Familienfeier in Jounieh

Der Libanon und das attentat auf Industrieminister Gemayel Ein Schlachtfeld verfeindeter Gruppen, die einander hassen wie die Pest

Während des Bürgerkrieges Anfang der achtziger Jahre besuchte ich Jounieh, eine Stadt einige Kilometer nördlich von Beirut und zu jener Zeit der Hafen für die Armee der Christen. Obwohl im nahen Beirut der Krieg wütete, war Jounieh voller Leben. Die christliche Elite verbrachte den Tag am sonnendurchfluteten Strand, die Frauen in Bikinis, die Männer Whisky schlürfend. Wir drei (zwei junge Frauen vom Herausgeberteam meiner Zeitung Haolam Hazeh und ich) waren die einzigen Israelis in der Stadt und wurden deshalb gefeiert. Jeder lud uns auf seine Yacht ein und ein älteres Paar bestand darauf, mit ihm in sein Haus zu kommen, um dort an einer Familienfeier teilzunehmen.

Es war tatsächlich etwas Besonderes, denn diese Familie gehörte zur Elite der Elite: reiche Kaufleute, ein wohl situierter Maler, mehrere Akademiker. Die Drinks flossen wie Wasser, und die Männer verwickelten mich als Israeli in ein politisches Gespräch, gewiss auch deshalb, weil sie keine Ahnung von meiner Einstellung hatten.

"Warum geht ihr nicht nach West-Beirut?", fragte mich ein stattlicher Mann. West-Beirut wurde seinerzeit von Arafats PLO-Kräften gehalten, die Hunderttausende von sunnitischen Einwohnern verteidigten.

"Warum und wofür?", fragte ich zurück.

"Was meinen Sie? Um sie zu töten! Um alle zu töten!"

"Jeden? Frauen und Kinder auch?"

"Natürlich! Alle!"

Einen Moment lang dachte ich, er scherzt. Aber die Gesichter der Männer rund herum sagten mir, es war todernst gemeint und jeder damit einverstanden. Da begriff ich, dass dieses wunderschöne Land mit reicher Geschichte und gesegnet mit allen Annehmlichkeiten krank ist. Sehr, sehr krank. Am nächsten Tag fuhr ich tatsächlich nach West-Beirut, aber aus einem ganz anderen Grund. Ich überquerte die Fronten, um Yassir Arafat zu treffen.

Ich erinnere mich jedes Mal an das Gespräch in Jounieh, wenn im Libanon etwas geschieht, wie gerade das Attentat auf den Minister Pierre Gemayel. Viel Unsinn wird über dieses Land geschrieben. George Bush redet über die "libanesische Demokratie", als ob es so etwas gäbe; andere sprechen über die Notwendigkeit einer "nationalen Einheit", damit die "nationale Unabhängigkeit" garantiert bleibe, als ob sie über die Niederlande oder Finnland sprächen. All dies hat nichts mit der libanesischen Wirklichkeit zu tun.

Bestenfalls ist der Libanon heute eine lockere Föderation von sich gegenseitig verdächtigenden Gemeinschaften, schlimmstenfalls ein Schlachtfeld verfeindeter Gruppen, die einander wie die Pest hassen. Ein so faszinierendes wie gefährliches Mosaik, um so mehr, als jede Gemeinschaft ihre privaten Milizen hat, die mit den besten Waffen ausgerüstet sind. Die offizielle Armee hingegen, die sich aus Männern aller Gemeinschaften rekrutiert, ist unfähig, irgendeinen bedeutenden Auftrag zu erfüllen.

Was charakterisiert eine libanesische "Community"? Auf den ersten Blick meint man, es hänge nur mit der Religion zusammen, aber eine Gemeinschaft wird auch ethnisch bestimmt und kennt nationale Attribute. Ein Jude mag das leicht verstehen, da Juden ebenfalls eine solche Gemeinschaft sind, auch wenn die sich über die ganze Welt zerstreut hat. Für einen Europäer aber ist diese Struktur schwer zu verstehen. Die Loyalität gegenüber der Community rangiert vor jeder anderen Loyalität - und gewiss vor jeder Loyalität gegenüber dem Staat Libanon.

Die wichtigsten Gemeinschaften sind die Christen, die muslimischen Sunniten, die muslimischen Schiiten und die Drusen (die eigentlich, soweit es die Religion betrifft, extreme Schiiten sind). Die Christen wiederum verteilen sich auf verschiedene Gemeinschaften. Die bedeutendste davon bilden die Maroniten, nach einem Heiligen benannt, der vor 1.600 Jahren gelebt hat. Die Sunniten wurden von den (sunnitischen) ottomanischen Herrschern in den Libanon gebracht, um ihr Regime zu stärken. Sie siedelten vorzugsweise in den Hafenstädten, während die Drusen Zuflucht in den Bergen suchten. Die Schiiten schließlich, deren Bedeutung erst in den vergangenen Jahren wuchs, waren Jahrhunderte lang eine arme, unterdrückte Gemeinschaft, ein Fußabstreifer für die anderen.

Wie fast überall in Arabien spielt die Hamula (Großfamilie) in allen Gemeinschaften eine vitale Rolle. Die Loyalität gegenüber der Hamula genießt absoluten Vorrang - ein arabisches Sprichwort drückt es folgendermaßen aus: "Mit meinem Cousin gegen Fremde, mit meinem Bruder gegen meinen Cousin." Fast alle libanesischen Führer sind Häupter großer Familien.

