Falsche Party

Medien TV-Kritik und das Triviale
Heribert Seifert | Ausgabe 45/2015

Ein Allgemeinplatz sagt, dass Herr (auch Herrin) und Hund (Hündin) sich im Laufe langen gemeinsamen Lebens immer ähnlicher werden. Dasselbe gilt wohl auch für das Fernsehen und seine Kritiker. Der Augenschein lehrte das den, der vom 29. bis zum 31. Oktober an den „2. Marler Tagen der Medienkultur“ teilnahm. Es ging um „Sex und Geliebter in der europäischen Fernsehunterhaltung“. Die neueste „Transformation des Trivialen“ sollte aufgespürt werden. Bei der Gelegenheit war auch an einen Dialog zwischen Kritikern und Machern gedacht. Zu erwarten war bei dieser Inszenierung des medienkundlichen Adolf-Grimme-Instituts, dass die erkennbare Vergeblichkeit des Bemühens zumindest dem Unterhaltungserfolg keinen Abbruch tun würde. (Die sexuellen Attraktionen waren schwerer zu kalkulieren.) Und so war es denn auch. Die Kritiker, allen voran Joachim Hauschild von der Süddeutschen Zeitung, ein schwersterträglicher Reich-Ranicki der Fernsehkritik, taten, was von ihnen erwartet wurde. Sie fanden die Fernsehunterhaltung bis auf wenige Ausnahmen („Ja, Kir Royal...“) mies, hielten die so genannten Erotikprogramme der Privatsender für billige Spekulationen auf die kommerziell ausbeutbare kaputte Sexualität der Zuschauer und donnerten gegen die rasante Verwandlung des ganzen Programms in eine einzige Werbefläche. Nebenbei gestanden sie, die diskutierten Programme nur sehr eingeschränkt zu kennen.

Die Macher: Anthony Gruner. Produzent von „game shows“ aus London, bekannte als „my philosophy: I am a businessman“. Ähnlich schlicht unterliefen die Programmdirektoren von SAT 1 und RTL Plus ihre kritischen Angreifer. Wo die Freiheit zur großen Abgreife doch gerade zum Staatsziel aller Deutschen hoch gekämpft worden ist, braucht man keine weiteren Begründungen mehr fürs Programm. Die „Ehrlichkeit“ der Haltung ersetzt jeden Inhalt. Und deshalb gibt es im nächsten Jahr hierzulande auch mehrere „game shows“ täglich, in denen man um die Wette rennen, hüpfen, raten und die Bildungsschätze von Fischers Weltalmanach aufsagen kann. Natürlich gibt es das alles nur, weil das Publikum es will - Demokratie total. Der stille Jeff Rademakers, der in den Niederlanden ein paar Jahre lang den „Pin-up-Club“ im Fernsehen gemacht hatte, wies den Pornographie-Vorwurf glatt zurück. Nein, bei diesem Programm sei er nur seinem Faible für schöne Mädchen nachgegangen, dem er seit dem 12. Lebensjahr anhänge. Frauen forderten, endlich auch den „knackigen Männerpopo“ auf die Mattscheibe zu heben. Georg Seeßlen theoretisierte differenziert und scharf, ohne in der Diskussion irgendwelche Spuren zu hinterlassen.

Kurzum, die Besetzung des Stücks zeigte Helden und Schurken, Toren und Weise, komische Personen und Jeanne d’Arc. Die Handlung bot starke Gesten mit Identifikationsmöglichkeiten. Das Ende war offen, Fortsetzung folgt gewiss - wie bei einer guten Serie. Neues gab es kaum. Bestätigt wurde: Fernsehkritiker machen Fernsehkritik, Programm-Macher machen Programm. In den Worten Georg Seeßlens: „Der Kritiker schreibt wie jemand, der eine überaus fade Party verlässt, ohne sein Missbehagen so recht dingfest machen zu können. Vielleicht war er gar nicht eingeladen.“

Dieser Text erschien am 9. November 1990 in der ersten Ausgabe des Freitag

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06:00 09.11.1990

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