Faschismus des Herzens

Studiengebühren Im Internet greift immer mehr geistige Verrohung um sich. Ein Beispiel aus Österreich

Nichts, sagt Ödön von Horváth, ist so unendlich wie die menschliche Dummheit. Und nirgends offenbart sich diese Unendlichkeit so gnadenlos wie, unter dem Schutz der Anonymität, im Internet. Es soll ja nicht behauptet werden, dass jene, die früher Zugang zu den Möglichkeiten der veröffentlichten Meinungsäußerung hatten, immer ein Ausbund an Intelligenz waren. Aber heute darf jeder Trottel Tabus brechen und seinen Schwachsinn publizieren, ohne mit seinem Namen dafür gerade stehen zu müssen. Das enthemmt. Der Preis der Demokratie ist eine exponenzielle Vervielfachung der Dummheit - wenn das, angesichts der Unendlichkeit, nicht selbst eine mathematische Dummheit wäre.

Zur Dummheit aber gesellt sich im Internet die seelische Verrohung. Ein aktuelles Beispiel aus dem Nachbarland: Mehr als die Hälfte der österreichischen Universitäten verlangt von Behinderten Studiengebühren. Das meldet die Wiener Tageszeitung Der Standard in ihrer Online-Ausgabe vom 19. Juli. Die Nachricht kann, so möchte man denken, nur Verwunderung, wenn nicht Empörung hervorrufen. Ein Beiträger zum Leser-Forum aber, der sich hinter dem Pseudonym "Avalancha" versteckt, reagiert so: "Soll eine Behinderung ein Freischein für ein Leben auf Kosten anderer sein? Auch ein Behinderter kann für in Anspruch genommene Leistungen wie jeder andere bezahlen."

Es verschlägt einem den Atem. Alle Vorurteile über den fortlebenden Faschismus in den Köpfen vieler Österreicher scheinen sich mit einem Schlag zu bestätigen. Nicht die Steuerhinterzieher, nicht die überbezahlten Manager und Politiker, die tatsächlich auf Kosten anderer leben, stören den Mailschreiber, sondern Rollstuhlfahrer, Epileptiker, Blinde, die studieren wollen und in der Tat ökonomisch wie auch unter vielen anderen Gesichtspunkten in einem Ausmaß belastet werden, dass eine Befreiung von den Studiengebühren eigentlich das Selbstverständlichste von der Welt sein müsste. Eben erst haben die Sozialdemokraten die Wahlen gewonnen, weil sie die generelle Abschaffung der Studiengebühren versprochen hatten. Kaum an der Regierung, opferten sie dieses Versprechen den Privilegien, die ihnen eine Koalition mit der ÖVP einbrachte. Heute erregt die Avalanchen nicht mehr, dass es diese Studiengebühren gibt. Sie ärgert, dass Behinderte sie nicht bezahlen sollen. Der Hinweis, dass es ja auch behinderte Kinder von Reichen gebe, ist in diesem Kontext grotesk. Soll die unerträgliche Kluft zwischen Arm und Reich ausgerechnet von den Behinderten geschlossen werden? Käme irgendeine Avalancha auf die Idee, Frauenrechte nur für Kinder von Geringverdienenden zu fordern, nein: sie ihnen mit dem Hinweis, dass es auch reiche Frauen gibt, zu verweigern? In Bezug auf Behinderte darf man das.

Denn die Behinderten haben praktisch keine Lobby. Ihre Interessen - nein: ihre Rechte werden schlicht missachtet. Wo das Gesetz Quoten vorschreibt, werden diese ignoriert oder durch schäbige Ausgleichszahlungen abgegolten. Mit Solidarität dürfen Behinderte nicht rechnen. Sie werden von der Gesellschaft ausgegrenzt und schämen sich in der Regel noch ihrer Diskriminierung.

Der zitierte Satz belegt nicht nur den Faschismus in den Köpfen, er ist vielmehr das Dokument eines Faschismus des Herzens. Was muss in einem Menschen vorgehen, der in seinem behinderten Nachbarn einen Parasiten sieht? Sprechen wir es in aller Deutlichkeit aus: Es ist genau diese Denkweise, die die nationalsozialistische Euthanasiepolitik möglich und plausibel machte. Wenn der Mensch nur Anspruch auf Leben hat, wo er für die Kosten aufkommt, dann darf er auch getötet werden, wo er dazu nicht mehr imstande ist. Die Logik der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik gegenüber Behinderten war die Logik der Reduktion des Menschen auf seine ökonomische Funktion. Es ist die Logik, nach der in Ärztezeitschriften berechnet wird, ab wann sich eine Betreuung in der Intensivstation nicht lohnt, weil die Kosten der Behandlung nach einer möglichen Genesung nicht mehr eingearbeitet werden können. Es ist die Logik der Zweiklassenmedizin, die - auch in Deutschland - längst stillschweigend akzeptiert wurde. Es ist exakt die Logik von Avalancha, und niemand entfernt diese Obszönität aus dem Netz. Eine Gesellschaft, die derlei duldet, hat das Recht verspielt, Anderen Mangel an Menschlichkeit vorzuwerfen.

Kälte und Herzlosigkeit: das ist die Diagnose. Übrigens: "Avalancha" ist spanisch und bedeutet Lawine.


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00:00 27.07.2007

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