Fahr’ doch schon mal vor

Emanzipation Die 32-jährige Kosmetikerin Samar Badawi kämpft dafür, dass Frauen in Saudi-Arabien endlich selbst am Steuer sitzen und zur Wahl gehen dürfen. Ein Interview

Neun Tage lang saß Manal Al Sharif im Gefängnis von Dammam. Sie hatte als Protestaktion gegen patriachale Bevormundung Frauen in Saudi-Arabien auf Facebook dazu aufgefordert, ab dem 17. Juni selbst Auto zu fahren. Das ist ihnen in Saudi-Arabien eigenlich untersagt, sie müssen sich fahren lassen. Auch das Wählen ist allein Männern vorbehalten. Samar Badawi, eine 32-jährige Kosmetikerin aus Jeddah, kämpft gerade für die Teilnahme an den Kommunalwahlen im September.

Der Freitag: Frau Badawi, die Frauen in Ihrem Land rebellieren. Tausende haben sich vor kurzem über Facebook und Twitter für die Freilassung von Manal Al Sharif eingesetzt.

Samar Badawi:

Wir wollen nicht länger, dass man uns hinhält!

Woher kommt auf einmal dieses Kämpferische?

Das liegt am Arabischen Frühling, an der Stimmung in ­unseren Nachbarländern. Es hat aber auch damit zu tun, dass unser König Abdullah uns Freiheiten eingeräumt hat, die wir bis vor kurzem noch nicht hatten. Heute sehen sie viel mehr arbeitende Frauen als vor zehn Jahren. Mehr Frauen studieren, machen Karriere. Wir haben inzwischen eine gemischte Universität für Männer und Frauen – und eine weibliche Ministerin! Das alles hat uns selbstbewusster ­gemacht.

Sie selbst haben König Abdullah gerade eine Petition geschickt, in der Sie ihm vorwerfen, man hielte Manal Al Sharif zu Unrecht gefangen.

König Abdullah ist ein guter Mann, der viele moderne Entscheidungen getroffen hat. Trotzdem macht seine Regierung Fehler. Auch ich habe schon zu Unrecht im Gefängnis gesessen.

Warum?

Das weiß ich bis heute nicht. Es gab weder einen Prozess noch ein Urteil. Mein Vater, mit dem ich schon lange Probleme hatte, war der Auslöser. Er schlug mich, nahm mir mein Geld ab, er wollte über mein Leben bestimmen. Als ich mich zu wehren anfing, ließ er mich von der Polizei abführen.

Ihr Vater?

Sieben Monate saß ich in Haft. Wer weiß, wie lange ich noch dort geblieben wäre, hätten mir die vielen Männer und Frauen nicht geholfen, die sich mit mir solidarisiert haben. Sie haben, so wie wir das jetzt für Manal machen, eine Internet-Kampagne gestartet und Unterschriften für mich gesammelt.

Ein Mann kann seine Tochter immer noch einfach so abführen und einsperren lassen?

Ein Mann kann in diesem Land fast alles tun. Frauen kommen erst an zweiter Stelle. Jede von uns muss einen Mahram haben, einen Vormund. In meinem Fall ist das mein Mann. Ist eine Frau geschieden, ist es ihr Vater. Hat sie keinen Vater mehr, ihr Bruder. Gibt es auch den nicht, kann es ein Onkel oder sogar der eigene Sohn sein. Ohne die Erlaubnis meines Mannes darf ich nicht in die nächste Stadt reisen, mein Kind an keiner Schule anmelden, keine Papiere unterschreiben. Erscheine ich allein auf einer Behörde, werde ich als erstes gefragt: ‚Wo ist dein Mahram?‘ Das ist eine ungeheure Entmündigung, es ist unmoralisch und falsch.

So wie das Fahrverbot für Frauen.

In unseren Gesetzen gibt es keinen einzigen Paragrafen, der Frauen das Fahren verbietet. Ausländischen Medien gegenüber behauptet der König sogar, er habe nichts dagegen, wenn Frauen fahren, nur sei unsere Gesellschaft noch nicht so weit. Das stimmt aber nicht: Eine Freundin von mir ist neulich kreuz und quer durch Jeddah gefahren, und niemand hat sie behelligt. Natürlich war das vor Manals Verhaftung. Jetzt rufen immer mehr radikale Imame dazu auf, Frauen am Steuer anzuzeigen oder sie sogar zu verprügeln.

Polizei und Religionsführer finden vorgeschobene Gründe?

Ja. Sie wollen das alte System mit Gewalt bewahren und ihre Machtposition nicht verlieren. Sie wissen, dass wir Frauen mit jedem bisschen Freiheit, dass wir uns erkämpfen, stärker und irgendwann unkontrollierbar werden. Aber das würden sie nie offen sagen. Stattdessen schieben sie idiotische Argumente vor wie: ‚Euer Schleier könnte bei einem Unfall verrutschen.‘ Oder: ‚Wie könnt ihr am Verkehr teilnehmen, wenn die Polizei euch nicht kontrollieren kann?‘ Dazu muss man wissen: Es gibt nur männliche Polizisten – und Männer dürfen Frauen, mit denen sie nicht verwandt oder verheiratet sind, nicht ansprechen.

Das würde doch bedeuten, dass Frauen weder einen männlichen Fahrer beschäftigen, noch in ein Taxi steigen dürften.

Genau. Aber beides ist erlaubt. Daran sieht man, wie bigott ­dieses gesamte System ist. Anstatt uns selbst fahren zu lassen, liefert man uns fremden ­Männern aus. Dazu kommt: Viele Frauen können sich weder einen eigenen Fahrer noch die vielen Taxifahrten leisten. Ein Chauffeur kostet umgerechnet fast 200 Euro im Monat. Ich kenne ­Frauen, die die Hälfte ihres Gehaltes an ihren Fahrer zahlen. Da bleibt wenig für lebensnotwendige Dinge, Essen und Medikamente für ihre Kinder. Eine meiner Freundinnen musste einmal mit Fieber mitten in der Nacht zu Fuß zum Krankenhaus laufen, weil sie kein Geld für ein Taxi hatte. Solche Geschichten passieren jeden Tag hundertfach in diesem Land. Das ist erniedrigend und traurig.

Manal Al Sharif wurde jetzt erstmal nur begnadigt. Aber in unserer Petition haben wir nicht nur ihre Freilassung gefordert, sondern auch ein klares Statement: Erlaubt König Abdullah das Fahren oder verbietet er es? Noch warten wir auf seine Antwort. Aber ob nun jetzt oder später: Eines schönen Tages werden wir alle Auto fahren. Diesen Tag sehne ich herbei.

Werden Sie bei der Wahl im September auch ihr Kreuz machen können?

Das weiß allein Allah. Ich bin zu dem zuständigen Amt gegangen, um mich anzumelden. ‚Das können Sie nicht‘, bekam ich zur Antwort. Ich legte Beschwerde ein, nun ist der Fall vor Gericht. Ich bin immerhin die erste Person in der Geschichte meines Landes, die je eine Behörde angezeigt hat.

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11:00 14.06.2011

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