Michael Schneider
12.01.2009 | 11:20 11

Fasst die Piraten der Geldmeere!

Vorschlag Schriftsteller Michael Schneider kann das Gerede von der neuen Finanzarchitektur nicht mehr hören. Er fordert ein Internationales Tribunal für Großspekulanten

Es scheint bezeichnend für die großen Umbrüche der Menschheitsgeschichte zu sein, dass sie – von einzelnen Stimmen abgesehen, die aber meist ungehört verhallen- nie wirklich vorausgesehen oder vorausgedacht werden, sodass die herrschenden Machteliten von ihnen ebenso überrascht werden wie die Scientific Community. Das gilt für den epochalen Umbruch von 1989, der Selbstimplosion des staatsozialistischen Weltsystems, ebenso wie für den rasanten Zusammenbruch des Weltfinanzsystems im Sommer und Herbst letzten Jahres. Im Nachhinein könnte man sagen: Der Staatssozialismus sei nur früher krepiert als der finanzmarktgetriebene Turbo-Kapitalismus.

Ein Scheintoter, der von der öffentlichen Hand reanimiert wird

Doch Vorsicht! Während jener unter teils hämischen, teils resignativen Nachrufen wirklich zu Grabe getragen und beerdigt wurde, haben wir es bei diesem nur mit einem Scheintoten zu tun, der gerade wieder mit allen Mitteln, unter ungeheuren Aufwendungen und Subventionen der öffentlichen Hand reanimiert wird. Viel ist derzeit von einer „neuen Finanzarchitektur“ die Rede, von Begrenzung der Managergehälter, strengerer Bankenaufsicht, Erhöhung des Eigenkapitals der Banken, Transparenz der Buchführung, Einführungeines TÜVs für neue Finanzprodukte und so weiter und so fort. 

Gewiss werden dies unverzichtbare Bausteine einer neuen Finanzarchitektur sein. Indes hat man den Eindruck, dass die ganze Debatte vor allem der Beruhigung der Öffentlichkeit und der Ablenkung von dem eigentlichen Skandal dienen soll: Dass Verluste in zwei- bis dreistelliger Milliardenhöhe jetzt einfach sozialisiert werden, anstatt dass die Profiteure der Finanzmarktblasen, die über Jahre hinweg hohe Gewinne erwirtschaftet und in den Boomjahren ungeheure Vermögen angehäuft haben, jetzt zur Kasse gebeten werden.

Die Verluste werden sozialisiert, zur Rechenschaft gezogen wird niemand

Der zweite Skandal ist, dass die Herren der Hochfinanz zur Rettung ihrer angeschlagenen Institute jetzt etliche Milliarden Staatsknete kassieren dürfen, ohne dafür entsprechende Gegenleistungen und Garantien, geschweige denn Beschäftigungsgarantien für ihre Mitarbeiter, erbringen zu müssen. Mindestens wäre zu gewährleisten, dass öffentliches Geld nur im Tausch gegen öffentliche Eigentumsrechte freigegeben, der Staat also mit jedem Euro Steuergeld stimmrechtsfähige Aktien erwirbt und diese Stimmrechte dazu benutzt, um eine grundsätzliche Änderung des Geschäftsmodells der Banken zu erreichen, damit dieses am Gemeinwohl statt an den Renditeerwartungen der Großanleger ausgerichtet wird. Das wäre auch der beste Weg, um der Spekulation (wenigstens im eigenen Haus) einen Riegel vorzuschieben und neuen Finanzblasen vorzubeugen.

Kaum aber haben sich die Banken bedient - so ist jetzt allenthalben zu hören -, soll der Staat sich wieder aus der Kontrolle zurückziehen, damit das spekulative Tollhaus, das globale Spielcasino, das schon in den neunziger Jahren ganze Volkswirtschaften stranguliert (unter anderem Mexiko, die asiatischen Tigerstaaten, Brasilien, Argentinien) und eben erst viele Millionen Menschen und Kleinanleger weltweit ihrer Ersparnisse und börsengebundenen Alterssicherungen beraubt hat, wieder eröffnet werden kann - wenn auch unter gewissen Auflagen und strengeren Spielregeln als bisher.

