Fatale Wirkung

Lebenslauf Für harte Attacken waren die Grünen immer gut. Bei Gegenangriffen zeigen sie sich nun weich und getroffen
Fatale Wirkung
Dass aus etwas eitlen Ungenauigkeiten im Lebenslauf ein Angriff auf ihre Person und Kompetenz gemacht wird, hängt – von anderweitigen sexistischen Attacken einmal abgesehen – mit Geschlechterklischees zusammen

Foto: Florian Gaertner/Photothek/Getty Images

Eine Revolution ist bekanntlich „kein Gastmahl, kein Aufsatzschreiben, kein Bildermalen oder Deckchensticken“: Es muss an die „Mao-Bibel“ denken, wer dieser Tage auf die Grünen und ihre Kandidatin blickt. Zuerst sahen sie aus, als verteilten sie bereits des Bären Fell. Nun aber wirken sie davon, dass ihre erste explizite Kanzlerinnenbewerberin unter die Lupe genommen und angegriffen wird, doch tatsächlich überrascht. Ja schlimmer noch: verletzt.

Das zeigte jüngst Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt. Dieser Tage setzte sie sich in die Berliner Runde der ARD und beklagte, dass Annalena Baerbock als „einzige Frau im Rennen“ unsachgemäß kritisiert und „weit unter der Gürtellinie“ attackiert werde. Natürlich trifft das völlig zu. Dass aus etwas eitlen Ungenauigkeiten im Lebenslauf ein Angriff auf ihre Person und Kompetenz gemacht wird, hängt – von anderweitigen sexistischen Attacken einmal abgesehen – mit Geschlechterklischees zusammen. Trotzdem ist es ein Signal der Schwäche, gleich das erste Gegentor mit dem Ruf nach einem Foulpfiff zu beantworten. Das zieht in einem Spektrum, das den Grünen ohnehin nicht abgeneigt ist. Aber gerade über dieses muss hinauswachsen, wer einen Regierungsauftrag will.

Stimmt die Grünen-Spitze ihre Aktionen eigentlich ab? Was die Fraktionschefin über die Spitzenkandidatin sagt, wird derselben natürlich zugeschrieben. Wer immer bei den Grünen der Boulevard-kompetenten CDU-Kampagnenleiterin Tanit Koch Paroli bieten soll, muss sich daher eins hinter die Ohren schreiben: dass nämlich, so geht der Mao-Spruch ja weiter, Politik „nicht so fein, so gemächlich und zartfühlend, so maßvoll, gesittet, höflich, zurückhaltend und großherzig“ ist, wie Göring-Eckardt jetzt zu glauben den Anschein gab. Man hat das Geläster schon im Ohr, das die Gegenseite nun streuen kann: „Was macht Baerbock, wenn sie mit Xi, mit Putin, Erdoğan, Orbán oder Johnson am Tisch sitzt? Auf eine quotierte Redeliste pochen?“ Und eine vage Meinung darüber, wie jemand auf der Weltbühne aussähe, spielt durchaus eine Rolle bei der Frage, wem man das Regieren zutraut.

An sich ist weder das Weihnachtsgeld-Versäumnis eine Katastrophe noch die Sache mit dem Lebenslauf. Die eingeschnappte Reaktion von Göring-Eckardt auf die folgerichtigen Attacken wirkt allerdings fatal. Das passt auch zu einer Partei, in der heute schon ein Ausdruck wie „Indianerhäuptling“ zu wortreichen Entschuldigungen verpflichtet. Wollen sie gewinnen, dürfen sich die Grünen in dieser „identitätspolitischen“ Empfindlichkeitskultur nicht zu leicht provozieren lassen. Wieder hilft hier Mao: Es ist gut, wenn „der Feind uns energisch entgegentritt, uns in den schwärzesten Farben malt und gar nichts bei uns gelten lässt“ – beweist das doch klares Profil und eine erfolgversprechende Aufstellung.

Der Große Vorsitzende ist bei alldem übrigens weit mehr als nur eine Pointe. Ein erheblicher Teil des Spitzenpersonals, das in den 1990er und 2000er Jahren die Grünen in die Position versetzte, nach der Regierung eines bürgerlichen Staates greifen zu können, entstammte tatsächlich Westdeutschlands maoistischen Zirkeln von KBW bis KPD/AO. Ex-Parteichef Reinhard Bütikofer, Ralf Fücks von der Böll-Stiftung, Winfried Kretschmann, Jürgen Trittin sowie die Ex-Bundestagspräsidentin Antje Vollmer sind da nur eine Auswahl. Krista Sager, Fraktionsfrontfrau der nuller Jahre, hat den Spruch mit den Deckchen sogar mal im Plenum losgelassen.

Für harte Attacken – nach rechts, nach links und auch nach innen – waren diese Kaliber immer gut. Dass sie sich bei Gegenangriffen weich und getroffen gezeigt hätten, ist hingegen nicht erinnerlich. Politisch wird man diese Mao-Generation nicht in allem zurückhaben wollen, doch auf ihr taktisches Gespür und ihre Kampagnenhärte sollten sich die heutigen Grünen besinnen. Sonst landen sie wieder, wo Maos „hundert Blumen blühen“. Und dort lebt es sich zwar angenehm, aber auch politisch folgenlos.

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Lesen Sie hier eine Erwiderung von Anja Maier auf diesen Artikel

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06:00 20.06.2021

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