Familienstrand

Zwischen den Kulturen Iranische Welten - Weite und Enge in einem fremden Land

Sie öffnete die Fensterflügel. Unter ihr lagen inmitten von Orangen-, Feigen- und feurigrot blühenden Granatapfelbäumen die Häuser. Dahinter bog sich schwach ein langer stahlblauer Streifen, der sich klar vom leicht dunstigen Horizont abhob. Das Meer.

Wenn sie jedoch im Auto der Küste entlang von Westen nach Osten und von Osten nach Westen zurück unterwegs waren, bot sich ihnen nur der Anblick endloser Mauern, hinter denen die bonbonbunten Schindeldächer der Villen hervorlugten. Die postrevolutionäre Bauweise gipfelte - ganz im Gegensatz zur politischen Ideologie - in einem unorthodoxen Mix, in dem sich sämtliche Einflüsse aus dem Ausland zusammenfanden. Fernöstliche Pagodendächer stützten sich auf korinthische Säulen, aus dem Seitentrakt wuchsen Türme im Stile französischer Landschlösschen und die gewölbte Abdeckung neben der Eingangstüre glich einem aus Disneyland nachempfundenen Pilz.

Ab und zu stand ein Eisentor offen, und das Auge erhaschte kurz die Sicht auf einen Weg, der zu einem Stückchen Blau führte. Ein anderes Mal zeigte sich hinter Oleander- und Bougainvillea-Büschen der flüchtige Ausschnitt einer Fassade mit den vergitterten Fenstern. Die Besitzer waren über das Wochenende der Hektik der Hauptstadt entflohen. Oder sie kamen an den Feier- oder noch zahlreicheren Trauertagen, die es nicht zuließen, dass der Alltag seinen Rhythmus zum Tanzen fand. Die Familien verbarrikadierten sich dann in ihren Ferienhäusern oder beluden das Auto, um zu einem Picknickplatz im Wald oder an einen Wasserfall zu fahren, wo sie nichts anderes zu tun hatten, als die anderen auch. Sie breiteten die Decken samt den mitgeführten Kissen aus, stellten die noch warmen Töpfe darauf, legten Früchte und Teller daneben, saßen gesellig beisammen und schoben sich die gefüllten Löffel in den Mund.

Auf der Straße, die pfeilgerade an den Mauern vorbeiführte, holperten Busse, ein Auge in der Mitte über der hinteren Windschutzscheibe, darunter "Ya Ali", "Ya Mohammed", Ya...Wie-die-Imame-auch-immer-hießen. Blaue Viehwagen mit zusammengepferchten, von der Feldarbeit zurückkehrenden Menschen stellten sich den Personenwagen in den Weg, die sich von links und rechts vorbei manövrierten. Ein Lastwagen hatte unter dem Gewicht prall gefüllter Reissäcke, die sich, fest aufeinander gebunden, über die dreifache Höhe des Wagens stapelten, Schlagseite bekommen und drohte, auf die Fahrbahn zu kippen.

Beim Überholen des schwergewichtigen Transporters wäre beinahe ein klappriges Motorrad zu Fall gekommen. Es kroch zirpend inmitten der Fahrbahn einher - sechs ungleiche Beinchen zur Seite gestreckt - und glich von hinten einer schwarzen, etwas havarierten Grille, die eine dunkle Rauchspur nach sich zog.

Sie suchten nach einem Zugang zum Meer, das vom fernen Fenster so verheißungsvoll ausgesehen hatte. Die auf den Mauern in fremder Schrift und Sprache gemalten Anzeigen verwischten im Vorbeifahren. Wären sie langsamer gefahren, so hätte sie den Satz erfahren können, denn die Buchstaben und Wörter entfalteten sich von rechts nach links, als wollten sie die Ausflügler ein Stück auf der Reise begleiten. Während die ersten Buchstaben noch mitliefen, verloren sich die folgenden im Rückspiegel. Sie, die diese Schrift noch nicht beherrschte, war gezwungen, die Wörter zu erraten. Die Zeit reichte nicht aus, mit ihnen zu Ende zu fahren, bis sie einen Sinn ergaben. Buchstäblich verflog die Sicherheit, dass sie sich auf das Wort verlassen konnte, wurde scheinbar.

Sie bogen in einen schmalen Sandweg und machten vor der aufgeschütteten Düne halt, die angelegt wurde, um das Wasser daran zu hindern, sich ins Land zu fressen. Der Strand maß nur wenige Meter und auf den Steinen sammelten sich Plastikflaschen, weggeworfene Säcke und die angespülte Kopie eines Markenturnschuhs, "Made in Iran". Links eine Mauer, rechts ein bis dicht ans Wasser reichendes rostiges Gittertor. Sie machten kehrt.

Hinter dem Steuer verschmolzen die Fahrer mit dem Gaspedal ihres Fahrzeugs und jede Höflichkeit, die außerhalb des Autos den Umgang bestimmte, verpuffte mit dem Dieselausstoß in der Luft. Niemand richtete sich nach den Verkehrsregeln. Während die Tachometernadel der 120-Marke bedrohlich nahe kam, wies das Verkehrszeichen am Straßenrand auf eine Geschwindigkeitsgrenze von 50 hin. Hinter ihrem Auge blieb das Abbild eines rotumrandeten Kreises mit der schwarzen Kontur eines umgekehrten Herzens (die Zahl fünf) auf weißem Feld. Es ließ die Wahrnehmung zur Camera Obscura werden, in der sich alles verkehrte. Sogar die Liebe wird in einem Verbotsschild auf den Kopf gestellt, deutete sie die flüchtige Botschaft.