Dabei sind noch längst nicht alle Finanzblasen geplatzt

Natürlich befürchten die politische Klasse und die Herren der Deutschland-AG, dass dieser größte Crash in der Geschichte der Weltfinanz, dessen Schockwellen auf die Realwirtschaft jetzt erst langsam anrollen, und ein Krisenmanagment, das nur zu Lasten der Allgemeinheit und der künftigen Generationen geht, die Frage nach der Legitimität des ganzen Systems aufwirft; darum tun jetzt alle, auch mit Rücksicht auf das Superwahljahr 2009, so, als sei das Schlimmste bereits überstanden, die Krise im Prinzip schon gemeistert und als werde man die kommende „Konjunktur-Delle“ schon irgendwie durchstehen. Dabei sind noch längst nicht alle Dominosteine gefallen und noch längst nicht alle Finanzblasen geplatzt, die sich im Korpus der monströsen amerikanischen Schuldenökonomie, der privaten wie der öffentlichen, gebildet haben.

Otto Normalbürger aber, auch wenn er sich gerne beruhigen lässt, will es schwerlich in den Kopf, warum ein Kaufhausdieb, der Waren für 100 Euro mitgehen lässt, in den Knast wandert, während für die Herren in Nadelstreifen, die Milliarden verzockt haben, goldene Fallschirme aufgespannt werden. Völlig unfassbar aber muss es für einen Bewohner der südlichen Hemisphäre sein, wenn er hört und liest, dass das allein von den EU-Staaten geschnürte Rettungspaket für die Banken sich auf die unfassbare Summe von zwei Billionen Dollar beläuft- eine Zahl mit 12 Nullen. Dabei bräuchte es - laut UN-Berechnungen - nur einen Bruchteil dieser Summe, nämlich 82 Milliarden Dollar für einen Zeitraum von fünf Jahren, um die großen Milleniumsziele der UN zu erreichen, also die acht schlimmsten Plagen der Menschheit vom Hunger bis zum Analphabetentum zu besiegen und die ganze Dritte Welt aus der materiellen Not herauszuführen.

Mit einem Bruchteil des Geldes könnten die UN-Millenniumsziele erreicht werden

Was den amerikanischen Häuslebauern geschieht, die durch betrügerische Versprechungen und PR-Kampagnen systematisch in die Verschuldung getrieben wurden und die jetzt, weil ihre Kredite platzen, aus ihren Häusern vertrieben werden – insgesamt 25 Millionen Familien -, ist schlimm. Aber was in den Armutsregionen der Welt passiert, ist unfassbar. Nehmen wir das Beispiel Darfur. Hier leben 2,2 Millionen Menschen in Lagern, die ohne die weißen Lastwagen mit Mehl und Reis, Trockenmilchsäcken und Wasser nicht überleben könnten.

Das Welternährungsprogramm verteilt nur noch 1.500 Kalorien pro Erwachsenen pro Tag, obwohl laut Weltgesundheitsorganisation das Existenzminimum bei 2200 Kalorien liegt. Und warum? Weil infolge der Finanzkrise die freiwilligen Budgets der Staaten gestrichen worden sind. Aus dem gleichen Grund musste die Weltgesundheitsorganisation jetzt auch ihre Malaria-Impfkampagne wieder einstellen.

Auch Agrar-Dumping ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit

Laut UN sterben täglich über 100.000 Menschen am Hunger oder seinen unmittelbaren Folgen. 923 Millionen Menschen auf der Welt sind permanent schwerst unterernährt; letztes Jahr waren es noch 854 Millionen Menschen. Es sind vor allem drei Faktoren, die – laut Jean Ziegler, UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung - diesen dramatischen Anstieg des Welthungers verursachen: Erstens das Agrar-Dumping, das die USA und die EU subventionieren und das die heimische Landwirtschaft in den Ländern des Südens zerstört. Auf jedem afrikanischen Markt kann man heute europäisches Gemüse kaufen zu einem Drittel des Preises einheimischer Produkte. Zweitens die Produktion von Agrar-Treibstoffen, die zu einer ungeheuren Verknappung der Nahrungsmittel geführt hat. Und drittens die Spekulation auf Nahrungsmittel mittels Agrar-Rohstoff-Zertifikaten, die an der Börse gehandelt werden- eine Spezialität der Hedgefonds, die an den Agrarrohstoffbörsen der Welt ihre Termingeschäfte aufbauen, indem sie Wetten auf den Preis von Reis, Mais, Getreide usw. abschließen. Innerhalb von nur sechs Monaten ist der Reispreis um 83 Prozent gestiegen, Mais um 67 Prozent und Getreide um 111 Prozent. Vor allem die Slumbewohner hat das weltweit getroffen.

