Familienbande

MEDIENTAGEBUCH Mehr als ein Weihnachtsdreiteiler: Heinrich Breloers "Die Manns - Ein Jahrhundertroman"

Als er zur Schule ging in den fünfziger Jahren, so erzählt Heinrich Breloer von seinem beginnenden Interesse für die Manns, habe die Klassenlehrerin abfällig über Thomas Mann geredet und von dessen schreibenden Bruder habe er überhaupt erst Jahre später erfahren. In meiner Schulzeit in den politisierten siebziger Jahren galt Thomas Mann als spießig und frauenfeindlich, die Lektüre von kontaktscheuen Sonderlingen, während wir Heinrich Manns Untertan für eine wunderbare Sozialsatire mit höchst aktuellen Bezügen hielten. In den achtziger Jahren wiederum sollte Klaus Mann durch Istvan Szabos oscarprämierte Mephisto-Verfilmung ein später, heftiger Nachruhm beschieden sein und nicht wenige dachten zu der Zeit, er sei der kleine Bruder der großen zwei. So ließen sich wahrscheinlich die letzten zehn Generationen durch ihre Rezeption der Mannschen Familienwerke beschreiben: Jedes Mal ein Suchbild mit Auslassungen und Überblendungen.

Nicht umsonst hat Breloer sein "Dokuspiel" über die Familie Mann also einen Jahrhundertroman genannt. Für einen Weihnachtsdreiteiler scheint so eine Familiensaga darüber hinaus genau das Richtige, und welche "erfundene" Serie könnte mit solchem Stoff aufwarten: Zwei konkurrierende Schriftstellerbrüder in den Wechselfällen von Weimarer Republik, Nazi-Zeit und Nachkriegsdeutschland, Mesalliancen, Drogenmissbrauch, schwule Söhne, lesbische Töchter, ein Vater, der seine sexuelle Identität nur seinen Tagebücher anvertraut und dazu noch eine tragische Kette von Selbstmorden.

Es wäre also ein leichtes, die Mannsche Familiengeschichte als "Soap" zu erzählen, doch Heinrich Breloer wendet auch für den Jahrhundertroman jene Mischung aus Dokumentations- und Spielfilmelementen an, die schon sein Todesspiel auszeichnete und weit heraushob aus der Eindimensionalität der reportagehaften Fernsehfeatures auf der einen und der Trivialität nachinszenierter Ereignisse auf der anderen Seite.

Elisabeth Mann Borgese, die einzige noch lebende der sechs Kinder von Thomas Mann, wird bei Breloer zur Erzählerin: Mit ihr beschreitet er die verschiedenen Häuser, in denen die Familie gelebt hat, lässt sich von ihr das recherchierte Material bestätigen und entlockt ihr immer wieder Schilderungen, die dann doch jenseits dessen liegen, was man bereits zu wissen glaubte. In der ersten Spielfilmszene sehen wir ein rauschendes Fest im Hause Mann, die jungen "Wilden" Erika (Sophie Rois) und Klaus (Sebastian Koch) träumen davon, nach Berlin zu gehen, der Vater (Armin Mueller-Stahl) steht abseits und beobachtet, wie seine jüngste Tochter Elisabeth im zarten Alter von vier Jahren sich zum ersten Mal verliebt. Verständnisvoll nimmt sie das Objekt ihrer Begierde auf den Arm und tanzt mit ihr. Aus dem Off erzählt Breloer, dass dieser Anblick Thomas Mann zur Kurzgeschichte Unordnung und frühes Leid inspiriert habe. An deren Ende steht die Schilderung, dass am nächsten Morgen das Mädchen seinen Schwarm bereits vergessen haben werde; wir sehen Armin Mueller-Stahls liebevollen Blick von der Bettkante auf das einschlafende Mädchen. Als nächstes aber bekennt die "wahre" Elisabeth, dass das der Vater wohl gerne geglaubt haben mag, dass "diese Dinge" bei ihr aber doch immer etwas länger gedauert hätten.

Solche Momente gehören zu den stärksten der Breloerschen Dokuspiele: wo Dichtung und Wahrheit nicht gegeneinander, sondern parallel geführt werden, wo aus dem Kaleidoskop von Versionen nicht eine einzige, vermeintlich wahre herausgefiltert wird, sondern ein "so könnte es gewesen sein" sich ergänzt mit "ich habe das so in Erinnerung".

Anders als beim Todesspiel, in dem die Ereignisse weniger Wochen in der Vielstimmigkeit der verschiedensten Zeitzeugen rekonstruiert wurden, handelt es sich bei den Manns um eine Jahrzehnte umspannende Geschichte, von der nur noch wenige aus eigener Anschauung berichten können. Breloer behilft sich mit älteren Interviewaufnahmen von Erika, Monika und Golo Mann, baut sie ein, als habe er sie für sein Projekt befragt und kann doch nicht ganz verhüllen, dass das nicht der Fall ist. So unstrittig die äußeren Lebensdaten sind, so vage bleibt letztlich das, was Breloer - und den Fernsehzuschauer - eigentlich interessiert: die "innere" Familiengeschichte, wie das so war mit dem "kalten" Vater, dem Klaus und seinen Männergeschichten, der Erika und den Tabletten ...

Als fehle ihm der Mut, ein Geschehen jenseits des Überlieferten anzusiedeln, lässt Breloer seine Schauspieler brav das Faktische nachstellen. Wissende Blickwechsel der Eheleute, kühles Aneinandervorbeireden der Brüder. Und immer wieder Monica Bleibtreu als Katia Mann, wie sie das Telefon abnimmt, um dann die Lebenslauf-Daten weiterzugeben: Schwägerin Nelly wurde von der Polizei aufgegriffen, Bruder Heinrich bewusstlos im Bett gefunden, Sohn Klaus macht eine Entziehungskur. Nur wenige solcher Szenen führen weiter, wie jener Anruf, nach dem sie die jüngste Tochter zum schlafenden Vater schickt - beängstigend sei das gewesen, erzählt Elisabeth, denn man habe ihn ja sonst nie wecken dürfen - er habe den Nobelpreis gewonnen.

Armin Mueller-Stahl gibt Thomas Mann eine warme patriarchalische Präsenz, ganz die Ausgeburt der Erinnerung der jüngsten Tochter. Durch Elisabeth, der einzigen, die sich mit ihrer Familie ausgesöhnt habe - einer jener Sätze, die Breloer seiner "Hauptdarstellerin" förmlich in den Mund legt - erscheint die Saga vom Übervater in einem milderen Licht, als die traurige Bilanz von zwei Söhnen, die sich umgebracht haben, vermuten ließe. Vielleicht ist das ja der Preis, den Breloer für seine Methode bezahlen muss: Er will sich unbedingt auf das verlassen, was ihm seine Zeugen erzählen. So bleibt für all die, die sich nicht mehr selbst äußern können, nur die Perspektive aus den Augen der anderen.

Zu kurz kommt deshalb, dass zum Beispiel Klaus und Erika nicht allein am Vorbild des großen Vaters gescheitert sein könnten, sondern dass sie das Schicksal ihrer Generation teilten, dass sie nicht nur die Kinder von Thomas Mann, sondern Kinder ihrer Zeit waren - Stoff also für ein weiteres Dokuspiel.

Die Manns - Ein Jahrhundertroman am 17.,19. und 21.12 um 20.15 in der ARD

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00:00 07.12.2001

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