Um eine Idee vom libanesischen Familiengeflecht zu bekommen, hier einige Episoden: Im Bürgerkrieg, der 1975 ausbrach, rief Pierre Gemayel, der Chef einer großen maronitischen Familie, die Syrer auf, in den Libanon einzufallen, um ihm gegen die sunnitischen Nachbarn zu helfen, die gerade dabei waren, sein Gebiet anzugreifen. Sein Enkel mit demselben Namen, der gerade ermordet wurde, war Mitglied einer Koalition, deren Ziel es heute ist, syrischen Einfluss im Libanon auszuschalten. Die Sunniten, die damals gegen die Syrer und Christen kämpften, sind derzeit Verbündete der Christen gegen die Syrer.

Die Gemayel-Familie wiederum war Hauptverbündeter von Ariel Sharon, als der 1982 mit der israelischen Armee im Libanon einfiel, dem gemeinsamen Ziel verschrieben, die hauptsächlich sunnitischen Palästinenser zu vertreiben. Zu diesem Zweck verübten Gemayels Leute nach dem Mord am damaligen Präsidenten Bashir Gemayel die Bluttat von Sabra und Shatila. Das Massaker wurde von Elie Hobeika im Hauptquartier des israelischen Generals Amos Yaron dirigiert. Danach wurde Hobeika Minister unter syrischem Patronat.

All dies erinnert an Italien während der Renaissance oder an Deutschland während des Dreißigjährigen Krieges. Aber im Libanon ist dies Gegenwart und voraussehbare Zukunft - dabei von "Demokratie" zu reden, ist ein Witz. Denn auch die exekutive Gewalt ist unter den Gemeinschaften aufgeteilt. Der Präsident ist immer ein Maronit, der Premierminister ein Sunnit, der Sprecher des Parlamentes ein Schiit. Dasselbe gilt für alle Positionen und alle Ebenen im Land: Das Mitglied einer Gemeinschaft kann nicht mit einer Position rechnen, die seinen Talenten entspricht, wenn die einer anderen Gemeinschaft zugeordnet ist.

Folglich stellt sich das libanesische Parlament als Senat der Gemeindehäupter dar, die Pfründe unter sich aufteilen. Die "demokratische Koalition", die von den Amerikanern nach dem Mord am sunnitischen Premier Rafik Hariri an die Macht gebracht wurde, ist eine Zweckallianz aus Maroniten, Sunniten und Drusen, während die "Opposition" von der schiitischen und einer maronitischen Fraktion gebildet wird. Jähe Wendungen sind möglich, sobald sich andere Allianzen bilden.

Die Hisbollah - in Israel als verlängerter Arm Irans und Syriens verschrieen - ist vorrangig eine schiitische Bewegung, die mehr vom libanesischen Kuchen beansprucht. Das bedeutet: Hassan Nasrallah, der auch der Nachkomme einer bedeutenden Familie ist, hat sein Auge auf die Regierung in Beirut geworfen, nicht auf die Moscheen in Jerusalem.

Seit Jahrzehnten nun rührt Israel im libanesischen Topf. Erst unterstützte es die Gemayel-Familie, wurde aber bitter enttäuscht: Die "Falangisten" der Familie (der Name stammt aus dem faschistischen Spanien) entpuppten sich im Krieg von 1982 als Gang ohne militärischen Wert. An den israelischen Ambitionen gab es deshalb keinerlei Abstriche - augenblicklich soll die Hisbollah vernichtet, Syrien neutralisiert und das nahe Damaskus bedroht werden. Ausnahmslos hoffnungslose Unterfangen.

Kurz nach Gründung des Staates Israel war die Grenze mit dem Libanon die friedlichste. Damals gab es ein Sprichwort: "Der Libanon wird der zweite arabische Staat sein, der mit Israel Frieden schließt. Er wagt es nur nicht, der erste zu sein." Doch als König Hussein 1970 die PLO mit aktiver Hilfe Israels aus Jordanien in den Libanon vertrieb, wurde es brenzlig an dieser Grenze. Jetzt ist sogar Fuad Siniora, der von den Amerikanern ernannte Premierminister, gezwungen zu erklären, dass "der Libanon der letzte arabische Staat sein wird, der mit Israel Frieden schließt".

Unter diesen Umständen müssen alle Bemühungen, Syrien auszuschalten, scheitern. Es genügt ein Blick auf die Landkarte, um dies zu verstehen. Historisch und geografisch ist der Libanon ein Teil Syriens ("Sham" auf arabisch). Die Syrer haben sich niemals damit abgefunden, dass eine französische Kolonialmacht den Libanon ihrem Land entrissen hat.

Die Konsequenz daraus ist: Israel sollte nicht noch einmal in das libanesische Chaos schlittern! Es wird dort immer der Verlierer sein. Zweitens: Um Frieden an der israelischen Nordgrenze zu haben, müssen alle potenziellen Feinde - zuallererst Syrien - an Verhandlungen beteiligt werden. Das heißt, wir müssen die Golanhöhen zurückgeben. Und schließlich: Es gibt nur einen Weg, einen Krieg im Libanon zu gewinnen - und das ist, ihn zu vermeiden.

Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 01.12.2006

Ausgabe 41/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare