"Fahr doch, Junge!"

Führerschein Wer mit dem Führerschein noch in der Probezeit ist und einen Punkt aus Flensburg bekommt, muss zur Nachschulung. Was man dort erleben kann, erzählt Philipp Dittberner

Am 18. Dezember 2008 hielt ich ihn zum ersten Mal in der Hand: meinen Führerschein. Wie lange hatte ich davon geträumt, endlich frei zu sein. Die Fesseln der öffentlichen Verkehrsmittel hinter mir zu lassen. Endlich nicht mehr darauf angewiesen zu sein, von jemandem „mitgenommen zu werden“.

Wenn ich heute in mein Auto steige, fahr ich immer noch gern, aber das Kribbeln des Neuen ist mittlerweile verschwunden. In den ersten Wochen und Monaten nach meiner bestandenen Prüfung wäre ich am liebsten nur Auto gefahren, gern auch schnell, manchmal wohl zu schnell. Es dauerte nicht lang, bis ich Post aus Flensburg bekam. Mit einigen Schwarzweißbildern. Eines deutlicher als das andere. Es war nicht zu leugnen, dass ich der Fahrer auf den Bildern war. Die Folge: Aufbauseminar, ein Batzen Geld zahlen und zwei Jahre längere Probezeit. Plötzlich hatte ich gar keine Lust mehr, Auto zu fahren.

Wer Punkte in der Probezeit bekommt, muss ein Seminar besuchen, kurz ASF, Aufbauseminar für Fahranfänger – auch Nachschulung genannt. Das Amt aus Flensburg war so freundlich mir Vorschläge für geeignete Fahrschulen in meiner Umgebung zu geben. Da ich kurz hinter der Stadtgrenze Berlins wohne, waren diese Vorschläge alle in Brandenburg. Da saßen wir dann kurz vor acht Uhr abends, zehn fremde Menschen zusammengequetscht in einer Miniaturfahrschule, irgendwo in Brandenburg. Zehn Punktesünder und wie der Fahrlehrer ironisch andeutet: „Alles schlechte Menschen“.

Ein Mädchen hatte ihren kleinen Sohn dabei, Justain, der alles andere wollte als an diesem Abend 135 Minuten still zu sitzen. Er kommentierte lautstark sein Gameboyspiel, rannte zwischen den Stühlen hin und her. Nach kurzem Vorstellen, wer man ist und warum man da ist, war die erste Aufgabe des Seminars, in Stichpunkten festzuhalten, was einen guten Fahrer eigentlich ausmacht. Ich schrieb die Standardfloskeln auf, die man so im Kopf hat: Sich nicht reizen lassen, vorausschauend fahren und so weiter.

"Alles voll ungerecht"

Plötzlich spürte ich den Blick meines Gegenübers auf mir ruhen. Er schaute finster herüber, offenbar war er nicht so begeistert darüber, dass ich sofort etwas schreiben konnte. Er entgegnete nach kurzen Kritzeleien auf seinem Papier, der Nachfrage des Fahrlehrers, was einen guten Fahrer denn nun ausmache: „Keene Ahnung“. Ein junges Mädchen sagte: „Gerechtigkeit“. Ich war gespannt auf ihre Erklärung. Sie sagte: „Ja, weil das doch alles voll ungerecht ist, warum wir hier sind.“

Die erste Sitzung ging dann doch schneller zu Ende, als ich befürchtet hatte. Auf der Fahrt nach Hause dachte ich nochmal über mich und das Verhalten der anderen Teilnehmer nach. Ich merkte, dass ich in dem kleinen Raum der Fahrschule versucht hatte, mich anzupassen. Mit Absicht weniger zu sagen, mit Absicht nicht die, wie vom Fahrlehrer gewünscht, anderen Situationen meiner Mitteilnehmer zu kommentieren. In mancher Lage sind wir Menschen doch ziemlich anpassungsfähig.

Beim nächsten Treffen musste ich meine Beobachtungsfahrt absolvieren. Der erste Teil sieht vor, dass man eine Fahrt anderer Seminarteilnehmer bewertet und in Stichpunkten festhält, in welchen Situationen sie sich gut und in welchen sie sich eher schlecht verhalten haben. Danach muss man selbst hinters Steuer. Die erste Fahrerin nannte sich „junge Mutti“ und erklärte, dass sie eineinhalb Jahre nicht Auto gefahren sei. Sie fuhr vorsichtig, aber gut.