"Plaje Xanewade" stand über der Einfahrt zum "Familienstrand" mit der Kabine, in der ein Wächter vom Auto aus 300 Tuman in Empfang nahm. Ein Badestrand für Frauen und Männer? Endlich. Den Rand der kleinen Straße, die ans Meer führte, säumten aneinandergereihte Verkaufsbuden mit gelben, rosa und lila Sonnenbrillen. Aus den Lautsprechern erhaschte sie die bedeutungsvollen Worte eines Sommerhits: Del-e man tange. "Ich habe Sehnsucht", wörtlich "Mein Herz ist eng". Merkwürdig, dachte sie, während sich in ihrer Muttersprache das Herz bei Sehnsucht dehnte und weit wie ein Meer wurde, zog es sich im Persischen zusammen.


Vor ihr lag das Meer, Dariya, weit, aber nicht breit. Es unterspülte eine Pfahlbauhütte, die, bedeckt mit Schilf, auf mehrere Pfosten gestellt, herausragte. Darin hatten sich einige teeschlürfende Männer breit gemacht. "Ya Ali, ya Hossein,... ya Dar". "Dariya - ya Dar" - sie kehrte das Meer einfach um, und reihte es ein unter all die männlichen Propheten. Dieser Akt weitete einen Moment lang ihr Herz, grenzte fast schon an Götzendienst.

Rechterhand und eingezäunt erstreckte sich der Männerstrand, links und von blau-gelbrot gestreiften Plastikplanen abgeschirmt dasselbe für Frauen. Da trennten sich ihre Wege. Er nahm den Jungen an der Hand, sie das Mädchen.

Nachdem sie die Verschalung passiert hatten, hinter der eine zugeköpfte Frau in schwarz mit dicken Brillengläsern sie darauf aufmerksam gemacht hatte, dass Durbin, die Kamera, nicht gestattet war, erblickte sie das abgegrenzte Quadrat. Ein verschmutztes Stück Sand, die Plage, und ein ebenso viereckiges, von einem Seil gesichertes Stück Wasser, in dem weißhäutige Frauen samt Nachwuchs herumplanschten. Sie zappelten in der trüben Flüssigkeit wie gefangene Fische im Kutter.

Im Sand ruhten ein paar alte Frauen, den geblümten Tschador des Nordens locker um sich gehüllt, und stützten den Kopf auf den angewinkelten Arm. Eine Ummauerung, wo sich ein Mädchen im Dunkeln die Haare wusch, diente als Dusche. Sie zog Mantel und Hosen aus, befreite sich vom Kopftuch und begab sich ins Wasser. Das Wort Durbin bekam hier seine ursprüngliche Bedeutung zurück: Weitsicht. "Durbin verboten" hatte die Wächterin gezischt.


Was sollte sie hier, wo es nur Einschränkungen gab, schon mit Weitsicht anfangen? Dort wo das Tau gespannt war, an dessen Überqueren die Badenden mit einem schrillen Pfiff des weiblichen Wachpersonals gehindert wurden, reichte ihr das Wasser knapp bis an die Hüften. Kein Platz zum Schwimmen, kein Platz für nichts, dachte die Fremde. Doch die Frauen und Kinder lachten und freuten sich beim Spiel im seichten Tümpel. Hinter der willkürlichen Grenze breitete sich ein Meer aus. Ya Dar! Sie wollte es umarmen, doch ihm war es egal, ob jemand es mit ausholenden Schlägen teilte.

Sie drehte sich um und kehrte an den unwirtlichen Strand zurück, um sich wieder zu bekleiden. Das abgestandene Meer hatte den Geruch von verendenden Muscheln angenommen. Hinter der schwarzen Sonnenbrille fanden ihre Augen Schutz. Oder bewahrte sie die Sonne in Wirklichkeit vor den ätzenden Blitzen ihrer Augen? Es war egal. Sie nahm das Mädchen an der Hand, das fraglos schwieg.

Zuhause drehte sie den Kaltwasserhahn auf und stellte sich unter die Dusche. Das Wasser entströmte lauwarm. Während der Strahl über sie rieselte, kam ihr die Erklärung dafür, warum die Menschen in diesem Land so viel aßen. Sie schlang das feuchte türkisblaue Badetuch um ihren nassen Körper. Mit tropfenden Haaren stand sie in der Küche und sah in der Ferne das Kaspische Meer. Reflexartig griff sie sich eine Aprikose und biss in das reife Fruchtfleisch. Der aromatische Saft weitete sich in der Mundhöhle. Essen gehörte zu den wenigen lustvollen Betätigungen, die es dem Körper erlaubten, sich - für alle sichtbar - auszudehnen und die Fassung zu verlieren.

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00:00 02.11.2001

Ausgabe 42/2021

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