Fahl die Gesichter

Hospital in Ramallah am 7. April 2002 Die Toten sind mitten unter uns

Ein gradliniger Politiker, steht Ariel Sharon zu dem, was er tut. Er habe die Absicht, die zivile Infrastruktur der Palästinenser zu zerstören, verkündet er unverblümt, und wir hören von den Palästinensern, vor allem den Ärzten des Palestinian Medical Relief Center, die entsprechenden Hiobsbotschaften: Das Center wurde zerstört, die Panzer sind nur deshalb in der Nacht wieder abgerückt, weil sie im Nachbarviertel einerseits das Hauptquartier des palästinesischen Sicherheitschefs Rajub, andererseits ein anderes Hospital angegriffen haben. Als wir die Nachricht über unsere ständig gestörten Handyverbindungen empfangen, brennt das Krankenhaus immer noch, Feuerwehr und Ambulanzen wird von den Israelis der Zugang verwehrt, gängige Praxis in diesen Tagen des "totalen Krieges". Die eingeschlossenen Patienten ersticken, verbrennen, verbluten. Damit nun allerdings wird mehr zerstört als zivile Infrastruktur.

"Aber, was würdet ihr denn tun ...

... wäret ihr in euren Städten täglich von Selbstmordattentätern heimgesucht?" fragte uns ohne Aggressivität der israelische Soldat, mit dem wir am Tag zuvor, draußen vor der Mukata(*), ins Gespräch kommen. Eine legitime Frage, selbstverständlich.

Der Soldat will auch wissen, was wir eigentlich hier wollten - wir, diese verrückten Europäer mit ihren weißen T-Shirts der Mission civile pour la Protection du Peuple Palestinien. Wir erklären ihm, dass wir hier seien, um palästinensische Zivilisten zu schützen, die in diesem Augenblick der Militärgewalt ohne Zeugen, ohne Verteidigungsmöglichkeit ausgesetzt seien. Ahmad, ein junger Franzose maghrebinischer Herkunft aus unserer Gruppe, hat bisher nur zugehört. Die kleine Gesprächsrunde löst sich auf, aber Ahmad bleibt bei dem Soldaten stehen. Es stellt sich heraus, dass ihre Familien aus Marokko kommen, sogar aus der gleichen Gegend. Sie unterhalten sich weiter, ich sehe auf ihren Gesichtern Freude und Trauer. Zwischendurch fordern andere Soldaten "unseren Freund" auf, das Gespräch abzubrechen. "I must stop now", sagt er, aber dann fängt er doch wieder an, genau wie zwei, drei andere von seinen Kameraden. Einer von ihnen, erfahre ich später, soll erzählt haben, er würde am liebsten den Kriegsdienst verweigern, aber er schäme sich zu sehr vor seiner Familie und seinen Freunden, die keinerlei Verständnis dafür hätten. Den Wehrdienst in Israel zu verweigern, tut nicht wirklich weh. Man muss ein paar Wochen ins Gefängnis, das größere Problem für die Verweigerer ist die Stigmatisierung angesichts der enormen Bedeutung, die der Armee als unverzichtbarer Verteidigerin des Staates Israel zugesprochen wird. Als unsere Gruppe schließlich abzieht, sehe ich Ahmad dem Soldaten, mit dem er sich so intensiv unterhalten hat, zuwinken, sehe wie sich ihre Abschiedsblicke verbinden.

Ein verwirrendes Déjà-vue ...

... am nächsten Tag, als wir ungläubig, tatsächlich die Mukata betreten und von palästinensischen Soldaten empfangen werden, ist das erste Gesicht, in das ich blicke, das von Ahmads "Freund" von gestern, dem israelischen Soldaten. Es ist natürlich nur eine Täuschung von Sekunden. Die Israelis, die aus den arabischen Ländern stammen (Mizrahi), sehen Palästinensern und anderen Arabern zum Verwechseln ähnlich. Sie gehören in der israelischen Gesellschaft eher der Unterschicht an - die Täuschung von Sekunden, das Ineinanderfallen der Gesichter des israelischen und des palästinensischen Soldaten lässt mich an den Bob-Dylan-Song denken: "But the thing that scared me most was when my enemy came close and I saw that his face looked just like mine."

Als wir diesmal, merkwürdigerweise ungehindert, lediglich eingeschüchtert durch Panzer und Scharfschützen, in die Mukatta gelangen, haben wir bereits eine Begegnung mit israelischen Soldaten hinter uns, eine deutlich beklemmendere als am Tag zuvor. Ein Krankenhaus hatte uns um Hilfe gebeten: Panzer seien vorgefahren, einer stünde bereits in der Einfahrt der Notaufnahme, die Soldaten seien im Begriff in das Gebäude einzudringen, das (palästinensische) Klinikpersonal habe sich vor die Eingänge gestellt und versuche zu verhindern, dass die Soldaten hereinkämen, um Verwundete, angebliche "Kämpfer" herauszuholen, wie mehrfach in diesen Tagen bereits geschehen. Aber natürlich, die palästinensischen Ärzte können auf Dauer nichts verhindern.

Unser "europäisches Leben" hingegen ist den Israelis weniger antastbar. Wir können es immerhin wagen, ohne kugelsichere Westen, dafür mit unseren schützenden Pässen auf dem Herzen uns als eng geschlossene, schweigende Gruppe mit erhobenen Händen und weiße Tücher schwenkend auf den kurzen Fußweg zum Krankenhaus zu begeben, um uns dort zwischen die israelischen Panzer und die palästinensischen Ärzte zu stellen.

Wir haben alle Angst, die wir dicht an dicht gedrängt stehen, unmittelbar vor einem Panzer und den Soldaten, die heute unseren Blicken ausweichen. Während mit dem Kommandeur über einen Abzug des Militärs verhandelt wird, rast eine Ambulanz in die Einfahrt und wir weichen zurück, so dass die beiden Verletzten hereingetragen werden können, junge Männer in Zivil, blutig überall, fahl die Gesichter.

Plötzlich entsteht unter dem Klinikpersonal eine Bewegung, Schreie kommen von dort und dann sind plötzlich die Verwundeten - nein Toten - mitten unter uns, vor unseren Füßen. Die Palästinenser haben sie vor den Panzer gelegt, vor die Israelis, die verlegen wegsehen. Die Ärzte und Pfleger schreien und ringen die Hände. Ich brauche ihre Worte nicht zu verstehen, um zu verstehen: "Seht, seht, was ihr anrichtet!" Man war mit den Ambulanzen viel zu lange nicht an die Verwundeten herangelassen worden, die Hilfe kam zu spät. Philippe neben mir hält meine Hand ganz fest, wir starren entsetzt auf das junge Gesicht des Toten vor unseren Füßen. Die Verhandlungen gehen weiter und schließlich - ein wunderbarer Moment - zieht sich das Militär zurück.

(*) Arafats Amtssitz

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00:00 12.04.2002

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