Fast unangreifbar

Philipp Lahm Der Bayern-Kapitän ist der Prototyp des mündigen Fußballers. Jetzt wartet Chelsea im Champions-League-Finale - das wichtigste Spiel seines Lebens

Der beste Abwehrspieler ist einer, der nicht weiter auffällt. Ein Stürmer kann spektakulär treffen, ein Mittelfeldspieler unschlagbar passen, ein Torhüter auf unglaubliche Art und Weise den Ball übers Tor lenken. Ein Verteidiger fällt höchstens auf, wenn er den Ball in die Füße des Gegners spielt.

Philipp Lahm gehört zu den besten Außenverteidigern der Welt, und trotz seiner Position gehört er zu den auffälligsten Fußballspielern Deutschlands. Am vergangenen Samstag führte er die Bayern als Kapitän auf den Rasen im Berliner Olympiastadion. Und wenn etwas mehr Aufsehen erregte als die miserable Leistung der Münchener und die herausragende der Dortmunder, dann seine Aussage nach dem Spiel: Der FC Bayern sei über 90 Minuten die bessere Mannschaft gewesen.

Auch am kommenden Samstag wird der 28-Jährige sein Team ins Champions-League-Finale gegen Chelsea führen. Es ist seine Chance, endlich einen internationalen Titel zu gewinnen. Er ist beinahe dazu gezwungen, denn sonst würde bereits die zweite Saison ohne Trophäe für die Bayern zu Ende gehen. Scheitert er aber, hat er in diesem Sommer bei der EM in Polen und der Ukraine noch einen Versuch. Denn auch in der Nationalmannschaft ist Lahm der Kapitän.

Dass er diese prominente Rolle einnimmt, hat Gründe, die vor allem abseits des Platzes liegen. Die ersten 26 Jahre seines Lebens lieferte er die Argumente vor allem auf dem Platz. Mit elf Jahren kam Lahm von einem Münchner Stadtteilverein zu den Bayern. Er ist klein, aber setzte sich durch. Einer wie er verschafft sich den Respekt nicht durch Statur oder Bartwuchs, sondern durch Leistung. 2003 lieh ihn sein Verein für zwei Jahre an den VfB Stuttgart aus. Innerhalb von sechs Monaten wurde er vom Regional­liga- zum Nationalspieler. Bei der EM 2004 war der damals 20-Jährige eine feste Größe. Rechts, links – er kann auf beiden Seiten spielen. Nach seiner Rückkehr zu den Bayern wurde er auch dort schnell Stammspieler und ist es bis heute geblieben. Der wendige, technisch starke Lahm gehört zu jenen Verteidigern, die auch mal einen Spielzug einleiten können.

Überlegte Attacke

Doch wenn er nicht eines seiner seltenen Tore schießt, fällt er im Spiel eher wenig auf. Er ist der nette Bub, einer, der Werbung für Zwieback ­machen könnte, der ewig eifrige Jungprofi. Das ist normalerweise das Schicksal der meisten Abwehrspieler. Aber das von Lahm änderte sich, als er im November 2009 in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung die Einkaufspolitik von Bayern München als planlos kritisierte. Entgegen der Absprachen hatte er das Interview seinem Verein vor der Veröffentlichung nicht vorgelegt. Manager Uli Hoeneß tobte. Er vermutete nicht ohne Berechtigung, dass Lahms Berater Roman Grill dabei die Finger im Spiel hatte, um Lahm als Führungsspieler zu etablieren. Als jemand, der sich traut, unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Das Ganze war eine sehr überlegte Attacke, eine mit kalkulierbarem Risiko.

„Ich bin jetzt in einer Position, dass ich das so ansprechen kann“, sagte Lahm damals. Schließlich brachte er beständig seine Leistung. Der Verein verdonnerte ihn daraufhin zwar zu einer hohen Geldstrafe, und Lahm entschuldigt sich. Aber sein Ziel hatte er erreicht. Er war fortan einer, auf den man hört. Bayern München wurde noch in derselben Saison Meister und zog ins Finale der Champions League ein. Und ein Jahr später wurde Lahm ihr Kapitän.

Bei der WM 2010 vertrat er dann den verletzten Kapitän Michael Ballack. Als ein Journalist ihn fragte, ob er das auch nach dem Turnier bleiben wolle, sagte er: „Ich habe Freude daran. Wieso sollte ich das Amt dann freiwillig abgeben?“ Es kam danach nicht mehr zur Machtprobe, weil Ballack nicht mehr zurückkehrte. Im August 2011 druckte die Bild Auszüge aus Lahms Buch Der feine Unterschied. Man veröffentlichte selbstverständlich nur die halbwegs pikanten Stellen. So schien es, als würde Lahm zum Rundumschlag gegen Koryphäen wie Rudi Völler oder Felix Magath ausholen. Plötzlich wirkte er arrogant. Doch Bundestrainer Jogi Löw grummelte nur pro forma, Lahm blieb Kapitän der Nationalmannschaft. Mittlerweile ist er fast unangreifbar geworden.

Lahm fällt aber auch auf, weil er im Gegensatz zu den meisten anderen Fußballprofis seine gesellschaftliche Verantwortung akzeptiert. Nach einem Besuch in Südafrika 2007 gründete er die Philipp-Lahm-Stiftung, die benachteiligte Kinder in Deutschland und Afrika unterstützt. Er wurde Botschafter für den Welt-Aids-Tag und kritisierte Homophobie in der Bundesliga. Er enttarnte den „Elf Freunde sollt ihr sein“-Mythos. „Elf Freunde? Ich habe nicht mal elf Freunde“, sagte er einmal und lud zu seiner Hochzeit 2010 nur einen einzigen Bayern-Profi ein. Lahm ist der erste Nationalspieler, der das ukrainische Regime kritisiert hat.

Auf diese Weise ist er zum Prototypen des mündigen, intelligenten Profis geworden. Einer, der seine Meinung äußert, dabei aber nicht unüberlegt handelt. Er ist als Chefdiplomat auf Ausgleich bedacht. Und so spricht er mit Boulevardblättern genauso wie mit der Zeit. Als Spieler ist er kein Leitwolf, sondern eher der Erste unter Gleichen. „Es gibt diese Chefs nicht mehr“, sagt er.

Die Zeit der Baslers, Effenbergs und Ballacks ist vorbei. Die Zeit der Lahms hat begonnen. Wer ihn fragen würde, wie er das findet, dem würde er wahrscheinlich sagen: „Das kann man so, aber auch so sehen.“

Sebastian Dalkowski wird während der EM auf freitag.de ein Turnier-Tagebuch schreiben

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10:00 19.05.2012

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