Fahrrad

A–Z Mit dem Frühling kommt auch das Fahrrad wieder. Gut so. Denn das Velo ist nicht nur Vehikel, sondern auch Lebenseinstellung. Unser Lexikon der Woche
Redaktion | Ausgabe 13/2016
Fahrrad
Foto: Alex Livesey/Getty Images

A

Afghanistan Fahrräder und Freiheitskampf, das gehört zusammen (➝ Mythos). Und zwar bis heute, etwa in Afghanistan. Als Mitglieder der weiblichen Fahrrad-Nationalmannschaft kämpfen hier beispielsweise einige junge Frauen für Gleichberechtigung. Und das verlangt Mut. War Frauen unter den Taliban das Fahrradfahren nämlich verboten, so gilt es bei nicht wenigen immer noch als verpönt.

Wenn die Sportlerinnen auf den Straßen um Kabul trainieren – früh morgens meist, wenn die Pisten noch leer sind –, werden sie deshalb oft beschimpft, attackiert oder sogar mit Steinen beworfen. Und das, obwohl ein Großteil von ihnen auch während des Trainings Kopftuch trägt. Den Frauen ist das egal. Sie fordern durch ihren Sport auf ziemlich gelassene Weise öffentlich ihr Recht ein, unabhängig mobil zu sein, und radeln so auch für einen gesellschaftlichen Wandel. Fahrrad und Freiheit, das passt eben. Benjamin Knödler

B

Bonanzarad Als ich vor vielen Wintern das Radfahren erlernte, war mein sehnlichster Wunsch der Besitz eines Bonanzarades, auch Highriser genannt (➝ Mutanten). Das Rad ähnelte mit kleinem Vorder- und recht dickem Hinterrad einem Chopper: Bananensattel, Sissybar, Hochlenker, Dreigang-Schalthebel auf dem doppelten Oberrohr, das war damals der Opel Manta der Dreikäsehochs. Bauartbedingt konnte man damit spielend leicht Wheelies machen, weshalb Bonanzaräder bei fürsorglichen Eltern als extrem unsicher galten. Folgerichtig bekam ich das genaue Gegenteil: zuerst ein violett-metallic lackiertes Mars-Klapprad, danach ein grünes Herrenrad der Marke „Waffenschmied“ mit Torpedo-Dreigangschaltung. Ich war das uncoolste Kind des Viertels. Aber ich war unabhängig vom elterlichen Transport. Ich war on the road, ich war frei. Uwe Buckesfeld

D

Drais Karl Drais war ein normaler deutscher Forstbeamter – bis die Leute anfingen, ihn anzusehen wie einen Verrückten (➝ Johnson). Der Grund war die rund 22 Kilo schwere Holzkonstruktion zwischen seinen Beinen, mit der er es schaffte, ziemlich gut Strecke zu machen. Zudem war er ein unfreiwilliger Freiherr. Mit seiner Laufmaschine, von Dritten später „Draisine“ genannt, erfand er jedoch 1817 nicht nur die Urform des Fahrrads, sondern auch das Zweiradprinzip.

Seine Erfindung war geprägt durch die Hungersnot, den Futtermangel und das Pferdesterben, die auf die Eruption des Tambora-Vulkans folgten. Mit seiner Innovation schenkte er nicht nur Studenten und Holländern bis heute die mobile Unabhängigkeit, sondern sorgte auch für bewegte Zeiten in seinem bewegten Leben. Als überzeugter Demokrat legte er 1849 öffentlich seinen Adelstitel ab. Durch die preußische Besatzung musste er diesen drei Monate später jedoch wieder notgedrungen annehmen und wurde daraufhin bis zu seinem Tod im Jahr 1851 systematisch in seiner Existenz ruiniert. Durch üble Nachrede gegen ihn und auch gegen seine Erfindung. Felix-Emeric Tota

G

Gesundheit Für die Umwelt sind Räder deutlich besser als Autos – aber für die eigene Gesundheit? Radfahrer atmen doch die ganzen Abgase ein. Allerdings haben Untersuchungen ergeben, dass die Luft in den Autos in Wirklichkeit schlechter ist, weil sich dort die Schadstoffe (➝ Tour) anreichern (vor allem Wagen ohne Innenraumfilter), während sie draußen vom Winde verweht werden. Dennoch bekommen Radler mehr Abgase ab – weil sie tiefer und schneller atmen, zudem brauchen sie länger für die gleiche Strecke. Auch die Unfallgefahr ist deutlich höher. Trotzdem ist Radfahren gesund: Das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen sinkt gewaltig. Unterm Strich leben Radler daher länger. Felix Werdermann

