Fast wie im richtigen Krieg

Computerspiel Ein Computerspiel über die Schlacht um das irakische Falludscha stößt auf viel Kritik. Soldaten finden es unrealistisch, andere sprechen von „Kriegspornographie“

Bis in einzelne Ziegelsteine lassen sich die Häuser zerlegen. Auf die völlig zerstörbare Umgebung scheinen die Entwickler von Atomic Games bei der Präsentation ihres Projekts Six Days of Fallujah recht stolz zu sein. Die Firma ist angetreten, eine „game-amentary“, ein Dokumentarspiel zu machen, und will dabei ein „hochrealistisches“ Spielerlebnis bieten. Für dieses Ansinnen geriet Atomic Games samt seinem Partner, dem japanischen Publisher Konami, von verschiedenen Seiten in die Kritik.

Die Schlacht um Falludscha gilt als eine der umstrittensten militärischen Operationen der jüngsten Zeit. 40 Tage wurde um die irakische Stadt nahe Bagdad im November und Dezember 2004 gekämpft; ein Großteil der etwa 300.000 Einwohner waren zuvor geflüchtet oder evakuiert worden. Im Kampf des US-Militärs gegen „Aufständische“ kamen zahlreiche US-Soldaten um, viele ihrer Gegner und bis zu 1.000 Zivilisten. Letztere Zahl bestreitet das US-Verteidigungsministerium und spricht von haltloser Übertreibung. Wie man auch dementiert, den geächteten „weißen Phosphor“ in Brandbomben eingesetzt zu haben. Unbestritten dagegen ist, dass rund ein Viertel der 40.000 Wohnhäuser in der Stadt komplett zerstört wurden.

Insofern muss die grundlegende Spieltechnik, die so genannte Game-Engine, einen hohen Grad an Zerstörung wiedergeben können. Die der Spieler dann selber anrichten kann: Er steuert aus der Perspektive einer Kamera, die seiner Figur über die Schulter schaut, einen Marine sechs Tage lang durch den Häuserkampf. Die Erlebnisse mehrerer Dutzend US-Soldaten, die an den Kämpfen teilgenommen haben, fließen in die Geschichte des Spiels ein. Die Gesichter dieser Marines wurden eingescannt und ihre digitale Repräsentanten stehen einem in den Kämpfen zur Seite, die sich eng am tatsächlichen Verlauf der Schlacht orientieren wollen. In einem Interview verriet Peter Tamte, der Leiter von Atomic Games, dass neben irakischen Zivilpersonen auch Aufständische zu Rate gezogen wurden: „Viele von ihnen wussten, dass sie sterben würden und sie gingen dorthin, um zu sterben. Und ich denke, dass dies eine Perspektive ist, die wir alle verstehen sollten“, sagte Tamte.

Irakkriegs-Veteran empört

Dan Rosenthal, der die Website gameslaw.net betreibt und selber im Irak kämpfte, zeigte sich empört darüber, dass man einen Unterhaltungstitel aus einem Krieg macht, der noch im Gange sei. „Bei den Leuten um Rat und Einsicht nachzusuchen, wie man im Spiel am besten einen Marine tötet“, die daran arbeiteten im „echten Leben“ Marines zu töten, hält er für völlig unmöglich. Den Einwand seitens Atomic Games, wahre Geschichten erzählen zu wollen, hält Rosenthal für hohles Gerede. In ersten Demovideos des Spiels ist zu sehen, wie die Spielfigur mehrere direkte Treffer einstecken kann und trotzdem weiterkämpft. „Ich bin mir sicher, dass dies nicht der Normalfall war, als ich in Irak gewesen bin“, so der Ex-Soldat.

Allerdings gibt es bereits mehrere Spiele, die aktuelle US-Kriege als Grundlage für ihre Handlung nehmen. Zu nennen wäre das Spiel America‘s Army, das von der US-Armee selbst zu Rekrutierungszwecken kostenlos angeboten wird. Und eines der erfolgreichsten Spiele der letzten Zeit war Call of Duty 4 - Modern Warfare mit über 10 Millionen verkauften Kopien. Die „moderne Kriegsführung“ findet in diesem Egoshooter in Szenerien des Kaukasus und des Nahen Osten statt.

„Der Krieg ist zur Unterhaltung geworden“, meinte der britische Autor Andy McNab in dem Zusammenhang gegenüber techradar.com. Die Zuschauer seien mehr am Visuellen interessiert, als an komplexen Zusammenhängen in Konflikten. Im afghanischen Basra beobachtete das ehemalige Mitglied der britischen SAS-Spezialeinheit, wie Soldaten in ihrer Freizeit Laptops aufklappten: „Die Leute, die diesen Krieg auskämpfen, spielen diese Spiele.“

"Von wegen 'es ist nur ein Spiel' – das ist Kriegspornografie!"

Ein Marketing-Manager von Konami, Antony Crouts versuchte die Wogen zu glätten. „Wir sind nicht für den Krieg“, erklärte er. Die Leute sollten sich nicht unwohl fühlen; man wolle nur fesselnd unterhalten. „Am Ende des Tages, ist es nur ein Spiel.“ Dafür erntete er auf einer der bekannten Spieleindustrie-Website, auf gamesindustry.biz, einen ätzenden Kommentar: „Das von Antony Crouts erwähnte 'es ist nur ein Spiel', das Leute Krieg erleben lässt ohne, dass sie sich 'unwohl' fühlen, klingt wie das Schlimmste, was ich mir vorstellen kann – die schlimmste Variation von Kriegspornografie, die wir bislang geschaffen haben.“

Kommendes Jahr sollte das Spiel erscheinen. Die Kritik hat immerhin bewirkt, dass Konami am 27. April verlauten ließ, das Spiel vorerst nicht zu vertreiben.

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11:53 28.04.2009

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