Farbenblind werden

Identität Welche Art von Haut ein Mensch hat, gerät immer mehr zum Fetisch. Ob das wirklich gegen Rassismus hilft?

Neulich auf Instagram: „Traue niemals jemandem, der sagt, er sehe keine Hautfarben, denn das bedeutet, für sie bist du unsichtbar“ – ein Account mit über 11.000 Followern postet dieses Zitat, zusammen mit der Caption: „Letztens in einem Gespräch: ‚Ich bin einfach nur Mensch, für mich sind alle Menschen gleich!‘ Nein Anneliese (…) Das Aberkennen meiner Lebensrealität ist nichts anderes als Farbenblinder Rassismus!“

Wurde meiner Generation während der Schulzeit noch das Ideal einer „farbenblinden“ Gesellschaft vermittelt, gilt das Konzept heutzutage als hoffnungslos naiv oder gar selbst rassistisch. Die Maxime der Stunde scheint es zu sein, Hautfarbe als wesentliche Information zum Verständnis einer Person zu begreifen – sonst fühle die sich nicht gesehen.

Der Verweis auf Farbenblindheit kann tatsächlich dazu missbraucht werden, jegliches Gespräch über Rassismus im Keim zu ersticken. Da zudem in unser aller Wahrnehmung unterschwellige Vorurteile schlummern und Rassismus, so wird gesagt, alle Bereiche der Gesellschaft strukturiert – sollten wir uns von der Möglichkeit verabschieden, Menschen möglichst nicht im Sinne ihrer Hautfarbe zu begreifen?

Unterschiede zelebrieren

Hierzu wird unter wechselnden Schlagwörtern – Political Correctness, Identitätspolitik, Cancel Culture – immer wieder debattiert. Die Argumente bleiben meist dieselben. Ein typischer Schlagabtausch läuft wie folgt ab: Die universalistisch argumentierende Seite bezichtigt die partikulär argumentierende bzw. identitätspolitische Seite des sogenannten Essenzialismus. Man würde Identitäten, insbesondere ethnische, als unveränderliche, gar natürliche Wesenseigenschaften begreifen und von homogenen Gruppen ausgehen.

Die andere Seite kontert mit dem Hinweis auf den sogenannten strategischen Essenzialismus. Ohnehin wäre es eine Notwendigkeit, dass marginalisierte Gruppen ihre kollektive Identität positiv umdeuten – hinzu komme, dass diese Identität als wesenhaft konstruiert werden muss, weil man sich nur im Kollektiv Gehör verschaffen könne und nur über das Kollektiv politische Veränderung möglich wäre – als einzelner Arbeiter, einzelne Frau, oder Schwarze Person komme man nur schwer gegen Kapitalismus oder das Patriarchat an.

In der Theorie überzeugt das – in der Umsetzung weniger. Denn die Hautfarbe zu etwas Wesenhaftem zu machen, ufert in Zusammenhang mit dem eingangs vorgestellten Farbbewusstsein der Critical Whiteness leicht in einem Ethnien- bzw. „Rassen“-Fetisch aus. Der Konflikt wird in eine alltägliche, private Sphäre verlagert, wo er Dialog und Allianzen erschwert und mir daher wenig politisch erscheint.

Ein Motto dieses Denkstils ist, dass wir unsere Unterschiede zelebrieren sollen. Wir seien nun mal unterschiedlich und das sei positiv zu sehen, denn Differenzen seien Quelle von Kraft und Inspiration. Aber – liegt die entscheidende Differenz ernsthaft in rassischen Kategorien wie Schwarz, weiß oder Person of Color?

Hatte man sein Leben lang aufgrund der äußeren Erscheinung mit Diskriminierung und Gewalt zu kämpfen, ist es verständlich, dass die positive Umdeutung der Hautfarbe und die Nähe zu „Leidensgenossen“ einem etwas geben kann – sich aber weitergehend in erster Linie über sie zu definieren, ähnelt eher einem Nachgeben als einer Ermächtigung. Was soll ich als Person of Color sonst gemein haben mit einer chinesischen Millionärstochter in Vancouver? Oder einem Kaffeebauer in Kolumbien? Diese Kategorien sollten bei dem bleiben, was sie wirklich beschreiben: die äußere Erscheinung einer Person.

