Ey, Bössin!

A-Z Chefinnen Die Linke bekommt vielleicht eine weibliche Doppelspitze, die CDU zittert unter einer Chefin. Nach dem Lexikon über den "Boss" nun das Lexikon über einflussreiche Frauen

Anfang

Wenn es um die Schöpfungsgeschichte geht, muss man genau sein. Nicht Adam griff sich den Apfel und biss rein, sondern Eva hielt ihm einen hin und sagte: „Probier mal.“ So kam die Sünde in die Welt. Eva rangierte in der Ur-Hierarchie auf dem letzten Platz. Oben war Gott, der Chef vom Ganzen, darunter Adam, seine rechte Hand, und dann kam erst Eva, die Rippen-Retorte, die in der Bibel auch „Männin“ genannt wird. In der Kunst wurde sie häufig als Urmutter dargestellt, aber auch als Antipodin zur reinen Jungfrau, als Maria mit Makel sozusagen, als Chefarchitektin des düsteren Nach-Eden. Ein bisschen die Hosen an hatte Eva aber schon im Paradies. Denn als sie ihrem Adam den Apfel hinhielt, hätte der auch sagen können: „Lass mal, Schatz.“ Aber er biss rein. Wahrscheinlich um des lieben Friedens willen. Mark Stöhr

Bienenkönigin

Im Reich der Honigbienen herrscht das Matriarchat. An der Spitze steht die Königin. Sie ist die Gebärmaschine des Stocks und Kanzlerin mit hormoneller Richtlinienkompetenz. Die Arbeitsbienen erledigen das Tagesgeschäft und versorgen ihre Chefin mit Gelée Royale. Männer gibt es auch in dieser Waben-Metropolis, die Drohnen. Sie können eigentlich nichts außer Sex. Komplett abhängig von der Nahrungsbeschaffung durch die Weibchen, haben sie nur einen einzigen großen Auftritt: beim Hochzeitsflug, wenn sie wie Toyboys um ihre Madonna herumschwirren und ihre Penisse herausstülpen. Danach sterben sie. Den Männchen, die nicht einmal dazu fähig sind, wird irgendwann der Zugang zum Stock verwehrt. Sie verhungern jämmerlich. Chefinnen können manchmal schrecklich grausam sein. MS

Captain Janeway

Als im Januar 1995 die Ausstrahlung der vierten Star-Trek-Reihe Voyager begann, waren viele Fans baff. Mit Captain Kathryn Janeway betrat nach den virilen Bossen Kirk, Picard und Sisko eine Frau die interplanetarische Ebene. Sie blieb die einzige Chefin auf einem Raumschiff. Wie Odysseus befindet sich Janeway auf Irrfahrt. Durch mysteriöse Umstände in einen 70.000 Lichtjahre von der Erde entfernten Quadranten torpediert, muss sich die Crew unter ihrem Kommando den Weg durch eine Vielzahl an Gefahren bahnen. Die Studio-Bosse hatten so wenig Vertrauen in ihre Front-Frau, dass sie über die Frisur stritten. Für den fertigen Pilotfilm wurden alle ihre Szenen noch mal gedreht, um ihr den typischen Dutt zu verpassen. Erst später durfte Janeway das Haar dann auch mal offen tragen. Tobias Prüwer

Dame

Auf die Sekunde genau ging die Tür auf und sie kam quer durch das breite Rund, das sich vor ihrem Büro zu beiden Seiten öffnete und von mächtigen Fensterfronten beschlossen wurde, auf einen zu. Ganz einfach, ganz normal, sehr freundlich bat Angela Merkel mich, doch hereinzukommen, als handelte es sich bei ihrem Büro um ein stinknormales, nicht um das der Bundeskanzlerin. Rechterhand ein Konferenztisch mit einigen Stühlen, linkerhand ein Couchtisch mit vier schweren Sesseln. Unschwer zu erraten, wo Gerhard Schröder sich einst besprach. Hinter dem großen Fenster in einiger Entfernung der Reichstag, so genau eingepasst, als hätte ihn jemand da hinein gemalt.