Was hindert uns eigentlich daran, hier von Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu sprechen und die Großspekulanten und Zocker als Kriminelle, als Finanz-Terroristen zu behandeln und sie ebenso vors Tribunal zu bringen, wie man seinerzeit die Nazi-Kriegsverbrecher vor das Nürnberger und Milosevic vor das Kriegsverbrecher-Tribunal in Den Haag gebracht hat? Sind solche Verbrechen nur deshalb keine Verbrechen im juristischen Sinne, weil sie die Folge anonymer ökonomischer Handlungen sind und die Täter an der Chicagoer Rohstoffbörse scheinbar in keinerlei Beziehung zu ihren Opfern in den brasilianischen Favelas oder den Slums von Soweto stehen?

Wenn Derivate "finanzielle Massenvernichtungswaffen" sind, warum werden sie dann nicht geächtet?

„Derivate“ – so hat ein prominenter Börsianer gesagt - „sind finanzielle Massenvernichtungswaffen“. Warum werden sie dann nicht ebenso international geächtet wie Streubomben und Landminen? Warum werden betrügerische Investmentbanker und Spekulanten, die faule Hypothekenkredite, d.h. Schulden zu Wertpapieren umdeklarieren, diese bündeln, „verbriefen“ und an ahnungslose Kunden in aller Welt mit Gewinn weiterverkaufen, nicht ebenso verfolgt und bestraft wie Drogendealer? Zumal sie mit ihren „innovativen Finanzprodukten“, in denen die Ramschhypotheken versteckt wurden, ganze Volkswirtschaften vergiften?

Warum geht die Internationale Gemeinschaft gegen die spekulative Piraterie der Hedgefonds nicht ebenso entschlossen vor wie gegen die Piraten auf den Weltmeeren? Warum wird die Spekulation mit Nahrungsmitteln, Rohstoffen und Währungen, das heißt mit den Grundelementen jeglicher Ökonomie, nicht überhaupt geächtet und durch strikte Gesetze verboten? Der juristische Katalog der „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ müsste dringend um den Straftatbestand „kriminelle Spekulation mit destruktiven oder mörderischen Folgen für die Allgemeinheit“ erweitert, und dieser von einem Internationalen Gerichtshof mit entsprechender Sanktionsgewalt geahndet werden. Vor allem müssten die Verursacher und Profiteure der Finanzmarktblasen per Gesetz gezwungen werden, mit ihrem eigenen Vermögen für den der Allgemeinheit zugefügten Schaden zu haften.
Erst dann könnte man wirklich von einer „neuen Finanzarchitektur“ sprechen!

Michael Schneider ist Schriftsteller und Soziologe, Mitglied bei Verdi und des Akademischen Beirats von Attac. Er lehrt als Professor an der Filmakademie Baden-Württemberg, lebt in Hünfelden/Hessen und in Berlin.. In seiner großen Studie Das Ende eines Jahrhundertmythos (1992) bilanzierte er die Epoche des Staatssozialismus und die Ursachen seines Scheiterns. Seine letzten Prosawerke sind Der Traum der Vernunft. Roman eines deutschen Jakobiners (2001) und Das Geheimnis des Cagliostro (2007)

Kommentare (11)

odradek 05.02.2009 | 18:05

Vor allem müssten die Verursacher und Profiteure der Finanzmarktblasen per Gesetz gezwungen werden, mit ihrem eigenen Vermögen für den der Allgemeinheit zugefügten Schaden zu haften.

Solange wir nicht in der Lage sind, 'Schäden an der Allgemeinheit' zu quantifizieren können wir gar nichts. Wie entschädige ich eine Familie, die durch Arbeitslosigkeit zerbrochen ist? Oder die Verzweiflung, die durch Armut und Ausgrenzung entsteht? Sicher nicht indem man die Hinrichtung von Börsenmaklern im Fernsehen überträgt.
Es geht nicht um verantwortungslose key-player die in "krimineller" oder "destruktiver" Weise die Allgemeinheit ausnutzen, sondern um ein System, daß durch Konkurrenz alle player eliminiert die sich nicht so geben. Das gilt in in der Finanzwelt genauso wie im Discounter oder in der Zeitarbeitsfirma oder im call-center oder bei der Fischproduktion am Viktoriasee oder wo auch immer. Will man das System nicht abschaffen, dann sollte man sich zumindest überlegen, wie man wildgewordene ökonomische Sphäre wieder unter soziale oder demokratische Kontrolle bringt. Alles andere (Schimpfen auf Fianzjongleure, und Heuschrecken) hat mir einen haut-goût, ich weiss nicht...es befriedigt die eigenen Ressentiments, sonst gar nichts.

