Fast ginge man drauf

Film „Mixwix“ von Herbert Achernbusch zeigt mit der Figur eines Kaufhausbesitzers eine Großaufnahme der Gegenwart, die in ihren kaputten Typen allgemeine Alpträume offenlegt
Kerstin Hensel | Ausgabe 45/2015
Fast ginge man drauf

Bild: Archiv/der Freitag

Es ist der totale Film. Total heißt: Man kommt nie zu seinem schlüssigen Ende, erfährt nie das tumbe Heil der Befriedigung im Kinosaal: So ist es! und wie aus dem Leben gegriffen! Es wäre denn auch nicht Achernbusch, der seiner Tradition: Schocktherapie am Bayrischen Seziertisch, treu bleibt. Treu meint nicht Manier des endlosen Selbstzitates, sondern treu in der seit Jahrzehnten in der Kunst so raren Tiefenlotung unserer Existenz.

Mixwix mutet an als End-Film im doppelten Sinne: Achternbuschs letzter Film (aber das ist nicht verbürgt) und ein Film der Endgänge. Der Film, da er den Anspruch auf Totalität (nicht Geschlossenheit!) hat, benutzt filmübergreifende Mittel – er ist alles: Roman, Brief, Tagebuch, Kintopp, Notat, Bild, Theater, Theorie, Gedicht und Nonsensparabel. Ein tragikomisches, kaum witziges Werk. Es ist die Großaufnahme der Gegenwart, die in ihre kaputten Typen die allgemeinen Alpträum offenlegt. Der Autor selbst (in diesem Buch wohl vordergründiger anwesend als in früheren Texten) schreibt sich in der Allegorie eines Altersheims – beziehungsweise eines Kaufhausbesitzers – die Absurdität vieler gelebter Leben. Am Ende ist der Zynismus, und Zynismus bedeutet Rettung.

Achternbusch schreibt Gesellschaftstheater. Er lässt bewusst auf Kunst-Kostruktionen hinweisend, alles mehrfach agieren: in Oceanstreet: die Hauptperson Hick (sich) und zwei Söhne, die die Rollen von König Ludwig von Bayern und Richard Wagner übernehmen. Überhaupt scheint mir das ganze Stück auch als eine grandiose Wagner-Persiflage lesbar zu sein, als eine ödnis-pompöse Multimedia-Oper. Achternbusch beschreibt das Gewöhnliche, also das Öde, das den Hauptteil des Lebens ausmacht und das seine Klimax im Altersheim erfährt. Die Handlungen sind gewollte Banalitäten. Hick und Farewell (seine Liebe und sein Abschied) verkommen im Dasein ohne Tiefen, mit kindischen stockfleckigen Träumen. Der Skandal ist die tägliche Normalität. Der Tod tritt so gewöhnlich ein wie das alltägliche Pissenmüssen.

Alle Darsteller sind metamorphisch. Achternbusch macht eben Kunst und keine Suggestion. Trotzdem stockt einem der Atem beim Lesen (Sehen), mitten im Lachen: die Häme der Tragik. Bayern am Ocean – damit ist nicht nur die Gegend am Starnberger See gemeint, sondern alle Provinz bis hin nach Amerika (Hick's Last Stand). Der Film treibt nicht in die Lähmung. Er ist intelligent. Exakt komponierte Parts: Metaphern, Symbole, Freudsche Phänomene und Farben aller Art schaffen die Totale. Das Chaos geschieht im Slapstick. Altmeister Chaplins Geist, dem im Abschnitt Totale Filmmaker Reverenz erwiesen wird, geht durch Achternbusch, ohne epigonal zu sein.

Der Angriff Achternbuschs gilt den Stützen der Gesellschaft, also: Spießertum, Nationalkult, Verblödung, Oberflächlichkeit und Religion. Denn ist Religion du, folgt ihr alle: bis zur totalen Verwüstung, sagt der Mönch alias General Waggonmaster und setzt Christus mit der Sünde gleich. Groteske made in Bayern.

Das System (des Kapitalismus im Abschnitt Mixwix) funktioniert durch Marionetten- und Tiertriebe: Mixwix, der Besitzer eines Münchner Kaufhauses, der sich auf das Dach desselben setzt und sitzen bleibt und sein Kaufhaus an seine Mitarbeiter Stückchenweise vermacht.

Kauf- und Produktionssucht zeugen die Hypertrophie der Bedürfnisse. Achternbuschs Ulk lässt das Blut gerinnen. Erbarmungslos deckt der Autor das Monströse auf, und das ist überall. Sein Lebensgefühl ist das einer Mücke auf eiserner Hand. Nie gerät er in Lamentos. Achternbusch spricht von seinem Weltekel von Bayern bis China und Rumänien. Zugegeben: den letzten Abschnitt Auf verlorenem Posten empfinde ich als einen schwachen Teil des Filmes. Das Typische gerät streckenweise zum Klischee – die Ereignisse des letzten Herbstes/Winters in Polen, DDR und Rumänien werden sozusagen mit einer Voraus-Draufsicht geschrieben, verfremdet und somit scheinbar handhabbar.

Achternbusch redet über Verluste. Der Verlust der Liebe: ein ekliges Fiasko, das nie zum Ende kommen will und nichts auslässt an Brutalitäten.

Gefilmt wird das Äußerste. Kopfweh, dieses Wort zieht sich durch den Text, der in keiner Weise privat, aber somit spielfähig wird. So vieles hat Deutschland kaputtgemacht, warum nicht mich, räsoniert Hick als Amerikareisender in Hicks Last Stand. Hier ist der Autor von ungewohnter Ernsthaftigkeit und Selbstanalyse. Es herrscht mehr Angst als Film. Achternbuschs persönliches Chaos geht uns an, weil es, ins Medium gebracht, unseren Bankrott der Menschlichkeit beweist. Bleibt das schrankenlösende Gelächter in der totalen Groteske der Geschichte.

Dieser Text erschien am 9. November 1990 in der ersten Ausgabe des Freitag

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06:00 09.11.1990

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