Fatale Eitelkeit

A–Z Ohne Hochmut hätte Truman Capote „Kaltblütig“ nicht geschrieben, säße El Chapo nicht wieder im Knast. Aber ist Selbstliebe nicht auch der Ausgangspunkt des Humanismus?
Fatale Eitelkeit

Foto: Slim Aarons/Hulton Archive/Getty Images

A

Apps Anwendungen fürs Smartphone oder Internetprogramme sind wie geschaffen, die Eitelkeit ihrer Nutzer zu befriedigen. Datingportale wie Tinder oder PlanetRomeo gehören dazu, weit vorn ist Finya, das ein Foto-Voting anbietet. Wer es zulässt, wird auf einer Skala von eins bis zehn bewertet, das gemittelte Ergebnis ist für jeden sichtbar. An ähnlicher Stelle setzt das #howhot-Projekt an. Howhot wurde von der ETH Zürich entwickelt und in den vergangenen Tagen auf vielfältige Weise parodiert. „Let Artificial Intelligence guess your attractiveness and age“ lautet der Slogan zu dem Angebot, erhältlich im Internet und als App. Es ermittelt anhand von Fotos automatisch die Attraktivität des Abgebildeten und kategorisiert in „Hmm, Ok, Nice, Hot, Stunning, Godlike“.

Das Projekt klang vielversprechend, bis Internetfreunde wahlweise Kandidaten der Serie Schwiegertochter gesucht hochluden („Hmm“), den Hintern einer Hauskatze („Hot“), eines der Knollenmännchen von Loriot („Hot“) oder einen Stapel Zivilisationsabfall („Nice“). Jan Drees

C

Capote Der 2014 verstorbene Philip Seymour Hoffman hat ihm in Capote ein Filmandenken und den Oscar geschenkt, an dem er als Schriftsteller vorbeigeschrammt ist. Schon die Eingangsszene, wie er fahrig, mit lispelnder Fistelstimme als lästernder Außenseiter mitten in einer New Yorker Jetset-Party steht: „Ich bin schwul, ich bin süchtig, ich bin ein Genie“, sagte der 1924 geborene und nur 1,63 Meter große Schriftsteller von sich. Wie viele klein gewachsene Männer wurde er von einem übersteigerten Geltungstrieb gesteuert, seine Eitelkeit war legendär. Als seine Freundin Harper Lee mit Wen die Nachtigall stört über Nacht berühmt wird, empfiehlt er es Freunden: „Kauft euch das Buch. Ich komme darin vor als Dill.“ Dieser skrupellose ➝ Narzissmus ermöglichte es Capote, mit Kaltblütig seinen größten Coup zu landen. Wie er sich das Vertrauen zweier zum Tode verurteilter Mörder erschleicht, um an seinen Stoff zu kommen, ist ein Präzedenzfall literarischer Hybris. Ulrike Baureithel

D

Drogenboss Irgendwo auf dieser Erde glüht gerade die Tastatur eines Drehbuchautors, der die Geschichte des Treffens zwischen Sean Penn und „El Chapo“ vor allen anderen zu Ende geschrieben haben möchte: Ein vielfach preisgekrönter Hollywood-Schauspieler trifft den meistgesuchten mexikanischen Drogenboss der Welt, der kurzerhand verhaftet wird. Textnachrichten sollen beweisen, dass „Der Kurze“ seinen Befrager Sean Penn gar nicht kannte. Joaquín Guzmán Loera war vielmehr an der Schauspielerin Kate del Castillo interessiert, die das Treffen initiiert hatte. „Sharon Stone Mexikos“ soll er sie liebevoll genannt haben, der Kontakt zu ihr lieferte El Chapo letztlich ans Messer der Behörden. Und was lehrt uns die Geschichte? Erstens: Gute Storys sind manchmal real. Zweitens: Die gesamte Staatsgewalt Mexikos ist nichts gegen die Wirkung einer schönen Frau auf einen geltungssüchtigen Gangster. Konstantin Nowotny