Ist mit der „Differenz“ so etwas wie kulturelle Herkunft gemeint, wird es schon verständlicher. Wenn man für diese bisher nur Abwertung erfahren hat, wenn zum Beispiel die Muttersprache verboten war, kann es wichtig sein, sie nun zu zelebrieren. Aber nicht für jeden migrantischen Menschen ist die Herkunft der Eltern oder auch nur eines Elternteils so zentral für ihr Selbstverständnis, und man würde ihnen auch keinen Gefallen damit tun, sie nur im Kontext ihrer Herkunft wahrzunehmen.

Das führt dazu, dass man zum Beispiel in der feministischen Pop-Zeitschrift Missy Magazine blättert und dort wirklich jede nicht weiße KünstlerIn, MusikerIn oder AktivistIn unter Nennung von Kategorien wie BIPOC vorgestellt wird, während bei weißen lediglich der Name genannt wird – man wird keine Stelle finden, in der es heißt: „die weiße Künstlerin XY verarbeitet in ihrem Schaffen ihre deutsche Herkunft…“ Ihnen ist so gewissermaßen die universale Position reserviert, während nicht weiße nur noch im Zeichen ihrer ethnischen Identität stehen können.

Die Beobachtung im Missy-Magazine ist dem an sich ehrenwerten Umstand geschuldet, dass man die Personen, deren Schaffen man vorstellt, nicht ins schlechte Licht rücken möchte. Auf der anderen Seite ist es nämlich en vogue, gerade weiße Menschen als Repräsentanten ihrer „Rasse“ zu verstehen – quasi ein „Wie du mir, so ich dir“-Anti-Rassismus.

Der Verdacht, dass Weiße der gesellschaftlichen Norm entsprechen und ihnen dadurch die Realität rassistischer Diskriminierung eher vom Hörensagen oder ganz unbekannt sein kann, besteht natürlich und hat nichts an seiner Dringlichkeit verloren – man denke nur an das Desaster in der NDR-Talkshow Die letzte Instanz.

Darüber hinaus ist es aber realitätsfern, Rassismus vornehmlich oder ausschließlich bei weißen Menschen zu verorten – wer wie ich in einem Einwandererviertel aufgewachsen ist, weiß ganz genau, dass auch „People of Color“, wie türkisch- und arabischstämmige Menschen, genau wie Schwarze und alle anderen rassistisch sein können. Diese einfache Opfer-Täter-Dichotomie ist grob simplifizierender Quatsch.

Nicht nur sind weiße Menschen inhärente Täter, sie sind auch Objekt homogenisierender Begriffe wie Alman oder Colonizer, die mit dazugehörigen Memes virulent auf Instagram und Twitter sind. An pointierten und lustigen Memes ist nichts auszusetzen – fragwürdig wird es aber, wenn man auch im Privaten ständig diese Distinktion vornimmt und vom Phänotyp auf einen Wesenskern schließt.

Dass man keine weißen Mitbewohner mehr will, dass man jeder weißen Person in der U-Bahn misstraut, oder dass man keine neuen Freundschaften mehr mit Weißen eingehen möchte, sind Dinge, die mir nicht selten zu Ohren kommen. Es gebe da zu wenig gemeinsames Verständnis – nur durch mühsames Abarbeiten an internalisiertem Rassismus könne man den Unterschied der Hautfarbe überbrücken.

