren, wo sein Vater interniert war (davon handelt Lochthofens Schwarzes Eis), blickt er – mit russischem Pass, langen Haaren und Westjeans – mit Distanz auf dieses Land, man wird schlaugemacht über die friedliche Revolution in Erfurt und die Verrenkungen der Journalisten einer Parteizeitung.

Der erste Schluck Cola nach der Grenze schmeckt nach BRD – und damit ist gut. Das Geschwisterpaar, das so empfindet, verfolgt Madeleine Prahs in ihrem gelungenen Debütroman Nachbarn von 1989 bis ins Jahr 2006. Prahs beschreibt das Wiedersehen eines durch die Grenze getrennten Paars, das in Sprachlosigkeit endet, schreibt von vorübergehenden Jobs, die zur Dauer werden, und noch für eine oft beschriebene IM-Geschichte („ein geradezu liebevoller Verräter“) findet sie einen eigenen Ton. Dichte, verwobene, unaufgeregte Lebensläufe, bei denen die DDR nur noch Hintergrund ist.

Gleich drei „Deutschländer“ hat Armin Mueller-Stahl erlebt. 1930 in Tilsit geboren, Mutter und Großeltern russische Bürger deutscher Sprache, als die Reise von Tilsit nach Prenzlau noch weitgehend innerdeutsch war. In der DDR unfreiwillig politisiert, beendet er die Ehe mit diesem Staat und macht im Westen, dann in Hollywood Karriere. Beim Fall der Mauer sei er wieder so gelöst wie in seiner Studentenzeit gewesen, erklärt er in Dreimal Deutschland und zurück, und bei der Lektüre meint man, den Schauspieler sprechen zu hören.

Immer noch unversöhnlich

„Nur mal eben“ nach Italien, um auf Seumes Spuren zu wandeln – das wollte Klaus Müller, doch der Ausgangspunkt hieß DDR, und er wollte wieder zurück. Für F.C. Delius wurde die Geschichte zum Vorbild seiner Erzählung Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus, hier nun beschreibt Müller selbst seine abenteuerliche Unternehmung als „eingemauerter Zoni“. Doch in Gehen, um zu bleiben verliert sich die Brisanz der Fahrt über die Ostsee zwischen Seglerlatein, penibel notierten Zimmerpreisen und banalen Eindrücken.

Es beginnt eindrucksvoll in einem Verhörraum der Volkspolizei; das Vergehen, das den Kulissenschieber Hülsmann dort hingebracht hat, bleibt unklar. Doch dann verzettelt sich Andreas H. Apelts Roman Pappelallee in Kiezgeschichten, mal naiv, mal altklug erzählt, in Wiederholungen („Einen Roten. Besser gleich zwei“) und allzu betonter Alltagssprache. Das alles spielt hauptsächlich in der Kneipe Luftikus und dem Wiener Café, gern als WC abgekürzt.

Im Fontane-Land der Nachwendezeit waren die Lyriker Björn Kuhligk und Tom Schulz (West der eine, Ost der andere) unterwegs, sahen mehr Autos als Menschen auf der Straße, fanden „die letzte ehrliche Kneipe in Neuruppin“, fragten sich, wovon die Menschen in der idyllischen Landschaft leben. Auf den Wanderungen ist mit Wir sind jetzt hier ein Buch der Alltagsbeobachtungen entstanden, manche sind wichtig und manche skurril wie die „authentische Gulaschkanone“.

Unversöhnlich gegenüber der DDR ist Ines Geipel auch nach 25 Jahren. Die ehemalige Weltklassesprinterin, die noch im Sommer 1989 über die grüne Grenze floh, hat in Generation Mauer heute 45- bis 55-jährige Menschen porträtiert, meint und beschreibt aber vor allem sich selbst. Sie analysiert den „fortgesetzten Nazismus“ in Nachkriegsfamilien, erinnert an das spezielle Angstsystem der DDR, stellt und beantwortet immer wieder die eigenen Fragen, auch die nach der angemessenen Darstellung der Ereignisse.

