Fassbinder grüßt Cash

Reminiszenz In „Ein Schlag ins Gesicht“ heuert der depressive Ex-Polizist Fallner bei seinem Bruder an. Diesmal muss er sich mit einer Diva herumschlagen
Franziska Hauser | Ausgabe 46/2016

Franz Doblers Figuren benehmen sich nur, wenn sie es einsehen. Und das geschieht selten. Ihr Umgangston ist meist läppisch, immer schlagfertig. Mit Ein Schlag ins Gesicht ist kürzlich die Fortsetzung von Der Bulle im Zug erschienen. Kommissar Fallner war in dieser Geschichte mit einer Bahncard 100 kreuz und quer durch Deutschland gereist – nachdem er bei einem Einsatz einen libanesischen Jungen getötet hatte. Die „Hommage an das Leben im Zug“ (Die Zeit) wurde vergangenes Jahr mit dem Deutschen Krimi Preis ausgezeichnet.

Fallner ist jetzt Ex-Bulle. Er sitzt zur Aufarbeitung der Ereignisse bei seiner Therapeutin. Obwohl er es nie schafft, ihre Fragen zu beantworten, erfährt man alles, was man über Fallner wissen muss, was ihn umtreibt. Zum Beispiel: Die Dinge stehen ausnahmslos beschissen. Zum Beispiel: Fallner ist ein Getriebener, aber er will lieber nicht so genau wissen warum. Oder: War es Notwehr? Seine Strategie heißt Verdrängung.

Fallners Bruder, Leiter einer Sicherheitsfirma, hat schon lange erkannt, welche Vorteile es hat, wie die Polizei zu arbeiten, aber nicht die Polizei zu sein. Der Bruder wird als Privatermittler angeheuert und bekommt sogleich den heikelsten Auftrag, den die Firma schon fast in den Sand gesetzt hatte: Die Schauspielerin Simone Thomas ist am Ende ihrer Karriere und wird von einem Stalker bedroht. Mit der abgehalfteren Diva taucht Fallner ein in das vergangene München der Fassbinder-Zeit, mitten rein ins Milieu und die Boheme. Fallners Frau ist weg, in seiner Situation fungiert die Schauspielerin auch als Rettungsanker. Fallner kann sich mit der Thomas sogar über Kino unterhalten. Er selbst kennt auch schräge Leute, die Dobler lässig zeichnet, die wenigsten haben mit Fallners Fall unmittelbar zu tun – und doch hat letztendlich alles miteinander zu tun.

Franz Dobler, 1959 in Bayern geboren, ist bekannt als Musikexperte, nicht nur für Countrymusik und nicht nur für Johnny Cash, 2002 schrieb Dobler „eine Art Cash-Biografie“: The Beast in me. Leser urteilten, es sei weniger eine Biografie, sondern mehr ein Buch für Musikkenner. Für Ein Schlag ins Gesicht wäre tatsächlich eine digitale Version wünschenswert, die es ermöglicht, an den richtigen Stellen die passende Musik zu aktivieren. Wer sich zu Hause fühlt bei Musik von Cash, Joe Strummer, Debbie Harry, der hört die musikalische Untermalung der Szenerien in Kneipen, Bars, Autos, Wohnungen auch so, wie einen ständig laufenden Motor, der den Autor beim Schreiben angetrieben hat.

Doblers Erzählperspektive bleibt so nah an seiner Hauptfigur, dass er zwar über Fallner schreibt, gleichzeitig aber auch aus ihm heraus. Als innerer Monolog funktionierte auch Der Bulle im Zug so gut. Dobler lässt gebildete Menschen in überhöhter Grobheit agieren, manchmal fast in Form von Theaterdialogen. In unaufgeregtem Tempo springt die Geschichte über Löcher und überlistet den Leser, der versucht, bekannte Muster zu erkennen. Bis zur Mitte werden ständig neue Schubladen aufgezogen, man erwartet, dass sich alles findet und zusammenfügt, wie es sich gehört für einen „normalen“ Krimi. Dobler irritiert indessen durch die Wiederholung ganzer Sätze, als wolle er unsere Aufmerksamkeit testen. Es ist seine Kunst, dass man das raffiniert findet.

Genialer Soundtrack

In einer genialen Szene treffen fast alle Hauptfiguren zufällig in einer Villa zusammen (wobei alle, die keinen Schlüssel haben, selbstverständlich durch die zerbrochene Scheibe einsteigen). Nebenbei läuft ein satanischer Porno. Dann löst sich die Szene beiläufig auf, was so aberwitzig ist wie manches im richtigen Leben vielleicht auch, eher selten ist die Realität passabel ausgeleuchtet.

Ab Seite 100 geht die Jagd los. Die Handlung wird glamouröser. Wie gut Dobler erzählen kann, zeigt sich am Sujet einer leeren nächtlichen Kreuzung. Und am Ende führt ausgerechnet Fallners Instinkt auf die richtige Spur, das glaubt man aber sofort.

Um Romantik wird ein großer linksdrehender Bogen gemacht. Franz Doblers lakonischer Sound wirkt dabei nie aufgesetzt. Man erinnert sich an adrenalinreiche Actionfilme, in denen Männer nur mit den Frauen klarkommen, von denen sie grundsätzlich für Schweine gehalten werden. In denen sich Männer von Frauen nur betrunken bemitleiden lassen. Dann aber unbedingt. Was ja auch irgendwie romantisch ist. Denn natürlich hat Robert Fallner eine sanfte Seite. Er ist ein Kind der schweigsamen Kriegsgeneration, vielleicht hat ihn diese Kindheit so verkorkst. Wer will, kann sich noch lange mit Ein Schlag ins Gesicht beschäftigen. Alle Musik, Filme und Bücher, die erwähnt werden, oder erwähnt werden könnten, oder deren Kenntnis einen allgemeinen Hintergrund bilden, sind über fünf Seiten in den Quellenhinweisen aufgelistet (wobei es sich nur um eine Auswahl handelt).

Info

Ein Schlag ins Gesicht Franz Dobler Tropen 2016, 385 S., 19,95 €

*Die Fotos der Beilage

Kamil Sobolewski, geboren 1975 in Gdansk, Polen, studierte Fotografie an der Berliner Ostkreuzschule. Für seine Arbeit „Rattenkönig“ wurde er unter die neun Finalisten im Fotowettbewerb „gute Aussichten – junge deutsche fotografie“ für das Jahr 2015/2016 gewählt. Die Jury schrieb, Sobolewski begebe sich auf eine Reise ins Innere. „Die kleinen schwarzweißen Formate zeigen eine metaphorische Reihung unterschiedlicher Gefühls- und Bewusstseinszustände, in denen es um existenzielle, grundsätzliche Fragen geht. Aus den kraftvollen, existenzialistisch durchhauchten Bildern geht eine Mischung aus Trotz und Resignation, Aggression, Kampf und Zärtlichkeit hervor.“ Mehr Informationen zu Kamil Sobolewskis „Rattenkönig“ (in Englisch, 14,8 × 21 Zentimeter, 64 Seiten, 24 Euro) unter dienacht-magazine.com

06:00 18.11.2016

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