Fahlgraues Heute

Zeitdiagnose Erstmals ist ein Comic für einen der wichtigsten internationalen Literaturpreise nominiert: „Sabrina“ von Nick Drnaso

Na endlich! Dass jetzt mit Sabrina ein Comic auf der Longlist des britischen Man Booker Prize steht, war überfällig – wie bei anderen renommierten Literaturpreisen übrigens auch. Längst hätten, um nur eine fahrlässig winzige Auswahl zu nennen, etwa Alison Bechdels Neuerfindung der Coming-out-Story Fun Home (2006), Daniel Clowes’ Ghost-World-Serie (1993-97) oder Gipi mit seinem unzuverlässigen Titel S. (2012) ein paar Roman-Preise abräumen müssen. Immerhin, 2018 ist nun also der amerikanische Autor und Zeichner Drnaso nominiert und konkurriert unter anderem mit Michael Ondaatje und dessen Warlight sowie Rachel Kushner und The Mars Room um die Auszeichnung.

Als präzise Zeitdiagnose hat Sabrina inhaltlich absolut das Zeug dazu, einer der wichtigsten Gesellschaftsromane dieses Jahres zu werden. Zeichnerisch bleibt das Buch allerdings auffallend eindimensional, verglichen mit der Experimentierfreude der zuvor Genannten. Drnaso, Jahrgang 1989, spielt in seinem Zweitwerk nach dem gefeierten Debüt Beverly von 2016 exemplarisch durch, wie der willkürliche Mord an einer jungen Frau im Sperrfeuer der sozialen Medien zum Beweis wüster Verschwörungstheorien umgedeutet wird. Damit ist Sabrina so ernüchternd wie zeitgemäß.

Wenn diese kahlen, reduzierten, meist fahlgrauen Räume, die Drnaso zeichnet, Seelenlandschaften sind, dann steht es definitiv schlecht um die Gesellschaft, die er porträtiert. Seine Figuren laufen oder sitzen mit hängenden Schultern und leeren, emotionslosen Gesichtern herum. Sie sprechen wenig, und wenn, dann aneinander vorbei: Randy, dessen Freundin Sabrina vor einem Monat spurlos verschwunden ist, versteckt seine Angst und sein Gesicht hinter schulterlangen blonden Haaren. Calvin, sein bulliger Kumpel, der ihn vorübergehend bei sich wohnen lässt, scheitert an der Rolle als Fels in der Brandung, Sabrinas Schwester Sandra an jedem Versuch, etwas Alltägliches zu unternehmen.

Der Troll ist der Täter

Drnaso nimmt sich Zeit, zu beobachten, wie die drei sich durch ihre aus der Bahn geratenen Leben schleppen wie durch zähen Morast. Er protokolliert diverse irrelevant wirkende, leicht absurde Gespräche, Passagen einer TV-Sendung zum Jahrestag der Anschläge von 9/11, sogar den Spielverlauf eines Ego-Shooters, den der Airforce-Soldat und IT-Experte Calvin abends spielt. Als einziger Ausdruck von Emotion muss der medizinisch-psychologische Fragebogen genügen, den Calvin täglich zu Dienstbeginn ausfüllen muss: Alkoholkosum, Schlafpensum, Stresslevel – das Seelenleben als Faktor zur Beurteilung der Leistungsfähigkeit.

Nach bangem, nervenaufreibendem Warten kommt die brutale Wahrheit durch ein Video ans Licht, das diversen Medienredaktionen zugeschickt wird. Es zeigt Sabrinas Ermordung. Der Täter, offline ein unauffälliger junger Mann, online ein hasserfüllter Troll, aktiv unter anderem in dubiosen Männerrechts- und Verschwörungstheorie-Foren, wird tot in seiner Badewanne aufgefunden. Von diesem Moment an entgleitet den Protagonisten Sabrinas Geschichte – und ihre eigene.

Das Video wird geleakt und millionenfach heruntergeladen. In Hochgeschwindigkeit verbreiten sich Verschwörungstheorien. Sie sehen im Mord an Sabrina wahlweise das Werk geheimer Mächte – oder sogar eine komplett gefakete Inszenierung. Während sich Randy völlig abschottet, gelingt es Reportern, den überforderten Calvin vor seinem Haus abzufangen. Hier bringt Drnaso in wenigen Panels eine weitere gefährliche Dynamik auf den Punkt. In seinen kurzen, abwehrenden Antworten verhaspelt sich Calvin, er sagt, „Ich kannte Sandra nicht einmal“, anstelle von „Sabrina“. Der Reporter, wie immer unter Zeitdruck, fragt nicht nach, gibt dem Interviewten keine Gelegenheit, den Fehler zu korrigieren. Hauptsache, der inhaltsleere Clip ist schnell online und bringt genügend Klicks. In dieser journalistischen Schlamperei sehen die Trolle allerdings sofort einen weiteren Beweis: „Dieser Mann ist offensichtlich ein Schwindler!“, krakeelt es Minuten später durchs Netz.

Stundenlang klickt und liest sich Calvin daraufhin hilflos durch Facebook, Twitter, Foren und Blogs wie den fiktiven Iron Truth Report. In aggressiven Kommentaren werden Sabrinas Angehörige als Mitwisserinnen oder sogar -täter angeklagt. Calvins Ähnlichkeit mit einem Schauspieler wird zum „Beweis“ für seine Verstrickung in eine „False-Flag“-Operation. Deren Ziel solle es sein, die Bevölkerung in Angst zu versetzen und gefügig zu machen – die Standard-Argumentation in Truther-Kreisen, egal ob zu 9/11 oder zum letzten Schul-Massaker. Calvins Postfach quillt nun über vor Drohungen, Aufrufe zur Selbstjustiz kursieren.

Was Verschwörungstheorien so attraktiv und so gefährlich macht, ist, dass sie schlicht alles erklären können. Reagiert ein Beteiligter aggressiv auf die Presse wie Calvin, hat er etwas zu verbergen. Fehlen Fakten in der eigenen Argumentationskette, ist das nur ein Beweis dafür, wie gut die Verschleierungstaktik der „Strippenzieher“ funktioniert. Drnaso lässt diese toxischen Argumentationen, die in der Behauptung einer geheimen Macht im Hintergrund oft strukturell antisemitische Züge tragen, auf zwei Wegen in seine Graphic Novel einfließen.

Calvin streift via Smartphone und Laptop durchs Netz. Randy dagegen schottet sich komplett ab, hört aber durch Zufall in einem Kinderradio, das er im Gästezimmer findet, die Sendung eines gewissen Albert Douglas. Diese ist angelehnt an die reale, verschwörungstheoretische Show des Texaners Alex Jones, der unter anderem die Fake-News-Seite infowars.com betreibt. Von den wilden Post-Truth-Monologen im Prediger-Stil wird Randy geradezu abhängig. In seiner Einsamkeit und Haltlosigkeit hört er auch dann brav weiter, als Douglas den Mord an Sabrina neu interpretiert und ihn und andere der Verstrickung beschuldigt. Besser eine wahnhafte Erklärung als gar keine, das ist die wahrscheinlich bitterste Pointe in Drnasos Buch – und sie spiegelt eine erschreckende reale Gesellschaftsdynamik. Der Amerikanist Michael Butter, Autor von Nichts ist, wie es scheint. Über Verschwörungstheorien (Suhrkamp, 2018), geht davon aus, dass heute die Hälfte der Amerikaner zumindest einer Verschwörungstheorie anhängt – beispielsweise der Behauptung, Barack Obama sei nicht in den USA geboren. Sie alle zielen letztlich ab auf die Delegitimation demokratischer Institutionen, und sie spielen nicht selten Rechtspopulisten in die Hände.

Drnaso trifft Stil und Tonfall verschwörungtheoretischer Pamphlete genau und widersteht der Versuchung, sie ins Ironische zu ziehen. Sie poltern als gefährliche Varianten der Realität durch sein Buch und werden von den Figuren mit der gleichen tonlosen Verzweiflung rezipiert wie alles andere. Die zeichnerische Umsetzung bleibt auch hier betont schlicht: Wenn Randy Radio hört, lösen große Textblöcke die Bilder ab. Calvins fatalen Fernsehauftritt und die Angriffe auf Facebook stellt Drnaso in einigen sehr reduzierten Standbildern dar. Auch der kritische Artikel einer Medienjournalistin über den „Fall Sabrina“ zieht sich als winzig geschriebene Bleiwüste über 16 Panels einer Seite.

Drnaso behandelt damit den Comic kaum anders als einen Roman, sein Fokus liegt beständig auf dem Text. Der lässt sich gut lesen, berührt aber kaum. Dabei hätte das Medium Comic für einige der Fragen, die Drnaso hier so stoisch abhandelt, ganz andere Formen auf Lager: Wahrnehmungsebenen könnten sich darin ganz wörtlich überlagern, das hat bereits Art Spiegelman vorgemacht. An dessen bekanntem, damals durchaus polarisierenden Meisterwerk über die Shoa wird sich Sabrina messen lassen müssen, sollte es den Preis gewinnen. Maus wurde schließlich 1992 als erste Graphic Novel mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Zwar gibt es auch in Sabrina einige Traumsequenzen, diese werden aber eindeutig vom Rest abgegrenzt, sie sind invers auf schwarzem Grund gezeichnet.

Figuren hinter Glas

Dass Drnaso seine Leserinnen und Leser streng aus dem Innenleben seiner Figuren heraus hält, ist natürlich eine bewusste Erzählhaltung. Die Figuren wirken wie hinter Glas. Die formale Selbstbeschränkung hat etwas Eintöniges, spricht aber zugleich Bände. Was dieses Buch so preisverdächtig macht, ist, dass Drnaso darin das dystopische Bild einer Gesellschaft zeichnet, die nur noch zwei Aggregatzustände kennt: Der eine ist stumpf, unempathisch und isoliert. Der andere ist hyperempört, aggressiv, und ebenfalls isoliert. Zu einer wirklichen Auseinandersetzung mit anderen befähigt keiner von beiden mehr. Sabrina spielt zwar in den USA des Jahres 2020. Doch welchen großen Zulauf in Deutschland beispielsweise das rechtsradikale Narrativ vom sogenannten „großen Austausch“ hat, ist nicht weniger erschreckend. Verschwörungstheoretiker sind leider so international verbreitet wie die von ihnen imaginierten geheimen, manipulativen Mächte. Mit dem kleinen Unterschied, dass Erstere real sind.

Info

Sabrina Nick Drnaso Granta Books 2018, 208 S., 16,99 £

06:00 07.08.2018

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