E

Entzauberung Es war einmal eine Zeit, da gehörten ganz persönliche und doch journalistische Texte zum Besten, was der Berufsstand zu bieten hatte. Sorgsam recherchierte Geschichten, die einen nicht losließen. Die Schreibenden selbst konnten die Helden sein und idealisiert werden, weil sie sich trotz aller Eitelkeit geschickt hinter ihrem Artikel versteckten. Dann kam das Internet, und mit ihm kamen die Profilbilder (➝ Fahndungsfoto). Wer etwa bei FAZ-Onlinetexten auf den Namen des Autoren klickt (weil der Text sehr gut oder sehr schlecht war), stößt auf das Profilbild und erhält ein paar kurze biografische Informationen. Online ergibt die geringere Distanz zwischen Autor und Leser durchaus Sinn. Inzwischen praktizieren das allerdings auch Printzeitungen und setzen Bilder der Autoren über jede noch so kleine Textspalte. Und schon sind sie entzaubert. Maxi Leinkauf

F

Fahndungsfoto Amerikanische Fahndungsfotos heißen mugshots. Weil Personen, die von US-Polizisten festgenommen wurden, selten glücklich oder gesund wirken, ist die Metapher in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen. Das Wort steht für eine Person, die im Moment wirklich übel aussieht. Unangenehmerweise werden mugshots meist einer großen Öffentlichkeit zugänglich gemacht, zum Beispiel im Internet (➝ Entzauberung). Vergangene Woche schickte ein gesuchter Flüchtiger der Polizei von Ohio ein besseres Foto von sich, weil ihm sein mugshot nicht gefiel – und wurde daraufhin gefasst. Es kann aber auch anders laufen: Im Sommer 2014 gab die kalifornische Polizei den „mugshot“ von Jeremy Meeks frei. Auf diesem sah der junge Verbrecher außerordentlich gut aus. Das Bild wurde schnell zum Internethype (➝ Apps), Jeremy Meeks bekam Berge von Fanpost ins Gefängnis und einen Modelvertrag. Konstantin Nowotny

Fegefeuer Tom Wolfes 1987 erschienener Roman Fegefeuer der Eitelkeiten erzählt die Geschichte und den tiefen Fall des weißen Wallstreetbrokers Sherman McCoy. Nach einem von ihm mitverschuldeten Unfall mit Fahrerflucht – das Opfer ist Afroamerikaner – wird er zum Spielball von Justiz, Medien und der Kirche. Jeder, der mit dem Fall zu tun hat, versucht sich auf McCoys Kosten zu profilieren, der weiße Bezirksstaatsanwalt, der sich die Wiederwahl in seinem Wahlbezirk (der mehrheitlich von Afroamerikanern bewohnten Bronx) sichern will, der Journalist, der sich von der Story einen dringend nötigen Karrierekick verspricht, oder der Reverend, der mit Kalkül Schwarz gegen Weiß aufwiegelt und sich selbst bestens in Szene setzen kann.

Der Roman ist eine Satire auf die materialistische Gesellschaft der 80er Jahre in New York, wobei Tom Wolfe ein sprachlich brillantes Spiegelbild der Klassengesellschaft Amerikas gelingt. Jutta Zeise

M

Märchen Sie beweisen: Eitelkeit ist eine Todsünde (➝ Sünde), man denke nur einmal an Schneewittchen und ihre böse Widersacherin mit dem Zauberspiegel, den sie täglich befragt, wer die Schönste sei im ganzen Land. Am Ende muss sich die Königin, die sich bitter an der schöneren Schwarzhaarigen gerächt hat, zu Tode tanzen. Hans Christian Andersen wiederum erzählt in Des Kaisers neue Kleider von einem eitlen Hof, in dem zwei Schneider den allerletzten Modeschrei präsentieren: Klamotten, die keiner sehen kann. Wohin führt hier die Eitelkeit? Ins Lächerliche. Und Barockdichter Andreas Gryphius schrieb: „Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden. Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein; wo jetzt Städte stehn, wird eine Wiese sein ...“ Jan Drees

N

Narzissmus Da ist der Mythos von Narziss, der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebt, es nicht erreichen kann und daran zugrunde geht. Genau genommen ist der Narzissmus, also die eitle Selbstliebe, die Voraussetzung und der Ausgangspunkt jedes gelingenden Humanismus.Wie denn, bitte schön, und jetzt sind wir schon mittendrin im Hauptseminar Küchenpsychologie, soll man die anderen lieben und respektieren, wenn man da schon bei der eigenen Person massive Probleme hat? Sich selbst nach allen Regeln der Kunst ins Herz zu schließen, das heißt doch vor allem, das menschliche Moment zu betonen – schließlich hat man bisher noch zu selten von wirklich eitlen Tieren gehört. Sollte diese Überlegung aber ins Nichts führen, hier noch eine Parabel (➝ Märchen):

