Falsche Hoffnungen

Debatte Daniela Dahn, Albrecht Müller und das Wachstum (II)

Albrecht Müller entlarvt "Reformlügen" gern und berechtigter Weise an Hand von Fakten. Seine Behauptung, dass Wachstum die Schlüsselgröße im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit sei, kann jedoch durch die tatsächliche wirtschaftliche Entwicklung in der Bundesrepublik keinesfalls bestätigt werden. Albrecht Müller argumentiert einseitig, vorrangig fiskalisch und lässt die entscheidende volkswirtschaftliche Größe, die Steigerung der Arbeitsproduktivität, weg. Auf eindrucksvolle Weise zeigt sich in Deutschland, dass - von wenigen Ausnahmejahren abgesehen - die Arbeitsproduktivität schneller gewachsen ist als das Bruttoinlandsprodukt. Mit anderen Worten: Das zur Herstellung des gesellschaftlichen Gesamtproduktes notwendige Arbeitsvolumen ist gesunken, nicht nur relativ, sondern absolut. Wir produzieren heute trotz des durch die Wiedervereinigung erweiterten Wirtschaftsraums ein Mehrfaches an Gütern und Dienstleistungen mit absolut weniger Arbeitsaufwand als im Jahre 1960.

Die entscheidende Ursache ist bekanntlich eine gewaltige Produktivitätssteigerung. Das ist eine gesellschaftlich notwendige und wünschenswerte Entwicklung, mehrt sie doch den nationalen Reichtum. Nur: Das kapitalistische Gesellschaftssystem ist nicht in der Lage, alle Menschen an dieser positiven Entwicklung teilhaben zu lassen. Dass die Produktivitätsschübe nicht zu einer noch höheren Arbeitslosigkeit geführt haben, liegt vorrangig daran, dass eine spürbare Senkung der Arbeitszeit je Beschäftigten erkämpft werden konnte. Niemand wird Albrecht Müller widersprechen, wenn er behauptet, es gäbe noch viel zu tun. Gesundheit, Bildung, soziale Dienste - hier könnten Hunderttausende Jobs entstehen. Aber selbst wenn der vorhandene Bedarf besser befriedigt werden würde, ändert das nichts an der Tatsache, dass auch künftig die Produktivität in der Wirtschaft insgesamt weiter voranschreiten und Arbeitsplätze vernichten wird.

Deshalb muss die Frage erlaubt sein: Warum soll in der Bundesrepublik, einem der reichsten Länder der Welt mit einem Bruttosozialprodukt von 23.000 Dollar pro Kopf und Jahr, die Wirtschaft immer noch weiter wachsen, wenn die Mehrheit der Menschheit mit 1.000 Dollar leben muss? Entwickelte Industrieländer brauchen kein globales Wirtschaftswachstum, sondern eine bessere Verteilung der wirtschaftlichen Ergebnisse und eine dem wirklichen Bedarf der Menschen entsprechende Palette der Produkte und Leistungen.

Auch die immer wieder beschworene Abhängigkeit der Steuereinnahmen und Sozialabgaben vom Wirtschaftswachstum ist ein hausgemachtes Märchen. In Zeiten höchster Freisetzung von Arbeit ist es überlebensnotwendig, Steuern und Abgaben von Arbeit und Konsum zu entkoppeln und an den Verbrauch von Ressourcen und an Erträge zu binden. Arbeitslosigkeit sollte vorrangig bekämpft werden durch weitere Verkürzung der Arbeitszeit und Stärkung der Kaufkraft in den unteren Schichten der Bevölkerung. Mit seiner Auffassung vom ständigen Wirtschaftswachstum erreicht Albrecht Müller genau das, was er Daniela Dahn vorwirft: Er "weckt bei den betroffenen Arbeitslosen Hoffnungen", die er "nie und auch nicht annäherungsweise erfüllen" kann.

Weitere und ausführliche Argumente in dem Buch von Klaus Blessing: Ist Sozialistischer Kapitalismus möglich? - Erfahrungen und Schlussfolgerungen aus zwei Gesellschaftssystemen, edition ost


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00:00 26.08.2005

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