Fast schon Erste Liga

Nicht in Berlin Unser Autor lebt seit 45 Jahren in einer Stadt des Grauens: Bielefeld
Klaus Kosiek | Ausgabe 02/2016 3
Fast schon Erste Liga
Es gibt Leute, die sprechen hier von „brasilianischen Verhältnissen“

Foto: Thomas Starke/Bongarts/Getty Images

Wir waren etwas erstaunt, als die Freunde, die seit 15 Jahren in der Schweiz leben und uns auf ihrer Deutschlandreise für ein paar Tage besuchten, bei Apfelkuchen und Kaffee erklärten, dass sie entschlossen seien, nach Erreichen des Rentenalters nach Deutschland zurückzukehren. Berlin, aber auch Bielefeld zögen sie in Betracht. Alles sei besser als eine Zukunft in der Schweiz, deren selbstgerechte Bewohner ihnen immer mehr auf die Nerven gingen. Was denn aus unserer Sicht zum Lobe der Stadt am Teutoburger Wald zu sagen sei?

Keine einfache Frage, auch nicht für uns. Wir leben seit 45 Jahren in Bielefeld und finden die Stadt ganz in Ordnung, immerhin die Heimat von Pudding, Systemtheorie, Gesellschaftsgeschichte, Reformschulen, guten Comedians und rustikalem Fußball. Aber wir wissen natürlich, dass Bielefeld-Bashing in linksliberalen Kreisen immer noch populär ist. Deshalb reagierten wir ausweichend auf die Frage der Freunde: Bielefeld, ein alter Industriestandort, sei zwar kein locus amoenus, alles andere als lieblich, aber eine ansehnliche Stadt, nur knapp hinter der Ersten Liga, mit einem schwulen Oberbürgermeister, einer regierenden Paprikakoalition, breiten Fahrradwegen, einer aktiven Kulturszene, einem nagelneuen Hochschulcampus, in den Bund und Land eine gute Milliarde investiert haben, und einer Infrastruktur, die den Anforderungen des demografischen Wandels schon recht gut entspreche. Meinen Urologen zum Beispiel könne ich empfehlen … Sie winkten ab, so eilig hätten sie es nicht mit dem Altwerden.

Ganz psychedelisch

Wir verabredeten für den nächsten Tag eine Radtour und am Abend den Besuch der Alm. Manche halten Bielefeld für das Produkt einer Verschwörung von Außerirdischen in Zusammenarbeit mit Geheimdiensten. Ihre Zahl wird zugenommen haben, seit ausgerechnet Kai Diekmann, erfolgreicher Produzent von Legenden aus dem Hause Springer, ihre Existenz behauptet und wehmütig von kindlichen Exkursionen in den Teutoburger Wald berichtet hat (im Merian-Heft „Ostwestfalen“). Andere bestreiten die Existenz der Stadt zwar nicht, verwenden aber ihren Namen gern als Chiffre für das Grauen, das von öden Orten ausgeht. Christoph Höhtker, ein in Bielefeld geborener früherer Student der Soziologie, Taxifahrer und Werbetexter, heute Romancier mit Wohnsitz Genf, beschreibt in seinem aktuellen Roman Alles sehen die Stadt „B.“ als einen mythischen Ort, „dessen Verlorenheit und Stille die Menschen vor Ort verrückt machen, aber auch zu lustigen Geschichten und bizarren soziologischen Theorien inspirieren kann.“

Am Montagmittag bestiegen wir unsere Räder und machten uns auf den Weg in „die psychedelischen Gegenden rund um die Heeper, Eckendorfer oder Herforder Straße“, die zu besuchen Höhtker allen Besuchern der Stadt empfiehlt. Wir passierten den Pappelkrug, eine Gaststätte, in der vor Kurzem die lokale Antifa durch das Abspielen der Internationale die konstituierende Sitzung einer Bürgerinitiative gegen die Flüchtlingspolitik Merkels verhindert hatte. Und machten dann einen Abstecher zum ZIF (Zentrum für interdisziplinäre Forschung), in dem Niklas Luhmanns Zettelkästen nach längerer Odyssee Zuflucht gefunden haben.

Die totale Soziologie

Als wir am „Hermeneutischen Zirkel“ das Uni-Gelände verließen, gedachten wir einen Moment lang des kleinen, grauen Mannes mit Aktentasche, der hier in 30 Jahren (Luhmann forschte von 1968 bis 1993 an der Universität Bielefeld) seine Theorie der Gesellschaft verfasst hatte. Höhtker lässt ihn im Roman als Erfinder des Konzepts „Totale Soziologie“ auftreten, der den Gegenstand seiner Wissenschaft so definiert: „Alles ist interessant. Soziologie muss daher von allem handeln wollen. Sie muss total sein, denn sie ist total.“

Wir nahmen nun Kurs auf den Schlosshof, heute ein Szenelokal. Damals war es der Ort, an dem die Juden Ostwestfalens versammelt wurden, bevor sie durch die Stadt zum Bahnhof getrieben und in die Güterzüge gesetzt wurden, die sie in die Vernichtungslager in Osteuropa brachten.

Dann erreichten wir die nordöstliche Innenstadt. An diesem frühen Nachmittag mit leichtem Nieselregen kam die Szenerie den Beschreibungen des Romans nahe: „Fünfhundert Meter, bestehend aus: einem Tierfutter- und Haustierzubehör-Supermarkt, drei Fußball-Wettbüros, einem Drogeriemarkt, zwei Discountsupermärkten unterschiedlicher Discount-Supermarktketten, zwei 24-Stunden-Tankstellen mit Bistro-Corner und Frischeregal (…) einem Erotik-Shop ohne geregelte Öffnungszeiten und mit großzügigem Parkplatz im Hof, einer Autovermietung, drei Gebrauchtwagenhändlern, einem Sanitätshaus (,Seit 25 Jahren für Sie da!‘), zwei mobilen Pflegediensten mit angeschlossener Kleinwagenflotte, einer chemischen Reinigung, einem Friedhof oder einem Park, der früher ein Friedhof gewesen war.“ Und so weiter. Nur wenige Menschen waren unterwegs, manche sahen aus wie in dem Roman („Kordhose, schwarzer Parka oder so“).

Am Abend auf der Alm: die Arminen gegen St. Pauli, 19.000 Zuschauer, wir hatten Plätze auf der Osttribüne. Kein ansehnliches Spiel. Die Schweizer Freunde konzentrierten ihre Aufmerksamkeit auf den Fanblock der Arminen, den wir von unseren Sitzplätzen gut beobachten konnten. Der Trommler faszinierte sie, der die Massen dirigierte: „brasilianische Verhältnisse.“ Am Ende 0:0. Am besten war noch die Pausenbratwurst. Am nächsten Morgen Abschied auf Bahnsteig 2. Der ICE nach Berlin braucht zweieinhalb Stunden. „Noch ein Vorteil von Bielefeld“, sagten wir, „die Metropole ist nicht weit.“ Die Schweizer Freunde lächelten sibyllinisch und winkten. Am Abend ein Anruf aus Berlin. Sie hätten gerade in einer Kneipe diesen Witz gehört: „Wie heißt der neue Berliner Flughafen?“ – „Bielefeld.“ Das fanden sie komisch.

Klaus Kosiek bloggt als Koslowski auf freitag.de

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