Fast im Paradies

Kehrseite 1 Wieder saß ich in der Bahn. Und ich dachte, früher war nicht wirklich alles besser. Früher musste ich im Reisezentrum warten, bis ich an der Reihe ...

Wieder saß ich in der Bahn. Und ich dachte, früher war nicht wirklich alles besser. Früher musste ich im Reisezentrum warten, bis ich an der Reihe war. Minuten, die mir wie Stunden vorkamen, und wie immer war ich in der Schlange, in der die meisten Kunden ein Problem hatten. Warum haben so viele Leute eigentlich immer ein Problem? Warum kann nicht einfach alles ohne Unterbrechung laufen? Wenn ich einkaufe oder ins Kino gehe oder im Restaurant einen Tisch bestelle - mit mir gibt es nie ein Problem. Ich bin das Gottesgeschenk für alle Servicemitarbeiter, ich sage höflich Guten Tag, artikuliere, was ich will, bezahle, verschwinde. Ich brauche nie eine besonders schwierige Auskunft, die alle hinter mir Wartenden dazu bringt, ihre Züge, ihren Arzttermin oder ihre Menstruation zu verpassen. Bei mir geht immer alles glatt. Nur um mich herum nicht.

Heute buche ich meine Bahnkarte im Internet, drucke sie selbst aus, bezahle mit meiner Kreditkarte, bekomme meinen Platz. Alles gut. Eigentlich. Das Problem mit Platzkarten ist nur, dass man nie weiß, wer neben einem sitzt. Früher war das kein Problem: Mein Zug ging morgens um sechs, er war leer, weil niemand das wusste oder niemand Lust hatte, so früh aufzustehen. Aber wie alle guten Sachen sprach sich auch dieser Umstand irgendwann rum, und der Spaß war vorbei. Jetzt sitze ich neben einer gestressten Mutter, die dank der kreischenden Frucht ihrer Lenden keine Zeit mehr für Körperpflege hat. Mutterschaft kann ja so einiges ersetzen, nicht ein gutes Deo. Ich stöpsle mir die Knöpfe meines MP3-Kopfhörers in die Ohren. Die sind der allerneuste Schrei und bohren sich tief in die Gehör-Regionen. Früher hätte ich meinen Walkman so laut aufgedreht, bis sich eine dicke ältere Frau mit blauen Haaren und hässlichem Hut beschwert hätte. Heute kann ich sanft entschwinden und falle niemandem zur Last. Keine Probleme mit mir. Die große Belästigungs-Oper, die in endlosen Akten um mich herum aufgeführt wird, ist verstummt. Wie schön. Ich gebe keine Geräusche von mir, selbst das Atmen fällt heute extrem flach aus. Ich habe das eine Bein über das andere geschlagen, damit meine Sitznachbarin mehr Raum zur Entfaltung ihrer kaum vorhandenen Persönlichkeit hat, dabei schmerzt mein linkes Knie bereits, als wüsste ich, wann sich das Wetter ändert. In dieser fast fötalen Sitzposition versuche ich zu schlafen und denke, wie schön es wäre, ganz allein auf der Welt zu sein. Aber ich bin nie ganz allein, immer nur fast. Irgendwo taucht immer jemand auf, der ein Problem hat, sogar zu Hause, da klingelt der Paketbote und kann das Geld für den Zoll nicht wechseln. Als wüsste er nicht, dass er Kleingeld dabei haben muss, wenn er Geld kassieren will. Ich hätte immer genügend Kleingeld dabei, allein schon, um dem Mundgeruch des gerade aus dem Bett geklingelten Sendungsempfängers schnell zu entkommen. Warum ist alles immer nur fast? Ich bin fast zufrieden, ich kann fast schlafen, ich bin fast am Ziel. Wenn man ein Wort ganz oft hintereinander sagt, wird es plötzlich sinnlos und unverständlich. Bedeutet eine Fastenkur, dass man es fast schafft, abzunehmen?

Der Zug-Lautsprecher, der alle Stimmen so verzerrt, dass man auch keinesfalls eine Ahnung haben darf, was wohl gerade durchgesagt wurde, scheint meine Gedanken erhört zu haben und kündigt den nächsten Halt an. Die Reisenden machen sich ans Aussteigen. Das vormals weibliche Lebewesen neben mir packt das Kind in die quietschbunte Karre. Ich kann endlich mein Bein runternehmen, das andere ist eingeschlafen und kribbelt entsetzlich. Der Bahnsteig gleitet näher, der Zug hält. Meine Streckenabschnittsbegleiter steigen aus - natürlich nicht ohne dass mindestens einer von ihnen noch ein Problem hat und den flüssigen Trott ins Stocken bringt. Ich überlege: Wenn heute alles besser, schneller, bequemer funktioniert, warum bin ich nur fast glücklich? Die neuen Fahrgäste steigen ein. Jetzt weiß ich´s wieder. Ein junges Mädel setzt sich neben mich, aber sie nimmt mich nicht wahr, weil sie eine SMS bekommen hat, deren Ankunft vom digitalen Gedudel einer TV-Serie angekündigt wird, deren Titel mir entfallen ist - anders als die Melodie, die ich nun den ganzen Tag im Kopf haben werde. Vielen Dank auch. Ein bulliger Mann mit zerknittertem Sakko setzt sich gegenüber und tut, als würde er das Mädel nicht bemerken, während er sie mit den Augen auszieht, dabei aber Schwierigkeiten mit ihren Reißverschlüssen hat. Der Zug ist schon wieder in Bewegung. Und plötzlich sehe ich im Vorbeifahren das Ortsschild auf dem Bahnsteig und stelle fest, dass ich für einen kurzen Moment tatsächlich angekommen war. Ich kann es kaum glauben. Ich war - im Paradies. Aber eben nur fast.

Mathias Klaschka, Jahrgang 1971, ist Drehbuchautor und lebt in Berlin.


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00:00 15.10.2004

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