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Lieber Scholli Nicht der beste Film über den sympathischsten Fußballer: Mehmet Scholl

Wenn der Fußballer Mehmet Scholl mit seinem FC Bayern München zu Auswärtsspielen antrat, merkte man, dass es zwar einen Hass auf Bayern gibt, aber eine enorme Liebe zu Mehmet Scholl. Auch wenn Scholl nicht zu den erfolgreichsten Fußballern der letzten 15 Jahre gehört, so rechtfertigt diese bemerkenswerte Popularität doch einen Dokumentarfilm über ihn.

Eduard Augustin und Ferdinand Neumayr können solche Filme machen, und außerdem sind sie Fans von Mehmet Scholl. Wider Erwarten identifizierte sich der öffentlich zurückhaltende Scholl so sehr mit dem Film, dass er seinen künftigen Schwiegervater als Kameramann mitbrachte: Igor Luther, der schon die Blechtrommel ins Bild gesetzt hatte.

Soweit klingt die Entstehungsgeschichte des Films sympathisch, der unter dem holprigen Titel Frei: Gespielt in München im Kino läuft und im Rest der Republik als DVD vertrieben wird. Das lässt sich sogar noch steigern, wenn man berichtet, dass die Musikzusammenstellung für den Film in den Händen von Mehmet Scholl persönlich lag. Da kommen so unterschiedliche Künstler wie die Decemberists, die Sportfreunde Stiller, Velvet Underground, Beirut oder Hildegard Knef zum Einsatz. Von Musik versteht Scholl viel. Vielleicht mehr, wenn die Polemik gestattet ist, als seine Regisseure vom Machen eines Dokumentarfilms.

Frei: Gespielt ist über weite Strecken eine reine Aneinanderreihung von Stellungnahmen Prominenter: Uli Hoeneß und seine Frau Susi, Joschka Fischer und Edmund Stoiber, zwei Sportjournalisten der SZ, Peter Brugger von den Sportfreunden Stiller, der Dramatiker Albert Ostermaier, Harald Schmidt.

Edmund Stoiber wird von unten aufgenommen, über seinem Kopf eine große Lampe, die den Eindruck eines Heiligenscheins erweckt, und man darf sich darüber freuen, dass Stoiber "Final" sagt, wenn er "Derby" meint. Joschka Fischer wird in feudales Ambiente gehockt und darf machen, was er am besten kann: staatsmännisch gucken.

Vergeblich wartet man darauf, dass Verwandte, Schulfreunde, gemeinsame Jugendkicker oder andere Wegbegleiter befragt werden. Die einzigen aktiven Bayern-Spieler, die interviewt werden, sind Oliver Kahn, mit dem Scholl schon in Karlsruhe spielte, und Lukas Podolski, der wenig beizutragen hat.

Private Geschichten aus Scholls Leben, zum Teil dramatischer Art, werden nur ganz kurz angerissen: Beispielsweise, dass er lange Zeit keinen Kontakt zu seinem leiblichen Vater hatte, einem Mann, der in die Türkei zurückgegangen ist. Oder dass sich Scholls erste Frau zwei Wochen nach der Geburt des Sohnes von ihm trennte. "Private Katastrophe" nennt Scholl das, und verweist so aus seiner Sicht wahrscheinlich zu Recht auf seine Privatsphäre. Aber ein Film, der als "persönliches Porträt über einen Fußballer" beworben wird, sollte doch auf solche Dinge eingehen.

Versteht man den Dokumentarfilm als reinen Interviewfilm, muss man die Art, wie die Gesprächspartner ins Bild gesetzt wurden, loben: ARD-Sportreporter Waldemar Hartmann sitzt in einer Art überdimensionierten, leeren Laube; Harald Schmidt wird in einem Weinlokal interviewt, Albert Ostermaier auf einen Bolzplatz gestellt; Oliver Kahn hockt vor einer Berghütte.

Aber ein Dokumentarfilm über einen Fußballer als reiner Interviewfilm?. Lange sieht man keine Fußballszenen in Frei: Gespielt. Als sie endlich kommen, sind es die Bilder seiner besten Tore in den Derbys zwischen Bayern und 1860 München, zusammengeschnitten als Schuss-Tor, Schuss-Tor, Schuss-Tor. Den Spieler, den Dribbler, den Kämpfer Scholl nur als Tor-, meist gar nur als Freistoßschützen zu zeigen, ist recht fragwürdig.

Die Dramaturgie des Films läuft auf Scholls letztes Pflichtspiel in der Bundesliga hinaus. Spätestens da entpuppt sich der Dokumentarfilm als Werk von Fans. Als ob die Karriere des Mehmet Scholl darauf gezielt hätte, am Schluss mit dem in der Liga viertplatzierten FC Bayern gegen den bereits als Absteiger feststehenden FSC Mainz 5:2 zu gewinnen!

So leidet Frei: Gespielt nicht nur an einem Titel, der originell und tiefsinnig klingen soll, dies aber nicht tut; sondern vor allem an einer uninspirierten Dramaturgie und daran, dass Gesprächspartner nach Prominenz und nicht nach Kompetenz ausgewählt wurden. Und nach Sympathie für Mehmet. Die fällt, zugegeben, nicht schwer.

Eduard Augustin/Ferdinand Neumayr: Frei: Gespielt - Mehmet Scholl: Über das Spiel hinaus. DVD, Senator Home Entertainment, 101 Min.


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00:00 31.08.2007

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