Faust auf der Love Parade

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Sie treffen sich um halb elf bei der Love Parade. Er: ambitionierter Philosophiedozent aus Süddeutschland (und werdender Vater mit Freundin). Sein fachliches Interesse gilt dem postmodernen Menschen, den er in Faust versinnbildlicht sieht. Sie: rast- und ziellose Künstlerin (und im Privatleben alleinerziehende zweifache Mutter). Ihr Interesse gilt allem, nur nicht dem Faust.

»Der postmoderne Mensch«, erklärt der Philosoph der Künstlerin, »sucht wie Faust den erfüllten Augenblick, in dem Sein und Erkennen in einem fühlenden und wollenden Erleben eins werden. Die Suche nach dem erfüllten Augenblick ist das Grundproblem überhaupt jedes heutigen Menschen. Das siehst du hier an der Love Parade.«

Sie sieht sich um und versucht sich vorzustellen: »Faust auf der Love Parade. Ein Anachronismus oder vielleicht eine neue Inszenierung von Peter Stein?«

Anderswo hätten sie sich viel zu sagen. Aber die Love Parade ist ein Ort der Praxis und nicht der Theorie. Also tanzen sie. Anschließend verlässt der Philosoph mit einer anderen Begleiterin die Veranstaltung.

Am Nachmittag des nächsten Tages fährt er in seine Stadt zurück. Als er nach Hause kommt, erwartet ihn eine E-mail.

Lieber ...,

wie geht es dir? Ich stehe noch ganz unter dem ergreifenden Eindruck des gestrigen Abends. Abgesehen von dem Gehörtrauma, war es wirklich sehr entspannend und erheiternd. Ich habe auch über dich lachen müssen. Hoffentlich war ich deiner Suche nach dem »fühlenden und wollenden Erkennen«, deinen Bemühungen um »berauschende« Experimente nicht im Weg.

Jetzt verstehe ich deine Faszination für Faust besser. Bei der Love Parade begreift man diese Figur. Wie alle postmoderne Menschen sind wir dazu verdammt, immer zu suchen und nie zu finden. Faust ist aber vor allem ein postmoderner Mann, ein Macho - ausgestattet mit all den männlichen Attributen, denen unsere Zeit ihre ganz besondere Modernität zu verdanken hat.

Genau betrachtet bist auch du ein Macho. Du siehst genau wie Faust das ganze Leben als Experiment. Ich habe beobachtet, wie du die Frauen angeschaut hast. Du siehst zuerst die Frau und dann den Menschen. Das ganze Leben scheint für dich immer noch ein Ausprobieren von Intensitäten zu sein, ein »Könnte sein«. Im Experimentieren kommst du mir auch authentisch vor. Aber außerhalb des Experiments, wenn es darum geht, dass etwas so ist, wie es ist, da bist du nur schwer greifbar. Eben unverbindlich. Aber vielleicht wegen dieser Unverbindlichkeit empfinde ich eine Art Verbundenheit mit dir. Und irgendwie auch mit allen anderen auf der Love Parade, die genau so sind wie du.

Liebe ...,

mir hat der Abend der Love Parade auch gut gefallen. Ich habe dich als sehr zärtlich empfunden. Ich fühlte mich sogar zu dir hingezogen. Und war gespalten, weil ich es dir wegen der Umstände nicht zeigen konnte.

Ja, ich bin vielleicht wie Faust. Alles außerhalb des erfüllten, intensiven Augenblicks ist mir ziemlich egal. Ich will den verschiedensten Menschen nahe kommen, in sie eintauchen - und daraus wie neu geboren hervorgehen. Um nichts anderes dreht sich auch die Love Parade. Tausende von Faust-Figuren überall.

Ich glaube, du machst es dir zu leicht, die Love-Parade-Begeisterten einfach als Illusionisten abzutun, die letztlich genau das produzieren, woran sie leiden. Es gibt da viele Machos, viele Experimentatoren und Sucher. Ja, sie sind unverbindlich. Aber sie sind auch ehrlich in der Suche nach dem erfüllten Augenblick. Ich habe immer mehr das Gefühl, dass gerade diese Zwiespältigkeit die Suche tief macht. Für mich selbst jedenfalls. Auf der Love Parade spürt man eine Sehnsucht, die offen bleibt, und die genau deshalb nach vorn treibt. Damit ist ein Lebensgefühl beschrieben.

Das »Es könnte sein« ist eine gute Beschreibung dieses Lebensgefühls. Es kommt mir im Moment sogar als etwas Großartiges vor. Vielleicht ist es das einzig Großartige, was ich wirklich kenne. Vielleicht suchen wir Love Parade-Süchtigen einfach nur den Konjunktiv zu durchleben. Vielleicht ist aber auch jeder, der so sucht, ein Konsumidiot. Meinetwegen.

Lieber ...,

bei jeder Gelegenheit wird für mich augenscheinlich, dass wir Love-Parade-Süchtigen - ich zähle mich ja dazu - überhaupt dem Leben nicht gewachsen sind. Ganz egal, ob ich mich mit der Sexualität oder mit Geschlechterrollen oder mit der Kindheit auseinandersetze, immer wieder stoße ich an eine merkwürdige Doppelwelt. Was mich auf die Love Parade treibt, ist das Ungenügen meines Intellekts und seine Unvereinbarkeit mit dem Sehnen nach Einheit, Seelenwärme. Eine Art Neugier oder Sucht, was weiß ich.