Yes 06.02.2009 | 10:01

Der Vorschlag Banken nicht nur finanziell unter die Arme zu greifen, sondern gleichzeitig auch öffentliche Eigentumsrechte zu verlagen, weist m.E. in die richtige Richtung. Auch eine Sozialisierung wichtiger "Grundversorgungsprodukte" wie z.B. Wasser oder Energie ist dringend erforderlich.
Eine Haftbarmachung der Schuldigen des Finanzkollaps scheitert leider daran, dass "Richter und Angeklagte" die selben Personen sind.

opponent 06.02.2009 | 10:13

"finanzmarktgetriebene Turbo-Kapitalismus"

Hä? Wo? In welchem Paralleluniversum lebt der Autor denn? Vielleicht erst mal voruteilslos mit so schwierigen und komplexen Themen wie dem Finanzsektor befassen, dem Bankenrecht usw. Dann würde man ganz schnell feststellen, dass es einen "Turbokapitalismus" weder hier noch in den USA gibt. Und dann würde man auch feststellen, dass der Finanz"markt" zu den am stärksten national und international regulierten Bereichen der Wirtschaft gehört, die es gibt. Dann würden Stichworte wie Fair Housing Act, Community Reinvestment Act einem was sagen. Das sind nur zwei von unzähligen "Antidiskriminierungsvorschriften" in den USA, die es Banken heute quasi verbieten, Bonitätsprüfungen durchzuführen. Hierdurch ist es zu der irren Praxis gekommen, dass private Banken allen möglichen Antragstellern auch Kredite gewähren mussten, sonst würden sie verklagt werden. Das hat dazu geführt, dass Leute Kredite (vor allem für den Hauskauf) erhalten haben, die sie nach MARKTGESICHTSPUNKTEN nicht hätten erhalten dürfen. Und bekanntlich hat das Platzen der Immobilienblase dann zur Finanz- und Wirtschaftskrise geführt, die wir jetzt haben. Aber naja, lieber weiter in Dogmen verharren ...

salvo 06.02.2009 | 12:21

ein Kommentar behauptet, die 'Immobilienblase' sei angeblich durch eine Überregulierung der Finanzinstitute entstanden, u.a. durch Antidiskriminierungsvorschriften, die Banken angeblich verpflichteten nicht 'marktgerecht' zu handeln und Krediten an Menschen zu vergeben, die sie sich nicht leisten könnten. Das ist natürlich marktlibertärer Unsinn. Zu den angeführten Antidiskrimierungsvorschriften kann man zB bei wikipedia lesen, dass die erste gar nichts mit der Regulation von Finanzmärkten zu tun hat:
"The primary purpose of the Fair Housing Law of 1968 is to protect the dwelling seeker from seller or landlord discrimination. It does this by protecting the buyer's or renter's right to discriminate. The goal is a unitary housing market in which a person's background (as opposed to financial resources) does not arbitrarily restrict access."
(wikipedia)

Die Absicht des Community Reinvestment Act ist es mitnichten, Banken zu verpflichten, unsichere Kredite zu vergeben, sondern Bezieher unterer und mittlerer Einkommen bei der Kreditvergabe nicht gegenüber denen großer Einkommen zu benachteiligen. Es zwingt kein Kreditinstitut, höchstmögliche Rendite durch Aufgabe aller 'marktgerechten Bonitätsprüfung' erzielen zu wollen. Im Gegenteil sieht das gesetz vor, dass Banken bei der Kreditvergabe sorgsam vorgehen sollen: "The law also does not require institutions to make high-risk loans that may bring losses to the institution; instead it emphasizes that an institution's CRA activities should be undertaken in a safe and sound manner.[2][10] There are no specific penalties for non-compliance with the CRA, unless a violation of the Equal Credit Opportunity Act was also found to have occurred." Wie man sieht, leigt hier eher zu wenig Regulierung vor als zu viel. Die Behauptung, die Vorschrift sei für die unsichere Kreitvergabepraxis verantwortlich gewesen, wurde auch widerlegt: "Some economists, politicians and other commentators have charged that the CRA contributed in part to the 2008 financial crisis by encouraging banks to make unsafe loans. Others however, including the economists of the Federal Reserve, dispute this contention. The Federal Reserve holds that empirical research has not validated any relationship between the CRA and the 2008 financial crisis" (wikipedia)

