Fake it!

Unterwegs Reale Menschen vorzuführen ist beliebt im britischen Fernsehen. Keine Schauspieler, die nach Drehbuch agieren, sondern richtige Typen mit ...

Reale Menschen vorzuführen ist beliebt im britischen Fernsehen. Keine Schauspieler, die nach Drehbuch agieren, sondern richtige Typen mit unvorbereitetem Text in erstaunlichen Situationen. Da gibt es Fake it, eine Sendung, die an einem lebenden Beispiel in vier Wochen Drehzeit und 30 Minuten Sendung nachweisen will, dass Leute zu jedem Erfolg fähig sind, wenn sie ein bisschen Hilfe kriegen und das Geheimnis des Erfolgs herausfinden. Welches Geheimnis?
Ein Schafscherer wurde in vier Wochen auf Starfriseur getrimmt, ein Burgerverkäufer auf Sternekoch, ein Balletttänzer und Trainer an einer großen Londoner Ballett-School auf Wrestler. Man erkennt das Prinzip: Im weitesten Sinne hat der Held des Films etwas mit dem Metier zu tun, in das er sich hineinschummelt. Der Schafscherer schneidet ja auch Haare, nur andere. Der Imbissmann bereitet Essbares zu, aber ob man sagen kann, er kocht? Vielleicht ist er durch seinen Job dem Starbereich sogar noch ferner als ein kompletter Laie auf dem Gebiet. Die Show endet immer mit einem Wettkampf, in dem anfangs nichts ahnende Juroren die fünf oder sechs Teilnehmer platzieren und zum Schluss entscheiden sollen, welcher Konkurrent kein echter Friseur oder Wrestler war.
Am besten hat mir der Koch gefallen, der Mann, der zum Koch wurde. Was er vorher konnte, war, seine Lieblingsspeise anzurichten, ein Gericht, das man sich nur in Großbritannien wirklich vorstellen kann. Toast mit weißen Bohnen in roter Sauce. Käse drüber. Alles weich durch die reichliche Menge Sauce, alles ziemlich geschmacklos. Das machte er perfekt. Dann brachten die Fernsehleute ihn nach London. Ein Starkoch hatte sich bereit erklärt, den Fast-Food-Macher bei sich wohnen zu lassen und ihm die Basis-Einweisung in eine Profiküche zu geben. Ein netter Typ, der seinen Gast als Erstes in die eigene, private Küche führte und um die Zubereitung des Abendessens bat. Im Kühlschrank lagen Gemüse und Kräuter, dazu ein frischer, silbriger Fisch. Kein Fischstäbchen. Der Anfänger ekelte sich sichtlich vor dem Tier. Das Abendessen misslang. Am nächsten Tag ging es mit einem feinen Lunch in einem teuren Haus los, dann folgten die nötigen Einkäufe, Schürze und Mütze, vor allem der Koffer mit den Profimessern. Und ab in die Küche im Restaurant des Meisters.
Es wurde ein Kampf. Gemüse profimäßig schnitzeln, Entenbrust braten, Sauce - erst einmal entdecken, was das sein kann, eine Sauce. Nach zehn Tagen wurde alles viel schlimmer; man übergab den Kandidaten an einen noch berühmteren Koch, den man immer mal bei "Ready-Steady-Cook" zaubern sieht, der Vorbildsendung des deutschen "Kochduells". Berühmt ist er als Könner am Herd, aber auch wegen seiner Arroganz und der permanent gepflegten schlechten Laune. Bei ihm musste der Anfänger lernen, worauf es weit mehr ankam als aufs Kochen: Chef sein. Kommandieren. Sagen, wo´s langgeht, notfalls auch mal brüllen, den Untergebenen Stress machen. Er versagte vollkommen. Am schwersten fiel ihm, überhaupt zu erreichen, dass der Meister ihn wahrnahm. Nächste Lektion: dem Star antworten, widersprechen, standhalten. Um dem Schüler überhaupt eine Chance zu geben, bekam er eine Schauspiellehrerin, die arrogantes Benehmen mit ihm paukte. Das zarte Soufflee beherrschte er längst, als er immer noch trainierte, den Kopf hoch zu tragen und die Kollegen in der Küche nicht mehr mit "bitte" und "danke" zu irritieren, gar mit einer Entschuldigung, wenn er was versiebt hatte.
Es folgte die letzte Trainingseinheit. Ein Fußballspiel mit dem Imbissmann als Schiedsrichter. Beide Starköche als Mannschaftskapitäne, die so unfair spielten wie möglich. Da musste er die Könner kommandieren. Das half ihm. Am Schluss der Sendung jubelten die Lehrer fast lauter als der Schüler, der von der Jury nicht enttarnt worden war. Fazit: Er verließ London erleichtert. Er hatte sich verändert, wenn auch nicht so sehr wie der Ballettlehrer, aus dem ein Wrestler geworden war, hart, zupackend, mit schulterlanger Prollmähne und grellen Klamotten. Der Ästhet genoss es, ein Kraftprotz zu sein, laut zu reden und breitspurig zu gehen. Gewonnen hatte er seinen Kampf nicht, aber auch er war bei Kennern als echt durchgegangen. Auch er hatte intensiver mit einer Schauspiellehrerin Stimme und Gang trainiert als mit anderen Wrestlern die Würfe und wüsten Stürze.
Was ist nun das Geheimnis des Erfolgs, folgt man der Sendereihe? Die Rezepte, das Können und die Muskeln machen es längst nicht. Die Arroganz tut´s. Rede laut, tyrannisiere andere und glaub, dass du es kannst. TV-Lebenshilfe in England. Wie es dem kochenden TV-Helden nun wieder bei seinen Chips geht, ist nicht bekannt.

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00:00 08.03.2002

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