Die zweite Fahrt: Ich bin an der Reihe. Gut, denke ich, mit einem Wochenschnitt von 220 gefahrenen Kilometern dürfte das kein Problem sein. Aber wenn man etwas besonders gut machen will, kommt es vor, dass überhaupt nichts klappt. Ich fahre vom Parkplatz los, wo die letzte Fahrt aufgehört hat.

Erster Fehler: Ich fahre aus der Ortschaft raus und gebe nicht, wie vom Fahrlehrer erwartet, genügend Gas: „Wir sind hier nicht in 'ner Ortschaft mein Junge. Das zum Thema Straßenschilder“. Ich merke, wie ich mit jedem gefahrenen Meter unsicherer werde.

Zweiter Fehler: Ich soll auf eine Hauptverkehrsstraße links einbiegen. Ich lande auf der linken Seite „Warum sind wa' den jetzt auf da Linken Seite? Rechtsfahrgebot! 'Ne Prüfung wäre jetzt schon vorbei“.

Dritter Fehler: Ich fahre mit dem Fahrschulwagen auf einen Kreisverkehr zu, halte vorsichtig an, um mir erst einmal einen Überblick zu verschaffen. „Fahr doch! Worauf warteste denn?“, wettert es neben mir.

Vierter Fehler: Ich fahre nun etwas zügiger, da ich das Gefühl bekomme, dass der Fahrlehrer meine etwas vorsichtige Fahrweise satt hat. „Wie schnell fährste denn an dem Bus vorbei!“ Wir nähern uns einem kleinen Waldparkplatz, in den ich rückwärts einparken soll. „Rückwärtsgang erst rein, wenn das Auto steht, verdammt!“. Als das Auto steht, soll zunächst ich zu meiner Fahrt etwas sagen, dann meine Beobachter.

"Ich hab's echt vergeigt"

„Na mein Junge, wat sachste?“ Ich hätte dem Fahrlehrer gern mal die Meinung gesagt. Das er mich total verunsichert, wenn er die ganze Zeit seine vernichtenden Kommentare abgibt. Doch ich entgegne nur zaghaft: „Ich hab's echt vergeigt.“ „Ja, das haste“, kommt sogleich.

Nun werden von meinen Beobachtern alle Fehler erwähnt, welche ich in der letzen halben Stunde gemacht habe. Etwas Gutes war für mich nicht dabei. Die dritte Fahrt: Ich nehme wieder auf der Rückbank mein Beobachtungsplatz ein und kann mich nicht richtig auf die Beobachtung der nächsten Fahrerin konzentrieren. Die Dame fährt aber offenbar ausgesprochen gut. Kein einziger Kommentar vom Fahrlehrer.

Kann ich mich überhaupt mit der Leistung noch in den Straßenverkehr trauen? Ich beginne, das ASF zu hinterfragen. Soll das Seminar mich nicht aufbauen, wie der Name vermuten lässt? Aus mir einen besseren Fahrer machen?

Beim nächsten Treffen in der Fahrschule werden die Beobachtungsfahrten noch einmal vor allen Seminarteilnehmern besprochen. Und mein Fall wird nochmals, wie ich befürchtet hatte, für alle auseinander genommen. Ich fühle mich in die achte Klasse zurückversetzt, dort wurden auch immer erst die schlechtesten Arbeiten vorgelesen, dann kamen die Besseren. Was das wohl mit guter Pädagogik zu tun hat?

Wir besprechen noch einige gefährliche Situationen, dann endet dass Seminar endgültig. Ich steige in mein Auto und fühle mich immer noch verunsichert. Mit angemessenen 53 km/h fahre ich auf der Hauptverkehrsstraße. Ich schaue in den Rückspiegel und merke das ein Auto sehr nah auf meines aufgefahren ist. Ich werde mit knapp 70km/h überholt, schaue nach links und erkenne ein Mädchen, die eben noch mit mir am Tisch saß. Offenbar ist die Wirkung der Aufbauseminare so unterschiedlich wie die Autofahrer, die sich dort treffen.

Philipp Dittberner ist 19 Jahre alt und macht zurzeit ein Praktikum in der Freitag-Redaktion.

10:15 02.11.2009

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