Fachwerk ist Machwerk

Traditionsinsel Die Altstadt ist zum Darling der Touristen geworden. Dabei ist sie gemacht und nicht authentisch gewachsen

An einer entlegenen Stelle seines Passagenwerks äußerte Walter Benjamin den Gedanken einer Umkehrung von individueller und kollektiver Wahrnehmung. Dem Individuum sind seine Organempfindungen, Gefühle der Krankheit oder Gesundheit innerlich, aber Phänomene wie Mode, Architektur, Stadt oder Wetter äußerlich. Doch vom Standpunkt des Kollektivs betrachtet, kehre sich das Verhältnis um: Dann, so Benjamin, lassen sich Mode, Stadt und andere gesellschaftliche Formbildungen als innere Vorgänge wie Verdauung oder Atmung verstehen, sodass man durch Städte wie durch die Eingeweide des Kollektivs gehen kann. Was aber, wenn man nach einem ausgedehnten Spaziergang bloß im Enddarm landete, also in Suburbia oder einem Gewerbegebiet, just vor der großen Entleerung?

Dergleichen wird im Falle der Altstadt wohl niemand befürchten. Nicht zu Unrecht, denn das kollektive Bild der Altstadt ist Ausdruck eines bürgerlichen Selbstverständnisses. Gerade in seiner Geschichtlichkeit erinnert es tagtäglich an Kraft und Identität eines funktionierenden Gemeinwesens. Allerdings ist dieses Image durchaus trügerisch. Mögen Erwartung und Behauptung des Begriffs Altstadt selbst auf etwas Erhaltenes und Geschütztes abstellen, so zeigt der zweite Blick, dass es sich um „etwas Gemachtes“ handelt.

Was sich an einer Reihe von Beispielen nachvollziehen lässt. Münchens historischer Stadtkern, der eingängiger Weise vom Altstadtring begrenzt wird, spiegelt die verschiedenen Phasen der Altstadtbildung in ihren sich wandelnden Techniken. Die Rolle als Residenzstadt prägte die Geschichte und das Stadtbild, die Bürgerschaft konnte sich gegenüber der herzoglichen Herrschaft nur allmählich emanzipieren. Das Neue Rathaus am Marienplatz, die Demonstration städtischer Selbstständigkeit, stammt erst vom Ende des 19. Jahrhunderts. Der Wiederaufbau der Nachkriegszeit erfolgte zwar unter weitgehender Erhaltung der mittelalterlichen Straßenverläufe und der wichtigsten Großbauten wie der Stadttore und Kirchen, der Residenz, des Nationaltheaters oder des Alten Hofs. Das bürgerliche München aber ging verloren.

Die Altstadt als „Schatzkästlein der Nation“

Die Hansestädte Lübeck, Wismar und Stralsund verfügen zum einen über große und eindrucksvolle Altstädte, zum anderen blieben sie – trotz zum Teil erheblicher Kriegsschäden – von katastrophischen Umbrüchen weitgehend verschont. Über die Jahrhunderte konnten ihre Grundrissstruktur wie viele Bauten nahezu unverändert bewahrt werden.

Köln kontrastiert damit insofern, als der Zweite Weltkrieg hier eine Trümmerlandschaft hinterlassen hatte, und das, was man heute als Altstadt zu kennen glaubt, eine Nachschöpfung ist. Doch diese Künstlichkeit erweist sich ihrerseits als nichts Neues, da der zentrale Bereich der Altstadt um Groß St. Martin bereits Ende des 19. Jahrhunderts ein Lieblingsobjekt von Stadtverschönerungsmaßnahmen gewesen ist und als Teil des berühmten Kölner Rheinpanoramas vermarktet wurde. Gern verdrängt wird vor allem, dass jener Zustand, den die Denkmalpflege hier nach 1945 wiederhergestellt hat, erst auf ein umfassendes Sanierungsprogramm unter nationalsozialistischer Herrschaft zurückgeht.

Und Nürnberg gelang es bereits Mitte des 19. Jahrhunderts, in und mit seiner Altstadt das Heimatliche mit dem Musealen wie auch mit dem verlangsamten Takt von Freizeit und Reise zu verknüpfen – als „Schatzkästlein der Nation“. Vorstellungen von Authentizität und Identität werden mit dem Begriff assoziiert – allesamt Termini der aktuellen Architektur-, Stadt- und Denkmaldiskurse, die auf Nicht-Verfügbares rekurrieren.