Es gibt viel mehr Kategorien

Hört man solche KandidatInnen sprechen, könnte man meinen, sie seien in segregierten Vierteln aufgewachsen und wären nie zusammen mit Weißen in einer Schulklasse oder einem Sportverein gewesen. Ich hatte – wie die meisten in deutschen Innenstädten – immer völlig gemischte Freundeskreise. Im Gegensatz zur sozioökonomischen Schicht überschnitt sich Ethnie ständig. Welche Hautfarbe man hatte und ob die Eltern aus Anatolien, dem Balkan, Westafrika oder eben Deutschland stammten, spielte nie eine große Rolle.

Das muss nicht bei allen so gewesen sein. Der Punkt ist aber, dass ethnische Differenz fallweise sehr wohl irrelevant werden kann. Solche Kategorien werden erst wirkmächtig, wenn der Akt des Kategorisierens vom Gegenüber auch vollzogen wird – wir müssen uns der Möglichkeit öffnen, dass Ethnie als menschliche Kategorie situativ auch „inaktiv“ bleiben kann, gerade wenn sie durch eine andere überlagert wird.

So berichtete Malcom X. nach seiner Pilgerfahrt nach Mekka begeistert davon, wie unter Muslimen die Unterscheidung in weiße und Schwarze zum ersten Mal in seinem Leben irrelevant wurde. Wir müssen nicht alle zum Islam konvertieren, um das zu erleben – es gibt zig Wege, wie Menschen unterschiedlicher Hautfarbe unter einem Nenner stehen können.

Wohlgemerkt, Hautfarbe und ethnische Zugehörigkeit machen in unserer Gesellschaft einen Unterschied, da müssen wir uns nichts vormachen: Fleißige SchülerInnen kriegen wegen ihres türkischen Namens nur eine Hauptschulempfehlung; einem syrischen Teenager wird in der Tram ins Gesicht getreten. Auch können Begriffe wie weiß oder PoC ein immenser Zugewinn sein, um rassistische Strukturen, die nun mal oft am Phänotyp anknüpfen, zu benennen – dass 97 Prozent der Führungskräfte in den Berliner Verwaltungen weiß sind, spricht Bände. Anti-Rassismus muss aber nicht die Rassen-fetischisierenden Gebärden aus den Vereinigten Staaten nachahmen, wo sich Menschen schon lange eine Nonsens-Identität über ihre 13-prozentige irische Abstammung konstruieren. Das hat nichts Emanzipatorisches und erinnert eher an einen fanatischen Nationalismus, der Leuten zu eigen ist, die so uninteressant sind, dass sich ihr Selbstverständnis ausschließlich aus ihrer deutschen oder türkischen Herkunft speist.

Das heißt nicht, dass man keine Nähe zu denjenigen verspüren kann, die einem zu ähneln scheinen. Wenn Schwarze Menschen in der Öffentlichkeit gegenseitige Solidarität bekunden, kann das eine überlebenswichtige Strategie sein. Es liegt in der Natur des Menschen – in irgendeiner Gruppe imaginiert man sich immer. Problematisch wird es aber, wenn man nur noch mit dem rassischen Kompass durch die soziale Welt navigiert und essenzialisierende Denkmuster den Alltag bestimmen.

Zu behaupten, man „sehe“ keine Hautfarbe, ist zugegebenermaßen nicht die schlauste Art, einen anti-essenzialistischen Standpunkt zu äußern – denn ob jemand Schwarz oder weiß ist, das können selbst Menschen, die im wahrsten Sinne des Wortes farbenblind sind, mühelos unterscheiden. Jeder sieht „Rasse“, und die damit verbundene Diskriminierung soll nicht verschwiegen werden. Eine Introspektion auf eigene Vorurteile ist nie verkehrt.

Der US-amerikanische Publizist Coleman Hughes hat einen besseren Vorschlag, den auch Anneliese beherzigen sollte – das nächste Mal sagt sie lieber: „Ich versuche, niemanden aufgrund seiner Hautfarbe anders zu behandeln.“

Nikita Vaillant ist in Berlin-Kreuzberg aufgewachsen und selbst „Person of Color“ (für diejenigen, die das interessiert)

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 30.06.2021

Ausgabe 30/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 36