Postmoderne heißt für mich Spaltung von Leben und Denken. Die Love Parade zelebriert ja auch nur diese Spaltung. Sie will sie überwinden - durch die Ekstase, durch das totale Ausrasten. Aber damit bestätigt sie nur das Ausweglose des Normalen.

Wo ich denke, bin ich nicht. Und wo ich bin, denke ich nicht. Das wäre wohl das beste Motto für die Love Parade. Aber der Zwiespalt zwischen Leben und Denken wird dadurch ja nicht aufgehoben. Im Gegenteil: die Illusion, in der reinen Intensität leben zu können, verhindert meine geistige Weiterentwicklung.

Liebe ...,

vielleicht sollten wir uns doch einmal genauer fragen, was Faust eigentlich will. Ich glaube, er ist auf der Suche nach der reinen Intensität. Er sucht den erfüllten Augenblick. Er will sich in das Leben eines Echten in der Zeit vertiefen. Gut, es lässt sich darüber streiten, was er dabei anstellt und wie er es macht. Gretchen zahlt dabei drauf, nicht er. Und viel Schlimmes passiert. Aber weißt du denn schon immer vorher, was in einer Begegnung geschehen wird?

Lebt denn nicht Faust schon im fühlenden und wollenden Denken, je intensiver er es sucht? Je mehr er dafür riskiert? Ich vermute, Faust sucht menschliche Substanz in dem Ereignis, nicht im Experiment. Faust geht auf die Love Parade, weil er merkt: die menschliche Substanz, die er sucht, ist nur im Ereignis, in der Intensität.

Faust sucht den erfüllten Augenblick: Musik, Klang, Eros, Sex, Trance. Erleben als Erkennen. Bist du denn aus einem anderen Grund auf die Love Parade gekommen? Warum hast du dann meinen Kuss zugelassen? Und die Berührung? Du hast meine Hand weggeschoben, aber nicht ohne Augenaufschlag. Das Wegschieben sagte nein, der Augenaufschlag sagte ja. Das war aufregend.

Lieber ...,

Faust sucht, so sagst du, den erfüllten Augenblick. Aber was ist der erfüllte Augenblick eigentlich? Er ist eben nur ein Augenblick. In die Länge gezogen wird er langweilig. Ich nehme nicht an, dass du von gewöhnlichen Augenblicken höchster Ekstase sprichst (extreme Musik, Tanzen, Ecstasy-Rausch, Orgasmus). Das sind Augenblicke, denen alle in der Spaßgesellschaft verbissen nachjagen. Sie sind inzwischen schon die Norm geworden - und also wieder langweilig. Hier soll doch nur das Bewusstsein durch Emotionen und Rauschzustände ausgeschaltet werden. Die insgeheim erhoffte »höhere« Selbsterkenntnis aber bleibt aus - die Vereinigung von Leben und Denken. Die Widersprüche des Alltags werden nicht versöhnt.

Liebe ...,

nein, hier wird nichts versöhnt. Ist auch gar nicht möglich. Denn das Grundmotiv, das antreibt, bleibt ja weiter bestehen. Es ist das Älterwerden, das Vergehen der Zeit. Der erfüllte Augenblick ist so verflucht selten. Er erscheint verführerisch. Und schon verschwindet er wieder. Er entzieht sich immer wieder genauso schnell, wie er kommt. Das Eigentliche wird nie ganz eigentlich. Der Eros leuchtet auf, steigert sich - und schon nimmt er wieder ab. Und über diesem blinzelnden Hin und Her vergeht das Leben.

Das ist genau das, worum es bei Faust geht. Und der Schluss, den ich daraus ziehe? Zum Denken gehört Leben. Dieses Leben ist immer neu und immer anders. Ich kann es nicht erschöpfen oder abschließen. Außer ich weiß schon alles. Dann bin ich tot.

Lieber ...,

gibt es nicht auch noch eine andere Sichtweise? Muss man nicht den erfüllten Augenblick anders verstehen? Ist er nicht eher eine Konzentration im Ich statt eine Auflösung im Rausch? Eine Verdichtung des Selbst, zum Beispiel durch innere Sammlung? Ein tiefergehendes Begreifen im Fühlen und Wollen, dass man ein Ich ist? Denn erst dadurch bin ich in der Lage, mein Tun in Einklang mit mir zu bringen.

Der erfüllte Augenblick in der Ekstase ist für sich selbst genommen nichts. Dauer verleihen kann man, glaube ich, nur dem Gefühl, das man aus dem Augenblick mitnimmt. Ein Gefühl, das zum Ich wird. Das ist der eigentliche erfüllte Augenblick. Er kann Dauer haben. Oder was anderes nehmen wir mit von der Love Parade? Dauert die Love Parade überhaupt lange genug für irgendeinen anderen erfüllten Augenblick?

Sicher ist jedenfalls: Für das Grundproblem des postmodernen Menschen findet sich auch hier keine Lösung.

Liebe ...,

nein, aber dafür findet sich nirgends eine Lösung. Wann fährst du in Urlaub nach Antalya? Alleine oder mit Family?

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00:00 20.07.2001

Ausgabe 43/2021

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