Fahrschule der Erinnerung

Achterbahnfahrten Mit seinem Sprachschwall überflutet Pawel Huelle in »Mercedes Benz« die Spuren der Vergangenheit

Eine Quintessenz dieses Buches ist: Die Menschheit, jedenfalls jene zwischen zwei Großmächten eingeklemmte und hin- und hergerissene, oft Überfällen und zum Himmel stinkenden Grenzziehungen ausgesetzte, Polen bewohnende Menschenscharen, welcher Nationalität auch immer, und das sind zwischen Galizien und Masuren gar nicht wenige, dieses Menschheitssegment also überlebt nur, wenn es all seinen Grips, all seine Fantasie auf die Waagschale gegen das Vergessen wirft. Freilich fragt sich, ob nicht die Gewichte, wie gewöhnlich in diesen Landstrichen, falsch geeicht sind, und ob das Erinnern nicht eine hoffnungslos verquere Sache ist, von Melancholien reichlich verzerrt, von Harmoniendusel gegen den Strich gebürstet, ausgedacht und erfunden. Denn im Nachhinein findet man nie all die Tatsachen der Vergangenheit zusammen, wie sie zusammen gehören, und kleistert sich kleine Heimaten zusammen, wie man sie gern gehabt hätte, wie sie niemals ausgesehen haben, voller Geschichten, die sich niemals ereignet haben. Jedenfalls nicht so, wie sie im Buche und dieser erschütterten Region zu Buche stehen. Denn polnische kleine Heimaten, gottverdammte Katen an der unteren Weichsel, von allen guten Geistern vergessene Gutshöfe auf der Seenplatte, vom Sliwowitzgestank geschwängerte winzige Bahnhofskneipen an der Linie von Przemysl nach Sanok und erst recht die verschwundenen, sprich: niedergesengten und gemordeten Schtetln im versunkenen Osten Europas, aber auch danach die von Stalin entvölkerten und umvolkten Landschaften sind nicht gerade heimelige Orte des Bleibens.

Doch der polnische Autor Pawel Huelle zählt zu den wortgewaltigen Plauderern oder auch Baflern, die es verstehen, noch die übelste Spelunke in ein heiter-wehmütiges Flair zu tauchen, weich zu zeichnen, dass uns das Herze lacht ob so viel intellektueller Folklore. Aber wahrscheinlich ist diese Gegend zwischen Weichsel und Karpatenbogen im grausamsten Jahrhundert der Weltgeschichte in solch unbeschreibliche Widerwärtigkeiten getaucht worden, dass man dankbar sein muss für Geschichten, die zivile Unglaublichkeiten bergen. Immer in Anbetracht eines literarischen Credos, das Huelle einmal in einer Erzählung über Bruno Schulz, einen der ganz Großen aus diesen Breiten, »natürlich« auch ein Opfer der Nazis, als dessen letzten Gedanken formuliert hat: »Er hatte es nicht mehr geschafft, Anna zu sagen, dass das phantastischste, das ungeheuerlichste, blendendste und gleichzeitig dunkelste Rätsel die Wirklichkeit selbst ist.«

Pawel Huelle lebt in einem deutschen Erinnerungsort, nämlich Gdansk/Danzig, Sohn eines Aussiedlers aus einem Erinnerungsland, nämlich Galizien, und hat eine bewegte Familiengeschichte vorzuweisen, die er in fiktiver Briefform - »Lieber Herr Bohumil«, beginnt der Roman - an den 1997 durch Freitod verstorbenen tschechischen Meistererzähler Bohumil Hrabal berichtet. Für diese Referenz kann man Huelle dankbar sein, verweist sie doch auf eine literarische Persönlichkeit, deren Bedeutung in der und für die Weltliteratur noch weitgehend unterschätzt wird - gut möglich, dass man es wieder mit einem »Fall Kafka« zu tun hat. Freilich setzt sich Huelle damit die Latte hoch, sehr hoch. Um sie zu bewältigen, nimmt er jede Menge Anleihen auf, bedient sich auch hinsichtlich seiner erzählerischen Mittel des mitteleuropäischen Repertoires, man nennt das auch Anknüpfen an die Traditionen. Diese Traditionen verlangen einen begnadeten Erzähler mit langem Atem, begnadet zum gnadenlosen Mäandrieren. Denn wenn man in diesen Regionen schon der Dampfwalze der Geschichte so gnadenlos ausgesetzt ist, so setzt man ihr mit ohnmächtigem Trotz und trotziger Ironie nicht enden wollende groteske Balladen entgegen, um noch dem Unscheinbarsten den Schein einer Bedeutung zu geben. Denn die Ränder, meine Dumpferchen, suchen Gerächtigkeit für all diese Zufügungen ebenso wie für all die Ignoranz durch die Mächtigen. Und gerade Hrabal hat, in den Dreck totalitärer Unterdrückung gedrückt, über das trostlos Groteske hinaus zukünftige Zeichen der Zeit erahnt und hingebafelt in seine »allzu laute Einsamkeit«.