J

Johnson Brexit-Boris hat noch eine andere Leidenschaft, als sein Land aus der EU zu treiben: Der scheidende Londoner Bürgermeister ist Großbritanniens führender Fahrradvisionär. Als wichtigstes Vermächtnis seiner Amtszeit betrachtet er die „Superhighways“ – separate Radelstraßen, „geschmeidig wie Billardtische“ (O-Ton Johnson), die als Ostwest- und Nordsüdachsen die Metropole (➝ Kopenhagen) durchqueren. Seinem Nachfolger gibt Johnson das Ziel vor, den Anteil der Velos am Londoner Stadtverkehr wieder auf den Stand von 1904 zu heben. Denn: „Wozu soll man konservativ sein, wenn man nicht imstande ist, die Uhr auf 1904 zurückzudrehen?“ Michael Ebmeyer

K

Kopenhagen In der dänischen Hauptstadt Drahtesel zu fahren fühlt sich an,wie die Fahrradprüfung in der Grundschule – als wäre man sein eigener Verkehrsteilnehmer. Breite Wege, nicht selten mit einer erhöhten Abgrenzung, sorgen automatisch für Sicherheitsabstand (➝ Gesundheit) zu den Autos. Tempofahren mitten in der Stadt geht problemlos. Wer links abbiegen will, hebt den rechten Arm, um Auffahrunfälle zu vermeiden.

55 Prozent der Kopenhagener fahren laut der offiziellen Tourismushomepage täglich mit dem Rad, weshalb im Winter häufig zuerst auch die Radwege geräumt werden. Überall kann man Räder ausleihen und auch das Lastenfahrrad wurde hier erfunden, in der autofreien Freistadt Christiania. Bei den Bicycle-Friendly-Cities belegte Kopenhagen 2015 Platz 1, gefolgt von Amsterdam und Utrecht. Berlin und Hamburg schafften es immerhin unter die Top 20. Sarah Alberti

M

Mutanten Die wichtigste Erfindung der Menschheit ist nach dem Rad wohl für viele Cyclisten: das Zweirad. Seit der ➝ Draisine zieht das immer wieder Versuche nach sich, das Vergnügen des Prinzips „Pedalero“ zu erneuern. Nicht nur durch Waden-, sondern auch durch Geisteskraft. Und da sich Menschen diese Verbesserungen ausdenken, kann das schrille, eigenartige Formen annehmen: Liegeräder, Velomobile, Lastendreiräder, Wasser- und Schneefahrräder sind dabei nur einige der bereits entdeckten Arten. Velo-Exzentriker kennen keine Grenzen.

Auf einem Tandem gibt es sogar die Möglichkeit, die Radwege gemeinsam das Fürchten zu lehren. Die Rekorde hierbei: Das kleinste fahrbare Tandem umfasst 22 Zentimeter, das längste 28,10 Meter. Doch auch für Misanthropen gibt es Alternativen: Auf dem Hometrainer können sie daheim strampeln, ohne von der Stelle zu kommen. Und Technokraten setzen seit ein paar Jahren auf das E-Bike, der elektronische Kraftspargürtel unserer modernen Transportmöglichkeiten. Schont die Gelenke und läuft am Berg wie geschmiert. Man ist ja auch nur Mensch. Felix-Emeric Tota

Mythos Das Fahrrad ist nicht nur Fortbewegungsmittel. Um die Jahrhundertwende diente es als Vehikel der Frauenemanzipation (➝ Afghanistan), in der Nachkriegszeit, so schreibt der Anthropologe Marc Augé in seinem jüngst erschienenen Buch Lob des Fahrrads, firmierte es wiederum als „Symbol der Träume, brachte die Ambivalenz einer Lage zum Ausdruck, in der die Härte des Lebens noch an der Elle der Zukunftsversprechen gemessen wurde“.