Nach der Mauer im Kopf hat Anja Goerz gesucht und Biografien gefunden. Nicht nur sie meint, der Osten ist ein Gefühl, das viele noch im Herzen haben. Auskunft geben sowohl Prinzen-Sänger Sebastian Krumbiegel als auch ein anonym bleibender Polizist, für den das Ende der DDR eine persönliche Niederlage war. Nicht alle Vorgestellten haben wirklich etwas Wesentliches beizutragen.

Als „Ausreißer“ bezeichnet der Schriftsteller Erwin Strittmatter jene Menschen, die die DDR verlassen wollten – das klingt schon sehr nach Fahnenflucht. In seinen Tagebüchern Der Zustand meiner Welt kritisiert er in der Zeit um den Fall der „frontière“ das Tun und vor allem Lassen der „Partei-Oberen“. Seinen Mitbürgern wirft er vor, nicht Freiheit, sondern Devisen zu wollen, und notiert erst nach einem Jahr die Erleichterung, nicht mehr jedes öffentliche Wort wägen zu müssen. Und er nimmt sich vor, sich nie wieder was vorzumachen und vormachen zu lassen.

Diesmal für die jungen Leser

Die Großmutter hat ihm im kleinen thüringischen Dorf „Lichter aufgesteckt“ – mit Büchern. Denen ist der Verleger Elmar Faber treu geblieben, hat aus ihnen „Herzens- und Charakterbildung“ erfahren. In seinen Memoiren Verloren im Paradies blickt er auf die Kindheitsidylle zurück und auf das Leben in der DDR, wo er für den Mauerbau „fast so was wie Verständnis“ empfand. Über die Wendeereignisse nicht nur in der Verlagsbranche schreibt er Bedenkenswertes, für das man sich aber durch viel (Eigen-)Lob des Aufbau-Verlags lesen muss.

Die Väter: Generalinspekteur der Bundeswehr (West), Jurist mit Ost- und Westzulassung (Ost). Die Söhne: amtierender Bundesinnenminister (Thomas de Maizière), erster frei gewählter Ministerpräsident der DDR (Lothar de Maizière). Parallel werden die Lebensläufe entwickelt in der Geschichte der Familie de Maizière, von den hugenottischen Vorfahren bis zur Wiedervereinigung von Land und Familie. Andreas Schumann, ehemaliger Mitarbeiter von Thomas de Maizière, erzählt das stringent, in flotter Sprache, mit nicht immer aussagekräftigen Zitaten und ziemlich wohlwollend.

Und noch einmal die Wende in Wort und Bild, diesmal für junge Leser. Hanna Schott (Text) und Gerda Raidt (Illustrationen) erzählen in ihrem wunderbaren Buch Fritzi war dabei die Ereignisse aus Kindersicht, aber durchaus nicht kindlich. Der Vater erklärt, was Schüler sind, die nach den Ferien plötzlich fehlen. Die Mutter geht zu den Montagsdemonstrationen, was Vater und Kinder zu Hause bangen lässt. Und dass man plötzlich die „West-Oma“ in München besuchen kann, ist mit genau dem ungläubigen Staunen geschildert, das wohl viele in dieser Zeit erlebt haben. Klar und altersgerecht bekommt Fritzi nach und nach Antworten auf die Fragen, die nicht nur die ganz jungen Leser haben dürften.

Eine Auswahl

Herbst der Entscheidung. Eine Geschichte aus der Friedlichen Revolution 1989 PM Hoffmann, Bernd Lindner Ch. Links 2014, 96 S., 14,90 €

Wir Angepassten. Überleben in der DDR Roland Jahn Piper 2014, 192 S., 19,99 €

Grau. Eine Lebensgeschichte aus einem untergegangenen Land Sergej Lochthofen Rowohlt 2014, 496 S., 19,95 €

Wir sind jetzt hier. Neue Wanderungen durch die Mark Brandenburg Björn Kuhlig, Tom Schulz Hanser Berlin 2014, 272 S., 17,90 €

Generation Mauer. Ein Porträt Ines Geipel Klett-Cotta 2014, 275 S., 19,95 €

Der Zustand meiner Welt. Aus den Tagebüchern 1974 – 1994 Erwin Strittmatter Aufbau 2014, 623 S., 24,95 €

Verloren im Paradies. Ein Verlegerleben Elmar Faber Aufbau 2014, 398 S., 22,99 €

06:00 19.11.2014

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