Gerade neulich trieb mich meine Eitelkeit zu einer Veranstaltung im Roten Salon in Berlin, wo der Philosoph Marcus Steinweg just einen Vortrag über Narzissmus halten sollte. In der Tat war es brechend voll, der Laden war mehr als ausverkauft, und draußen drängten sich Schlangen von Menschen ohne Eintrittskarte, die sich wortstark darüber beschwerten, dass ausgerechnet sie zum wiederholten Male nicht Einlass gefunden hätten. Timon Karl Kaleyta

S

Sünde „When too perfect, lieber Gott böse“, hat der aus Korea stammende Künstler Nam June Paik gesagt und damit eine enorme Integrationsleistung dokumentiert. Denn zu den derzeit vielbeschworenen Werten des christlichen Abendlands gehört, dass die Eitelkeit eine Todsünde darstellt. Moralisch gesehen steht sie damit auf einer Stufe mit Mord und Ehebruch und wird demnach am Tag des Jüngsten Gerichts mit dem „zweiten Tod“, also ewiger Verdammnis, bestraft werden. Jungen Migranten zu zeigen, dass geckenhafte Kleidung oder übermäßiger Einsatz von Haarspray in unserem Kulturkreis mit postumen Höllenqualen bestraft werden, ist natürlich eine Aufgabe der Politik. Für uns Bürger gilt: Nachlässigkeit bei der eigenen Erscheinung könnte als integrationsförderndes Vorbild dienen. Uwe Buckesfeld

T

Teller Man verbindet sie zunächst nicht mit Eitelkeit, auch wenn es Fatzkes geben mag, die nicht „alle Tassen im Schrank haben“, weil sie bei den Mahlzeiten spiegelnde Flächen suchen (➝ Narzissmus). „Vom schönen Teller isst man nicht“, hat mit allgemeinen Tischsitten nur am Rande zu tun. Denn mit dem alten, vermutlich norddeutschen Sprichwort warnte man zu Großmutters Zeiten vor allem junge Mädchen, die sich in den praktisch zumeist unbegabten Dorfschönling verguckt hatten. „Vom schönen Teller isst man nicht“, in Abwandlung auch „ein schöner Teller allein macht nicht satt“ war die Erinnerung, dass der Charakter oder die Bauernhoftauglichkeit mehr gilt als ein nettes Gesicht – was man modernen Halterinnen sogenannter Toyboys kaum mehr sagen muss. Galt der Satz Sei schön und halt den Mund! wie im gleichnamigen französischen Kriminalfilm von 1957 eher den Mädchen, dürften sich seit einiger Zeit die vieljährig jüngeren Schönlinge wie Caspar Smart (25) mit Jennifer Lopez (43), Andrea Denver (23) mit Madonna (56) oder Andreas Kronthaler (49) mit Vivienne Westwood (74) angesprochen fühlen.

Dennoch besagt eine US-amerikanische Statistik von 2013, dass fast 8 Prozent der Ehegatten zehn bis mehr als 20 Jahre älter sind als ihre Frau, während es umgekehrt gerade einmal in 1,6 Prozent aller Ehen festgestellt werden kann. Ist es nun Segen oder Fluch, wenn man als „schöner Teller“ gilt, von dem im schlimmsten Falle „auch viele andere essen“? Je nachdem, ob der Teller auch einen Polterabend mit anschließender Hochzeit besucht. Jan Drees

Z

Zeitgeist Zwei große Widersacher hatte die an sich schöne und nützliche Eitelkeit über die Zeit. Im Christentum sollte der Mensch klein und unbedeutend gehalten werden, was mit einer eitlen Fokussierung auf sich selbst nun mal nicht vereinbar ist. Entsprechend warnte Andreas Gryphius 1637: „Der hohen Taten Ruhm muss wie ein Traum vergehn / Soll denn das Spiel der Zeit, der leichte Mensch, bestehn?“ Damit war das Thema erledigt, jede Ambition erstickt. Heute, da das Christentum nicht mehr taugt, wird uns die Eitelkeit mit einem Zeitgeist ausgetrieben, der vorschreibt, authentisch, steril und echt, vollkommen transparent und berechenbar zu sein. Der Eitle, der für sich und andere ein unterhaltsames, da unkalkulierbares Schauspiel aufführt, macht sich mehr und mehr verdächtig. Das ist fatal. Timon Karl Kaleyta

06:00 03.02.2016
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