Augé will diesen mittlerweile verblassten Mythos wiederbeleben. Fahrradfahren, das bedeute nicht nur ökologische Verantwortung, es meine auch die Rückeroberung der zu touristischen Kulissen verkommenen Städte, ja durch die populärer werdenden Fahrradverleihsysteme zeichne sich gar eine Art „urbaner Kommunismus“ ab. Auch deshalb sagt Augé: „Das Radfahren ist ein Humanismus.“ Allez les vélos! Nils Markwardt

P

Philosophie Eine dezidierte Philosophie des Fahrrads legte im Jahr 1900 bereits Eduard Bertz vor. Radfahren härte demnach ab und zwinge zum Bemühen um Balance. Mehr noch als das Auto steht es deshalb für das moderne Subjekt und symbolisiert die souveräne Selbstbewegung. Aber nicht immer waren Philosophen gut aufs Rad zu sprechen. Bertrand Russell etwa stürzte einst auf einer ➝ Tour und kehrte mit der Eisenbahn heim. Sein Begleiter Georg B. Shaw überholte ihn winkend an jeder Station. Auch Jean-Paul Sartre fiel mehrfach vom Rad, blieb aber satteltreu, wie Simone de Beauvoir über die gemeinsamen Ausflüge festhielt: „Es machte ihm Spaß, bergauf zu sprinten. (...) Auf ebenen Strecken radelte er so sorglos dahin, dass er ein paar Mal im Straßengraben landete.“ Tobias Prüwer

T

Tour „Doping heißt“, so Roland Barthes (➝ Philosophie), „Gott das Privileg des Funkens zu stehlen.“ Aber ist das so? Und wieso gehört das Manipulieren dann zum festen Bestandteil der Unterhaltungsindustrie, ist beim Radsport aber verboten? Es ist eine Schande, da lieferten sich Lance Armstrong und Jan Ullrich zur Freude aller einen der faszinierendsten Zweikämpfe der Geschichte, und heute will keiner mehr was von der Tour de France wissen. Auf den Bühnen feiern wir die Berauschten, auf dem Rad werden sie verbannt. Denken wir also mit Wehmut zurück an eine Zeit, in der die kontemplativste Sportveranstaltung mit Stunden ereignisloser Übertragung einen so festen Platz in unseren Leben hatte. Timon Karl Kaleyta

W

WD-40 Was für Marcel Proust der Duft der Madeleine war, ist für mich der Geruch von Kriechöl und Butylkautschuk. Abgesehen von den cleanen Showrooms, in denen Singlespeedbikes wie Kunstwerke präsentiert werden, riecht es dort, wo Fahrräder verkauft werden, nach dem Multifunktionsspray WD-40, nach Reifen und Schläuchen. Das ist der Geruch meiner Kindheit. Mein Vater hat ein Fahrradgeschäft, das schon mein Opa und mein Uropa geführt haben. Kommenden Monat übernimmt es mein Bruder.

Dass dort auch Mopeds, Nähmaschinen und Silvesterböller verkauft wurden, war leider vor meiner Zeit. In meiner Erinnerung wird mein Großvater für immer den staubgrauen Mantel tragen, in dem er hinter der zu meinen Kindertagen noch hölzernen Ladentheke stand. Warum mir das jetzt einfällt? WD-40 ist nicht nur für versiffte Schaltwerke und klemmende Bremszüge eine Allzweckwaffe, sondern auch für quietschende Schreibtischstühle. Aber keine Sorge: Ich habe nicht inhaliert. Christine Käppeler

Z

Zubehör Ganze Nachmittage können für die Auswahl der richtigen waterproofen Gepäckträgertaschen draufgehen. Dem All-day-Fahrer (➝ WD-40), der weder sein Outfit noch das spontane Einkaufsvolumen davon abhängig machen möchte, ob er den ganzen Tag eine praktische Fahrradtasche über der Schulter hat (Ja, es gibt Termine, da sind die einfach unpassend!), sei der klappbare Faltfahrradkorb empfohlen.

Nur bei Bedarf bietet er Platz, den Rest der Zeit hängt er fast unsichtbar am Gepäckträger. Eine Lösung für das Helmproblem (Schlimm ist nicht, dass man damit doof aussieht, sondern dass von der Frisur im Büro nichts mehr übrig bleibt!) ist der Hövding, eine Art Airbag, der wie ein Schal um den Hals getragen wird. Kostet leider über 200 Euro und muss regelmäßig mit Strom versorgt werden. Also auch nicht proof. Sarah Alberti

06:00 13.04.2016

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