odradek 06.02.2009 | 16:20

Äääh. Nein. Diese Leute haben Hypotheken erhalten, weil die Kreditgeber durch Verbriefung, Verpackung und Versicherung das Ausfallrisiko komplett weiter reichen konnten und man ihnen dies nicht verboten hat. Damit entfiel jeder Anreiz die Bonität eines Kreditnehmers zu überprüfen. im Gegenteil, da das Verpacken und Weiterreichen mit einem Profit verbunden war, entstand ein Anreiz möglichst viele, auch unbedienbare Kredite zu generieren weil mit jeder Zwangsversteigerung ein neuer Kredit generiert und weitergereicht werden kann. Klassicher Fall von moral hazard.

golo42 07.02.2009 | 22:46

Bestrafen? Der Wunsch ist groß. Doch sollte dies nicht davon abbringen, vordringlich die Gründe dieses Desasters aufzulisten, um dann gezielt zu reagieren. Der real existierende, am privaten Profit orientierte Kapitalismus ist vom Wunschbild einer sozialen Marktwirtschaft in einem demokratischen Gemeinwesen weit entfernt. Vielleicht auch, weil die Evolution uns statt zum Kosmopoliten zunächst zum robusteren, ethnozentrisch orientierten Hinterwäldler formte (s. B.Verbeek: Die Wurzeln der Kriege). Das "moralische Gesetz in mir" nach Kant bedarf ja sorgfältiger Entwicklung und Bildung in förderlicher Kultur; auch heute müsste er konstatieren, dass wir das aufgeklärte Zeitalter noch fern ist.
Bei Strafe des Konkurses sind derzeit Unternehmer gezwungen, Gewinnmaximierung anzustreben. Zwar geben Regeln, Gesetze etc. sozioökologisches Gewicht vor, das bleibt unzureichend, wie auch dieser Artikel belegt. Dazu kommt, dass die anteilmäßig überwiegende private Aneignung produzierten Reichtums (Marx) dessen Nutzung dann vorrangig privatem Interesse unterwirft und demokratische Mitsprache zur sozioökologischen Zweckbindung kaum Raum hat. Eine Folge dieser Ordnung ist es ja, dass das bereits höchst verschuldete Gemeinwesen jetzt riesige Geldmengen bereitstellen muss, obgleich schon ein Teil der privaten Vermögen den Schaden beheben könnte. Deswegen: progressive Besteuerung von Einkommen und Vermögen, damit das Gemeinwesen Schulden abbauen kann und endlich als eigener Unternehmer Gesundheitswesen, Bildung, Rechtswesen... angemessen entwickeln kann. Private Unternehmer sollten quasi als Subunternehmer des Staates dann Gewinne erzielen, wenn ihr Wirken dem sozialökologischen Zielen entspricht. Vielleicht reicht eine solche Entmachtung der Verursacher und Profiteure zu, und wir können uns zeitraubende schwierige Strafverfahren ersparen.

golo42 08.02.2009 | 12:00

Noch eine Ergänzung zum Wesen der real existierenden Wirtschaftsordnung. Eine Auflistung von Pateispenden durch die Wirtschaft (www.zeit.de/bilder/2009/07/wirtschaft/22-parteien/22-parteien-500.jpg) spricht für sich. Eine Erörterung unter dem Blickwinkel der gemeinwohldienlichen privatwirtschaftlichen Nutzung der Allmende (wenn wir mit dieser das zur Verfügung gestellte Gemeingut wie Grund und Boden, materielle und personengebundene Ressourcen etc. meinen) böte sich hier an. Dass ein privater Nutzer seine Kreativität im Sinne privater Gewinnerwartung spielen lässt, ist selbstverständlich und sogar erwünscht, wenn dies mit dem Wohl des Gemeinwesens übereinstimmt. Damit ist die Notwendigkeit (und Schwierigkeit) einer transparenten demokratischen Ordnungsstruktur und Machtausübung angedeutet, die unkontrollierten Lobbyismus, wie er sich in diesem Spendenspiegel andeutet, wie er uns in der überwiegend privatwirtschaftlich organisierten Medienlandschaft darstellt, in gut ausgestatteten "Denkfabriken" und auch in der von mannigfacher Werbung übersättigten Alltagsatmosphäre gegenüber tritt, in die Schranken weist.
Im Angesicht jener Durchdringung unserer Lebenswelt von dieser Form des (wirtschaflichen) Miteinander lässt die notwendige Strafverfolgung Einzelner am Rande und fordert eine zügige Evolution zu einer sozialen Marktwirtschaft in einem demokratischen, globalen Problemen gegenüber aufgeschlossenem Gemeinwesen. Notwendiger erster Schritt wäre die Zentrierung des Diskurses auf diese Notwendigkeit (durchaus im Sinne des enthusiastischen Artikels von Kant: "Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?" 1784).