Was gerade im heutigen Berlin der Fall zu sein scheint. Aus naheliegenden Gründen ist der Begriff Altstadt in der Spreemetropole weder gebräuchlich noch sinnvoll. Entstanden ist die Stadt etwa am heutigen Marx-Engels-Forum vor dem Roten Rathaus, zwischen Fernsehturm und Spree. Vor dem Krieg dicht bebaut, wurde die Altstadt durch Bomben weitgehend zerstört, die Reste zur DDR-Zeit bis auf vereinzelte Gebäude abgeräumt. Auf groteske Weise einsam steht die eigentlich einer Umbauung bedürfende Marienkirche schräg im Gelände (im Mittelalter pflegte man solche Sakralbauten strikt nach Osten auszurichten). Nur der Fernsehturm mit seinem expressiven Sockelbau entstand neu.

Seitdem herrscht gähnende Leere vor dem Rathaus. Selbst zu einem ordentlichen Park hat es nie gereicht. Vielleicht deshalb gibt es seit einiger Zeit – angestoßen vom ehemaligen Senatsbaudirektor Hans Stimmann – eine Initiative, die die Altstadt wiederherstellen will. Ein höchst zweifelhaftes Unterfangen: Selbst wenn man davon überzeugt wäre, dass das Marienquartier wieder gebaut werden müsse – wobei es genügend Berliner gibt, die den gegenwärtigen Zustand schätzen und die Daseinsberechtigung des DDR-Städtebaus nicht in Zweifel ziehen –, so stellt sich doch die Frage, warum man nicht die Chance ergreift, ein fantasievolles, attraktives Zentrum zu erdenken, anstatt das Quartier nach altem, doch recht schematischem Grundriss irgendwie aufzufüllen.

Lübecks Promotion

Freilich gibt es auch da, wo eine veritable Altstadt noch existiert, fragwürdige Entwicklungen. Die Altstadt wird als Spielfeld für die Erlebnisgesellschaft genutzt. Sie ist zum touristischen Anziehungspunkt und in dieser Hinsicht zum Wirtschaftsfaktor geworden. Auch das kommt nicht von Ungefähr: Was sonst lässt sich so gut als bildmächtige Formel für das Vertraute und Heimelige vermarkten? Erfolgreiche Shopping-Strategien nutzen die Anmutung von historisch konnotierter Urbanität. Touristen-Pulks durchstreifen mit Leihfahrrädern die Altstädte; ausgesuchte Kneipentouren erfreuen sich einer generationsübergreifenden, internationalen Klientel; Kunstvermittler bieten das geführte „Galerien-Hopping“ an. Selbst das Spazierengehen wird in organisierter Truppenform praktiziert, und zwar nicht nur, wenn die Sehenswürdigkeiten des Baedecker, Weihnachtsmärkte oder Fastnachtsumzüge das Ziel darstellen. Offenbar braucht es die altstädtische Kulisse, vor der viele zeitgenössische Events erst ihre eigentliche Wirkung entfalten. Und wenn die Altstadt auch sonst öffentlich genutzt wird – umso besser!

Dass am Ende das Erdachte und Erträumte etwas ist, an dem nicht gerüttelt werden kann, ohne die Wirklichkeit zum Einsturz zu bringen – das ist eine Einsicht, die wir Cees Nooteboom und seinem Buch Rituale verdanken. Von eben dieser Sehnsucht zeugen die jüngsten Rekonstruktionsvorhaben, die verschwundene historische Bauten ersetzen sollen. Die Frauenkirche ist dafür lediglich ein prominentes Beispiel. Denn mit seinem Wunsch, Zerstörtes nachzubauen, steht Dresden keineswegs allein. Die besondere Begeisterung für die Rekonstruktion ist auch in Berlin, Braunschweig oder Frankfurt, in Nürnberg, Potsdam und Hannover zu beobachten. Ohnehin scheinen die Bilder des Bekannten und Altgewohnten immer wichtiger zu werden. Für mehr und mehr Menschen passen etwa Schlösser genau deshalb in die heutige Zeit, weil sie so anders sind: Sie stehen für das Unverwechselbare in einer Welt, deren Städte einander immer ähnlicher werden. Sie verkörpern Dauerhaftigkeit statt Hektik, sie weisen zurück in eine zwar nicht heile, doch bekannte Epoche.