Dann führte sie mich zu einem anderem Fenster, vor dem eine kniehohe Dame stand, eine Schachfigur. Als Kanzlerin bekommt man ja immer und überall Gastgeschenke überreicht. Wahrscheinlich ließen sich längst alle Zimmer im Kanzleramt damit füllen. Angela Merkel aber hat nur die Schachfigur aufgestellt. Mit einem Lächeln erklärte sie mir warum: „Die Dame ist am Zug.“ Jana Hensel

Hera

Bei Göttervater Zeus und seiner Gemahlin Hera ist es eindeutig, wer im olympischen Heim die Hose anhatte. Zuhause war sie die Chefin. Die Eheschließung umkränzen diverse Mythen. Laut einer Erzählung verliebte sich er, sie wies ihn ab. Da nahm er die Gestalt eines verletzten Kuckucks an. Hera hatte Mitleid mit dem Tier und nahm es auf den Schoß. Dem folgten eine göttliche Hochzeit und eine 300-jährige Hochzeitsnacht. Als Schutzgöttin der Ehe hatte Hera selbst es aber nicht leicht. Zeus betrog sie oft, mit Sterblichen und Unsterblichen. Einmal hatte sie die Nase voll und versteckte sich auf Kithairon. Zeus setzte alles daran, seine Göttin zurückzuerobern. Und sie verzieh ihm, wieder und immer wieder. Agnes Szabo

Ikone

Es ist 1898. Nichts ist Rosa Luxemburg mehr suspekt als eine Karriere in der SPD, deren Mitglied sie wird, um bald Wortführerin des linken Flügels zu sein. Doch im Vorstand sitzt sie nie. Im Wilhelminischen Deutschland sind der politischen Laufbahn von Frauen Grenzen gesetzt. Sie haben weder das aktive noch das passive Wahlrecht. 1902 übernimmt Luxemburg als erste Genossin die Chefredaktion der Leipziger Volkszeitung. Sie kann als Rednerin Parteitage mitreißen und will doch nie eine Parteiarbeiterin sein. „Mein inneres Ich gehört mehr meinen Kohlmeisen als den Genossen“, schreibt sie 1917 aus dem Zuchthaus an ihre Freundin „Sonjuscha“, die Frau Karl Liebknechts. Ende 1918 endlich freigelassen, wird sie noch mal Chefredakteurin. Diesmal der Roten Fahne, der Zeitung des Spartakusbundes. Wieder nur für kurze Zeit. Am 15. Januar 1919 werfen Freikorps-Soldaten die Leiche Rosa Luxemburgs in den Berliner Landwehrkanal. Lutz Herden

Konkurrenz

Ach, wie schön die Zeiten, als wir uns noch in schwesterlicher Umarmung wähnten. Als wir, der ewigen Schönheits- und Anerkennungskonkurrenz den Rücken kehrend, daran glaubten, wir Frauen seien alle gleich und uns zugeneigt. Es dauerte eine Weile, bis nicht nur die unterschiedlichen Interessen zutage traten, sondern auch veritable Killerinstinkte: Rivalität, Egoismus, Neid.

Dabei fanden wir dann heraus, dass Konkurrenz nicht nur das Geschäft belebt, sondern auch die Gemeinschaft. „Lasst hundert Blumen blühen, lasst hundert Blumen miteinander wetteifern ...“ – so ganz dumm war der Spruch von Mao dann ja doch nicht. In diesem Fall gälte der Wettbewerb der „dritten Sache“, wie man früher gesagt hätte. In echten Konkurrenzgesellschaften geht es hingegen nur ums Ego. Ulrike Baureithel

Schatten

Über ihren Schatten zu springen, ist Friede Springer bis heute nicht gelungen. Ohne ihren Axel Cäsar wäre sie nicht da, wo sie heute ist. Bei den Feiern zu dessen 100. Geburtstag trat sie als Chefin des Konzerns gerade wieder ganz hinter das übergroße Bild des Gründers zurück. „Du machst das schon, Friede“, soll der Ehemann vor seinem Tod gesagt haben. Und bis dato, selbst im Jubiläumsjahr von Bild, wirkt es so, als ob sie den Job nur wegen ihm macht. Befehl ist Befehl. Dabei hat die geborene Riewert, die 1965 als Kindermädchen in Springers Haus kam und erst Geliebte, dann Gemahlin wurde, um ihr Erbe gerungen. Sie kaufte Unternehmensanteile zurück, ließ Prozesse über sich ergehen und fährt heute Rekordgewinne ein. So richtig als Chefin sieht sie sich aber nicht: „Ich bin sein Produkt“, sagte sie über Axel Cäsar einmal. TP