Hans-Joachim 13.02.2009 | 18:13

Mir ist es ziemlich egal, wie die Leute, die Geld haben, um ihr Geld gebracht werden, ob im Spielcasino oder bei Immobilienspekulationen, und mir ist es ziemlich egal, ob es da Regeln gibt oder nicht. Wenn jemand für sein wo auch immer angelegtes Geld mehr als 5 % Dividende erwartet oder gar bekommt, muss doch wissen, dass diese Prozentsätze nichts mit der normalen Realität eines normal situierten Bürgers zu tun hat..
Nun aber, wo alle um die sogenannte Finanzkrise jammern und der Staat die Banken mit großen Summen liquide halten, sollten die normalen Bürger ihren Forderungen nach einem angemessenen Mindestlohn, nach einer normalen und den Lebensunterhalt finanzierbaren Grundsicherung und nach qualifizierten Tariferhöhungen ganz massiv Nachdruck verleihen. Jetzt, wo die Milliarden nur so sprudeln, muss doch auch etwas für die Ärmsten abfallen. Kein Kind darf in Armut aufwachsen!
Hans-Joachim

Fkritik 23.02.2009 | 18:59

Folgende Meldung mag ein Beispiel dafür sein, dass es notwendig ist auch über die Belangung von Verantwortlichen zu reden.

Die Meldung entstammt www.nachdenkseiten.de vom 23.2.2009.

HRE hat Milliardengeschäfte nicht in der Bilanz
Die Kette der Hiobsbotschaften im Zusammenhang mit der in Schieflage geratenen Hypo Real Estate reißt nicht ab. Einem Medienbericht zufolge hat der Immobilienfinanzierer Geschäfte in Milliardenhöhe getätigt, die nicht in der Bilanz auftauchen. Diese seien zum Teil hochspekulativ gewesen, berichtet die “Hannoversche Allgemeine Zeitung” (HAZ). Damit stellt sich die Lage noch wesentlich schlimmer dar, als bislang angenommen. Insgesamt habe der Münchener Finanzkonzern Kredite im Volumen von einer Billion Euro herausgegeben. Gegenüber der “Hannoverschen Allgemeinen Zeitung” bestätigten mehrere Finanzpolitiker, dass die HRE Verträge in Höhe von einer Billion Euro abgeschlossen habe, insbesondere in “außerbilanziellen Geschäften”. Öffentlich bekannt war bislang nur die Bilanzsumme in Höhe von 400 Milliarden Euro.
Quelle: FinanzNachrichten

Kommentar AM: In diesem Zusammenhang ist - weil es in den deutschen Medien in der Regel verschwiegen wird - daran zu erinnern, dass der Spiritus Rector und Kuratoriumsvorsitzende der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, Professor Dr. Hans Tietmeyer (CDU), im Aufsichtsrat der HRE saß. „Der frühere Bundesbankchef saß mehrere Jahre auch im Verwaltungsrat der irischen Depfa-Bank, die die Probleme beim heutigen Mutterkonzern HRE zu großem Teil verursacht hat“, berichtete die Financial Times Deutschland vom 15.10.2008. Hat er von den Machenschaften in Dublin und München nichts mitbekommen? Oder entsprach das Verhalten der Unternehmensleitung von HRE und Depfa-Bank seinen Vorstellungen von sozialer Marktwirtschaft? Wusste Tietmeyer nichts davon, dass die HRE, diese Unternehmensgründung der HypoVereinsbank, eine Art Bad Bank darstellte?