Vielleicht ist man gut beraten, die Altstadt nicht als eine Art Opfer oder Überlebende eines tiefgehenden Modernisierungsprozesses zu begreifen, sondern als dessen systematisches Produkt. Akzeptiert man das, dann wäre es nur folgerichtig, die Altstadt als einen inhärenten Teil des modernen Städtebaus zu sehen. Überzeugungskraft gewinnt der Ansatz schon in eher beiläufigen Beobachtungen: Dass etwa Lübeck erst durch kontinuierliche Stadtbildpflege zur norddeutschen Backsteinstadt promoviert wurde. Oder dass das 1893 im New Yorker Madison Square Garden aufgebaute Alt-Nürnberg-Panorama für lange Zeit als die mit modernen Medien geschaffene Simulation der deutschen Altstadt schlechthin galt. Eine weitere, ganz anders gelagerte Facette bietet das Nikolaiviertel in Berlin: Rund um die gleichnamige, wiederaufgebaute Kirche ist zum 750-jährigen Stadtjubiläum vor 25 Jahren in Plattenbauweise ein historisches Ensemble neu entstanden, und dieses wird nicht nur von Touristen goutiert.

„Heimat“ in progress

Alles erlaubt, wenn es dem Publikum nur gefällt? So einfach liegt die Sache nicht, gerade weil die Klage über Kulissenzauber und Verfälschung, Entstellung und Erfindung, die Altstadt von Beginn an begleitet, ohne dass ihr Echtheits- und Authentizitätsanspruch dadurch ernsthaft Schaden genommen hätte. Freilich gibt es Altstadt erst, seitdem ihr etwas Neues zur Seite gestellt wurde, womit paradoxerweise das Moderne (die Gründerzeit, die industrielle Entwicklung) zur Voraussetzung für das Alte wurde.

Nun unterliegen Geschichtsbilder jedoch der Veränderung. Was man als das kollektive Gedächtnis einer Gesellschaft interpretiert, wertet weiter zurückliegende Epochen heute grundsätzlich positiver als noch vor einigen Jahrzehnten. In diesem Zusammenhang hat der Begriff der Heimat als persönlichem räumlichem Bezugspunkt eine Aufwertung erfahren. Und in der historischen Altstadt scheint dieser ideelle Anker Halt zu finden. Wobei der Wunsch nach Heimat durch den Prozess der fortschreitenden Individualisierung, der Pluralisierung der Lebensstile, der Ausdifferenzierung der Milieus verstärkt wird. Gewiss aber ist Altstadt kein wie auch immer gehegtes Überbleibsel, sondern eine bewusst eingeräumte, emotional wirksame Sonderzone. Beide, Stadt und Altstadt, sind in gewisser Weise wechselseitig aufeinander bezogene Gegenbilder, wobei sie für unterschiedliche räumliche und zeitliche Ordnungen stehen.

Als gesonderte Traditionsinsel schwebt die Altstadt naturgemäß in der Gefahr, vor allem im touristischen Sinne schön sein zu müssen. Zumal das Bedürfnis nach geschlossenen Stadtbildern weit verbreitet ist. Die Menschen fahren eben nicht zufällig nach Rothenburg oder Hildesheim, nach Quedlinburg oder Görlitz und schauen sich die gut gefügten Ensembles an – augenscheinlich in der Hoffnung, darin und damit Geborgenheit zu finden. Ohnedies entsteht „Heimat“ nicht dadurch, dass wir durch unser Dorf oder unsere Stadt spazieren und uns an den bekannten Bildern erfreuen. Sie entwickelt sich erst, wenn wir selbst uns als Teil eines gesellschaftlichen Prozesses verstehen und nicht nur als Zuschauer und Besucher. Man muss die Altstadt vom Standpunkt des Kollektivs betrachten.

Robert Kaltenbrunner ist beim Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung beschäftigt und als Publizist tätig

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

12:00 13.07.2012

Ausgabe 39/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 6