Tatort

Am Anfang durften Frauen nur ermordet werden. Den Mörder zu finden, war ausschließlich Männersache. Erst 1978 betrat die erste Ermittlerin den Tatort, seitdem legte die Frauenquote sonntagabends stetig zu. Doch Chefin ist nicht gleich Chefin. Es gibt den Kumpeltyp, Lena Odenthal aus Ludwigshafen verkörpert ihn. Sie und Kopper sind Kollegen und Freunde. Sie macht sich Gedanken, er die Pasta. Mütterlich geht es in Bremen und Konstanz zu. Inga Lürsen und Klara Blum sind deutlich älter als ihre männlichen Mitstreiter. Beide bremsen deren Übermut, sind aber froh, dass die Jungs schnell Auto fahren können, wenn’s drauf ankommt. In Frankfurt hat es Conny Mey, Typ toughe Tussi, mit Frank Steier, Typ Todessehnsucht, zu tun. Die Anti-Psychologin und der Psychofall, ein wunderbares Team. Ganz ihre eigene Chefin ist dagegen Charlotte Lindholm aus Hannover. Sie bekommt alles locker unter einen Hut, Kind und Beruf, die perfekte Karrierefrau. Das, so hört man, soll ziemlich genau dem Selbstbild der Darstellerin Maria Furtwängler entsprechen. MS

Teufel

Was wurde über sie schon alles erzählt. Dass sie seelenlos sei, sadistisch und vollkommen unberechenbar: Anna Wintour, seit 1988 Chefin der US-amerikanischen Ausgabe der Vogue. Die angeblich mächtigste Frau der Modebranche. Ihre ehemalige Assistentin schrieb das Buch Der Teufel trägt Prada, das Hollywood später erfolgreich verfilmte. Wintour kam lächelnd zur Premiere und trug – Prada. In Interviews wirkt die mittlerweile 62-jährige höflich, fast zerbrechlich. Prominente Freunde sprechen ausnehmend positiv von ihr. Wie ist sie also wirklich? Dass man zäh sein muss, um in diesem Business über mehrere Dekaden an der Spitze zu stehen, steht außer Frage. Und während Karl Lagerfeld mit jeder neuen Kollektion weiter zum Genie stilisiert wird, muss sich die Dame mit dem Bobschnitt als Teufelin beschimpfen lassen. Darüber sollte man(n) sich mal Gedanken machen ... Sophia Hoffmann

Vagina Dentata

Unter einer Chefin könnten sie nicht arbeiten, hört man manche Männer immer wieder sagen. Neben gekränkten Eitelkeiten kleiner Macho-Egos mag hinter diesem Unbehagen auch noch etwas anderes stecken: nämlich die Furcht vor der vagina dentata, dem gezähnten und bissigen Unterleib. Die maskuline Ur-Angst vor der mächtigen Frau ist nach Sigmund Freud Ausdruck einer Kastrationspanik, die die Männer angeblich seit Beginn der Kulturgeschichte umtreibt. In mehreren Mythen taucht das Motiv der zuschnappenden Vagina auf, die Männer verspeist – weshalb es Freud als Illustration für seine Phallus­theorie aufgriff.

Andere deuten diese Sagen etwas schlichter als den Sexualtrieb zähmende Warnung vor fremden Frauen. TP

Zynismus

Es waren Semesterferien. Ich brauchte Geld, der Bertelsmann-Buchclub suchte Vertreter. Ich lockte Passanten mit zwei Losen in der Hand von der Straße in die Filiale. Mit jedem Los gewann man eine Duschprobe. Meine Chefin gab mir Tipps, wie ich zu Büchern überleiten konnte: „Sie lesen doch sicher gern?“ Wenn es türkische Mitbürger seien, solle aber nicht die Frau den Vertrag unterschreiben, die kriegten immer Ärger von ihrem Mann. Türken lesen Pilcher-Kitsch? Die Chefin zuckte mit den Schultern. Ich machte 15 Buchclub-Verträge am Tag. Meine Chefin zeigte mir ihre „Goldene Karte“, nur für die besten Mitarbeiter.

Einmal stand ein abgemagertes Mädchen mit zerstochenen Armen vor mir, sie kam vom Babystrich. „Wat meinen se, ob die ’ne EC-Karte hat?“, fragte meine Chefin laut. Ich sah sie geschockt an, ob ihres Zynismus. „Ach, da komm Sie auch noch hin“, sagte sie zu mir. Ich kündigte ein paar Tage später. Maxi Leinkauf

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09:00 02.06.2012

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