In dieser Tradition, das sei gleich verraten, steht Huelle nicht. Er kommt vom Fernsehen, er ist ein wunderbarer Entertainer, er versteht viel von Technik und Equipment. Seinem geliebten Fräulein Ciwle am Steuer eines kleinen Fiat in der Rushhour in Danzig erzählt er als Fahrschüler die hinreißende Geschichte, wie seine Großmutter Maria 1925 in ihrem Citroën mit ihrem Fahrlehrer, Herrn Czarzasty, auf einem Bahnübergang stehen blieb, als der Eilzug Wilna - Baranowicze - Lemberg anbrauste. Auch eine Notbremsung konnte nicht verhindern, dass die Lok das Auto platt machte, zum Glück konnten sich die beiden Insassen zuvor noch aus dem Gefährt retten. An diesen Vorfall reiht sich eine unglaubliche Kette weiterer Autogeschichten, in die sich untrennbar die aktuellen des Erzählers mit Fräulein Ciwle hinein vermengen. Denn während der Unfall den wirtschaftlichen Beziehungen zwischen dem britischen Lokomotivenhersteller und den Polnischen Staatsbahnen positive Impulse verleiht - immerhin hat das britische Dampfross ein Vehikel des nationalen Kontrahenten nieder gerammt ohne eine Schramme davonzutragen -, kommt es zu unvorhergesehenen Komplikationen in den Beziehungen zwischen den zukünftigen Großeltern des Erzählers, die mit ebenso erstaunlichen wie eloquenten Achterbahnfahrten aufwarten, wie sie sich in Liebesgeschichten in Wirklichkeit nie ereignen. Wie man es sich aber gerne wünscht, dass sie sich einmal ereignen sollten, weshalb man dann eben ins Kino geht oder solche Bücher liest. Zugleich ist dieses Fabulieren das Schöne an diesem Buch, zeigt es doch, welche Möglichkeiten wir im Leben erträumen und auslassen.

Es geht Huelle auch nicht nur um wehmütige Rückblicke auf versunkene Welten. Wenn er mit seinem Fräulein Ciwle durch die »Gartenstadt« kurvt, bekommt der Leser sehr detailgenaue Einblicke in den gegenwärtigen polnischen Alltag, ohne dass der Autor ein sozialkritisches Klagelied anstimmt, auf das hin man das Buch nach dem dritten Satz in die Ecke befördert. Wie wohl kalkuliert aber der Schock ist, wenn eines Tages mal nicht Fräulein Ciwle im Fiat sitzt, sondern ein Herr Szkaradek, und der Leser erfährt dann von Danzig, wie es säuft und vögelt; oder wenn sich herausstellt, dass Frau Ciwle einen behinderten Bruder hat, mit dem sie in einer Schrebergartensiedlung lebt und für dessen Behandlung sie ihre Ersparnisse zusammen kratzt. Das sind dann sozusagen die Masten, auf denen die Hochspannungsleitungen der Erinnerung aufgehängt sind, eine Erinnerung, die auch bildlich autorisiert ist durch einige durch das Buch verstreute Fotografien aus dem Familienalbum, die dem Text Authentizität verleihen sollen, und die, weil ihnen jede Schwatzhaftigkeit, jede Anekdotenhaftigkeit fehlt, etwas rührend Ernstes vermitteln - und erst recht deutlich machen, dass zwischen dem, was Huelle erzählt, verklärt, erfindet, ironisiert, in melancholische Zuckerwatte hüllt, und diesen winzigen Realitätsschnipseln doch kein sonderlich festes Band sich herstellen lassen will.

Wie gesagt, das ist nicht einfach dem begnadeten Erzähler Pawel Huelle anzulasten, der vielleicht die Erwartungen zu hoch geschraubt hat. Hier stellt sich einfach die eingangs erwähnte Kluft des Faktischen dazwischen. Ein Bild des Fotoladens, in dem die meisten dieser Fotos entwickelt wurden, und die Geschichte des Fotohändlers Chaskiel Bronstein verdeutlichen dies ein wenig: Bronstein, das erzählt Huelle, hatte, im Gegensatz zu seinem Großvater, kein Glück...

Und der Mercedes-Benz? Das war die Karosse des Großvaters, ein prächtiges Vehikel, fast in allen einzelnen Teilen beschrieben, 1939 von den Russen beschlagnahmt; der Großvater, eine prächtige Person, der mit einem Heißluftballon, der 65 Stundenkilometer flog, am oberen Dunajec in Südpolen auf Fuchsjagd ging, 1945 in Lemberg von den Sowjets als bourgeoises Element beschlagnahmt. Diesem Großvater wurde gesagt, es wäre für ihn besser gewesen, er wäre in Auschwitz umgekommen, dann nach Danzig umgesiedelt, wo er an der Technischen Hochschule studierte und unendliches Glück hatte, dass ihn niemand wegen seiner Herkunft denunzierte. So mäandert Huelle dem Ende entgegen, hat bei seinen Fahrstunden fast Unfälle verursacht und Unfälle gesehen, aber wirklich angeeckt ist er nicht.

Pawel Huelle: Mercedes-Benz. Aus den Briefen an Hrabal. Roman. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. C.H.Beck, München 2003, 159 S., 17,90 EUR

00:00 21.03.2003

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